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Stadtleben | November 2012
Kiss of Death
von Jochen Ruscheweyh

„Scheiße, is’ das abgefahren“, brüllt Micky mir ins Ohr, während
Schröder und ich unser neues Riff zum fünfzigsten Mal mit gedrosselten Amps runterzocken. „Ihr seid so ’ne verfickt geile Fotzgesichter-Band heute, da müssen wir einfach Weiber aufreißen gehen!“
Rausgehen passt mir ganz gut, weil Steffi wieder 'ne Woche auf so ’nem BFA-Seminar is’. Weiber kann er ja aufreißen, nich’ mein Ding. Big Wutt is’ ’n treuer Geselle, auch wenn nich’ Weihnachten is’.
Also nick ich, weil ich nich’ sprechen kann, wenn ich so komplexe Gitarrenläufe spiele. Schrö dagegen is’ nich’ nur Multi-Instrumentalist, sondern kann trotz Extrem-Riffing quatschen, rauchen und mit seinem rechten Scheißfuß noch n’ Gegentakt klopfen. Dafür hat er sonst manchmal nich’ alle auf'm Zaun.
Sag ich mir immer.
Für mein Ego.
Jedenfalls meint Schrö, während er ganz easy weiterspielt: „Klar, aber nur wenn du fährst, Micky. Und wenn Beckmann mir noch was von dem Gras von neulich vertickt. Das verträgt sich top mit meinen neuen Medis. Also, wie is’ der Plan, ich mein’, wohin und wann starten? Und ...“
Ich dreh mein Volume runter und sag: „Ey, Schrö, du kannst so’n verdammter Scheiß-Poser sein! Warum machste nich’ noch 'n Fernstudium beim Spielen oder rechnest die Quersumme von Pi aus?“

Micky chauffiert uns wieder in diesen Grufti-Schuppen. „Ey, wieso das?“, frag ich.
„Erstens, weil man hier top zappeln kann, zweitens, weil die Stifts vom Fass haben und drittens, weil ich heute die Theken-Olle mit den Dreads klar mach’.“
„Keisha?“, hör ich nochmal nach.
„Hab vergessen, wie die Perle heißt, aber die is’ heute sowas von fällig.“
„Ey, Wuttke, ’ne Runde kickern?“, tippt mich Schrö von hinten an.
Ich denk ’n Moment zu lange nach.
„Hast wohl Schiss, dass du abkackst, was?“
„Um den Eintritt“, sag ich und zieh meine Oberlippe ACDC-mäßig hoch.

10:2, 10:3 und 10:1, ey, das is’ doch kacke. Ich hock mich auf ’ne Eckbank und scann Theke und Dance-Fläche nach Micky. Er scheint auf Neffe des Unsichtbaren zu machen. Egal. Ich ex mein Stifts - spricht für den Laden, auf ’ne ehrliche Pilssorte zu setzen - und versuch zu relaxen.
Schwer bei ’nem Kack-Song wie „No Tears for the Creatures of the Night“.
Mitten in diesem Muppet-Show-Saxophonsolo setzt sich Keisha neben mich und trötet mir „Na, geiler Typ“ ins Ohr. Ich trompete „Hi, alles klar?“ durch die Blasinstrument-Kakophonie zurück.
Wir labern ’n bisschen wie neulich, als ich mit Micky hier gewesen bin, über ... keine Ahnung, was man eben so labert, als sie mir auf einmal ’n fetten Knutscher auf meine Erdbeerlippen drückt.
Ich ... hmm ... nehm das so hin, das heißt, ich mach nich’ richtig mit, aber irgendwie find ich, is’ es auch mein gutes Recht, Spinnenmännchen-like gelähmt zu sein, wenn mich die schwarze Witwe klarmachen will.
Ich sag: „Ey, wofür war der denn?“
Sie steht auf, beugt sich noch mal runter, dass ihre Dreads meine halbe Rübe bedecken und beißt mir ins Ohrläppchen. „Ich sag doch: weil du ein geiler Typ bist. Ich muss jetzt wieder arbeiten. Wir sehen uns.“

