Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere K├Âstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Winterabend | Dezember 2012
Rat Pack
von Jochen Ruscheweyh

Jonathan sah Maria Jaramago am Fenster stehen, wie jeden Abend, wenn er in die Stra├če einbog und seinen Wagen in einer der wei├čumrandeten Parkboxen abstellte. Er bem├╝hte sich immer, schnell in seine Wohnung zu kommen. An manchen Tagen, wenn er vermutete, dass Maria ihn vielleicht auf der Treppe abfangen k├Ânnte, nahm er nicht einmal die Post aus dem Briefkasten. Denn das h├Ątte bedeutet, mehr Zeit als unbedingt notwendig im Hausflur verbringen zu m├╝ssen. Die Erinnerung, an das eine Mal, Anfang letzten Jahres, hing immer noch wie ein Pendel ├╝ber ihm, dass sich jeden Moment zu n├Ąhern drohte.
Auch an diesem Abend atmete er auf, als ihn die vertraute Atmosph├Ąre seiner Wohnung umfing und er die Sicherungskette vorlegen konnte. Diese f├╝nfundsechzig Quadratmeter waren der einzige Platz, an dem Jonathan sich wirklich sicher f├╝hlte. Er musste nicht ans Telefon gehen. Er brauchte keine Sorge zu haben, beobachtet zu werden, weil er seine Jalousien so gut wie nie hochzog. Und es gab keine Gespr├Ąche, denen er zu folgen hatte, keine Gespr├Ąchspartner, auf die er sich einstellen musste, einfach nur Ruhe. Bisher zumindest.
Doch seit ein paar Tagen vernahm er dieses Kratzen in seinem Wohnzimmer. Jonathan wusste nicht genau, wo es herkam. Immer wenn er glaubte, die Stelle lokalisiert zu haben, erstarben die Ger├Ąusche. Auf jeden Fall mussten sie aus dem Holzfu├čboden kommen oder vielmehr von darunter. Au├čerdem hatte er seit einiger Zeit das Gef├╝hl, ein strenger Geruch wie nach sauren Nierchen mache sich in seinem Wohnzimmer breit.
Zuerst hatte Jonathan vermutet, sein Weihnachtsbaum sei mit einer Chemikalie behandelt worden und d├╝nste diese nun bei Zimmertemperatur aus. Nachdem er jedoch an s├Ąmtlichen Astgabelungen, in der Krone und am Stiel des Baumes geschn├╝ffelt hatte, war er ├╝berzeugt, dass der Grund f├╝r den Geruch nicht in diesem Baum liegen konnte.
Jonathan hatte sich gerade mit einem Glas Saft in seinen Sessel gesetzt, als es wieder begann. Diesmal relativ eindeutig, zwischen der vierten und f├╝nften Sparre. Er sp├╝rte, wie die Mischung aus Wut, Frustration und Angst davor, was dort unter den Dielen geschah, ihn zu einer Verzweiflungstat trieb, aber er konnte sich einfach nicht dagegen wehren, den Handbohrer zu holen.
Als das Loch gro├č genug war, f├╝hrte er ein S├Ągeblatt ein und trennte die Diele in der Mitte in zwei H├Ąlften. Dann nahm er eine Taschenlampe zur Hand. Wieder erklang das Kratzen. Sein Puls klopfte wild hinter seinen Schl├Ąfen. Aber, was auch immer er finden w├╝rde, es w├Ąre allemal nicht so schlimm, wie den ganzen Abend keine Ruhe zu bekommen. Denn er brauchte Ruhe, sonst w├╝rde er den n├Ąchsten Tag auf der Arbeit nicht durchstehen, die Blicke, die Fragen, die N├Ąhe seiner Kollegen nicht ertragen k├Ânnen.
Jonathan holte Luft und bog das hintere St├╝ck der Diele hoch. Sp├Ąne splitterten ab. Jonathan ging auf die Knie, beugte sich vorsichtig hinab und leuchtete mit seiner Lampe zwischen Diele und F├╝llsch├╝ttung. Weit hinten, wo die Hauswand eine nat├╝rliche Barriere bildete, sah er zwei rote Augen funkeln.
Augenblicklich presste Jonathan die Diele wieder in ihre urspr├╝ngliche Lage zur├╝ck.
Eine Ratte! Kein Zweifel. Wahrscheinlich war sie durch einen Spalt geschl├╝pft und hatte mittlerweile soviel D├Ąmmmaterial gefressen, dass sie nicht wieder hindurch zur├╝ckpasste. Er erinnerte sich daran, wie sein Vater, der wie alle M├Ąnner in ihrer Familie ebenfalls Jonathan hie├č, im Gegensatz zu ihm aber auf einem Bauernhof gro├č geworden war, von den furchtbaren Lauten erz├Ąhlt hatte, die Ratten abgaben, wenn sie verendeten, die - so hatte sein Vater gesagt - wie das Schreien von Babys klangen. Niemals w├╝rde Jonathan das aushalten, also konnte er die Ratte nicht unter den Dielen sterben lassen.
Ein Kammerj├Ąger! Aber der w├╝rde nicht nur die Ratte fangen, sondern mit Sicherheit darauf bestehen, die Wohnung auszur├Ąuchern. Das bedeutete, dass Jonathan in ein Hotel ziehen und sich Fremden aussetzen musste, die seine R├Ąume betraten, wenn er nicht da war, oder die anklopften und ihn Dinge fragen wollten. Nein.
In der K├╝che goss er sich ein neues Glas Saft ein und trank es in einem Schluck herunter. Dann sch├╝ttelte er den Kopf und sagte: ÔÇ×Es bleibt wohl nichts anderes ├╝brig, die Ratte wird ├╝berleben m├╝ssen.ÔÇť

