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Jagd | Oktober 2012
Nächstes Ziel: Schneider
von Asla Kant

Frau und Herr Schneider lieben sich.

„Lothar!“, stöhnt sie.
„Zementschenkel?“, fragt er.

Ja, richtig, ich hasse Anschnallgurte im Bett, Blumen und alle durch Vorzimmerdamen verursachten Warteschlangen.
Wenn das Nachdenken bloß nicht derart schwierig wäre.


*


Herr Schneider hält sich an seiner Frau fest und sie sich an ihm.

„Looooothar!“, drängt sie, während er sie befriedigt und Folgendes feststellt …

Etwas sitzt auf meinem Gesicht.
Zumindest riecht und schmeckt es so.
Lecker.
Und nun …?
Ganz schön schwer!
Ich will doch …, hm, was will ich eigentlich?
Nachladen und abfeuern!
Blödes Gesabber.
Wer tut mir das an? Wo bin ich stehen geblieben?


*


Der abnehmende Verstand stellt alles in Frage, fordert, prüft und attackiert und dennoch lieben sie sich, lassen nicht los, denn beide haben ein Ziel.

„Mann, tut das weh! Schreit da jemand?“, fragt er, als sie absteigt und sich mit einem Kuss verabschiedet.

Denk-gesteck-nach-Blumen?
Falsch!
Jemand verstreut dreißig plus zwei Karten weniger eine im Bett. Ob ich sie finde? Mir wird heiß und ich schwitz wie ein Schwein. Und wie geht's weiter?


*


Ein weiterer Kompromiss, die mittlerweile notwendige und gesicherte Unterbringung im eigenen Haus.

„Wo ist sie? Sie war doch eben noch bei mir. Denk nach“, ermahnt er sich.

Ach so, Thermodynamik. Die Reibung macht's mir warm unterm Bett. Wer reibt denn? Was für ein Stuss!
Nochmal von vorn.
Also, unterm Bett schon mal nicht, sondern im. Dort lieg ich. Und ich bin's, der reibt. Präzise gesagt: meine Beine, nur die schaben, puhlen Löcher. Ich seh's nicht, aber fühlen kann ich's. Denn ich steck drin, tief drin mit meinem Jagdhorn im Schenkelzement.
Will ich das? Keine Ahnung.


*


Herr Schneider untersucht einen Papierstapel neben dem Bett.

„Nett, das hier stopft zumindest kurzfristig einige Lücken …“, sagt er.

Der Dienstausweis einer militärischen Verwaltungsbehörde wurde in Deutschland ausgestellt und das „Deutsch“ von Land wurde handschriftlich durch „Arsch“ ersetzt. Auf einem abgelehnten Verlängerungsantrag thront ein Kaffeefleck. Und wieder Lochkunde - ein abgelaufener Sachkundenachweis wurde durch eine brennende Zigarette malträtiert. Eine Geburtsurkunde, kaum lesbar, bescheinigt die Jahreszahlen drei, neun, sieben, eins. Der Geburtsort wurde mit dem Foto einer mir bekannten Wurst überklebt, Krakauer? Kaukasische Schneeglöckchen gehören zur Wirkstoffklasse der Antidementiva. Hilfe, so ein Schwachsinn!


*


Herr Schneider ist außer sich.

„Mir reicht's!“, schreit er.

Und deshalb lass ich mir dieses tertiäre Pflanzenalkaloid gegen das Vergessen auf der Zunge zergehen.
Sein Name ist …? Warte, ich hab's gleich … Thermoplastik Dynamiktulpe. Scheiße, wieder falsch! Warte …
So, jetzt hab ich's: kaukasisches Schneeglöckchen!
Und wie komm ich zum Schießstand?
Denk nach. Steh auf. Putz dich.


*


Während das geschieht, klebt Herr Schneider mit dem Gesicht an einem durch Metallstreben verstärkten Fenster und beobachtet seine Frau, die ihm zuwinkt.

