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Jagd | Oktober 2012
Henriette - gold'ne Kette
von Jochen Ruscheweyh

Es sind meist die kleinen Dinge, die die gewohnte Ordnung auf den Kopf stellen.
Bei Henriette ma├č das kleine Ding zwei Mikrometer und w├Ąre als A82.0 oder Wildtiertollwut ausl├Âsend klassifiziert worden, h├Ątte sie sich in ├Ąrztliche Behandlung begeben. Sie tat Letzteres nicht, da sie nun mal ein Wildschwein und kein Kassenpatient war.
Nat├╝rlich hie├č Henriette auch nicht Henriette, sondern wurde von ihren Artgenossen mit einem kehligen Ger├Ąusch beschrieben. Dieses Ger├Ąusch ist jedoch mit keiner der ├╝blichen Lautschriften ad├Ąquat zu erfassen; deswegen also die symbolische Variable in Form eines menschlichen Namens.

Das Virus vom Genotyp 1 teilte sich in Henriettes Zytoplasten.
Der Leser muss sich diesen Vorgang von einem speziellen Laut, einem Plitsch, begleitet vorstellen. Wir lassen das Virus also gew├Ąhren, verlassen die Szene und begeben uns in die Vogelperspektive.
Unter uns liegt der Platz, an dem unser Wildschwein/Sau lebte: ein h├╝bscher kleiner Wald im S├╝den einer westf├Ąlischen Gro├čstadt. Und ... Zeitenwechsel:

Bauvorschriften sind heutzutage nicht mehr das, was sie einmal waren. Daher standen nur noch Reste eines alten Backsteinbaus auf dem Areal, das unmittelbar an besagten Wald grenzte. Die Frage, warum dort stattdessen nun ein d├╝nnwandiges Fertighaus in die H├Âhe ragte, bringt uns zu dem Punkt Finanzierung. Die Bauherren Bernd und Lilly Schulthei├č verf├╝gten ├╝ber kein schl├╝ssiges Finanzkonzept. Dass die Sparkasse letztendlich einlenkte, verdankten die Eheleute dem Zweigstellenleiter Harald Martinsbach. Aber nichts ist umsonst auf dieser Welt. Wobei fairerweise gesagt werden muss, dass die MartinsbachÔÇÖschen Bedingungen vergleichsweise human klangen: Freier Zugang zu dem Hochsitz auf besagtem Filetgrundst├╝ck in der 42. und 43. Kalenderwoche jeden Jahres, sowie f├╝nfzig Sch├╝sse aus dieser erhabenen Position.
Pikant an diesem unb├╝rokratischen Abkommen: Dem Diplom-Forstwirt Bernd Schulthei├č waren Aufsicht und Pflege des erw├Ąhnten Waldst├╝cks von der kommunalen Verwaltung ├╝bertragen worden.

Wenn Sie die Fakten soweit geordnet haben, Schnitt und Aufblende Henriette:
Diese hatte schon zu Beginn des Fr├╝hjahrs geahnt, dass die Ern├Ąhrungslage in ihrem sozialen Nahraum zu w├╝nschen ├╝brig lassen w├╝rde. Unmittelbar nach ihrem Konflikt mit einem infizierten Fuchs biss sie daher drei der f├╝nf s├╝├čen Frischlinge tot.

Lilly Schulthei├č, die gerne in gehobeneren Kreisen verkehrte - in rein gesellschaftlicher Hinsicht, sei an dieser Stelle betont - , hatte zu Beginn des Jahres nach Abzug der Fixkosten Tennisclub, Zweitwagenleasingrate und Beautysalon ├Ąhnliche Bef├╝rchtungen bez├╝glich ihrer Ern├Ąhrungslage gehegt. Bernd, der im Bett ebensolche Laute ausstie├č wie jener penetrierende Eber, in der irrigen Annahme, Lilly gefiele das, hatte im laufenden Jahr sehr zum Leidwesen seiner Frau dreimal erfolgreich sein Wildh├╝tersperma in Lilly versickern lassen. Ihm selbst war dies nicht bewusst gewesen. Und so bekam er auch nicht mit, dass Lilly ihren Frauenarzt dreimal mit Hinweis auf die schlechte Ern├Ąhrungslage ├╝berzeugte, das Totbei├čen mit gyn├Ąkologischen Methoden vorzunehmen. Daher war Bernd weder traurig noch w├╝tend, obwohl er gern Vater geworden w├Ąre, sondern einfach nur unwissend.

