Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Sehnsucht | September 2012
Abschied
von Vyda Stein

Aus einem der großen Deckenlautsprecher, die wie silberne Ballons im Saal schwebten, hörte sie ihren Namen ertönen. Eine freundlich klingende Stimme bat sie auf die BĂŒhne zu kommen.

Es erschien ihr unmöglich, doch sie fĂŒhlte seine Hand, wie sie schĂŒtzend auf ihrer Hand lag, hörte seinen Atem ganz dicht an ihrem Ohr, nahm sogar die WĂ€rme seines Körpers wahr. Sie wusste es besser, doch sie glaubte ihn ganz nah bei sich zu spĂŒren.
Ein letztes Mal lĂ€chelte sie ihm zu. Sie wollte ihn fragen, ob er noch da sein werde, wenn sie zurĂŒckkomme, hier auf sie warten werde, doch sie tat es nicht. Sein trauriger Blick war ihr Antwort genug. Sie wusste, dass dieser Tag kommen wĂŒrde. Der Tag, an dem er aus ihrem Leben gehen wĂŒrde, damit sie ihres leben könnte.

Nur zögerlich löste sie sich aus seiner schĂŒtzenden BerĂŒhrung, stand auf, griff nach ihrer Handtasche, in der nur ein Briefumschlag zur Aufbewahrung Platz fand.
Es war ein mit dunkelblauer Tinte handgeschriebener Brief von der GrĂ¶ĂŸe einer halben Buchseite. Unbedeutend fĂŒr die geladenen GĂ€ste, doch fĂŒr sie ein ganzes Leben wert. Ein Leben mit viel Zeit, unendlich viel Zeit. Mehr Zeit als sie brauchte.

Sieben Stufen waren es bis zum Podium, die sie beim Hinaufsteigen gedanklich mitzÀhlte, ihr durch die Zahl mystisch erschienen.
Noch wĂ€hrend des Applauses rĂ€usperte sie sich, bedankte sich beim Laudator mit leicht geneigtem Kopfnicken fĂŒr seine AnkĂŒndigung und trat ans Rednerpult vor.

„Danke. Vielen Dank“, sie lĂ€chelte, blickte nach links und nach rechts in den schwach beleuchteten Saal, der die Konturen der Zuhörer verwischte, sie zu einer dunklen Masse Neugieriger verschmelzen ließ.
Sie suchte ihren Tisch im Halbdunkel, wollte Toms Blick einfangen, von dem sie sich etwas Mut machendes erhoffte, doch das auf sie gerichtete Licht der Scheinwerfer blendete zu stark.
Der Beifall ebbte allmĂ€hlich ab. Maria fĂŒhlte das gespannte Lauschen des Publikums nach ihren Worten. Dann durchbrach sie die Stille.

„Vermutlich haben viele von Ihnen schon einiges ĂŒber mein Buch gehört, vielleicht auch darin gelesen, sodass ich mir fĂŒr den heutigen Abend etwas Anderes ĂŒberlegt habe, als Passagen daraus zu lesen. Es ist selten genug, dass die Presse sowie mein Verlag etwas aus meinem Privatleben erfahren. Meine treuen Leser mögen mir dieses Leben in beinahe völliger Abgeschiedenheit verzeihen, doch nur unter diesen Bedingungen ist es mir möglich zu schreiben.“
Sie machte eine Pause, gab ihren Worten damit etwas UnumstĂ¶ĂŸliches und EndgĂŒltiges.
„Ich möchte Ihnen heute einige Zeilen vorlesen, die lange Zeit nur fĂŒr mich bestimmt waren und niemand sonst zu lesen bekam“.
Wieder suchte sie Toms Blick in der Zuschauermenge, doch sie hatte, vermutlich wegen der Aufregung, die Orientierung verloren, fragte sich, wie sie nach ihrer Rede je wieder zu ihrem Platz finden sollte.
„Es ist ein Brief, den ich Ihnen vorlesen möchte. Ein Brief, der mein ganzes Leben verĂ€ndert hat. Ein Brief, ohne den es dieses Buch und meinen Auftritt heute Abend nie gegeben hĂ€tte. Ein Brief, der mir Zeit schenkte. Zeit, in der ich GefĂŒhle der Sehnsucht kennenlernte, wie ich sie nie fĂŒr möglich gehalten hatte.“

Sie schnappte den Magnetverschluss ihrer Handtasche auf, zog den Bogen aus dem Briefumschlag und faltete ihn auseinander.
Jetzt gab es kein zurĂŒck mehr. Nicht fĂŒr sie und nicht fĂŒr Tom, den Briefschreiber.

