Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Winterabend | Dezember 2012
Im Buchengrund
von Reiner Pörschke

Der Dezemberabend war für ihn wie geschaffen, es war schon dunkel, es regnete in Strömen und ein kalter Wind fegte durch die Straßen. „Da jagt man keinen Hund raus“, dachte er, „und kein Mensch kommt auf die Idee, spazieren zu gehen und mir womöglich blöde Fragen zu stellen.

Vorsichtig rangierte Martin seinen alten Ford Fiesta rückwärts in den schmalen Fußweg. Jetzt waren es noch zehn Meter bis zu seinem Haus. Aber weiter kam er nicht, auch nicht mit seinen Fahrkünsten. Mit 64 Jahren konnte er keine Bäume mehr ausreißen, aber Autofahren, das war schon immer sein Lebenselixier gewesen. Was hätte er sonst machen sollen nach dem schweren Unfall vor 40 Jahren? Damals war er von einem Lastwagen überfahren worden. Seinen Beckenbruch hatte man trotz mehrerer Operationen nur einigermaßen wieder heilen können. Seitdem standen seine Beine ein wenig quer zueinander, wie bei einem Pinguin. Aber fahren konnte er gut und mit Autos kannte er sich aus. Und da er um flotte Sprüche nie verlegen war, wurde er Autoverkäufer. In der Boomzeit der 70-iger und 80-iger Jahre hatte er gut verdient und 1979 sein hübsches Reihenhaus kaufen können, „Im Buchengrund 22“.

Aber das war Vergangenheit, für ihn war die Fiesta lange vorbei. Seine Rente reichte kaum zum Leben aus, er konnte nicht einmal mehr vor dem Winter eine normale Öllieferung bezahlen. Überall musste er Löcher stopfen. Deshalb holte er ja auch jetzt aus dem Kofferraum zwei große Kanister mit Heizöl, die er gerade günstig erstanden hatte. Mühsam schleppte er sie einzeln ins Haus und kippte im Keller den Inhalt in den Tank. „Das reicht für die nächsten 14 Tage“, dachte er beruhigt, „ dann sehen wir weiter.“

Am folgenden Samstagabend war allerdings schon wieder Ebbe im Portemonnaie, geschweige denn Geld auf seinem Bankkonto. Freunde und Verwandte hatte er bereits angepumpt, da konnte er nicht mehr hin. Dann fiel ihm ein entfernter Nachbar ein, Frank mit seiner Ehefrau Karin, die im Buchengrund Nummer 46 wohnten. Ein paar Mal hatten sie sich bei anderen getroffen, zweimal war er in deren Wohnung gewesen. Er wusste, dass sie in guten finanziellen Verhältnissen lebten, natürlich zwei Wagen und im ganzen Erdgeschoss neue Fliesen. Eine moderne Gasheizung war installiert worden, so etwas würde sich Martin niemals mehr leisten können.

Er wusste auch, dass Frank als Fußballfreund jetzt am Samstag um 19 Uhr die laufende Sportsendung sah. Aber er wollte zunächst mal allein mit Karin sprechen. Frauen in der Adventszeit werden doch immer sentimental, da käme er gerade zum richtigen Zeitpunkt. Er schellte, Karin öffnete und führte ihn ins Wohnzimmer. Sie dachte, in seiner Familie sei etwas passiert, Ehekrach oder so. Sie fiel aus allen Wolken, als Martin herumdruckste: „Es ist mir peinlich, ich schäme mich so. Wir gehen zur Zeit durch die Hölle. Unser Haus ist auch nach 33 Jahren noch nicht abbezahlt. Meine Rente reicht hinten und vorn nicht. Wir haben kaum noch Geld für die Heizung und werden bald im Kalten sitzen. Könntet ihr mir vielleicht finanziell aushelfen?“ Karin blickte ihn erschrocken an.
Er fuhr schnell fort: „In drei Monaten wird mein Bauspardarlehen fällig. Dann kann ich umfinanzieren und euch das Geld natürlich zurückzahlen.“

