Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Winterabend | Dezember 2012
Sam
von Glädja Skriva

„Welche Suppe hätten Se denn gern?“

Ich blicke auf die Tortenspitzenböden, auf denen Tantchen mir immer ihren weltbekannten „Oränschleskuchen“ mit nach Hause gibt und lese darauf in schönster Erstklässlerschrift geschrieben: „Linsensuppe mit Wienerle“, „Gulaschsuppe mit Brot“, „Karottensuppe mit Ingwer“. Mein Kopf entscheidet sich für die Ingwersuppe und damit gegen die Erkältungswelle, während mein Bauch nach einem deftigen Kartoffeleintopf verlangt.

„Ich hätte gerne die ... Ingwersuppe, bitte.“

Ein junger, schlaksiger Kerl mit einer Kochmütze, die wie ein kleines Schiffchen auf seinem Kopf gefaltet ist und auf seinen verwuschelten Haaren munter hin- und herwogt, schöpft mir großzügig heraus und reicht mir die dampfende Schüssel über den Verkaufsstand. Sein Daumen badet unbekümmert in dem Übergeschwappten meines Untertellers, aber ich muss viel öfter zu seinen verwuschelten Haaren blicken, zu dieser silberblonden Natursträhne, die in die Stirn fällt und in einem kleinen Wirbel aufspringt. Sie erinnert mich an Sam, unseren Ältesten.

„Das macht vier Euro fünfzig und das Brot ist sogar umsonst“, höre ich ihn freundlich, mit leicht kippender Stimme in sein Milchbärtchen hineinsprechen.

Hinter ihm kommt beinahe zeitgleich eine abgearbeitete Frauenhand hervorgeschossen:

„Das Geld gebe Se mal mir – Frolleinche. Dafür bin ich zuständig – wie für die Unterhaltung auch.“

Sie scheint seine Chefin zu sein. Die Frau mittleren Alters schießt derb ihren Kalauer mit einem krachenden Lachen flach in die Kundenschlange, die sich bereits um einige andere Weihnachtsbudenstände windet. Und sofort muss es weitergehen:

„Welche Suppe hätten Se denn gern?“

* * *


Eine heiße Suppe tut wirklich gut bei dieser schweinischen Kälte. Ich habe mich deshalb hierher gerettet, um nicht völlig zur Nikolaus-Eisstatue zu erstarren (das rote Mützchen dafür habe ich schon auf), aus der irgendwann gegen Ende des Monats ein Performancekünstler mit einer Kettensäge ein geflügeltes Christkindchen drechseln kann. Sauwetter, elendigliches. Wie kann auch die Oberleitung einer Straßenbahn einfrieren? „Die Verbindung nach Oberhausen ist unterbrochen. Wir bitten um etwas Geduld bis der Ersatzbuspendelverkehr eingerichtet ist“, hallt es immer noch hämisch in meinem Ohr.

Nach dem vierten Teller Suppe, einer geschlossenen Freundschaft aufs Leben mit einer pfälzischen Großfamilie sowie einem vorgewölbten, gluckernden Wasserbauch, der die Dimensionen einer Hochschwangeren angenommen hat, drücke ich mich durch die Glühwein gelöste Menschentraube, die inzwischen die Witze der Frau am Suppenstand zum Totlachen findet. Dennoch, ein scheuer Rehaugenblick meinerseits und behutsam gefaltete Hände über meinem Bäuchlein verschaffen mir eine Schneise. Wer will schon in der Adventszeit einer Schwangeren, die auch dem aufgestellten Krippenspiel mit dem Ritt auf dem Esel entsprungen sein könnte, die notwendige Behutsamkeit verwehren?

Nach so viel Verbrüderung und Menschenbad entscheide ich mich für die Stille. Eine Straße weiter. Etwas abseits gelegen. St. Hildegard. Die kleine Kirche, die den Vorteil vieler brennender Kerzen hat, über denen man sich die kalten Fingerspitzen schön warm reiben kann. Heute sitzt dort nur, in die Ecke geknautscht, eine ältere Frau, die wohl vom Einkaufsrummel übermannt, alle Viere von sich streckt, mitten in einen Berg von Tüten hinein. Erschöpft ist sie eingenickt. Ch ... grrr ... ch ... Das leise Schnarchen hallt in der Nische und nichts kann sie aus dem Land ihrer Träume holen, auch nicht die beiden jungen Burschen, die in dem drei Meter hohen Weihnachtsbaum hängen, um ihm den letzten Schliff zu geben:
„Du muscht die Kerze links oben weiter nunner setzen. Net nuff, Jörg! Nunner. Noch weiter nunner. Kapiersch des net, du Grasdackel?“
Der Tannenbaum bekommt leichte Schieflage - „nunner“ zu - und ich bin gespannt, wann einer der Meßdienerhintern an einer der heiligen Kerzen Feuer fangen wird, dass er dann „nuff zu“ springen wird. So abgelenkt bemerke ich erst jetzt die kleine huschende Gestalt, die lautlos wohl aus dem Kirchenschiff gekommen ist und nun vor mir steht. Grinsend. Über mehrere braune Zahnreihen und eine große Zahnlücke hinweg. Normalerweise bekäme ich bei diesem Anblick Schüttelfrost, Krätze mit Assoziationen von Mundgeruch, Spinat, Achselschweiß und all dem, was sich darunter sonst noch so Ungepflegtes verstecken könnte, aber das Gesicht leuchtet so freundlich, offen und entspannt (und ich glaube, es liegt nicht an meiner Nikolausmütze), dass ich zurückgrinsen muss. Er winkt mir, immer wieder, und weil ich keine Lust auf einen fünften Teller Suppe habe, vertraue ich ihm und folge seinen kleinen, tippelnden Schritten Keller abwärts, mitten hinein in eine muffige, feuchtkühle Katakombe, die mit flackernden Teelichtern nur spärlich erhellt ist. Sie bilden auf dem Boden einen Weg zusammen mit Tannenzweigen, deren frischer Waldduft sich mit dem modrigen des alten Raumes vermischt. „Adventslabyrinth“ lese ich nun. Mahlzeit, denke ich. Verwirrungen gibt es ausreichend in meinem Leben, da brauche ich sie hier nicht auch noch zu begehen. Aber genau in diesem Moment zieht dieses kleine Männchen, wie wenn es meine Gedanken gerochen hätte, respektvoll seinen Hut und weist mit einer einladenden Verbeugung auf den Eingang hin, der sich windet, hin zu einer großen Kerze in der Mitte der ausgelegten Wege. Seine warme Hand, die sich aus einem verlotterten Mantelärmel schiebt, drückt mir ein kleines Teelicht in die Hand. Das soll ich dort wohl entzünden. Warum nicht, denke ich. Da ist dieser äußerlich verlotterte Mann. Ich innerlich verlottert. Was haben wir schon zu verlieren? Und so stolpere ich mitten hinein in dieses Wegerätsel, während meine Gedanken mit meinen Füßen um die Wette laufen:

