Diese Seite jetzt drucken!

Stadtleben | November 2012

Der Sögelberg
von Robert Pfeffer

Verdammt ... mir fehlt Kaffeesahne. Der Weg in den Keller ist praktisch ne Tagesreise. Wer die Pulle Bier noch nicht raufgeholt oder das Päckchen Butter im Supermarkt vergessen hat, muss mit Zeit und Kräften haushalten. Denn wenn der Aufzug mal ausfällt, ist Keuchen angesagt. Zumindest für alle ab der Drei.

Auf der Vier A lebt die Mönkemeyer. Ich find den Weg dahin immer, aber die Wohnungsnummer? Vielleicht könnte man die Dinger auf die Klamotten nähen, dann wüsste man auch im Lift wenigstens ohne Gespräch, ob das ne Nachbarin ist, oder sie einem egal sein kann. In fünfzehn Jahren hier auf dem Sögelberg, wie unsere Betonpilze im Rest der Stadt heißen, lernt man nämlich, dass bei mehr als zwei Etagen Abstand die ganze Sache unübersichtlich wird. Von einem Schmitz, der etliche Wochen an seiner Wohnzimmerlampe hing, bevor sein Geruch unerträglich wurde, hab ich erst aus der Zeitung erfahren. Obwohl der nur drei Stockwerke über mir baumelte. Pardon ... wohnte.

Die Mönkemeyer geht einmal am Tag zu ihrer Schwester auf der Fünf C. Außer wenn der Fahrstuhl kaputt ist, dann muss sie zuhause bleiben. Schafft die Treppe einfach nicht mehr. Hat sie mir erzählt. Hab sie im Aufzug kennengelernt. Da sind ihr die Tomaten aus der Tasche gerutscht und ich bin draufgetreten. Die geplanten Spaghetti Napoli haben sich in meinem grobstolligen Profil erledigt. So kann man auch Freundschaft schließen. Ich bin erst kurz hoch zu mir auf die Neunzehn, anschließend gleich wieder runter in den Supermarkt und hab neue gekauft. Denn an dem Tag kam ausnahmsweise die Schwester zu Besuch und die Mönkemeyer war total aus der Fassung wegen der Tomaten. Seitdem trinken wir einmal die Woche Kaffee und sie plaudert. Ich hör zu. Irgendwie irre, was einem wichtig ist, wenn man achtundsiebzig ist. Da muss ich noch fuffzig Jahre Erinnerungen sammeln.

Andererseits brauch ich mir da keine Sorgen machen, da kommt da schon ne Menge zusammen. Erst letzten Monat hatten wir nebenan bei mir nen Polizeieinsatz. Ich denk ja oft, wie machen die das eigentlich bei „Gefahr im Verzug“ auf der Neunzehn? Bis die Bullen mit dem Aufzug oben sind, hat sich die Gefahr garantiert verzogen. Na, egal. Jedenfalls hat die Wollny aus 1904 die Ordnungsmacht rangeklingelt, weil der ihr Babyfone immer ausging. Die hat das Ding fast an die Wand geschmissen, bis ihr wohl aufgefallen ist, dass das jedes Mal den Geist aufgibt, wenn der Friebe aus der 1905 per Funk die Markise reinholt. Hab mit dem danach diskutiert, ob er das Teil nicht so programmieren kann, dass bei mir auf Knopfdruck Kaffeemaschine und Dusche gleichzeitig anspringen. Da meinte er bloß, für Science Fiction sei er nicht zuständig.

Seit die beiden mit den Bullen dann im Flur rumgebrüllt haben, denk ich über Funkwellen nach. Gut tausend Leute, praktisch alle ein Handy, drei Fernbedienungen und noch jede Menge andere Geräte ... da kommt schon was zusammen. Wie muss eigentlich für Außerirdische, die so ne Wellen blicken können, ein Haus wie unseres aus dem All aussehen? Bestimmt wie ein riesiger Schleimpilz, der überall seine Arme ausfährt. Mann, hier kriegste Fantasien ...

Die Leute kommen aber auch auf Scheißideen. Hab ich erst neulich vom Portier gehört, dass die Rottmanns von der Neun in ihrem Keller nen Bunker anlegen wollten. Ich mein, wie bescheuert kann man sein? In den Katakomben sieht‘s eh aus wie in ner Legebatterie, aus der sie alle Hühner entfernt haben. Oben drüber drei Milliarden Tonnen Beton ... und die überlegen, dass sie bei nem Luftangriff noch rasch mit dem Aufzug runter in ihren Bunker fahren. Sind letzte Woche wohl ausgezogen in ein Seniorenheim.

