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Sehnsucht | September 2012

Abschied
von Vyda Stein

Aus einem der großen Deckenlautsprecher, die wie silberne Ballons im Saal schwebten, hörte sie ihren Namen ertönen. Eine freundlich klingende Stimme bat sie auf die Bühne zu kommen.

Es erschien ihr unmöglich, doch sie fühlte seine Hand, wie sie schützend auf ihrer Hand lag, hörte seinen Atem ganz dicht an ihrem Ohr, nahm sogar die Wärme seines Körpers wahr. Sie wusste es besser, doch sie glaubte ihn ganz nah bei sich zu spüren.
Ein letztes Mal lächelte sie ihm zu. Sie wollte ihn fragen, ob er noch da sein werde, wenn sie zurückkomme, hier auf sie warten werde, doch sie tat es nicht. Sein trauriger Blick war ihr Antwort genug. Sie wusste, dass dieser Tag kommen würde. Der Tag, an dem er aus ihrem Leben gehen würde, damit sie ihres leben könnte.

Nur zögerlich löste sie sich aus seiner schützenden Berührung, stand auf, griff nach ihrer Handtasche, in der nur ein Briefumschlag zur Aufbewahrung Platz fand.
Es war ein mit dunkelblauer Tinte handgeschriebener Brief von der Größe einer halben Buchseite. Unbedeutend für die geladenen Gäste, doch für sie ein ganzes Leben wert. Ein Leben mit viel Zeit, unendlich viel Zeit. Mehr Zeit als sie brauchte.

Sieben Stufen waren es bis zum Podium, die sie beim Hinaufsteigen gedanklich mitzählte, ihr durch die Zahl mystisch erschienen.
Noch während des Applauses räusperte sie sich, bedankte sich beim Laudator mit leicht geneigtem Kopfnicken für seine Ankündigung und trat ans Rednerpult vor.

„Danke. Vielen Dank“, sie lächelte, blickte nach links und nach rechts in den schwach beleuchteten Saal, der die Konturen der Zuhörer verwischte, sie zu einer dunklen Masse Neugieriger verschmelzen ließ.
Sie suchte ihren Tisch im Halbdunkel, wollte Toms Blick einfangen, von dem sie sich etwas Mut machendes erhoffte, doch das auf sie gerichtete Licht der Scheinwerfer blendete zu stark.
Der Beifall ebbte allmählich ab. Maria fühlte das gespannte Lauschen des Publikums nach ihren Worten. Dann durchbrach sie die Stille.

„Vermutlich haben viele von Ihnen schon einiges über mein Buch gehört, vielleicht auch darin gelesen, sodass ich mir für den heutigen Abend etwas Anderes überlegt habe, als Passagen daraus zu lesen. Es ist selten genug, dass die Presse sowie mein Verlag etwas aus meinem Privatleben erfahren. Meine treuen Leser mögen mir dieses Leben in beinahe völliger Abgeschiedenheit verzeihen, doch nur unter diesen Bedingungen ist es mir möglich zu schreiben.“
Sie machte eine Pause, gab ihren Worten damit etwas Unumstößliches und Endgültiges.
„Ich möchte Ihnen heute einige Zeilen vorlesen, die lange Zeit nur für mich bestimmt waren und niemand sonst zu lesen bekam“.
Wieder suchte sie Toms Blick in der Zuschauermenge, doch sie hatte, vermutlich wegen der Aufregung, die Orientierung verloren, fragte sich, wie sie nach ihrer Rede je wieder zu ihrem Platz finden sollte.
„Es ist ein Brief, den ich Ihnen vorlesen möchte. Ein Brief, der mein ganzes Leben verändert hat. Ein Brief, ohne den es dieses Buch und meinen Auftritt heute Abend nie gegeben hätte. Ein Brief, der mir Zeit schenkte. Zeit, in der ich Gefühle der Sehnsucht kennenlernte, wie ich sie nie für möglich gehalten hatte.“

Sie schnappte den Magnetverschluss ihrer Handtasche auf, zog den Bogen aus dem Briefumschlag und faltete ihn auseinander.
Jetzt gab es kein zurück mehr. Nicht für sie und nicht für Tom, den Briefschreiber.

'Meine geliebte Maria,

eine gute Stunde sitze ich nun hier bei Dir, sehe Dir beim Schlafen zu. So sanft und gleichmäßig atmest Du. Für immer möchte ich hier bei Dir sein, Dich einfach nur ansehen, Deine Hand halten. Wie schön Du bist.

Es gibt eine gute Nachricht. Die Ergebnisse des Labors sind ausgewertet und ich komme als Organspender in Frage.
Ich weiß, was Du denkst, aber überlege es Dir noch einmal.
Der Professor hat mir erklärt, dass solche Transplantationen alltäglich sind, Komplikationen seltener auftreten und bei mir kaum zu erwarten sind.
Anfangs müssen wir uns beide noch etwas schonen, aber ich sollte kurze Zeit später gut damit leben können und auch Dir sollte es bald schon besser gehen.
Du wirst wieder gesund sein und, mit wenigen Ausnahmen, ein ganz normales Leben führen können.
Was brauchen wir sonst? Wir haben doch uns. Und das ist mehr, als wir erwarten durften.
Meine liebste Maria, ich denke, vor uns liegen wunderbare Zeiten.

In Liebe
Dein Tom

P.S.: Komme später wieder vorbei, dann reden wir über alles.'