Ich bin ein wenig geflasht, weil Keisha schon 'ne extrem süße Leiche is’, und ich eigentlich dachte, unsere Kinder-Flirterei neulich wär ’n Joke gewesen. Vor allem aber, weil ich eigentlich ziemlich verknallt bin in die beste Steffi der Welt.
Wie ich so denk, steht Micky vor mir und hat den Kiefer runtergeklappt.
Ich sag: „Na, Fotzer, alles grete?“
Er lässt sich neben mich plumpsen und sieht aus, als hätt’ er ’n Gichtanfall oder ’ne Brom-Vergiftung.
„Ey, Scheiße, Wuttke, das is’ überhaupt nich’ abgefahren!"
„Was denn?"
„Ja das, Alter, was du hier gerade abgezogen hast!“
„Ey, Mick-Man, klär mich mal auf!“
Er schüttelt noch mal demonstrativ seine Rübe und meint dann: „Du machst mit der Thekenschlampe rum, obwohl du mit Steffi zusammen bis’.“
„Naja, Rummachen is’ wohl etwas übertrieben, Micky, oder? Wir sind sowas wie Kumpelinen, Buddys, und das war ’n platonisches Bussi. So phantastoplaste-mäßig“, erklär ich ihm.
„Ey, verarsch mich nich’. Ich seh doch, was hier am Laufen dran is’. Ich sag dir eins: Bring das in Ordnung, Wuttke!“
Eine von den anderen Theken-Torten kommt vorbei und drückt mir ’n aktuelles Stifts in die Hand. „Is’ von Keisha!“
Ich guck zum Tresen, wo Keisha grad Gläser trocknet und mir ’n zunickt, dann zu Micky, in dem seinem arktischen Husky-Blick ich grad das Wort „Mord“ les. Klar, ich wär vielleicht auch angepisst, wenn ich Keisha auf’m Plan gehabt hätte und er wär dazwischengekommen.
Aber, hey, ich hab nix gemacht!
„Ey, Alter, ich komm mir grad ’n bissi falsch wahrgenommen vor“, sag ich.
Er wiederholt sich: „Bring das in Ordnung, Wuttke!“
Ich saug die erste Pilshälfte weg, schließlich is’ Big Wutt jemand, der jedes Pils trinkt, was ihm in die Hand gedrückt wird. „Sag mal, Micky“, geh ich auf Angriff, „du nuckelst manchmal an drei Perlen gleichzeitig rum, ich glaub, das prädestiniert dich nich’ grad, mir moralische Tipps zu geben.“
Schrö stößt zu uns, mit so ’nem Gras-Grinsen wie Cheech oder Chong. „Entspannt mal, Boys, Beckmanns Zeug macht auch euch zum Honey-Cake-Horse!“
„Wuttke bescheißt Steffi!“, gibt Micky zu Protokoll.
„Ey, Wuttke, das is’ nicht cool, warum machste das? Das hat die Steffi echt nich’ verdient.“
Und Micky: „Wuttke, du musst das in Ordnung bringen, sonst ...“
„Was sonst? Rennst du zu Steffi und ihr redet mal so unter Frauen? Im Übrigen geht ihr beide mir grad extrem auf'n Piss!“, schmeiß ich in unsere Skatrunde, geh meine Karte bezahlen und dann ab durch die Mitte.

