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Winterabend | Dezember 2012
Wunschzettel
von Monika Heil

12. Dezember 1970
Es war einer dieser friedlichen Winterabende, die Lena so liebte. Seit Stunden fiel draußen der Schnee, den sie durch niedrige, spitzengardinenverhangene Fenster beobachten konnte. Er hatte sich bereits wie eine blendendweiße, daumendicke Decke im Vorgarten ausgebreitet. Die Temperaturen lagen seit Tagen unter dem Gefrierpunkt. In ihrem Wohnzimmer strahlte der gekachelte Kamin behagliche Wärme aus. Lena kramte in ihrer Lieblingskiste, die alte, unsortierte Fotos, Briefe und Postkarten enthielt. Sie hatte eine Schallplatte mit Weihnachtskantaten aufgelegt und genoss das Alleinsein bis ihre Schwiegertochter hereinplatzte und sofort loslegte:
„Schau dir den Wunschzettel deines Enkels an. Den kann man geradewegs in einen Umschlag stecken und an das nächste Versandhaus schicken.“
„Beruhige dich, meine Liebe.“ Lena schenkte ihrer Schwiegertochter ein flüchtiges Lächeln und überflog die maschinengeschriebene Seite.
„Du hast Recht, früher waren die Wünsche der Kinder ganz andere“, sagte sie schließlich. „Hier, das habe ich gerade in meiner alten Schatztruhe gefunden.“ Sie fischte ein mehrfach geknicktes und mit Bleistiftzeichnungen geschmücktes Papier aus ihrer Kiste. Vorsichtig faltete Brigitte das vergilbte Blatt auseinander.
„Wer hat das geschrieben?“
„Das ist ein Wunschzettel von Markus. Es war kurz nach Kriegsende. Winter 1945. Markus war damals gerade mal acht Jahre alt. - Setz dich doch. Möchtest du auch einen Tee? Der beruhigt.“
Weit gingen Lenas Gedanken zurück, während Brigitte las.
„Lieber Weihnachtsmann!
Ich wünsche mir:
1. Ein par neue Schier,
2. Schnee zu Weinachten, das ich sie ausprobiren kann,
3. einen eigenen Papa und
4. einen neuen Mann für Mami.“
So hatte ihr kleiner Sohn mit seiner krakeligen Kinderschrift geschrieben.
„Du brauchst wieder einen Mann.“ Diesen Satz hatte er mehrfach in der Unterhaltung der Erwachsenen aufgeschnappt. Da empfand er es wohl als eine gute Idee, den Weihnachtsmann darum zu bitten. Vielleicht würde Mami dann wieder etwas fröhlicher werden. So hatte er es ihr erklärt und Lena war – wie so oft – erst recht traurig geworden.

Brigitte versuchte, sich in die kindlichen Gedanken ihres Mannes zu versetzen und schmunzelte. Ihre Schwiegermutter trank einen Schluck Tee. Aufgeladen mit ihren Erinnerungen erzählte Lena.
„Sein kurzer Brief enthielt nur einen realen Wunsch, den ich hätte erfüllen können und das war schwer genug.“

Am nächsten Tag hatte Lena im Dorf jeden, den sie traf, gefragt, ob er ihr Kinder-Ski verkaufen könne oder tauschen wolle, denn sie könne sehr gut stricken. Frau Michler erinnerte sich an die Skier ihres Sohnes Viktor, der noch nicht aus dem Krieg zurückgekehrt war.
„Es wäre ihm sicher recht – und herausgewachsen ist er ja sowieso“, erklärte sie.
Die beiden Frauen vereinbarten einen Besuch für den nächsten Morgen, während Markus in der Schule war.

So radelte Lena tags darauf wieder ins Dorf. Frau Michler erwartete sie mit hochroten Wangen und leuchtenden Augen. Sie schien sehr aufgeregt zu sein.
„Frau Hansen, schön, dass Sie da sind. Stellen Sie sich vor, was passiert ist. Gestern Abend ist mein Sohn Viktor nach Hause gekommen“, sprudelte sie hervor und zog die junge Frau in die warme Wohnstube. Dort saß ein Fremder, der sich bei ihrem Eintreten höflich erhob.
„Michler“, stellte er sich mit der Andeutung einer Verbeugung vor.
„Das ist Frau Hansen“, erklärte seine Mutter und setzte – kaum hörbar – hinzu: „Kriegerwitwe. Sie möchte für ihren Sohn deine alten Skier haben. Du hast doch nichts dagegen?“
Viktor schüttelte stumm den Kopf.
„Ich hole erst mal den Tee. Setzt euch doch.“
Aufgeregt verschwand Frau Michler in der Küche.
Die beiden jungen Menschen saßen sich stumm gegenüber.
„Wie alt ist Ihr Sohn?“, unterbrach Viktor endlich das Schweigen.
„Acht Jahre.“
„Da passen ihm meine alten Skier sicher. Ich werde sie ein bisschen aufarbeiten und bringe sie Ihnen dann vorbei. – Ich habe ja jetzt viel Zeit“, setzte er leise nach.

Drei Tage später stand Viktor mit den Skiern vor Lenas Tür. Sie versuchte, ihre Schüchternheit zu unterdrücken und bat ihn herein. Auch Viktor wirkte nicht mehr so gehemmt, wie vor ein paar Tagen. Diesmal floss die Unterhaltung schnell dahin. Sie fühlte sich wohl in seiner Gegenwart und lachte sogar ein paar Mal an diesem Morgen.
„Was kosten die Ski?“, fragte sie irgendwann.
Er wollte sie ihr schenken. Das kam für Lena nicht infrage.
„Meine Mutter hat mir erzählt, daß Sie gut stricken können. Warme Socken könnte ich gebrauchen.“
„Nein, nein, ich weiß etwas Besseres. Ich werde Ihnen einen Pullover stricken“, versprach sie.