Bevor Jonathan schlafen ging, ├Âffnete er den Holzboden noch einmal, legte eine Scheibe Brot auf die D├Ąmmsch├╝ttung, streute ein paar Haferflocken dazu, klappte die Diele wieder herunter und sicherte die Stelle, indem er seinen Handwerkskasten darauf stellte. Das w├╝rde ihm zumindest einen Tag Luft zum Nachdenken verschaffen.



Als er am n├Ąchsten Abend in die Stra├če einbog, beschloss er, nach Weihnachten seinen Impfschutz auffrischen zu lassen. Denn, dass Ratten Krankheiten ├╝bertrugen, war ja gemeinhin bekannt. Ob Maria Jaramago eine Vorstellung davon hatte, wer oder was dort ├╝ber ihr in der Zwischendecke lebte? Einen unbedachten Moment schaute er zu ihrem Fenster hinauf. Sie deutete das wohl als Zeichen und hob die Hand wie zu einem Gru├č. Daraufhin beschleunigte er seine Schritte.
Das Pulsieren in seinem Kopf lie├č erst nach, als er die Wohnungst├╝r hinter sich geschlossen hatte. Jonathan ging direkt in die K├╝che, goss sich ein Glas Saft ein und trank es in einem Schluck herunter. Dann griff er nach seiner Taschenlampe.
Als er die Diele ein St├╝ck hochnahm, um nachzusehen, ob die Ratte gefressen hatte, schoss pl├Âtzlich etwas an ihm vorbei und gab dabei fiepende Laute von sich. Jonathan sprang auf und st├╝rzte aus dem Wohnzimmer.
Erst nach einigen Minuten brachte er den Mut auf, die wieder T├╝r einen Spalt zu ├Âffnen. Eine Ratte unter den Dielen zu wissen, war eine Sache, freilaufend in seinem Wohnzimmer definitiv eine andere.
Er lie├č seinen Blick durch das Zimmer wandern, ├╝ber die Couch, unter dem Fernsehtisch entlang bis hin zu den Vorh├Ąngen und der Nordmanntanne.
Wie ein Vogel hockte die Ratte auf dem Rand des Christbaumst├Ąnders und trank aus dem Wasserreservoir. Sicher, man verdurstete eher als dass man verhungerte. Daran hatte er ├╝berhaupt nicht gedacht.
Die schl├╝rfende Ratte erschien ihm riesig. Fast so gro├č wie ein Meerschweinchen. Er sch├╝ttelte sich, sp├╝rte wie sich die feinen H├Ąrchen an seinen Armen und Beinen aufstellten. Aber es half nichts. Sie mussten sich aneinander gew├Âhnen; jetzt, da sie offiziell ihre Behausung unter den Dielen verlassen hatte. Also holte er noch zwei Scheiben Brot aus der K├╝che, warf diese ins Wohnzimmer und verriegelte die T├╝r. Dann legte sich Jonathan schlafen.



Am n├Ąchsten Morgen fr├╝hst├╝ckte er in der K├╝che statt im Wohnzimmer, streute Haferflocken in eine Sch├╝ssel und br├Âselte ein paar Kekse dazu. Er sperrte die Wohnzimmert├╝r auf, stellte rasch die Sch├╝ssel hinein und verschloss die T├╝r wieder. Dann fuhr Jonathan zur Arbeit.



