'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Winterabend | Dezember 2012
Baumschmuck
von Karl-Otto Kaminski

„Wann kaufst du endlich einen neuen Christbaumständer? Jedes Jahr am Heiligen Abend das gleiche Theater.“ Bernd drehte sich um und sah Petra von unten her an. Er lag schwitzend auf den Knien und versuchte zum wiederholten Male vergebens, die Fichte in die gewünschte senkrechte Position zu bekommen.
„Der alte tut’s doch noch“, behauptete er matt. „Ein neuer ist auch nicht besser, technisch gesehen. Aber der verdammte Baum will nicht. Wie ich ihn auch festschraube, er kippt immer aus dem rechten Winkel.“
„Dann dreh ihn doch um, Rückseite nach vorn, vielleicht klappt’s dann.“
„Das geht nicht.“
„Warum geht das nicht? Du kannst den Baum doch einfach etwas umdrehen. Vielleicht hält der Ständer ihn dann. Kommt eben die andere Seite nach vorne. Ist doch egal.“ Petra schüttelte verständnislos den Kopf. Und dieser Mann behauptete, Ingenieur zu sein! Dem Ingenieur ist nichts zu schwer? Von wegen!
„Das geht schon deshalb nicht“, wandte Bernd ein, „weil der Baum von der anderen Seite ein wenig platt ist.“
„Wie bitte? Platt?“ Seine Frau stemmte die Fäuste in die Seiten. „Bist du nicht imstande, einen geraden Weihnachtsbaum zu kaufen? Das sieht man doch auf den ersten Blick, wenn ein Baum schief gewachsen ist.“
„Das habe ich ja auch gesehen“, antwortete ihr Mann und erhob sich mit steifen Knien. „Er ist eigentlich gar nicht schief, hat rückwärts auch genügend Äste, aber die stehen einfach zu steil nach oben. Und der Händler behauptete, das käme nur vom Transport und würde sich in wenigen Stunden von allein geben.“
„Und? Hat es sich gegeben?“ Petra zog geringschätzig den linken Mundwinkel nach unten. „Natürlich nicht! Und so eine Krüppelkiefer lässt du dir andrehen?“
„Na, zurückgeben kann ich sie ja nun nicht mehr. War sowieso eines der letzten Exemplare auf dem Markt. Der Mann ist längst weg, zurück in seine Wälder oder sonst wohin.“
Missmutig ging Bernd wieder in die Hocke, ruckelte am Baum, dass ein paar Nadeln auf den Teppich rieselten, drehte verzweifelt an den Schrauben. Plötzlich stand die Fichte wie eine Eins. Auch Petra hatte jetzt nichts mehr daran auszusetzen.
„Dem Ingenieur …“, begann ihr Mann.
„Erspar mir den faden Spruch!“, unterbrach sie ihn. „Du weißt ja selbst nicht, wieso der Baum jetzt richtig steht. Hol lieber den Schmuck vom Dachboden.“
„Mach ich.“ Bernd stand auf und marschierte brav die Treppe hoch ins Obergeschoss, zog mit dem Hakenstab die Leiter herunter und krabbelte durch die enge Luke in den Spitzboden. Dort stand ein ausgedienter Pappkarton, in dem Kugeln und Lametta, Rauschgoldengel und Silbersterne aufbewahrt wurden. Vorsichtig trug er den Pappbehälter nach unten ins Wohnzimmer.
„Hast du die Kerzen und Halter auch mit runter gebracht?“, wollte Petra wissen.
„Nee“, gab ihr Mann zurück. „Kann doch durch die enge Luke immer nur mit einem Karton.“ Darauf stieg er noch einmal hoch, um die kleine Kiste mit den uralten Kerzenhaltern zu holen, die mit den kleinen Tannenzapfen aus Blei unten dran. Bernd öffnete vorsichtshalber den Kasten und schaute hinein. Es waren zum Glück noch Kerzen drin, vom letzten Jahr. Einige davon hatten allerdings schon mindestens einmal geleuchtet. Aber das machte ja nichts. Er stieg wieder hinab und schloss die Luke zum Spitzboden.
Auf halber Treppe erschreckte ihn ein irrer Schrei aus dem Erdgeschoss.
„Petra!“, schrie Bernd, „was ist los? Was ist passiert?“ Er hastete die letzten Stufen hinunter, bekam keine Antwort. Was war da unten geschehen? Hatte seine Frau sich verletzt? War sie gestürzt?
Atemlos stolperte er ins Wohnzimmer. Offenbar war ihr nichts Schlimmes passiert. Sie stand mit zusammen gekniffenen Lippen vor dem geöffneten Weihnachtsschmuckkarton, die Fäuste in die Hüften gestemmt.
„Sag mir, dass das nicht wahr ist!“ Petras Stimme bewegte sich klanglich irgendwo zwischen Reibeisen und Rasiermesser.
