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Stadtleben | November 2012
Landjäger
von Glädja Skriva

Wir waren Yuppies. Damals. Bis ... aber, wo fange ich am besten an? Nun, wir hatten ein Loft ‚Äď und einen Ehevertrag. Wenn wir abends auf der Dachterrasse standen, glitzerten die Sterne √ľber uns wie unsere selten genutzte Designerk√ľche (au√üer, wenn wir uns darin zum ‚ÄěJumping Dinner‚Äú mit Fremden trafen). Wir waren hoch genug, dass sich der Dreck der Stadt unter uns absenken und wir uns gleichzeitig von ihren aufsteigenden Abgasen berauschen lassen konnten. Alles war getaktet: Mein Eisprung ebenso wie Tills kostbar gehandelte Samenf√§den, die, punktgenau zum ehevertraglich bestimmten Zeitpunkt injiziert, zu einer Erfolgssteigerung von 200 Prozent f√ľhrten. Wir erwarteten Drillinge.

Just in diesem Moment √ľberfiel mich die Lust auf Landleben. Ich meine, nicht, weil es unbequem geworden w√§re, einen Drillingswagen zusammen mit einem knurrenden Stra√üenbahnfahrer in den Waggon zu bugsieren. Nein, unsere Tiefgarage h√§tte schlie√ülich auch √ľber einen Wendekreis f√ľr eine Stretchlimousine verf√ľgt, die problemlos mich mit Drillingskugel sowie das dazugeh√∂rige Equipement aufgenommen h√§tte ( mit so Kleinigkeiten wie sieben Kinderm√§dchen - drei f√ľr den Tag, drei f√ľr die Nacht und eine als Ersatz - sowie 24 auslaufsicheren Windelpaketen, drei Babywippen, Autositzen, Traget√ľchern, Wiegen, nicht zu vergessen mit deren individuellem Betthimmel, zweimal mit dem Motiv des kleinen, daumenlutschenden Mon Cheri und einmal mit einem bezaubernden, ganz in Rosa geh√ľllten Feen-Prinzesschen, das auf einem Einhorn durch die dunkle Nacht reitet). Nun, ich will Sie nicht mit weiteren Einzelheiten langweilen. Kurz gesagt, meine Sehnsucht nach dem Landleben wurde zu einem grassierenden Virus, der mit Tills Samenf√§den Einzug gehalten hatte und sich nun unwiederbringlich in meine, sich explosionsartig ausweitende Geb√§rmutter einnistete.

Ich sah es als Wink des Schicksals an, dass sich Till (nach R√ľckversicherung bei seinem Seniorchef) zu einer befristeten Verklausulierung unseres Ehevertrages hinrei√üen lie√ü, die da lautete: Drei Jahre Leben auf dem Lande. Schlie√ülich deckelt man herausschie√üendes Erd√∂l nur in der Gro√üstadt ab; auf dem Land kann es frei herausschie√üen und Till war sich sicher, dass sein Rohstoff einer der besten war. Deshalb verfrachtete er schlie√ülich mich und seine Kostbarkeiten wie rohe Eier nach Aglasterhausen, einem 200-Seelen-Dorf, eingebettet in ein wildromantisches Naturschutzgebiet, in dem man im Sommer nur die Grillen zirpen h√∂rte und Fuchs und Hase sich ansonsten eine Gute Nacht w√ľnschten. Meine Hormone hatten meinen Schalter auf friedlich und milde l√§chelnd umgelegt, ohne dass auch nur ein einziges Mal die Sicherung durchgeknallt w√§re. So quittierte ich es sogar mit einem L√§cheln, als m e i n Starfriseur ‚ÄěLulu‚Äú mich aus der Bestenliste seiner Busenfreundinnen bei Facebook strich. Was h√§tte er auch mit einer Fangemeinde von 200 Dorftrotteln anfangen sollen, die seinen neuesten Haircut mit den B√ľscheln eines minderwertigen Maiskolbens verglichen? Stattdessen kam Alma aus der Nachbarschaft. Postbotin, Kr√§uterfrau und ‚Äď Friseuse in einem. Sie drehte mein rotes Haar auf zischende Wickel, so, dass es wie ein Feuerball um meinen Kopf gl√ľhte, da, wo ‚ÄěLulu‚Äú es zuvor in kunstvoll gez√§hmten Tollen an meine Stirn geklebt hatte. Aber ich war zufrieden und schwenkte im Garten meine stetig wachsende Kugel √ľber meine selbstgezogenen Kr√§uter, die ich zum Mittagessen abzupfte wie Tills einzige Kopfschuppe, die ich morgens von seinem Nadelanzug schnippte, wenn er in die Stadt fuhr. In die weite, weite Welt hinaus.