'Meine geliebte Maria,

eine gute Stunde sitze ich nun hier bei Dir, sehe Dir beim Schlafen zu. So sanft und gleichmĂ€ĂŸig atmest Du. FĂŒr immer möchte ich hier bei Dir sein, Dich einfach nur ansehen, Deine Hand halten. Wie schön Du bist.

Es gibt eine gute Nachricht. Die Ergebnisse des Labors sind ausgewertet und ich komme als Organspender in Frage.
Ich weiß, was Du denkst, aber ĂŒberlege es Dir noch einmal.
Der Professor hat mir erklÀrt, dass solche Transplantationen alltÀglich sind, Komplikationen seltener auftreten und bei mir kaum zu erwarten sind.
Anfangs mĂŒssen wir uns beide noch etwas schonen, aber ich sollte kurze Zeit spĂ€ter gut damit leben können und auch Dir sollte es bald schon besser gehen.
Du wirst wieder gesund sein und, mit wenigen Ausnahmen, ein ganz normales Leben fĂŒhren können.
Was brauchen wir sonst? Wir haben doch uns. Und das ist mehr, als wir erwarten durften.
Meine liebste Maria, ich denke, vor uns liegen wunderbare Zeiten.

In Liebe
Dein Tom

P.S.: Komme spĂ€ter wieder vorbei, dann reden wir ĂŒber alles.'

Maria hob den Kopf, ihre Augen wirkten glasig. Das Licht der Scheinwerfer spiegelte sich darin. Sie hatte kaum noch etwas sehen können, eine TrÀne lief die Wange hinunter.
Die letzten Zeilen des Briefes hatte sie vorgelesen ohne auf das Blatt zu sehen. Sie kannte diese Worte auswendig. Alle Worte.
UnzĂ€hlige Male hatte sie diesen Brief gelesen, immer wieder nach einer Botschaft darin gesucht, aus der sie mehr als nur die geschriebenen Worte hĂ€tte erkennen können. Doch da war nichts weiter. Es war alles geschrieben, was ihre gegenseitige Liebe ausmachte. Eine große, sehnsuchtsvolle Liebe, die nicht mehr brauchte, als nur sie beide.

Ohne eine Reaktion des Publikums abzuwarten, begann sie von ihrer seit Jahren fortschreitenden Erkrankung beider Nieren zu erzÀhlen, wie unerwartet dieser Freitag vor zwei Jahren wÀhrend ihres Dialysetermins verlief.
Sie sprach von ihrem plötzlichen Anfall, einem akuten Nierenversagen, wie sie das Bewusstsein verlor, nur noch Stunden blieben, dann spÀtestens eine Transplantation erfolgen musste.
Sie erzĂ€hlte, wie man Tom endlich telefonisch erreicht hatte, sie bereits fĂŒr eine Notoperation vorbereitet wurde.
Mit Tom hatte sie gar nicht mehr sprechen können, ihn nicht mehr gesehen. Erst am spĂ€ten Abend war sie aufgewacht, fĂŒhlte sich noch sehr schwach. Sie hatte die Krankenschwester um Informationen ĂŒber den Verlauf der Operation gebeten und Tom sehen wollen.
Doch Tom kam nicht, konnte nie wieder zu ihr kommen.

Sie erklĂ€rte weiter, dass es Komplikationen gegeben hatte, gleich nach der Transplantation. Ein Hirnschlag sei der Auslöser gewesen, hatte der Professor gesagt, die Blutversorgung zu lange Zeit unterbrochen. FĂŒr Tom hatte es keine Rettung gegeben. Um 18:06 Uhr, eine gute Stunde nach der erfolgreichen Organtransplantation, war sein Hirntod festgestellt worden.