Überhaupt der Portier. Herr Schmiedeskamp. Der Kerl ist wie ne Zeitung auf zwei Beinen, die parallel verstopfte Klos wieder freikriegt. Hammer, der Typ. Hausmeister und Empfangsdame zugleich. Ich glaub ja, dass es irgendwo in Amerika ne Aufzuchtstation für so Multitalente gibt und die vermitteln die an Hochhäuser weltweit. Was der sich alles merken kann, das ist echt unglaublich. Und der ist nie krank! Nie! Darf er auch nicht sein. Falls der mal nicht unten zur Verfügung steht, gehen hier im Hochdorf ne Menge Leute richtig baden. Und das, wo wir nicht mal nen Pool im Keller haben.

Wen ich am meisten bewundere, das ist der Postbote. Macht man ja nicht, aber wenn der mit seinem großen Wagen vorfährt, sich vier Taschen umhängt und dann ne Dreiviertelstunde vor den Kästen sortiert, da könnt‘ ich täglich bei zugucken. Jeder Absender, der die Wohnungsnummer nicht in die Adresse geschrieben hat, bekommt einen persönlichen Fluch. Das nenn ich individuelle Bedienung. Fast schade, dass die das für ihre fünfundfünfzig Cent nicht mitbekommen. Einmal hab ich den Mann in Gelb und Blau gefragt, ob die die Absender eigentlich anschreiben, dass sie doch bitteschön die blöde Nummer dazuschreiben. Da meinte der, das sei total hoffnungslos. Die Leute machen eh, was sie wollen. Die einzige Konsequenz wär, dass die Post auf dem Sögelberg alle achtzehn Monate die Zusteller auswechselt, weil die das länger nicht aushalten. Werden dann regelmäßig in irgendeinen Villenbezirk versetzt, damit sie wieder auftanken können.

Als ich hier hergezogen bin, hab ich erst mal zugesehen, dass ich irgendwie Fuß fasse. So viele Leute und trotzdem so wenig Kontakt, das ist am Anfang ganz schön krass. Man braucht Zeit. Und Geduld. So Sachen wie das mit den Tomaten. Sonst spricht einen niemand an. Hab immer mal überlegt, ob ich der Peruzzi aus der Sieben B nicht mal ein Päckchen unter die High Heels schiebe. Quasi Tomaten am Spieß. Die ist vielleicht ein Feger. Aber kein Rankommen, das kann ich vergessen. Der Macker ist ungefähr drei Nummern breiter als ich und Streit mit so einem bringt nur Nachteile. Freu ich mich halt, wenn ich das Leckerchen ab und zu im Aufzug bewundern darf. Ich hab ja meine Frau Mönkemeyer, die ist wenigstens real.

Auch so manch andere Sachen sind total weit von meiner Vorstellungskraft weg. Mit dem Schmiedeskamp hatte ich mal ein Gespräch, das werd ich nie vergessen. Immer auf dem Lokus denk ich da dran. Er meinte, er hätte das mal ausgerechnet. Wenn jeder Mensch am Tag einen Haufen von 150 Gramm macht und im Schnitt 1,6 Liter pinkelt, dann haben wir bei tausend Personen ...

Das war gleich am Anfang meiner Zeit hier auf dem Sögelberg. Ich tippe, da nimmt sich der Schmiedeskamp auch extra vor, die Neuankömmlinge mit seiner Ausscheidungsstatistik zu schockieren. Ich weiß noch, wie ich nach zwei Wochen in meiner Bude saß, guck rüber in Richtung zum nächsten Haus und denk so: ist das jetzt dein Zuhause? Kann man dazu überhaupt Zuhause sagen? Aber die Frage stellt sich im Prinzip nicht. Was anderes ist unbezahlbar. Vielleicht treff ich ja später meinen Zusteller mal wieder, wenn ich im Villenbezirk wohne, keine Ahnung.

Kommt man von der City hier raus zum Sögelberg und guckt von fern auf die drei Betonpilze, wunder ich mich immer über die ganzen Satellitenschüsseln. Statt ein ordentliches Radioteleskop im Garten für alle, nein, muss jeder seine eigene haben. Das ist irgendwie auch nicht normal. Das Öl wird ja bald knapp. Ich stell mir vor, jeder hat dann seinen Einzel-Propeller auf dem Balkon und ne Solarzellenbatterie. Vielleicht setzen sie das Haus noch auf ne bewegliche Platte, damit sich das wie ne riesige Pflanze mit der Sonne drehen kann. Krass, oder? Wenn die Mönkemeyer mir beim Kaffee immer vom Krieg erzählt, frag ich mich, wovon ich später mal erzähl ...


(Version 2)

Letzte Aktualisierung: 19.11.2012 - 10.03 Uhr
Dieser Text enthlt 7529 Zeichen.


www.schreib-lust.de