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Sehnsucht | September 2012

Schattenliebe
von Christine Matha

Vor sieben Jahren hatte Sandra sich von ihrem Freund getrennt. Aber trotz der geographischen Entfernung, hatten sie sich nie aus den Augen verloren, schrieben sich regelmäßig immer noch per Post und ab und zu telefonierten sie miteinander. Sandra liebte sie über alles, seine weiche Stimme mit dem lässigen, römischen Akzent und seine mediterrane Ironie mit der er es verstand die Dinge zu relativieren und zu entschärfen
Geo war ein paar Jahre jünger als sie und hatte sich schon sehr früh als Maler und als Bühnenbildner einen Namen gemacht, worauf Sandra besonders stolz war. Sie hatten sie sich kennengelernt, als Sandra in einem Team von Restauratoren in Rom gearbeitet hatte. Geo hatte sich für die Restaurierung der Fresken interessiert, die in der Kirche seines Wohnviertels stattfand. Die gemeinsame Liebe für die Malerei verband sie sofort und schon bald waren sie ein unzertrennliches Paar geworden. Das Pärchen von Peynet nannten sie die Freunde. Nach dem Abschluss ihrer Ausbildungsarbeit wollte Sandra in Rom bleiben und Geo gelang es, ihr eine Stelle in einer Kunstgalerie zu beschaffen, wo sie auch die Unterkunft bekam. Der Gehalt war bescheiden, aber es reichte zum Überleben und sie war fast wunschlos glücklich.
Der Job im Kunsthandel gefiel ihr gut, doch bald stellte sich heraus, dass der Galerist, ein Bekannter Geos ihre Arbeit als Nebensache betrachtete und sich von ihr andere, sehr persönliche Dienste erwartete… Als sie Geo davon erzählte, versprach er, ihr eine andere Arbeit zu suchen, aber die gelassene Milde mit der Geo die kühnen Avancen ihres Chefs beurteilte, irritierte sie und die Arbeitssuche erwies sich langwieriger als gedacht.. Sandra fühlte sich von Geo mit ihren Problemen allein gelassen. Verbunden mit ihrer Enttäuschung in der Arbeit kam es zur Krise in der Beziehung.
Geo machte kein Hehl daraus, dass er sich eingeengt fühlte. Er hatte geglaubt, sie wäre eine emanzipiertes, intelligentes Mädchen aus dem fortschrittlichen Norditalien und konnte nicht verstehen, dass sie sich, wie irgend eine kleinkarierte römische „signorina“, die Ehe wünschte, vor der es ihm graute. Er stammte aus einer kinderreichen Familie und hatte immer die Enge und das Teilen müssen gehasst. Er wollte frei sein und für die Kunst leben.