Glücklicherweise kam jetzt Frank die Treppe hinauf ins Wohnzimmer, es war Werbepause und er hatte oben Stimmen gehört. Er schaute verwundert auf den Besuch und die versteinerte Miene seiner Frau. „N’Abend Martin, was ist los?“ Der schilderte erneut mit hastigen Worten seine prekäre Situation. Frank wollte die weiteren Fußballspiele im Keller nicht verpassen und hatte überhaupt keine Lust, diese Neuigkeiten zu diskutieren. Unhöflich wollte er aber auch nicht sein: „Ich hab’ jetzt leider keine Zeit, aber sag mal, wie viel bräuchtest du denn eigentlich?“ Diese Worte in freundlichem Ton signalisierten Martins Verkäuferseele, dass er schon einen Fuß in der Tür hatte. Überrascht zögerte er einen Moment lang und ging dann mutig in die Offensive: „10.000 Euro wären gut, ich zahle sie euch in drei Monaten zurück! Deine Frau weiß schon Bescheid.“ „Martin, ich möchte jetzt Fußball gucken und mein Bierchen in Ruhe weitertrinken, komm morgen früh um 11 Uhr wieder.“ „Klar, ich muss ja auch zurück, damit Tine nichts merkt. Sagt ihr bloß nichts, meine Frau weiß nicht, dass ich hier bin. Sie traut sich jetzt schon wegen unserer finanziellen Schwierigkeiten kaum noch auf die Straße.“


*


In der Nacht schlief Frank schlecht, er wachte immer wieder auf und fing an zu grübeln.
„Das Geld hätte ich ja. Mir war immer schon mal die Idee gekommen, irgendeinem Armen zu helfen. Ich habe beruflich verdammt viel Glück gehabt, in der richtigen Branche gearbeitet und mein gutes Gehalt viele Jahre lang immer am 14. des Monats auf dem Konto gehabt. Manchmal sogar gestaunt und insgeheim geglaubt, zuviel zu bekommen, wenn mir noch ein dicker Jahresbonus zusätzlich gezahlt wurde. Wofür? Nur weil meine Firma in guten Jahren erfolgreich war, wozu ich eigentlich nichts Besonderes beigetragen hatte?“ Solche Gedanken schossen ihm durch den Kopf.
„Aber ohne Sicherheiten kein Darlehen. Und überhaupt, wenn Martin nicht zurückzahlt oder zurückzahlen kann, soll ich einen Nachbarn verklagen? Dann bin ich in der Siedlung hier unten durch, Recht hin, Recht her. Andererseits, in der Kälte kann ich seine Familie auch nicht sitzen lassen.“

Die finanziellen Probleme der Familie waren ihm bekannt. Viele hatten Martin bereits vor Jahren geraten, das Haus zu verkaufen und in eine Wohnung zu ziehen. Aber er lebte seit 1979 hier, klammerte sich gerade jetzt im Alter an Freunde und Bekannte in der Nachbarschaft. Auch Tine, Martins Frau, würde wohl das Herz brechen, wenn sie ihre Koffer packen müsste. Schließlich hatte im letzten Jahr noch ihr Sohn Tim sein Studium geschmissen und war mit 28 Jahren gezwungenermaßen wieder bei seinen Eltern eingezogen.


*


Am Sonntagvormittag schellte Martin pünktlich um 11 Uhr. Er war wieder in Eile, weil er seinen alten Schwiegervater zum Mittagessen abholen musste und Tine ja auch nichts merken durfte. Frank erklärte ihm: „10.000 Euro habe ich nicht verfügbar, alles festgelegt.“ Martin nickte nur, damit hatte er gerechnet. Das war die übliche Antwort, wenn er auf Granit stieß. „Ich kann dir aber 500 Euro leihen, die überweise ich dir“, fuhr Frank fort. „Na also“, dachte Martin, „geht doch“. Er schrieb mit zittrigen Fingern Bank und Kontonummer auf, dankte, erhob sich und ging ohne viel Worte.

„Wieder für ein paar Wochen gerettet, dann sehen wir weiter“, dachte er draußen und grinste sogar vor sich hin. Jetzt konnte er wenigstens einen Teil seiner Spielschulden zurückzahlen.


Reiner Pörschke 2. Version

Letzte Aktualisierung: 15.12.2012 - 12.35 Uhr
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