Eigentlich ist das alles Augenwischerei. Das mit Weihnachten und dem „warmen“ Licht und dem ganzen Firlefanz.

Es wäre viel ehrlicher, bei jeder schmerzvollen Erinnerung ein Licht ausgehen zu lassen statt eines anzuzünden. Aber d a s hält wohl der liebe, kleine, purzlige Weihnachtsmann nicht aus. Das Dunkel.

Licht. Wärme. Ha, dass ich nicht lache. Unerwartet schwanger wurde ich. Fast selbst noch ein Kind. Ja, ich weiß. Selbst schuld. Wie naiv ich war. Wie arglos. Wie Gott vertrauend.

So richtig gehörte er ja nie zu uns, quasi geliehen war er, unser „Kuckuckskind“. Mein Herzkind. Er war und blieb immer so anders, so fremd. Ob er deshalb nicht zu unserer Familie gehören wollte? Oder war es unsere Schuld, dass er ging, weil wir ihn anders als seine Geschwister behandelten?

Er blieb immer ein – Sonderling. Ein ganz besonderer Sonderling. Ob er deshalb einen Blick für andere Sonderlinge hatte und sie für ihn?

Die Leute sagten, er sei ein „Revoluzzer“ gewesen. Er habe die Systeme aufgebrochen. Er? Der doch nie ein System suchte. Nicht einmal das unsrige.

Er war ganz weit von mir – und doch so nah. In seiner letzten Stunde. Ich konnte nicht von ihm weichen ... seine Angst in den Augen. Sein Schweiß im Gesicht. Was sollte ich sagen? Ich strich ihm die Locke aus der Stirn, die silberblonde, wie ich es oft getan hatte, als er noch Kind war und ich ihn auf meinen Knien wiegte.

Nicht viele Freunde blieben bei ihm. Zuletzt. Nur Joe, sein liebster Freund, und ich und ein paar Sonderlinge.

Ich habe ihn verloren.

Ich bleibe stehen. Einen Moment. Bei der großen Kerze. Mir ist, als würde sacht eine Hand sich auf meine Schulter legen und mit mir warten. Worauf? Ich kann mein Teelicht nicht an dieser großen Kerze entzünden. Nicht seit Sam ... Maria würde es verstehen, hat sie doch selbst ...

Der alte Mann ist verschwunden. Es bleibt die Wärme dieser Hand, die ich wie eine Umarmung spürte. Ich gehe zurück zum Ausgang. Die Luft ist rein und klar. Ich atme tief ein. Wenn ich mich auf die Zehenspitzen stelle und ein wenig nach vorne beuge, kann ich den Weihnachtsmarkt erkennen, der wie eine kleine Spielzeuglandschaft da vorne liegt mit seinen drehenden, bunten Karussels, Zuckerwattenständen und Maronenbuden. Ein süßliches „Stille Nacht, heilige Nacht“ von einem der Stände scheppert zu mir herüber. Alltag. Leben. Ich kann es wieder spüren. Ich habe keine Angst mehr vor der Dunkelheit.

Ich drehe mich noch einmal zum Altarraum um. Ein letzter Blick durch das kleine Fenster in die Katakomben. Es ist still darin. Nur kleine Lichter ziehen wortlos ihre Kreise durch das Dunkel. Wohl eingeladen durch eine winkende Hand, ein breites Grinsen, einen gelüfteten Hut. So gehen sie ihren Weg. Licht für Licht. Verschlungen. Vielleicht ungläubig wie ich, aber solange sie gehen und stehenbleiben für diesen Augenblick.


© P.S./Glädja Skriva/Dez. 2012/3. Version

Letzte Aktualisierung: 20.12.2012 - 08.43 Uhr
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