Schreib-Lust Print
Schreib-Lust Print
Unsere Literaturzeitschrift Schreib-Lust Print bietet die neun besten Geschichten eines jeden Quartals aus unserem Mitmachprojekt. Dazu Kolumnen, Infos, Reportagen und ...
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Käthe Wild IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Sehnsucht | September 2012
Immer mittwochs und sonntags
von Käthe Wild

Seinen Geruch habe ich noch in der Nase, meine Lippen schmecken nach seinen Küssen und mein Schoß fühlt sich angenehm klebrig-nass an, als ich ihm die Tür öffne und zunächst verstohlen prüfe, ob draußen die Luft rein ist, bevor ich ihn in den jungen Morgen entlasse. Ich kenne hier im Haus noch niemanden und möchte auch lieber unauffällig bleiben. Er berührt beim Abschied leicht und wie zufällig meine nackte Brust durch den offenstehenden Bademantel und zwinkert mir zu. Ich verliebe mich auf der Stelle. Noch erschöpft von der Nacht baut sich schon wieder die Sehnsucht auf, die sich innerhalb weniger Tage zum Verlangen steigern wird, ihn unbedingt wiedersehen zu müssen. Da ich erst viel später als er zur Arbeit muss, lege ich mich wieder ins Bett, schnuppere seinem Geruch an meinem Kopfkissen nach und träume vor mich hin.

Ich genieße meine kleine Affäre mit allen Sinnen. Und manchmal macht es mich ganz verrückt, dass ich mein Geheimnis mit niemandem teilen kann. Wenn sie das wüssten, meine Familie, meine Freunde …

Drei Stunden später fängt der Alltag mich abrupt ein; die montagmorgendliche Mailflut lässt ahnen, dass es eine lange, sehr zähe Woche werden wird. Keine Chance, ihn spontan zu sehen. Ich halte das kaum aus, bis Sonntag zu warten!

Abends krame ich lustlos in den Umzugskartons, die sich im Flur zu einem Mahnmal des unvollendeten Nestbaus türmen. Mein Hochzeitsfoto fällt mir in die Hände. Unser Hochzeitsfoto. Tom: was für ein hübscher Kerl - vor allem ohne diesen schrecklichen Bart, den du mir zuliebe am Tag vor der Hochzeit rasiert hast, die Locken ausnahmsweise gegelt und ordentlich frisiert – titelblattreif. Ich habe dir das nie gesagt: du warst mit Abstand der Schönste in der Riege meiner Männer. Grund genug, dich zu heiraten. Dachte ich damals. Ich habe dich geliebt, vielleicht liebe ich dich immer noch. Vielleicht würde ich wiederkommen, wenn Deine Mutter endlich Platz machte; wenn ich wüsste, dass ich dir genug wäre und nicht jede Stunde, die du angeblich mit deinen Sportfreunden verbringst oder damit, Kunden zu besuchen, die es gar nicht gibt; wenn ich nicht jede Stunde, in der ich dich nicht sehe, Angst haben müsste und wenn da nicht diese Ungewissheit wäre, in welchem Bett du gerade den Kick suchst, den ich dir nicht geben kann und von dem du heute noch nicht weißt, wie er sich eigentlich anfühlen soll.

Ich denke an die schönen Zeiten, die wir hatten; an die Partys, die Wochenendausflüge mit den Nächten im Kofferraum deines Kombis und die Liebeserklärungen, die irgendwann einmal nur für mich bestimmt waren … ich denke an die Kerzen, die du für mich angezündet hast, die Tomatenbrote, die du mir geschmiert hast, wenn ich wieder einmal viel zu lange im Büro gesessen habe…an die kühl-poetischen SMS, die du mir viel zu selten geschickt hast und viel zu oft an all die anderen.

Und dann denke ich daran, dass da jetzt gerade dieses schwarze Golf-Cabrio vor deiner Tür steht und male mir aus, wie die Neue wohl aussieht, die auf deine abgedroschenen Anmach-Tricks hereingefallen ist; die jetzt versucht, mit deiner Mutter warm zu werden und mit deinen wenigen Freunden; die – sobald die letzten Spuren unseres gemeinsamen Zusammenlebens, unserer Ehe, verschwunden sind, bei dir und deiner Mutter einziehen wird, male mir aus, wie sie wohl ist : ob sie jünger ist oder besser aussieht oder witziger ist als ich, ob sie in der Lage ist, dein viel zu träges Sperma in den langersehnten Nachwuchs zu verwandeln, ob sie einen guten Job hat, so viel verdient wie ich, so attraktiv ist wie ich, vielleicht attraktiver?! Wenn sie schlau ist, wird sie dich durchschauen, dich und deine billigen Maschen, wird früh genug dahinter kommen, was für ein Macho, was für ein Arschloch du bist, wird deine Spielchen verstehen, wird auf den Grund deiner kranken Seele blicken, sie wird die Notbremse ziehen – früh genug, bevor du sie eingesponnen hast und zu einem Umzug zu dir mit allen Konsequenzen, die das Leben mit dir und deiner Mutter nach sich zieht und das Leben auf dem öden Lande – bevor du sie dazu bewegen kannst, wird sie dich und deine triebgesteuerten Motive erkennen und sich aus deinem kaputten Leben verabschieden; wenn sie schlau genug ist. Dann wird auch schon das nächste Auto vor der Tür stehen - und vielleicht ist dann die nächste dumm genug, auf Euch hereinzufallen, zu bleiben, dieses scheinheilige Leben bei Euch leben zu wollen; mir macht das auf jeden Fall nichts mehr aus, mir nicht.