„Was ist denn los?“, wollte ihr Mann wissen. „Warum schreist du denn, als wenn du einen Unfall hättest oder das Haus abbrennt?“
Der normalerweise eher zarte Zeigefinger seiner Frau deutete jetzt wie ein drohender Pfeil auf den geöffneten Pappbehälter. Bernd ging begriffsstutzig zwei Schritte darauf zu und erschrak. In Watte und Luftpolsterfolie gebettet, leuchteten darin, in mehreren Lagen übereinander, etwa fünfzig bunt bemalte Ostereier.
„Um Himmels Willen!“, entfuhr es ihm.
„Ja: Um Himmels Willen!“, äffte Petra nach. „Ist das alles, was dir dazu einfällt? Du Tropf! Du dämlicher technischer Versager! Du Nulpe! Du …“ Sie setzte sich erschöpft auf einen Sessel und sah ihren Mann verzweifelt an.
„Ach du mein lieber, mein Vater!“, stieß der völlig verstört hervor „Dann habe ich wohl im Herbst statt der ollen Osterkiste, die wir nie wieder benutzen wollten, die mit den Weihnachtsutensilien entsorgt.“
„Scheint so“, gab Petra knapp zur Antwort. Die senkrechte Falte auf ihrer Stirn vertiefte sich.
„Und du weißt, dass Mama uns in etwa anderthalb Stunden besuchen wird. Sie wird am Heiligen Abend einen vollendet geschmückten Weihnachtsbaum sehen wollen. Du kennst sie doch.“
„Um Himmels Willen!“, stöhnte Bernd noch einmal. „Ja, was machen wir denn nun? Selbst wenn in der Stadt jetzt noch ein Laden offen wäre, wo man Weihnachtsbaumschmuck kaufen kann, würde ich das in der kurzen Zeit doch nie schaffen.“ Er sah seine Frau flehend an. Heiliger Abend, die Schwiegermutter ante portas und dann kein ordentlich geschmückter Weihnachtsbaum, das war eine Katastrophe!
„Du hast unsere schönen Kugeln und Rauschgoldengel entsorgt. Nun lass dir mal rasch was einfallen!“, forderte Petra. „Du behauptest doch immer, Ingenieure seien Pragmatiker. Heute kannst du deine Fähigkeiten endlich beweisen. Ich kann dir nicht helfen. Habe noch reichlich zu tun.“ Damit erhob sie sich entschlossen und eilte in die Küche.
Von den letzten Sätzen fühlte Bernd sich in seiner Berufsehre getroffen. Es musste einen Ausweg geben aus dieser peinlichen Situation. Er dachte eine Weile konzentriert nach. Dann entspannte ein spitzbübisches Lächeln sein verzweifeltes Gesicht. Er schritt zur Tat.
Nach etwa zwanzig Minuten hielt es Petra nicht mehr in der Küche aus. Mit einem lustigen Fleckchen Mehlstaub auf der Nase öffnete sie vorsichtig die Tür und schaute durch den Spalt ins Wohnzimmer.
„Wie weit bist du gekommen?“, wollte sie fragen, aber der Anblick, der sich ihr bot, verschlug ihr die Rede. Ungläubig riss sie die Augen auf und sah eine bizarr geschmückte Fichte. An den grünbenadelten Ästen baumelten bunte Eier. Bernd hatte allerdings die mit den neutralsten Motiven gewählt, nicht mit typischen Osterbildern. Auf den Zweigen, neben den Kerzen, saßen niedliche gelbe Plüschküken, die sich offenbar auch noch in dem Osterkarton befunden hatten. Das Ganze sah einem klassischen Weihnachtsbaum zwar überhaupt nicht ähnlich, aber es hatte was, fand Petra gegen ihren Willen. Es wirkte so fröhlich.
„Ich werde deiner Mutter erklären“, sagte Bernd, „dass es sich ja heute schließlich um eine Geburtstagsfeier handelt. Und dass dieser Baumschmuck dem Grundgedanken eines Wiegenfestes doch viel näher kommt als traditionelle Kugeln und Lametta. Eier und junge Küken waren und sind doch immer Zeichen neuen Lebens, oder?“ Er sah seine Frau fragend an. Petra wiegte bedenklich den Kopf: „Das scheint mir ein wenig weit hergeholt. Hoffen wir, dass meine Mutter deiner Argumentation folgen kann und mich nicht auf der Stelle enterbt.“
Da schellte es schon an der Haustür. Der mit banger Spannung erwartete Besuch war da. Jetzt wurde es ernst. Die alte Dame setzte im Flur zwei Tragetaschen ab, vermutlich mit Geschenken, hauchte Tochter und Schwiegersohn rasch ein paar Begrüßungsküsschen auf die Wangen. Dann rauschte sie aber auch schon ins Wohnzimmer. Die beiden Gastgeber folgten zögernd. Erleichtert hörten sie von drinnen den begeisterten Schrei: „Ach, wie niedlich!“

Letzte Aktualisierung: 18.12.2012 - 08.36 Uhr
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