W├Ąhrend sich Bernd den Premium-Bierschaum, der das Unterwerfen bei Martinsbach ertr├Ąglicher machte, von der Oberlippe wischte, bildeten sich ein wenig weiter oben im Wald erste Schaumbl├Ąschen auf Henriettes Schnauze.
Wildschweine k├Ânnen zwar auf ein spezialisiertes, in seiner Effizienz aber nur sehr limitiertes Denkstrukturensystem zur├╝ckgreifen. Unsere sau hatte sich nie mit der Sorte politischer Lekt├╝re besch├Ąftigt, die Bernd Schulthei├č vor seinem Eintritt in den Staatsdienst aus seinem B├╝cherschrank verbannte. Kommunist? Ich? Eine Unterstellung! Trotzdem erkannte sie pl├Âtzlich, dass das Prinzip von Ursache und Wirkung die M├Âglichkeit zur Umkehr barg.
Und so legte sich Henriette am Waldrand auf die Lauer, entdeckte einen Mann in guter Ern├Ąhrungslage (Martinsbach) und einen, der noch im Wachstum schien (Bernd Schulthei├č), beide trinkenderweise auf den Hochsitz steigen.
,Was f├╝r ein vortreffliches Winterpolster der eine sich angelegt hatÔÇÖ, dachte sich Henriette, ,das m├Âchte ich auch f├╝r meine kleine Frischlingfamilie.ÔÇÖ
Und warum, so ├╝berlegte sie, sollte sie sich mit den Scampi- und Tr├╝ffelrisottoresten zufrieden geben, die Lilly immer in den halboffenen K├╝bel im Hof entsorgte, wenn dort vor ihr hochpotentes Fleisch wartete?

Nun sind Wildschweine nicht die besten Pl├Ąneschmieder, das sei dem interessierten Leser an dieser Stelle noch einmal ausdr├╝cklich vermittelt, und so brachte Henriette ihre 175 kg einfach auf Geschwindigkeit und rammte einen der vier Grundpfeiler des Hochsitzes.
Die Herren ├╝ber ihr versch├╝tteten etliche Milliliter ihrer Gerstengetr├Ąnke. Martinsbach verlor sogar den Halt und schlug mit dem Kopf gegen die h├Âlzerne Seitenwand. Vom Ger├Ąusch des heruntertropfenden Blutes angezogen - Platsch! Platsch! - versuchte die Frsichlingsmutter die Stufen der Aufstiegsleiter zu erklimmen. Es blieb bei dem Versuch, schlie├člich sind Schweine von Natur aus nicht ... der Leser denke sich an dieser Stelle seinen Teil.
ÔÇ×Lilly!ÔÇť, schrie Bernd, ÔÇ×Mein Gewehr!ÔÇť, als die Sau Anlauf nahm, um Grundpfeiler zwei zu schw├Ąchen. Soviel Taktik war immerhin m├Âglich.
Bernds Gattin verweilte derweil auf der Webseite eines Internetauktionshauses, w├Ąhrend sanfter karibischer Soul ihr Headset und ihre Seele zum Schwingen brachte. Bernds Rufe erreichten Lillys Ohren also nicht. Daf├╝r entdeckte sie die goldene Kette, hinter der sie bereits so lange her war. Lilly ├╝berlegte, wie viele Male sie durch Selbstbefeuchtung animalischen Trieb vort├Ąuschen und Bernds Laute ertragen musste, bis sie ihren Mann so weit h├Ątte, den Kredit bei Martinsbach erweitern zu lassen. Sie errechnete sieben. Erst dann tippte sie ihr H├Âchstgebot ein.

Bernd versuchte, Martinsbach - Platsch! Platsch! - auf die F├╝├če zu hieven, w├Ąhrend Henriette - plitsch, plitsch - ein weiteres Mal Anlauf nahm. Dem Forstwirt gelang es, den benommenen Zweigstellenleiter die Hochsitzstiegen hinabzubugsieren.
Henriettes Wahrnehmung hatte sich zusammengezogen. Der klassische Tunnelblick auf die Beute. Ein weiteres Mal schoss sie vor, erwischte Martinsbach und biss ihm ein St├╝ck Fleisch aus der Wade, woraufhin dieser aufbr├╝llte und in eine dankbare Fast-Ohnmacht versank.

