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Sehnsucht | September 2012

Kuss der Nostalgie
von Birgit Wu

Mit voller Wucht. So traf es ihn. Settembrini. Ihre Worte schlugen ein wie eine Bombe. Es war mehr als zwanzig Jahre her. Wie konnte er so getroffen sein? Unerwartet und unverhofft. Dabei war nie eine Liebe gelebt worden. Wie konnte das also sein? Er saß in Duisburg. Mit seiner Firma. An seinem Schreibtisch. Vor seinem Bildschirm. Und da standen die Worte: Kannst du dich erinnern?
Natürlich. Er erinnerte sich. An sie. An diese Nacht, den Kuss, eine lange Nacht. An ihren Brief. 11 Seiten. Handgeschrieben. Natürlich. Vor zwanzig Jahren. Mit literarischen Zitaten – sie war es, die ein Zitat nutzte, das gefiel ihm schon damals. Damals. 21 Jahre. 3 Monate. 17 Tage. Den Brief von ihr las er immer noch gerne. Immer mal. Wieder. Heute abend würde er ihn aus der Kiste herausholen.
Aber nein. Warum ausgerechnet jetzt? Die Insignien bürgerlicher Existenz waren gesichert. Eine Frau, drei Kinder, ein Haus, mit Garten. Das letzte, das Haus war erst ein halbes Jahr alt, das vorletzte, das jüngste Kind von dreien ein Jahr alt und die Frau: seit sieben Jahren an seiner Seite.
Und er war sich so sicher, dass ihm eine andere Frau nicht mit voller Wucht begegnen könnte. Aber sie tauchte auf.
Die Erinnerungen waren süß. Es war nur eine Nacht. Im Oktober 1991, an einem Fluss.
Was bewegte sie, ihn zu diesem Zeitpunkt anzuschreiben? Die Frage kam wieder und wieder auf. Warum nur?
Lust.
Sie, Gioconda, hatte Lust, diesen Mann, den sie damals geküsst hatte, wieder zu sehen. Damals fehlte ihr das Selbstvertrauen. Der Mut. Und die Zuversicht, dass er ihre Gefühle erwidern könnte. Und jetzt? Es war nur dieser Mensch, den sie wiedersehen wollte. Er hatte sie so sehr fasziniert. Damals. Als sie mit ihren 18 Jahren auf diesen stillen und unglaublich interessanten jungen Mann traf. Ob er immer noch so interessant war? Was war so faszinierend an ihm? Damals? Seine Art. Seine Worte. Diese gewählte Sprache. Dieser Zauber in seinen Worten. Wie wäre das heute?
Und warum hatte sie ausgerechnet jetzt diese Sehnsucht nach ihm? Sie suchte ihn. Fand ihn. Schrieb ihm. Nichts leichter als das. Und wieder waren es die Worte: Mit voller Wucht in Duisburg. Sie hatte ihn getroffen. Mit voller Wucht. Welche Kraft diese Worte auf sie hatten. Sie, die sie nicht sicher war, ob er sich erinnern konnte, bekam diese Worte. Jetzt war es nicht mehr einfach nur dieser Mensch, der sie interessierte. Der Mann hatte mit drei kleinen Worten bei ihr eingeschlagen.
Die Insignien bürgerlicher Existenz? Sie waren auch bei ihr vorhanden. Selbstredend. Ein Mann, zwei Kinder, ein Haus. Mit Garten. Der Mann? Er war seit 19 Jahren an ihrer Seite. Auf den Tag. Wie konnte sie einfach an diesem besonderen Tag einen anderen Mann anschreiben? Es konnte nur aus Naivität geschehen, wer wollte schon von ihr was wissen?
Die Kinder waren schon groß, der Große 18, die Kleine 16. Beide waren ihr über den Kopf gewachsen. Und das Haus? Eine große Belastung, aber ein schönes Haus, seit 5 Jahren ihr Heim.
Und jetzt schrieb er einfach diese drei Worte.