Als er am Abend in die Stra├če einbog, sah er, dass Maria Jaramago ihr Fenster dekoriert hatte. Im Gegensatz zu den anderen wild blinkenden Ketten strahlte ihr Fenster eine gewisse Ruhe aus. Das gefiel Jonathan und er blieb einen Moment stehen und blickte hinauf, nachdem er sein Auto abgeschlossen hatte, da Maria nicht zu sehen war.
Ob sie auch einen Weihnachtsbaum hatte? Wahrscheinlich nicht, schlie├člich war sie alleinstehend. Andererseits hatte ihn dieser Umstand auch nicht davon abgehalten, einen zu kaufen.
ÔÇ×Hola!ÔÇť, holte ihn Marias Stimme aus seinen Gedanken.
ÔÇ×Guten AbendÔÇť, murmelte er und hastete zur Haust├╝r. Statt darauf zu warten, bis sie von den M├╝lltonnen zur├╝ckkam, klemmte er den Holzkeil zwischen T├╝r und Rahmen. Auf dem Weg nach oben k├Ąmpfte er gegen das Gef├╝hl an, ohnm├Ąchtig zu werden.

ÔÇÜIn SicherheitÔÇÖ, dachte Jonathan, und goss sich ein Glas Saft ein. Und dann: ÔÇÜIch muss mit jemandem dar├╝ber reden, sonst werde ich wahnsinnig.ÔÇÖ Er kniff die Augen zusammen, biss sich auf die Unterlippe und schlug sich mehrmals gegen die Stirn. Dann ├Âffnete er die Wohnzimmert├╝r und setzte sich in seinen Sessel.
Die Ratte hockte in der gegen├╝berliegenden Ecke und sah ihn an. ÔÇ×H├Âr zuÔÇť, begann Jonathan, ÔÇ×wir zwei befinden uns in dieser Lage hier und ich denke, es wird langsam Zeit, dass wir uns n├Ąher kennenlernen. Zu diesem Zweck werde ich dich Franklyn nennen. Also, Franklyn, ich bin Jonathan und ich leide an einer Sozialphobie.ÔÇť

Nachdem Jonathan zwei Stunden lang geredet hatte, f├╝hlte er sich so gut, wie schon lange nicht mehr. Er machte der Ratte noch einen Teller f├╝r die Nacht fertig und ging schlafen.



Etwas quiekte. Sein Wecker zeigte f├╝nf Uhr drei├čig. Da es ohnehin Zeit zum Aufstehen war, schaltete er seine Nachtischlampe ein. Direkt vor ihm auf der Kommode sa├č die Ratte und schaute ihn an. Jonathan erstarrte. Er hatte vergessen, die Wohnzimmert├╝r zu schlie├čen! Was war, wenn sie ihn nun ansprang, sich in seinem Gesicht verbiss, ihn entstellte?
Er musste seinen Atem unter Kontrolle bringen. Die Ratte setzte sich auf die Hinterbeine und begann sich zu putzen, strich ├╝ber ihre Tasthaare und ihre Ohren, kratzte sich an den Flanken und schlug schlie├člich zweimal mit den Hinterl├Ąufen auf die Kommode. ÔÇ×Eigentlich gibt es keinen Grund, sich vor dir zu f├╝rchten, FranklynÔÇť, versuchte Jonathan sich zu beruhigen. Seine Stimme flatterte. ÔÇ×Du bist h├╝bsch, du bist klug und du h├Ârst mir zu.ÔÇť Er f├╝hlte, wie sich seine Muskeln langsam entspannten. ÔÇ×Und jetzt hast du wahrscheinlich einfach Hunger. Heute ist der 24. Dezember, mein letzter Arbeitstag. Heute Abend werde ich etwas Sch├Ânes f├╝r uns kochen, wenn du magst.ÔÇť



Jonathan fuhr direkt nach der Arbeit in den ├ľkomarkt, kaufte verschiedene Getreidesorten, Eier, Butter, N├╝sse, Trockenobst und ein biodynamisches Kochbuch. Er sp├╝rte, wie sich sein Gesicht r├Âtete, als ihm die Kassiererin ÔÇ×Frohe WeihnachtenÔÇť w├╝nschte, aber erstaunlicherweise blieb sein Herzschlag normal.



Zuhause stellte Jonathan Weihnachtsmusik im Radio an ÔÇô Frank Sinatra und Dean Martin - , goss sich ein Glas Saft ein und nahm sich das Kochbuch vor.
ÔÇ×Da bist du ja, FranklynÔÇť, sagte er, als die Ratte in die K├╝che kam. ÔÇ×Und du hast noch jemanden mitgebracht. Kein Problem, ich habe genug eingekauft.ÔÇť

Letzte Aktualisierung: 26.12.2012 - 13.28 Uhr
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