Ganz schön bissig ...
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Winterabend | Dezember 2012
... bis der Arzt kommt (YROTS SAMX)
von Helga Rougui

Eine Praktikantin bringt sie hinunter, erst zur Sono und dann zur CT. Der Rollstuhl weigert sich beharrlich, geradeaus zu fahren, aber dem jungen Mädchen macht das nichts aus. Sie gibt launige Kommentare ab, versteht die Kreuz- und Querfahrt als persönliche Herausforderung, während die Patientin peinlich berührt versucht, eine unbeteiligte Miene aufzusetzen. Vermutlich ist ihr Übergewicht daran schuld, daß das Gefährt nicht die Spur hält. Falls nicht, so werden das zumindest alle denken. (Denkt sie.) Was aber eher egal ist, angesichts der Gesamtsituation.
Sie wird vor der Tür zur Sono abgestellt. Ein trockenes Husten, das von innen ertönt, weist darauf hin, daß die Kabine besetzt ist. Später bringt sie der Oberarzt persönlich um die Ecke; zur nächsten Station, der CT, sind es nur ein paar Meter. Ein junger Assistenzarzt klärt sie über sämtliche möglichen Folgen der Untersuchung auf. Unter anderem erfährt sie, daß bei schwerer allergischer Reaktion auf das Kontrastmittel ein Rettungstrupp innerhalb von 60 bis 90 Sekunden am Ort zum Einsatz kommt. Fast enttäuschend ist es, daß sie anschließend von der Ausbreitung des Mittels in ihrem Körper kaum etwas merkt – außer einer blitzartigen Erwärmung ihrer unteren Extremitäten, die in Sekundenschnelle verfliegt.

Wieder zurück im Krankenzimmer wartet sie auf die Visite, die aber nicht kommt. Gegen Abend wird ihr klar, daß sie sie wegen ihres vormittäglichen Ausflugs verpaßt hat.

Am nächsten Morgen erscheint der Stationsarzt dafür gegen acht Uhr, allerdings ohne Ergebnisse: Die gestrige Untersuchung werde im Laufe des Tages in der Besprechung Thema sein. Sobald man mehr wisse, werde sie es erfahren.

Die Putzfrau tritt auf, leert die Abfallbehälter, wischt sorgfältig um ein Gehwägelchen herum. Die Patientin hebt die Füße, als der Mopp sich ihrem Stuhl nähert. In der Tür treffen der Reinigungsmittelwagen und die rollende Anstaltsbibliothek aufeinander. Die Bettnachbarin gibt ihre Bücher zurück und leiht keine neuen aus. Es lohnt sich nicht, sie wird morgen früh entlassen. Eins behält sie, das sie in der Nacht bis halb ein Uhr morgens zu Ende lesen wird. Die Patientin ist noch ausreichend mit Lesestoff versorgt.

Auch nach Mittag vergeht die Zeit, der Raum ein eingefrorenes Standbild, ereignislos, ohne Ton, bis auf das leichte Gurgeln des Sauerstoffapparats am Nebenbett.

Die letzte Stunde vor dem Abendessen ist am schwersten auszuhalten. Da ist der Hunger schon so groß, daß die Patientin bedauert, sich nicht auch einen Keksvorrat angelegt zu haben.

Am Morgen hat es angefangen zu schneien, unaufhörlich bis in den Abend hinein. Nun leuchtet der Schnee in der anbrechenden Dunkelheit, lastet auf den Tannen, und was gestern grüner Rasen war, verbirgt sich unter einer frischen, kalten Decke, unberührtes Weiß, keine Wege, keine Spuren, makellos.

In der Schwärze der Nacht spiegelt sich das Zimmer in der Fensterscheibe.
Ein bequemes Niederflurbett, Kopf- und Fußteil elektrisch höhenverstellbar.
Ein Fernseher, hoch oben in der Zimmerecke festgeschraubt.
Ströme von Mineralwasser, kostenlos.
Zwei ungelesene Bücher, die die Phantasie fesseln, die Gedanken beschäftigen werden.

Die Tür öffnet sich. Endlich.

Das Abendessen.

Die Patientin hebt den Deckel von der Suppenschale, die Nudelbuchstaben auf der kürbisfarbenen Flüssigkeit formieren sich unbeholfen zu einem Wort - E M O H – emoh??

H A!

E M O H!!

Y A K O!!

Nur noch ein wenig Geduld.
Kein leichtes Spiel, angesichts der Gesamtsituation.

Aber Weihnachten will sie, wird sie zu Hause sein.

Letzte Aktualisierung: 22.12.2012 - 18.05 Uhr
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