'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
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Winterabend | Dezember 2012
Winterwunderland?
von Susanne Ruitenberg



»Mama, der Pilz klebt!«, kam ein verzweifelter Schrei aus Richtung des Kinderzimmers. Birgit, die gerade den Geschirrspüler belud, hielt inne, eine tropfende Kaffeetasse in der Hand, und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sie sollte die Klimaanlage stärker stellen, aber sie hatte sich noch immer nicht an diese künstliche Kälte gewöhnt.
»Menno!« Deutlich frustriert.
Aus Erfahrung kannte Birgit die Steigerungsform dieses Tones: Alina mit hochrotem Kopf, kreischend, sich auf dem Boden wälzend und mit ihren kleinen Fäusten die Dielen bearbeitend. Resigniert stellte sie die Tasse auf die Anrichte und beeilte sich, Stufe drei auf der Tobsuchtsskala zu verhindern.
Sie fand ihr Kind mit geballten Fäusten vor dem Adventskalender. Das einundzwanzigste Türchen stand offen, das Schokolädchen - in der Tat ein Pilz - befand sich noch darin.
»Was ist das Problem, mein Schatz?«
»Der Pilz klebt fest. Ich will ihn aber JETZT essen.«
»Mami holt ihn heraus.« Birgit nahm den Adventskalender von der Wand. Oma hatte das Teil verbotenerweise ins Land geschmuggelt, anscheinend sah sie selbst für die paranoiden Amis zu harmlos aus, als dass ihr Gepäck gefilzt würde - und versuchte, das pilzgeformte Täfelchen der ungenießbaren Schokolade herauszufischen. Warum ihre Tochter auf dieses pappige Zeug stand, obwohl sie sonst nur Bitterschokolade mochte, würde ihr immer ein Rätsel bleiben.
Nichts. Es klemmte tatsächlich. »Warte, ich hole ein Messer aus der Küche.«
Damit bekam sie das Ding zwar heraus, aber in zwei Hälften.
»Du hast ihn kaputt gemacht!«, kreischte Alina.
»Der schmeckt noch genau so wie vorher.«
Ihre Tochter riss ihr die beiden Stücke aus der Hand, stopfte sie sich in den Mund. »Gar nicht«, nuschelte sie an der klebrigen Schokolade vorbei.
Birgit strich ihr über den Kopf. »Das kommt von der Hitze, Schatz. Warum hast du den Kalender auch gestern auf die Terrasse getragen?«
»Ich musste ihn doch Amy zeigen. Die weiß gar nicht, was das ist.«
»Aber guck mal, draußen ist es so warm. Lass ihn lieber hier hängen. In drei Tagen ist Weihnachten.« Bei diesen Worten blickte sie aus dem Fenster, direkt auf den Vorgarten. Steine, Kakteen, noch mehr Steine, und darüber ein unerbittlich blauer Himmel, den seit Monaten keine Wolke getrübt hatte. Ihre Nachbarn gegenüber, die Gradys, hatten vor vier Wochen schon ihre komplette Deko angebracht. Inklusive blinkender Lichterketten in allen Varianten. Energie sparen? Wozu, dafür waren andere Länder zuständig.
Ein riesiges Banner mit »Merry Christmas« zog sich über die gesamte Häuserbreite. Die heiligen drei Könige pilgerten zwischen zwei großen Findlingen Richtung Garage, an der zwei Santas rechts und links des Tores hochkletterten. Auf dem Dach derselben befand sich ein Schlitten mit Rentieren, nachts beleuchtet. Am obligatorischen Fahnenmast mit dem Star Spangled Banner kletterten ebenfalls drei Santas hoch. Die Krönung jedoch, darin waren sich Birgit und Gerd einig, stellten die Nikolausmützen auf den Kakteen dar. Auf jedem einzelnen Arm derselben. Ja, Weihnachten in Arizona, das erreichte ungeahnte Dimensionen und ...
»Aber Mama!«
»Was, mein Schatz?«
»Wie soll mich das Christkind denn finden? Ich bin doch gar nicht zu Hause?«
Birgit unterdrückte ein Kichern. Sie kniete sich vor ihre Tochter. »Wir sind jetzt hier zu Hause, wegen Papas Arbeit, das weißt du doch. Außerdem, das Christkind besucht jedes Kind in jedem Land, Schatz.«
»Auch in Arri-tsona?«
»Auch in Arizona. Wir haben ihm vorher gesagt, wo wir hinziehen.«
»Aber draußen sieht es gar nicht aus wie Weihnachten. Da ist immer nur Sommer.«
Andere Leute bezahlen dafür viel Geld, Kind, dachte sie. Wie sollte sie ihrer Tochter das erklären? Sie deutete zum Fenster. »Guck doch da gegenüber, bei Amys Eltern. Da ist ganz viel Weihnachten.«
Alina verzog das Gesicht. »Kein Schnee. Und kein Weihnachtsmarkt mit heißem Kaukau. Und überhaupt.«
»Dafür kannst du jeden Tag draußen Rollschuhfahren, ist das nichts?«
In dem Moment wurde die Haustür aufgeschlossen.
»Papa!« Alina schoss davon.
Gutes Timing, dachte Birgit. Diese Diskussion fing gerade an auszuarten.