Aber dann, als Sandra sich von ihm getrennt und Rom verlassen hatte, kam für Geo die Veränderung. Er schrieb ihr, dass er erst nach ihrer Abreise verstanden habe, was ihre Liebe ihm bedeutete und dass er weiterhin mit ihr Kontakt haben möchte, wenn sie ihm seine Unreife verzeihen könne. Sandra verdrängte den unterschwelligen Rest von Bitterkeit und es begann ein reger Briefwechsel.
Ein paar Jahre vergingen. Sandra hatte einen neuen Freund gefunden und war dabei sich von ihrer Jugendliebe zu lösen.
Eines Abends kam ein Anruf und sie hörte nach längerer Zeit wieder Geos Stimme. Eine schmeichelnd sonore Stimme die da sagte, er werde mit der Theatergruppe in ihre Stadt kommen und würde sie gerne wiedersehen. Im Nu schien die Zeit zurück gedreht…
Das Wiedersehen verlief harmonisch, nur irgendetwas hatte sich verändert, doch was es war, das konnte Sandra sich nicht erklären. Geo war wie immer brillant und voll zärtlicher Aufmerksamkeiten, aber irgendwie fremd und ausweichend geworden.
Dann nach der Theateraufführung und der gemeinsamen Nacht im Hotel war Geo wieder abgereist und alles war genauso unbestimmbar wie zuvor. Sandra, aber machte Schluss mit ihrem neuen Freund und lebte wieder von den Briefen, die hin und her gingen.
Irgendwann kam der Tag, da sie sich sagte, so geht es nicht mehr, ich muss Geo wiedersehen, um endlich zu verstehen was uns zusammen hält. Eine, es gut meinende, Freundin hatte ihr davon abgeraten: „Du wirst nur eine Enttäuschung erleben, denn wenn er dich lieben würde, hätte er es dir schon längst beweisen können. Dieser Mann will doch nur eine bequeme Schattenliebe, verstehst du das denn nicht?“
Doch Sandra ließ sich ihren Plan nicht ausreden, sie wollte sich Klarheit über ihre Gefühle verschaffen und eine Reise nach Rom würde ihr dazu verhelfen..
Bald darauf rief sie Geo an, der auf das bevorstehende Treffen ohne große Begeisterung reagierte, er sagte nur, sie brauche kein Hotelzimmer, er hätte die Möglichkeit sie unter zu bringen. Sandra fragte nicht weiter; sie freute sich jetzt schon auf das Bummeln durch die kleinen Seitenstrassen der Via del Corso; endlich würde sie die prickelnde Leichtigkeit wieder spüren, die ihr im Norden so fehlte. In Rom fühlte sie sich von mehr Heiterkeit getragen, das Leben schien dort so spielerisch dahin zu plätschern wie die vielen großen und kleinen Fontänen, die das Stadtbild bestimmen.