„Und, hast du?“, fragte Brigitte. Lena brauchte einen Moment, bis sie antworten konnte, war noch in der Vergangenheit mit ihren Gedanken.
„Ja sicher, ich kann ihn dir sogar noch zeigen. Er liegt oben im Schrank.“ Lena setzte erneut eine kleine Pause. Mit einem verschmitzten Lächeln, das ihr Gesicht jünger wirken ließ, als die gelebten Jahre, fuhr sie fort: „Dreimal musste er zur Anprobe kommen.“

Zwei Tage vor Weihnachten überraschte Viktor sie mit einem kleinen, gut gewachsenen Weihnachtsbaum. Aus Dankbarkeit lud sie ihn am ersten Weihnachtsfeiertag zum Kaffee ein.
Pünktlich an jenem Morgen begann es zu schneien.
„Viktor konnte Markus zeigen, wie man Ski fährt. Die beiden verstanden sich auf Anhieb“, beendete Lena ihre Erzählung.

In diesem Augenblick polterten zwei Männer in das Zimmer. Sie zerrissen die Stimmung, und hielten die Erinnerung dennoch präsent.
„Wir haben den Weihnachtsbaum geholt. Sooo groß ist er“,
zeigte Markus mit hoch gestrecktem Arm. „Benny wird Augen machen“, freute er sich.
Schade, dachte Brigitte. Warum muss heutzutage alles sooo groß ausfallen? Ein kleiner Weihnachtsbaum wie damals wäre doch viel schöner gewesen. Hatte Markus denn alles vergessen?
„Kommt, setzt euch. Ein Glas Glühwein?“, fragte Lena ihren Mann. Viktor nickte dankbar, während er seine klammen Finger am Kamin zu wärmen versuchte. Markus legte seiner Frau den Arm um die Schultern.
„Ist was?“, fragte er irritiert. Brigitte schüttelte den Kopf. Männer, dachte sie.
„Ja, du hast Recht. Benny wird sich freuen.“
„Wo ist der Junge eigentlich?“
„Oben in seinem Zimmer.“

Während die Frauen Tee und die Männer Glühwein tranken, hing jeder seinen Gedanken nach.
„Hoffentlich schneit es auch am ersten Feiertag, dann machen Papa und ich eine Ski-Tour. Nur wir beide allein“, sagte Markus. „Wie jedes Jahr.“ Und Viktor nickte.

12. Dezember 1990
Es war einer dieser einsamen Winterabende, die Lena so hasste. Der Wind rüttelte an den Fensterläden ihrer kleinen Mansardenwohnung, in die sie nach Viktors Tod gezogen war. Regen klatschte gegen die Scheiben. Schnee hatte es in diesem Jahr noch keinen gegeben. Lena saß in ihrem bequemen Fernsehsessel, ihre Schatzkiste hielt sie auf dem Schoß. Unruhig fuhren ihre Finger durch das viele Papier – Fotos, Briefe, Ansichtskarten, ein Zeitungsausschnitt. Sie kannte jede Zeile auswendig. ... auf eisglatter Straße, ... Markus M. (50) und Brigitte M. (49) waren sofort tot.
Benny, ihr Enkel und Svenja, seine Freundin, die jetzt die untere Etage bewohnten, kümmerten sich, wenn Not am Mann war. Lena schaute zu dem geschmacklosen, bunt geschmückten Plastikbaum, der links neben dem Fenster stand.
„Der ist doch praktisch, Oma, den kannst du jedes Jahr wieder verwenden und die Glitzerketten bleiben einfach dran.“ Ihre Gedanken liefen zurück. Winter 1945. Winter 1970. Viktors letzter selbst geschlagener Weihnachtsbaum. Nur noch Benny und seine kleine Familie waren ihr geblieben.
Seufzend holte Lena ihr Portemonnaie und schob zwei größere Geldscheine in den Umschlag, der den Wunschzettel der jungen Leute enthielt. Neue Koffer und ein Reisekostenzuschuss hatten sie aufgeschrieben, denn die beiden wollten die Feiertage in der Karibik verbringen.
„Die Koffer bestelle ich über Internet. Da brauchst du dich gar nicht drum zu kümmern, Oma“, hatte Benny versprochen. So einfach war das.
Kopfschüttelnd schaltete Lena den Fernsehapparat ein, um die trostlose Stille im Zimmer zu verscheuchen.

12. Dezember 2010
„Na, Frau Michler, was ist das denn. Warum machen wir kein Licht?“ Tamara, die nette Pflegerin, schaltete die Deckenbeleuchtung ein. „Draußen ist es doch schon längst dunkel. Und warum brennt das Bäumchen wieder nicht?“ Sie drückte auf den Kippschalter und brachte die bunten LED-Birnen des bleistiftgroßen Bäumchens auf dem Nachttisch zum Leuchten. Lena reagierte nicht. „So, jetzt ziehen wir uns an und gehen runter zur Weihnachtsfeier. Sooo groß ist der Baum in der Halle in diesem Jahr.“ Die Schwester reckte sich auf die Zehenspitzen und hob die Arme so hoch sie konnte. Diesen Satz kannte Lena. Wer hatte ihn gesagt? Wann war das?
„Na, Frau Michler, was steht denn auf Ihrem Wunschzettel?“, plauderte Tamara weiter, ohne eine Antwort zu erwarten. Wunschzettel?, überlegte Lena. Was für ein Unsinn. Was ich mir wünsche, kann mir nur einer erfüllen, und auf den warte ich nun schon so lange vergebens.

2. Version

Letzte Aktualisierung: 18.12.2012 - 08.34 Uhr
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