Ich wünschte, ich hätte die Kraft, das Bild gegen die Wand zu werfen, draufzutreten, es zu zerstören und damit alle Erinnerungen auszulöschen, die plötzlich und so schmerzhaft wieder da sind. Stattdessen sitze ich wie gelähmt da, kraftlos, zu keiner Handlung fähig. Nicht einmal heulen kann ich.

Mittwochmittag ein Lichtblick: der Liebhaber smst, er könne am Wochenende doch nicht – eine wichtige Sache in der Firma, aber wenn ich bereit wäre, könne er es heute Abend einrichten.

Unter einem Vorwand mache ich früher Feierabend, rase durch die neue, fremde Wohnung und beginne, wie eine Irre zu putzen. Dusche und schminke mich; beziehe das Bett frisch und bringe das Altglas zum Container. Er soll die Spuren meines traurigen Single-Daseins nicht sehen, sie sollen keinen Schatten auf unsere unbeschwerte Beziehung werfen.

Endlich ist Abend, nach sehnsuchtsvoller und eine gefühlte Ewigkeit dauernder Warterei klingelt pünktlich um zehn mein Date. Ich habe darauf verzichtet, zu kochen, denn hier geht es nicht ums Essen. Hier geht es nicht darum, sich kennenzulernen, in tiefschürfenden Gesprächen auf den Grund unserer Seelen zu leuchten, Sonntags-Gesichter aufzusetzen und unsere besten Seiten zu zeigen, um eine Beziehung anzubahnen; hier geht es nur um das Wesentliche. Wie gut das tut, frei zu sein; diesen ganzen Gefühlskram außen vor zu lassen, unsere knappen gemeinsamen Stunden nicht mit Alltagsdingen zu belasten, keine Verantwortung füreinander und für das ganze Drumherum zu tragen und uns einfach nur auf das Eine zu konzentrieren: heißen, leidenschaftlichen Sex.

Jetzt ist er da und ich versuche, mich fallen zu lassen, alle Gedanken daran, was war und wie es weitergehen wird auszublenden, mich ganz auf ihn – auf uns zu konzentrieren. Der Sex läuft wunderbar, wir sind ein eingespieltes Team, Worte sind überflüssig und unsere Konversation auf das Nötigste beschränkt. Mit ihm komme ich leicht, schnell, feucht, mehrfach. Wir dösen zwischendurch leicht und fallen immer wieder übereinander her; archaisch, ausgehungert. Irgendwann in den Morgenstunden liegen wir schließlich erschöpft da, unsere Beine ineinander verwoben, und bevor wir uns wenige Stunden erquickenden Tiefschlaf gönnen, fragt er ganz beiläufig: „Zweimal die Woche?“
Ich verstehe zunächst nicht, schaue ihn fragend an.
„Immer mittwochs und sonntags?“

Wie ein Fausthieb trifft mich die Erkenntnis: Montags und freitags sind meine Yoga-Abende. Da kann ich nicht, das weiß er ja. Montags und freitags ist er ja auch bei Nadine. Dazwischen und ohne fixe Termine Sylvia und Jenny. Und dann sporadisch all die anderen, deren Namen ich vergessen habe. So habe ich es aus seinen Textnachrichten rekonstruiert – vor drei Monaten, als aus einem leisen Anfangsverdacht quälende Ungewissheit geworden war und ich es nicht mehr ausgehalten hatte. Nachts habe ich heimlich mehrere hundert SMS in Deinem Handy gelesen, dich zur Rede gestellt. Du hast geleugnet, gelogen, bist ausgerastet, hast geheult und mich gebeten, zu bleiben. „Wenn schon nicht für mich, dann wenigstens für Mutter“, hast du gesagt. Daraufhin bin ich gegangen.

Ich springe abrupt auf und sehe ihn an. Plötzlich ist alle Liebe, alle Sehnsucht verflogen. Ich empfinde nur noch Hass.

„Tom du Arschloch, verpiss’ dich auf der Stelle!“

Erstaunt und zögerlich zieht er sich an, sagt vorsichtshalber nichts. Ich raffe seinen Kleiderhaufen zusammen, presse ihm das Bündel gegen den nackten Leib und schiebe ihn durch die Wohnungstür. Dann öffne ich das Küchenfenster, warte, bis er den Hof erreicht hat und brülle: „Ich will dich nie wieder sehen!“ Ich hole weit aus, als ich ihm unser Hochzeitsfoto hinterherwerfe, das klirrend und ihn nur knapp verfehlend auf dem Pflaster aufkommt.

Letzte Aktualisierung: 26.09.2012 - 21.26 Uhr
Dieser Text enthält 8164 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2022 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.