Maria hob den Kopf, ihre Augen wirkten glasig. Das Licht der Scheinwerfer spiegelte sich darin. Sie hatte kaum noch etwas sehen können, eine Träne lief die Wange hinunter.
Die letzten Zeilen des Briefes hatte sie vorgelesen ohne auf das Blatt zu sehen. Sie kannte diese Worte auswendig. Alle Worte.
Unzählige Male hatte sie diesen Brief gelesen, immer wieder nach einer Botschaft darin gesucht, aus der sie mehr als nur die geschriebenen Worte hätte erkennen können. Doch da war nichts weiter. Es war alles geschrieben, was ihre gegenseitige Liebe ausmachte. Eine große, sehnsuchtsvolle Liebe, die nicht mehr brauchte, als nur sie beide.

Ohne eine Reaktion des Publikums abzuwarten, begann sie von ihrer seit Jahren fortschreitenden Erkrankung beider Nieren zu erzählen, wie unerwartet dieser Freitag vor zwei Jahren während ihres Dialysetermins verlief.
Sie sprach von ihrem plötzlichen Anfall, einem akuten Nierenversagen, wie sie das Bewusstsein verlor, nur noch Stunden blieben, dann spätestens eine Transplantation erfolgen musste.
Sie erzählte, wie man Tom endlich telefonisch erreicht hatte, sie bereits für eine Notoperation vorbereitet wurde.
Mit Tom hatte sie gar nicht mehr sprechen können, ihn nicht mehr gesehen. Erst am späten Abend war sie aufgewacht, fühlte sich noch sehr schwach. Sie hatte die Krankenschwester um Informationen über den Verlauf der Operation gebeten und Tom sehen wollen.
Doch Tom kam nicht, konnte nie wieder zu ihr kommen.

Sie erklärte weiter, dass es Komplikationen gegeben hatte, gleich nach der Transplantation. Ein Hirnschlag sei der Auslöser gewesen, hatte der Professor gesagt, die Blutversorgung zu lange Zeit unterbrochen. Für Tom hatte es keine Rettung gegeben. Um 18:06 Uhr, eine gute Stunde nach der erfolgreichen Organtransplantation, war sein Hirntod festgestellt worden.

So stünde sie nun hier, würde hier nur stehen, weil er nicht mehr da sei. Ja, sie verdanke ihrem Mann ihr Leben. Doch wenn sie hätte wählen können, so hätte sie abgelehnt.

Maria bedankte sich bei den Zuhörern, nahm den Briefbogen, faltete ihn, steckte ihn mit größter Sorgfalt in den Umschlag zurück.
Im Saal herrschte eine gespenstische Ruhe, als sie vom Moderator zum Tisch geleitet wurde, an dem Tom nicht mehr saß. Suchend wandte sie ihren Blick zum Ausgang des großen Saals, sah ihn, wie er mit gesenktem Kopf den Raum verließ. Sie rief ihm nach, mehrmals schrie sie seinen Namen, doch ihre Stimme versagte, nicht einmal sie selbst konnte ihre Schreie hören. Tom drehte sich nicht zu ihr um, löste sich im Dunkel des Foyers auf. Dann erlosch das Licht im Saal.

Erschrocken richtete Maria sich auf. Schweißgebadet und mit weit geöffneten Augen saß sie im Bett, atmete kurz. Die Schwester hatte die Vorhänge zugezogen, kam mit schnellen Schritten ans Krankenbett, versuchte Maria zu beruhigen. Sie erklärte ihr mit sanfter Stimme, dass sie nur geträumt habe, ein Albtraum bloß.

Maria griff nach dem Wasserglas, trank es in einem Zug leer. Um sie auf andere Gedanken zu bringen erzählte die Schwester ihr von Tom, der den halben Tag an ihrem Bett gewacht, ihr beim Schlafen zugesehen habe, sogar einen Brief für sie geschrieben und frische Blumen besorgt hatte.

Als Maria die Blumen auf dem Nachtschrank sah, erkannte sie den Brief davor. Es war der Brief, den sie im Traum in Händen hielt. Waren es die gleichen Worte, die sie im Traum ihrem Publikum vorgelesen hatte?
Mit zittrigen Händen öffnete sie den Umschlag, sah das dunkle Blau der Buchstaben, erkannte seine Handschrift.

'Meine geliebte Maria,

eine gute Stunde sitze ich nun hier bei Dir, sehe Dir beim Schlafen zu. So sanft und gleichmäßig atmest Du. Für immer möchte ich hier bei Dir sein, Dich einfach nur ansehen, Deine Hand halten. Wie schön Du bist....

Sie las nur diese ersten Zeilen seiner Nachricht, glaubte den weiteren Text genau zu kennen. Dann wurde ihr schwindelig. Sie zwang sich zur Ruhe, versuchte gleichmäßig zu atmen, doch ihr Körper schien ihren Befehlen nicht mehr zu gehorchen. Kurz darauf erkannte sie den Arzt vor ihrem Bett, vernahm seine laute Stimme, wie er Anordnungen traf, von einem Notfall sprach.
Maria versuchte den Brief in ihrer Faust zu verstecken. Niemand sollte Toms Brief lesen, vielleicht könnte sie die Organspende dadurch verhindern. Sein Leben retten. Dann wurde es dunkel. Nur Toms Stimme glaubte sie noch zu hören, wie er ihren Namen rief und dass er ihr helfen werde, egal was komme. Maria wusste, was kommen sollte.
Eine unerträglich lange Zeit der Sehnsucht, in der sie die Wirklichkeit nur ertragen könnte, wenn sie fantasiere, sich vorstelle, er wäre nie von ihr gegangen.




© Vyda Stein 2012 Version 2

Letzte Aktualisierung: 27.09.2012 - 06.57 Uhr
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