Und dann war endlich der Bahnhof Termini erreicht und Sandra hatte Mühe im Menschengewühl Geo ausfindig zu machen. Er war irgendwie anders als in ihrer Erinnerung, sah sehr gepflegt aus, was sie an ihm, der den Bohemien Look mit seinen bunten second hand Hemden immer bei behalten hatte, ganz neu fand. Nun, sie waren jetzt beide in den dreißiger Jahren, also hatte auch der Antikonformist sich etwas verbürgerlicht. „Du kannst in der Wohnung meiner Freundin übernachten“ sagte er, während sie zum Taxistand gingen und als sie erstaunt fragte „ deine Freundin?“, fügte er gleich hinzu: „ Ja, ich wohne zur Zeit mit Cinzia zusammen, sie hat sich erst vor kurzem von ihrem Mann getrennt und leidet noch darunter. Aber, wir sind nur gute Freunde, verstehst du? “.
Sandra schwieg enttäuscht, irgendetwas in Geos Stimme klang unecht und verlegen. Aber vielleicht war es wirklich nur eine Freundin, Geo war nicht der Typ des Latin Lovers, also warum gleich schlecht denken.
Die Wohnung seiner Freundin war gleich hinter der Piazza Navona und Sandra wurde von einer attraktiven Römerin voller Freundlichkeit empfangen. Die etwa Vierzigjährige, stellte sich vor und fing gleich an sie zu duzen. Sie schien von ihrem Besuch nicht überrascht zu sein und begleitete sie in ein Gästezimmer, was Sandra die gefürchtete Gewissheit gab, dass Geo seinen Platz im Doppelbett einnahm. Cinzia hatte bereits das Abendessen gekocht; die französische Zwiebelsuppe, die Sandra nie geschmeckt hatte. Geos Freundin zeigte sich als perfekte Gastgeberin und plauderte ganz zwanglos über dies und jenes. Während Sandra einsilbig blieb, erzählte Geo vom Theater und schlug ihr vor am nächsten Tag mit ihm zur Hauptprobe der nächsten Aufführung zu gehen, er wollte ihr die neuen, von ihm geschaffenen Bühnenbilder zeigen.
Gleich nach dem Essen zog sich Sandra in das Zimmer zurück, während Geo und seine Freundin sich noch längere Zeit ziemlich laut im Wohnzimmer unterhielten. Die Nacht verlief schlaflos, jetzt fiel ihr ein was ihre Freundin gesagt hatte. Geo hatte sich ihr dieses Mal ohne Maske gezeigt und es hätte nicht schockierender sein können. Sie wusste nun, sie würde am nächsten Tag nicht mehr wie geplant bei ihnen übernachten, sondern sich ein Hotel suchen, um ihre Reise nicht vorzeitig abzubrechen. Denn was hätte sie daheim vom Wochenende in Rom schon erzählen können, wenn sie sofort wieder abgereist wäre?
Am Frühstückstisch fragte Cinzia, ob sie gut geschlafen habe und Sandra, die nie gut lügen konnte, antwortete ausweichend und sah dabei Geo an, der verlegen in seinem Kaffee rührte und meinte, sie sollten danach aufbrechen, um rechtzeitig ins Theater zu kommen. Cinzia würde sich später beim Mittagessen in ihrem Lieblingsrestaurant in der Nähe des Pantheons einfinden. Geo hatte dort schon einen Tisch reservieren lassen.
„Nein,“ sagte Sandra mit dünner Stimme, „ich habe es mir anders überlegt, ich möchte nicht länger eure Gastfreundschaft annehmen, also werden wir uns zu Mittag wohl nicht mehr wiedersehen. Ich danke Euch für das Entgegenkommen, aber ich kann nicht länger hier bleiben.“
Cinzia schaute sie ein bisschen verdutzt an und sagte, Ok, wie du meinst, es hat mich gefreut Geos alte Freundin kennen zu lernen, er hat mir oft von dir erzählt“. Sandra konnte es sich nicht mehr verkneifen: „ hat er dir auch erzählt, dass ich mir von ihm mehr als Freundschaft erwartet habe?“ Cinzia lachte laut und sagte: „ach Geo, der alte Filou sagt nie alles, aber weißt du, ich kenne die Männer und erwarte mir nicht zuviel von ihnen“. Susanne schwieg und nahm ihre Reisetasche und als Geo sie ihr abnahm, hätte sie sie am liebsten an sich gerissen. Die Wut auf ihn, der so lässig tat, als ob alles in Ordnung sei, steigerte sich immer mehr. Als sie endlich mit Geo allein auf der Straße war und er, wie gewohnt ihre Hand nehmen wollte, stieß sie ihn zurück. „Gerade von dir hätte ich mir das nicht erwartet, du bist ja viel gemeiner als irgendeiner von den Spießbürgern, über die du immer gelästert hast. Mich in diese Situation als ungebetener Gast zu bringen, gemeiner hättest du nicht sein können.“ „Aber, Sandy, was sagst du da, du wusstest ja, dass ich ein Freigeist bin und Cinzia weiß das auch, Klar, wir leben zusammen, aber sie erwartet sich nichts von mir. Und ich habe dir doch nie irgend etwas versprochen, oder?“
Sandra nahm ihm wortlos ihre Tasche aus der Hand und hastete davon, als ob sie vor jemanden fliehen müsste.
Völlig aufgewühlt erreichte sie das Bahnhofsviertel, wo sie ein Zimmer für die letzte Nacht in Rom buchte. Später am Nachmittag kamen ihr wieder Zweifel, vielleicht hätte sie mit Geo nicht so hart sein sollen. Also versuchte sie ihn telefonisch zu erreichen. Jemand vom Theater antwortete und sagte Geo sei gerade mit den Proben beschäftigt, wenn sie wolle, könne sie später nochmals anrufen. Im gleichen Moment wusste Sandra, dass Geo nicht mit ihr sprechen wollte und, dass es eine weitere Dummheit gewesen war, ihn anzurufen.
Am nächsten Morgen, saß Sandra im Zug und fühlte sich so elend wie nie zuvor. Zum ersten Mal aber erkannte sie; Geo war ein Stück ihrer Jugend gewesen und sie musste sich endlich davon lösen; eine Abnabelung die umso schwere fiel, weil sie so lange damit gezögert hatte.

Letzte Aktualisierung: 06.09.2012 - 16.57 Uhr
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