So stĂŒnde sie nun hier, wĂŒrde hier nur stehen, weil er nicht mehr da sei. Ja, sie verdanke ihrem Mann ihr Leben. Doch wenn sie hĂ€tte wĂ€hlen können, so hĂ€tte sie abgelehnt.

Maria bedankte sich bei den Zuhörern, nahm den Briefbogen, faltete ihn, steckte ihn mit grĂ¶ĂŸter Sorgfalt in den Umschlag zurĂŒck.
Im Saal herrschte eine gespenstische Ruhe, als sie vom Moderator zum Tisch geleitet wurde, an dem Tom nicht mehr saß. Suchend wandte sie ihren Blick zum Ausgang des großen Saals, sah ihn, wie er mit gesenktem Kopf den Raum verließ. Sie rief ihm nach, mehrmals schrie sie seinen Namen, doch ihre Stimme versagte, nicht einmal sie selbst konnte ihre Schreie hören. Tom drehte sich nicht zu ihr um, löste sich im Dunkel des Foyers auf. Dann erlosch das Licht im Saal.

Erschrocken richtete Maria sich auf. Schweißgebadet und mit weit geöffneten Augen saß sie im Bett, atmete kurz. Die Schwester hatte die VorhĂ€nge zugezogen, kam mit schnellen Schritten ans Krankenbett, versuchte Maria zu beruhigen. Sie erklĂ€rte ihr mit sanfter Stimme, dass sie nur getrĂ€umt habe, ein Albtraum bloß.

Maria griff nach dem Wasserglas, trank es in einem Zug leer. Um sie auf andere Gedanken zu bringen erzĂ€hlte die Schwester ihr von Tom, der den halben Tag an ihrem Bett gewacht, ihr beim Schlafen zugesehen habe, sogar einen Brief fĂŒr sie geschrieben und frische Blumen besorgt hatte.

Als Maria die Blumen auf dem Nachtschrank sah, erkannte sie den Brief davor. Es war der Brief, den sie im Traum in HĂ€nden hielt. Waren es die gleichen Worte, die sie im Traum ihrem Publikum vorgelesen hatte?
Mit zittrigen HÀnden öffnete sie den Umschlag, sah das dunkle Blau der Buchstaben, erkannte seine Handschrift.

'Meine geliebte Maria,

eine gute Stunde sitze ich nun hier bei Dir, sehe Dir beim Schlafen zu. So sanft und gleichmĂ€ĂŸig atmest Du. FĂŒr immer möchte ich hier bei Dir sein, Dich einfach nur ansehen, Deine Hand halten. Wie schön Du bist....

Sie las nur diese ersten Zeilen seiner Nachricht, glaubte den weiteren Text genau zu kennen. Dann wurde ihr schwindelig. Sie zwang sich zur Ruhe, versuchte gleichmĂ€ĂŸig zu atmen, doch ihr Körper schien ihren Befehlen nicht mehr zu gehorchen. Kurz darauf erkannte sie den Arzt vor ihrem Bett, vernahm seine laute Stimme, wie er Anordnungen traf, von einem Notfall sprach.
Maria versuchte den Brief in ihrer Faust zu verstecken. Niemand sollte Toms Brief lesen, vielleicht könnte sie die Organspende dadurch verhindern. Sein Leben retten. Dann wurde es dunkel. Nur Toms Stimme glaubte sie noch zu hören, wie er ihren Namen rief und dass er ihr helfen werde, egal was komme. Maria wusste, was kommen sollte.
Eine unertrÀglich lange Zeit der Sehnsucht, in der sie die Wirklichkeit nur ertragen könnte, wenn sie fantasiere, sich vorstelle, er wÀre nie von ihr gegangen.




© Vyda Stein 2012 Version 2

Letzte Aktualisierung: 27.09.2012 - 06.57 Uhr
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