Er dort. Ich hier. Ob es so weiterging? Vielleicht, wenn da nicht meine Br√ľste gewesen w√§ren. Sie hatten sich inzwischen zu zwei gro√üen Melonenschiffen entwickelt, um einmal drei Babys und einem erwachsenen Mann ausreichend Nahrung bieten zu k√∂nnen. Immer, wenn Till seinen Kopf dazwischen barg (er hatte als Kind seine Mutter entbehren m√ľssen), √ľberfielen mich L√ľste. Gro√üe L√ľste. Gel√ľste nach Landj√§gern. Sie kennen diese W√ľrste? √Ąhnlich einer Salami. Fett, sehr fett und hart m√ľssen sie sein. Wie Schuhleder. Und sie d√ľrfen niemals k√ľnstlich her√ľberkommen, schon gar nicht mit einer Pelle aus Plastik. Vielmehr m√ľssen sie riechen - nach Schwein. Nach purem, triefendem, fetten Schwein. Dann, erst dann war ich gl√ľcklich. Aber wie! Solche Landj√§ger gab es eigentlich nur bei Egon, dem Bauern vom Aussiedlerhof, ganz am Ende unseres Dorfes. Er schlachtete noch selbst, mit den Gummistiefeln in dicken, dunkelroten Blutgerinnseln stehend. Aber nun hatte der Ungl√ľckselige sich beim Holzmachen im Wald mit der Motors√§ge drei Zehen abges√§belt und lag jetzt ruhiggestellt im n√§chsten Kreiskrankenhaus und ich hatte alle 28, noch vorr√§tigen Restlandj√§ger (zwei pro Tag mussten es mindestens sein) bis zum letzten Happen verspeist.

Mir hing quasi der letzte Wurstzipfel noch aus dem Mund, als ich wieder grunzte. Laut. Sehr laut. Dieses Mal aus h√∂chster Verzweiflung. Es war Sonntag und Till lag zwischen meinen Br√ľsten (er lag immer nur sonntags zwischen meinen Br√ľsten) und eine neue Landj√§gerriege musste her. Dringend her! Ich dr√§ngte Till ins Auto. Er, die Haare verwuschelt, das Hemd noch aus der Hose, aber schon im Nadelstreifenanzug; ich, inzwischen so geschw√§cht, dass ich noch nicht einmal mehr seine Kopfschuppen zum Abschiedsgru√ü hinunterschnippen konnte. Till fuhr los, den schnellsten Weg zur Stadt durch das Naturschutzgebiet, √ľber die drei kleinen H√ľgel, die Schwarzwaldhochstra√üe hinunter, um den See herum (die Burg lie√ü er links liegen). Dann war er dort. In der Stadt. Nur, es war Sonntag und der K√ľbler in der Oststadt hatte zu, der, der die Landj√§ger mit der biologischen Pelle herstellte, die sich so schnell aufl√∂ste, dass sie in der Speiser√∂hre h√§ngenblieb. In der Weststadt allerdings waren die Duponts, ein Besitzerehepaar aus dem Elsa√ü, bereit, auch an diesen Tagen die heiligen Hallen zu √∂ffnen f√ľr 62,89 Euro pro Landj√§ger (aber war einem das nicht der zuk√ľnftige Akademikernachwuchs wert?). Allerdings versetzten sie ihre Landj√§ger mit exklusivem Tr√ľffel√∂l, das mich noch Stunden sp√§ter aufsto√üen lie√ü, weil meine drei kleinen Lieblinge in meinem Bauch daraufhin schmerzhaft Rock`n Roll miteinander tanzten und das erste Mal mein mildes L√§cheln seinen warmen Glanz verlor.