Am Abend, als Alina endlich im Bett war, legte Gerd sein iPad beiseite. »Ich habe heute übrigens einen Baum aufgetrieben. Allerdings einen künstlichen. Echte in diesem Klima ...«
»Ja, der würde schon zwischen Auto und Haus aus purer Verzweiflung seine Nadeln in alle Richtungen abwerfen. Kann ich ihn sehen?«
»Klar, komm mit.«
In der Garage, versteckt hinter einem Regal mit diversen Gerätschaften, stand es, das Bäumchen. Es mochte einen Meter hoch sein. Die künstlichen Tannennadeln glänzten weißlich pink.
»Es gab leider nichts Grünes.«
»Aua! Alina wird toben.« Sie erzählte von dem Missgeschick mit dem Kalender und Alinas Sorge, das Christkind würde sie nicht finden.«
Gerd prustete los. »Kinder!«
Hand in Hand schlenderten sie auf die Terrasse. Bunte Lichterketten zierten das Wohnzimmerfenster, die Dachkante und die Eingangstür. Alina hatte darauf bestanden. »Ich kann nicht als einzigstes Kind keine Lichter am Haus haben, Papa.« Papa, gehorsam, hatte am nächsten Tag auf der Leiter balancierend die verlangte Dekoration angebracht. »Schließlich haben wir sie auch aus ihrer gewohnten Umgebung gerissen, da muss man zu Konzessionen bereit sein«, hatte er vorgebracht, als Birgit ihm den Stromverbrauch ausrechnen wollte.
Mit zwei Gläsern eisgekühlten Chardonnay setzten sie sich auf die Terrasse. Birgit sah nach oben. Diamanten gleich, funkelten unzählige Sterne am samtschwarzen Himmel. Bei den Nachbarn öffnete sich die Haustür. Bill, der den Müll heraus trug. Er sah sie und winkte, kam herübergeschlendert in seinen abgeschnittenen Jeans und Sneakers.
»Hi, neighbors. Care for a pre-Christmas barbeque tomorrow?«
Birgit und Gerd sahen sich an. Ein vorweihnachtliches Grillen, bei Nachbars morgen? Warum nicht? Sie sagten zu.
»Heute hatte ich übrigens eine Mail von den Kollegen daheim.«
»Ach ja? Was gibt es Neues?«
»Es hat so stark geschneit, dass kein Bus und kein Zug fuhr. Die Autos blieben stecken. Die Hälfte der Belegschaft kam nicht zur Arbeit. Die andere Hälfte kam zwar hin, aber nicht weg. Sie mussten in der Firma übernachten.«
Birgit betrachtete die blinkende Deko gegenüber. Die Vorstellung von Schnee war etwa so weit entfernt wie der Mond.
»Auf einen gemütlichen Winterabend.« Sie prostete Gerd zu, stellte ihr Glas ab, nahm Anlauf und sprang in den Pool.


©Susanne Ruitenberg
Version 2

Letzte Aktualisierung: 27.12.2012 - 14.00 Uhr
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