Wie der Leser wohl ahnt, lassen sich die Pawlowschen Thesen auch auf Wildschweine anwenden. Versuchen wir es so: Das von Fett und Sehnen durchzogene St├╝ck Unterschenkel bescherte unserer Protagonistin nicht nur ein herrliches Kauerlebnis, sondern auch das Gef├╝hl, sich richtig verhalten zu haben und daf├╝r belohnt worden zu sein.
In einer solchen Gem├╝tslage entwickeln Wildschweine erstaunliche Antennen. Und so empfing, dechiffrierte und verstand Henriette pl├Âtzlich den Antrieb, der sich im Kopf der Frau im ersten OG des Hauses vor ihr festgesetzt hatte: ÔÇ×Lilly, ich bin nur deine Mutter und nicht allwissend, aber glaubst du, das ist das Beste, das du bekommen kannst?ÔÇť
Mit dieser Interpretationshilfe sah Henriette ihre Beute in einem neuen Licht: Warum sich mit z├Ąhem Muskel zufrieden geben, wenn direkt vor ihr viel zartere Teile Menschenfleisch Deckung suchten? Sie b├Ąumte sich auf, wie es sonst die Eber hinter ihr taten und grunzte Bernd und Martinsbach ihr neues Credo hinterher. Entschied sich dann aber daf├╝r, nicht sofort anzugreifen, sondern diesen Augenblick der Vorfreude noch etwas auszukosten. Es f├╝hlte sich kribbelig an; dort, wo sich Schnauze, Augen und Ohren trafen. Unsere Sau versuchte die Stelle mit ihren Klauen zu tasten. Zwecklos, sie musste sich irgendwo innen befinden.
In die k├╝hle Abendluft mischte sich ein Geruch, den Henriette sonst nicht wahrgenommen hatte, wenn Bernd und Martinsbach auf dem Hochsitz durch ihre Jagdgl├Ąser schauten: Angst und Panik! Sie schmeckte ihn deutlich weiter hinten am Gaumen als den (Wildschweine nennen ihn anders, wir ├╝bersetzen den Begriff der Einfachheit halber mit:) testosterongeschw├Ąngerten
Schwei├č
, den die beiden absonderten, wenn sie bewaffnet von oben in den Wald starrten.
Henriette - plitsch, plitsch! - folgte dem Geruch, der sie zur Kellertreppe f├╝hrte. Am unteren Ende hatte Bernd den fahlen Zweigstellenleiter, der am ganzen Leib zitterte, abgeladen, w├Ąhrend Bernd selbst an der Klinke der Kellert├╝r r├╝ttelte. ÔÇ×Lilly, hol mein verdammtes Gewehr, das gottverfluchte Vieh bringt uns sonst um!ÔÇť
Das Jucken in Henriettes Kopf war jetzt einem Summen gewichen, einem angenehmen Ton, der in ihren gesamten K├Ârper ausstrahlte. Sie sog noch einmal den k├Âstlichen Duft ein, der die Kellertreppe hochzog und setzte dann langsam eine Klaue vor die andere. Das fiel ihr - plitsch, plitsch - mittlerweile ein wenig schwerer als zuvor. Aber diesen Umstand zu hinterfragen, h├Ątte ein Denkmuster vorausgesetzt, dass ... ach, lassen wir das, oder kennen Sie sich mit Neuronal-Verbindungen aus?
Die Frsichlingsmutter ├Âffnete ihre Schnauze. Sie erinnerte sich nicht daran, wann ihr diese riesigen Rei├čz├Ąhne gewachsen waren, aber sie f├╝hlten sich gut an. Henriette konnte Fl├╝ssiges und Schaumiges unter ihrer Zunge hervorquellen sp├╝ren. Das war vermutlich so, wenn man Menschen jagte. Sie schickte ein letztes sonores Grunzen in die Luft und hechtete Bernd und Martinsbach entgegen.

Henriette lebte noch einige Stunden satt und gl├╝cklich mit ihren Frischlingen. Kurz bevor sie die Augen f├╝r immer schloss, sagte sie zu Frischling Nummer drei - frei ├╝bersetzt: ÔÇ×Rosa, ich bin nur deine Mutter, aber glaub mir, der Wald und seine Bewohner brauchen einen Rat!ÔÇť

Letzte Aktualisierung: 27.10.2012 - 17.22 Uhr
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