Nun, die gesicherte Existenz konnte gut beschrieben werden, man könne sich austauschen, nur ein paar Worte, wie das Leben gespielt hat in der Vergangenheit. Mehr nicht.
Dann kam der Kaffee ins Spiel.
Sie wollten einander wiedersehen. Sie verabredeten sich nach der Arbeit. Bisher hatten sie nur geschrieben, nicht gesprochen. Ob er noch diese sanfte aber starke Stimme hatte, die ihr ganz weich einfach unter die Haut ging?
Die Erinnerung war wunderbar. Und die Vorfreude auf dieses Treffen auch. Sie schrieben jetzt mindestens dreimal an einem Tag. Es war ein Austausch, ein Genuss, eine Freude, Nachricht von ihm, Nachricht von ihr. Sie nannte ihn S. . Er nannte sie G. . An einem Tag im Januar war der Moment gekommen. Es war so kalt. Sie trafen sich in der Stadt in einem Parkhaus. Die Vereinbarung war: Ein Kuss. Nur ein Kuss. Aus Gründen der Nostalgie. Mehr nicht. Nun. Kein gesprochenes Wort. Danach könne man sehen.
Die Sehnsucht nach diesem Kuss hatte sie beide ergriffen.
Vielleicht war er dann auch froh, wenn er wieder gehen könnte. Dachte sie.
Vielleicht war sie dann auch froh, wenn sie wieder gehen könnte. Dachte er.
Nostalgie.
Das war eine Erinnerung, die wachgeküsst werden wollte, nicht mehr - auf keinen Fall. Das sagte sich jeder von ihnen ganz laut. Sehr deutlich, einzig die Nostalgie.
Donnerstag Nachmittag, 16 Uhr, das Parkhaus am Rhein. Per SMS wusste er, wo sie geparkt hatte. Wie vorsichtig: Die gut bewachten, hell erleuchteten FRAUENPARKPLÄTZE!
Er kam auf sie zu. Sie erkannte ihn sofort: Er hatte diese Ernsthaftigkeit von früher, sie lächelte, froh, ihn zu sehen. Sie stand an ihrer Tür und errötete. Ein Kuss.
Zuerst ganz sanft, nur die Lippen, noch berührten sie sich nicht, sie spürten einander nur, den Atem des anderen, seine Erregung, seine Freude, seine Nähe. Die Lippen kamen langsam aufeinander zu. So sanfte Lippen. Sie wussten, was sie wollten.
Kein Wort war gefallen. Nostalgie. Nur ein Kuss. Ein langer Kuss.
Oh nein. Sie war ganz sicher nicht froh, dass sie irgendwann auch wieder gehen müsste.
Oh nein. Er war ganz sicher nicht froh, dass er irgendwann auch wieder gehen müsste.
Der Kuss wuchs, er bekam neue Formen, er brachte Farbe in den Moment, Leben, Lust, dieser Kuss war wie ein großer Zauber. Zwischendurch schauten sie sich an. Soviel Zärtlichkeit in den Blicken zweier Menschen, die sich nun wirklich nicht mehr kannten. Ein unvollendeter Moment des Lebens, unterbrochen vor 20 Jahren, 4 Monaten und nun mehr 6 Tagen.
Sie berührten einander, die Wangen, den Hals, und ununterbrochen war da der Kuss. Unvollendet schmeckte der Kuss wie damals. Nach Zauber, nach einer kleinen Pflanze der Liebe, nach Lust auf den anderen Menschen, nach Vollendung.
Nach Sehnsucht.
Sie schauten einander erstaunt an. Völlig schräg. War das jetzt wirklich so? Die beiden trafen einander - beide in leitender Position - zu einem Kuss im Parkhaus? Unmöglich.