„Ich will mich kurz mir selbst vorstellen, denn ich hab meinen Taktstock wiedergefunden, der hilft“, flüstert er.

Derweil zittern meine fußmaroden Beine. Irgendwie schön, weil ich Bewegungen mag und dieses Gehampel mindestens zwei Organe anregt, die schnellstens entleert werden sollten. Sonst piss ich in den Waffenschrank, alles schon passiert, und ja, ich wollte mich vorstellen, hab's nicht vergessen. Trotzdem klappt's nicht, doch ich behalt's im Auge. Schließlich hab ich's gelernt: lauern, zielen, feuern und treffen. Genau das. Peng!


*


Herr Schneider erkundet das Bad in unmittelbarer Umgebung. Integriert im gesicherten Wohnbereich erscheint ihm dieser Raum zunächst unspektakulär und trotzdem erschüttern die Notwendigkeiten des Lebens.

„Hab ich Kinder?“, fragt er.

Was mich im Kachelofen, quatsch, im Fliesenspiegel, auch nicht, im Toilettenhaus anstatt einer Klobürste ins Schleudern bringt – sind Riesenwindeln, in die zwei Wonneproppen und meine Winterstiefel reinpassen.

„Hab ich Kinder?“, wiederholt er.

Muss ich nachdenken.
Nö, oder doch, mit Riesenpötern? Bitte nicht!
Ich schaue immer wieder nach, nach was eigentlich?


*


Herr Schneider verlässt das Bad.

„Bestandsaufnahme!“, spornt er sich an.

Ein frisch gebügelter Wäschehaufen und ein Wartezimmer mit Bett sind mir so fremd wie das Wesen, das mir ständig folgt und dem ich mit meinem Stock Prügel androhe. Und jetzt? Nicht mit Korn und Kimme, sondern mit einem Stampfschritt visiere ich das zerknautschte Laken an, wobei ich mich frage, wie das funktionieren soll, logisch ist das nicht, dennoch bespringe ich es förmlich. Kein Rückstoß, kein Widerstand. Ein ungleicher Kampf, leider, denn wehrlos und durchbohrt liegt's unter mir. Hab ich geschossen? Meine Munition an einen fleischlosen Lappen verschwendet? Der Begriff „Waffenschein“ bleibt mir dabei für Sekunden im Gedächtnis haften, ich lach mich kaputt, bis mich ein Bedürfnis aus den Socken haut. Dass ich keine Socken anhabe, erkenne ich zu einem späteren Zeitpunkt. Einfach geil, diese Zeitpunkte, die wie leuchtendes Gebamsel an einem Teebaum aufblitzen. Und wie geht es weiter?

Ich will zufassen, Handarbeit, Beute machen, häuten, nähen, eine Heckler & Koch zerlegen, sie reinigen, schmieren und wieder zusammenbauen. Entscheiden tu ich mich aber für's Schreiben, doch ohne Stift, nur mit Finger und Spucke bringt das nicht viel. Und wie löse ich dieses Problem?


*


Herr Schneider kratzt sich und findet, was er unter anderem gesucht hat.

„Ein Herz-Ass klebt hinter meinem Ohr!“, ruft er.

Ich hab's gefunden. Karten mischen, abheben, austeilen, reizen, anfangen und siegen. Ein Kinderspiel. Und gähnend langweilig! Außerdem: Mit einem Herz-Ass zu schreiben ist nicht nur dämlich, sondern unmöglich, zumindest im Moment, also … was brauche ich?
Da ist noch dieses Bedürfnis, das allen Trieben überlegen sich weder einem Ein-Mann-Geschwader-Handbetrieb beugt noch mit dem Gekratze hinter dem Ohr zu befriedigen ist. Mensch, das kann doch nicht so schwer sein.
Wenn bloß das Nichtdenken leichter fallen würde.
Vielleicht sollte ich etwas zeichnen, einen Plan entwerfen, ja natürlich, meinen Wünschen Substanz geben.