Ich war der Verzweiflung nahe bis, ja bis Till eines Sonntagmorgens eine neue Quelle auftat und ich geradezu s√ľchtig wurde nach diesen, und nur diesen, Landj√§gern. Alt, hart, abgehangen, stinkend ‚Äď mit so eigenwilligem Geschmack, dass ich ihn auch nach mehrmaligem Z√§hneputzen noch mit jeder einzelnen meiner Geschmacksknospen durchbuchstabieren konnte. Wenn mich die Gier nach diesen Landj√§gern √ľberfiel, holte Till eilends seine Limo aus der Garage, bevor meine Stimmung umschlagen konnte. Er b√ľndelte flugs seine Scheine im Portemonnaie und fuhr kurz darauf los durch das Naturschutzgebiet, √ľber die drei kleinen H√ľgel, die Schwarzwaldhochstra√üe hinunter, halb um den See herum (die Burg lie√ü er rechts liegen). Dann war er bei ‚ÄěErna‚Äú. Wie er mir mit zartem Timbre sp√§ter erkl√§rte, sei es ein kleiner Laden in der Stadtmitte, von dem er durch Zufall von einem Kollegen erfahren hatte. Nachdem ich mehr als zwei H√§nde voll von diesen Landj√§gern genossen hatte, wollte ich Erna danken f√ľr den Liebesdienst, den sie einer werdenden Mutter erwies. Ich pfl√ľckte Kr√§uter in meinem Garten, band daraus ein Str√§u√üchen und wollte es Till als Zeichen meiner Dankbarkeit f√ľr sie mitgeben, aber er lehnte ab. Erna w√ľrde nie etwas annehmen, meinte er bestimmend.

Von da an ging Till auf ‚ÄěLandj√§gertour‚Äú. Immer l√§nger. Immer √∂fter. Kam er fr√ľher bereits mittags davon zur√ľck, wurde es jetzt abends. Sp√§tabends. Der Geruch von Bier hing in seinen Kleidern.

Ich versuchte ihn zu halten, indem ich mir meine Lust auf diese Landj√§ger verbat ‚Äď und gleichzeitig bettelte ich darum, dass er sie endlich holen m√∂ge ...

* * * *


Wie lange ist das schon her? 10 Jahre? 15 Jahre? Die Drillinge sind jetzt bei Tills Schwester. Ich wohne wieder in einem Loft. Beim ‚ÄěJumping Dinner‚Äú kommen Fremde und gehen als solche. Ich schwebe √ľber der Stadt und bin doch auf einer Ebene mit ihr. Die Eisw√ľrfel klimpern in meinem Caipi. Ich lehne mich √ľber die Br√ľstung ‚Äď und beuge mich vor. Sehr weit vor. Die gegen√ľberliegenden Leuchtreklamen blinken her√ľber. Rot. Gelb. Grell. Ich kneife meine Augen zusammen und lese das erste Mal verschwommen den Namen ‚ÄěErna‚Äú. Es ist ein kleiner Ladenautomat an der Ecke, rund um die Uhr ge√∂ffnet, aus dessen F√§chern man alles ziehen kann, was man braucht, wenn sonst niemand mehr f√ľr einen da ist: Tempotaschent√ľcher, Chips, Kondome, Bier ‚Äď und, wie ich sp√§ter herausfinde, sogar Landj√§ger. Wenn man den Raum betritt, ist man alleine. Zerkn√ľllte Zigarettenschachteln sind in die Ecke gekickt. Hereinverirrte, nassklebrige Herbstbl√§tter machen den Boden rutschig. Von den bespr√ľhten W√§nden h√§ngen zerfetzte Poster, die irgendwelche Heimatabende ank√ľndigten und mit einem ungelenken ‚ÄěFuck‚Äú kommentiert wurden. Es riecht nach Pisse.

Wenn Sonntag ist, kommen sie, die Penner, die sich in die warme Schmuddelecke dr√ľcken ebenso wie Jugendliche, die vorgl√ľhen ‚Äď und M√§nner in feinen Nadelstreifenanz√ľgen, die sich ein Bier ziehen (oder auch drei). Erna tr√∂stet sie alle. Auch mit Landj√§gern. Alt, abgehangen, vergammelt, stinkend und - echt.

© P.S./Glädja Skriva/Nov.2012/Endversion

Letzte Aktualisierung: 18.11.2012 - 19.46 Uhr
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