Ich hab extremen Minus-Bock auf heimische vier Wände, aber auch keinen Dröhn mehr auf irgendwelche Szeneschuppen. Und wie ich so über die Brückstraße pilger, zieht’s mich magnetisch in so ’ne miese Alkoholiker-Pinte, Hansa-Stübchen oder so. Am Tresen sitzen ’n paar 70er-Jahre-Relikte mit deutlichen Leber- und Blutdruckproblemen. Ich wechsel von Stifts zu Hansa - anderes Pils, gleiche Brauerei, geht schädeltechnisch also klar - , schmeiß was in den Spielautomaten und hock mich zu dem gelben Kollegen an die Theke. Der Typ quasselt gleich los, dass es keine Kultur mehr gibt. Ich nick und denk an Steffi und dass die ganze Keisha-Sache doch wohl extrem harmlos is’.
Mein neuer Freund erzählt von seinen Glanztagen im Bahnhofskino, wie er vom Kartenabreisser zum Filmvorführer aufgestiegen is’ und mit Oswald Kolle Klassiker wie „Unterm Dirndl rauscht die Isar“ nach Dortmund gebracht hat.
„Ja, coole Sache“, fertige ich ihn ab und geh zurück zum Rotamint-Automat, der gerade kräftig rappelt.
„Glück im Spiel, Pech im Schritt!“, rollt sich Zirrhose Nr.2 ab und Hypertonie daneben onduliert seine drei Brillantine-Strähnen neu über seiner Spiegelglatze.
Ey, ich krieg grad echt üble Paranoia, dass ich doch irgendwie Scheiße gebaut hab, dass ich meine Kackfresse hätte zurückziehen sollen und sagen: „Hey, Keish-Baby, danke für das Angebot, aber ich bin mit dem stärksten Girl des Universums zusammen und galaktisch verknallt in die.“ Andererseits, woher will Micky wissen, dass ich das nich’ gesagt hab? Und was mischt sich Schrö da überhaupt ein?
Der Rotamint rappelt nochmal und ich schlurf hin.
„Ey, du! Das is’ sich meine Kohle!", haut mich ’n Goldketten-Teenie-Bubi von der Seite an. Sein Kollege drängt sich vor und meint: „Ey, Alter, mein Cousin is’ Kalif Brückstraß...!“
Ich lass ihn nich' ausreden. „Hast du 'ne Freundin, Chief Master?“, interview ich den ersten.
„Was geht dich das an, Alter, ey, bis’ du schwul, oder was?“
Ich seh aus’m Augenwinkel, wie der Wirt ’n Basey unterm Tresen vorholt. Ich wink ab in seine Richtung und sag zu dem Mini-Talkmaster vor mir: „Ey, wenn du ’ne Freundin hast, dann nimm die Kohle hier und kauf ihr Blumen oder so, oder ’n Döner.“
Der Typ denkt ’n Moment nach und meint dann: „Ey, willst du mich verarschen?“
Ich sag: „Nee, echt nich’, aber so 'ne Beziehung, die muss gepflegt werden.“
Sein Kollega mischt sich ein: „Ey, Hippie, bis’ du Doktor Sommer oder auf Haschisch?“
Ich zieh meine Selbstverteidigungs-Fake-Kanüle aus meiner Jackentasche, die ich schön mit Blutresten präpariert hab, plöpp die Schutzhülle ab und sag: „Nee, hab aufgehört, seit ich positiv bin.“ Die beiden machen ’n Satz nach hinten und sind draußen.

Ich mach auch die Biege, eh die Großwesire vom Kalifen kommen. Und je weiter ich gen Hörde, also Richtung Dortmund-Süd, latsch, desto hochgeklappter sind die Bordsteine. Ich dreh mich nochmal um und seh dem ex-drehenden Fernsehturmcafe beim Nich’-Drehen zu. Ey, wenn ich mal Kohle hab, kauf ich’s und bring’s wieder in Gang.
Jede Wette, dass ich die Nacht nich’ pennen kann. Und jede Wette, dass mir Steffi nächste Woche an der Nase ansieht, dass ich ’n schlechtes Gewissen hab.
Irgendwer hupt neben mir. Ey, fuck, Keisha auf ihrer Vespa! Wie spät is’ es überhaupt?
„Komm hinten drauf!“
„Ey, nee, danke, lass mal“, sag ich und latsch weiter.
Sie klopft auf die Sitzbank. “Jetzt komm!“
Ich bleib stehen.
,Du musst das in Ordnung bringen, Wuttke!', hör ich Mickys Stimme als Flashback in meiner Rübe.

Letzte Aktualisierung: 25.11.2012 - 18.08 Uhr
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