[Laut Wikipedia folgender Maßen definiert: Bedeutungen:
[1] nicht machbar, undurchführbar
[2] personenbezogen: unduldbar, unentschuldbar, nicht akzeptabel, unpassend
[3] unwahrscheinlich, nicht vorstellbar, seltsam, merkwürdig]
Es war unmöglich. Das war nicht machbar, undurchführbar. Sie konnten einander nicht einfach so finden, einander nicht einfach so wollen, es brächte all ihr Leben völlig durcheinander.
Und es war unmöglich. Das war unduldbar, unentschuldbar, nicht akzeptabel, unpassend. Was war das? Sie gingen ihren Partnern fremd.
Und außerdem war es unmöglich... unwahrscheinlich, nicht vorstellbar, seltsam und merkwürdig.
Es war ein Ausbruch aus diesem Leben, welches ihnen bislang so selbstverständlich, so normal, so klar erschien. Es war kein Ausbruch, weil man endlich ausbrechen wollte. Es kam einfach über sie. Mit dieser Wucht. Mit diesem Kuss.
Später tranken sie den Kaffee. Auf dem Weg zum Café zog er sie zwischen die Sträucher, denn er wollte diesen Kuss nicht enden lassen. Sie zog ihn in die dunklen Hauseingänge. Denn sie wollte diesen Kuss nicht enden lassen. Doch die Konventionen, die Absprache ließ sie einen Kaffee trinken. So war es vereinbart. Ein Kuss und dann ein Kaffee.
Sie unterhielten sich. Als sei nichts gewesen über dies und das. Über den Kuss. Wir sind ja völlig verrückt. Was ist das? Was hat uns da getroffen? Du schmeckst noch genau so, wie ich es in Erinnerung hatte. Sie mochten es. Aber sie verstanden es nicht. Es passte nicht zu ihr. Es passte nicht zu ihm. Kein Mensch in ihrem Umfeld könnte sich eine solche Handlung vorstellen. Nicht bei ihr. Nicht bei ihm. Immer so korrekt, immer darauf bedacht, dass es der Familie gut ging und alles auch auf jeden Fall seine Ordnung hatte.
Er brachte sie zurück. Zum Parkhaus. Ja. Sie waren verrückt nacheinander. Wie konnte einen Menschen ein anderer mit solcher Wucht einfach so treffen?
Wow. Das war nicht zu erwarten. Auf dem Rückweg war es endgültig dunkel. Viele Möglichkeiten für einen Kuss gab es.
Noch Monate später, als es schon längst vorbei war, weil die Vernunft zugeschlagen hatte und die Insignien bürgerlicher Existenz ihre Geltung verlangten, zitterte sie noch vor Erregung, wenn sie an diesen Kuss dachte. Der Kuss, der sich durch den gesamten späten Nachmittag zog.
Die Liebe blieb.
Er blieb in ihrem Herzen. Sie blieb in seinem Herzen. Die Gedanken sind frei, sie konnten einander denken. Immer wenn sie die Augen schließt, sieht sie ihn. Auch jetzt noch. Eine Sehnsucht ist geblieben. Und sie sind zurückgekehrt.
Sie hat den Anfang gemacht. Das war leicht. Ein Spiel. Er beendete diese Zeit. Zurück in das Leben zu kehren war wie eine Brücke aus morschen Seilen, jeder Zeit konnten sie abstürzen.
Das war der Augenblick, als es ihr leid tat. Nicht um die Zeit, die sie miteinander verbracht hatten, vielmehr um diesen Mann, dem sie so einen so schweren Weg auferlegt hatte, nur wegen einer kleinen Mail, die eingeschlagen hatte, mit voller Wucht. Um seine Familie, die ins Wanken geraten war. Um die beiden Herzen, die seither schwermütig waren, weil etwas fehlte. Diese Wucht, die eingeschlagen hatte, machte es nicht einfacher.
Es blieb die Sehnsucht.
Die Trauer um diese kleine schräge Liebe ist groß. Sie wird noch eine Weile bleiben. Sie wird ihren Weg gehen. Er weiß, wo er sie findet.

Letzte Aktualisierung: 13.09.2012 - 09.19 Uhr
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