*


Frau Schneider öffnet die Tür und stellt ein Tablett auf den Nachttisch.

„Ausladende Thermik, dynamische Zustände!“, entgegnet er.

Im Spiegel sehe ich jemanden tanzen. Ach, nicht einer, es sind zwei Leute. Und nackt sind die auch noch, beide nackig. Stopp! Wo sind meine Socken?
Sehen und fühlen, stehen bleiben, weil …
… das ist unglaublich! Jemand macht sich an meinem Hintern zu schaffen. Ich kann's sehen. Meine Pobacken weichen flinken Händen, die anscheinend kein Problem mit meinem geräuschvollen und darmwindigen Abwehrmechanismus haben.
Flop! Jetzt weiß ich, was die ganze Zeit an einer Stelle, wo keiner rein darf, festgesteckt, gerieben und gezwickt hat, Einbahnstraße: nur ein Stift, toll!
Und warum auf Papier zeichnen, wenn es doch kahle Wände und diesen seltsamen Tapetenschrank gibt?


*


Stunden später lässt Herr Schneider das Gesamtwerk auf sich einwirken.

Ich sehe die Nadeln vor lauter Strohballen, meinen Hochsitz vor lauter Windeln nicht. Eine Nähmaschine und ihre windigen Einstiche, Maschinengewehre und das Ticken einer Uhr höre ich, den Schweiß eines Hirschs, den Geruch von Zwiebeln, Erde und Lust und eine Frau rieche ich.

Und dann?
Lese ich …
… Demenz an leide und alt Jahre 93 bin Ich. Schneider Lothar ist Name Mein …

Ich kapier's nicht!


*


Herr Schneider greift zum Hörer, telefonieren, kein Thema.

„Plusquamperfekt, sturmgeplagtes Integral und Trockengesteck?“
„Lothar?“
„Wer sonst.“
„Endlich! Schön, dass du dich meldest. Hast du gefrühstückt, deine Tabletten genommen?“
„Ja, Chefin. Hör mal, hab ich, ähm, haben wir Kinder?“
„Noch nicht, aber wir arbeiten daran.“
„Aha, und wie?“
„Das lässt sich jetzt schlecht in Worte fassen. Und, wie fühlst du dich?“
„Beschissen, so geht's nicht weiter. Ich will in den Wald, hilfst du mir? Und merk dir eins, ich schlag dich tot, wenn du mich noch einmal verarschen tust. Du hast mich schlafen gelegt und angeschnallt, als die Kripo letzten Freitag um acht in der Früh meinen Waffenschrank samt Inhalt beschlagnahmt hat. Und diese verfickte Fototapete, die anstelle des Schranks mein ganzes Leben ad absurdum führt, kannste dir sonstwo hinstecken!“
„Ist das alles?“
„Nein! Ich bin am Ende!“
„Bist du nicht. Ich beweise es dir!“

Gespräch zu Ende. Danke!


*


Wenige Minuten danach, auf dem Boden sitzend, überlegt Herr Schneider, mit wem er telefoniert hat.

„Kenn ich die …?“, fragt er.

Natürlich, Frau Zementschenkel!
Sie kommt gleich.


***


Herr und Frau Schneider lieben sich.

Na schön, was wir beide wollen, ist mir jetzt auch klar, aber wie lange ich durchhalte, weiß kein Schwein.

„Aufsitzen!“, fordert er.
„Looooothar!“, stöhnt sie.

Und als wir beide lachen, singen, uns treiben lassen, uns sinnlos vermehren, erinnere ich mich:

Mein Name ist Lothar Schneider, ich bin neununddreißig und ich habe ein Ziel …



©anahtar.team-sternwasser.

Letzte Aktualisierung: 26.10.2012 - 12.24 Uhr
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