Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Winterabend | Dezember 2012
In friedlicher Absicht
von Christoph Weber

Als er das Zimmer betrat, herrschte Stille. Sanft in ein großes weiches Kopfkissen gebettet lag das abgemagerte Gesicht des ruhig schlafenden Mannes. Umrahmt von weißer Bettwäsche und schneeweißem Haar, ähnlich der weiß umhüllten Winterlandschaft, die ebenso still draußen vor dem Fenster lag. Die dichten dunklen Brauen schienen über den tiefen Augenhöhlen Wache zu halten. Wache über einen dem Tod Geweihten. Die eingefallenen Wangen ein Mahnmal an die unbezwingbare Macht der Krankheit. Eine Krankheit, die sich unerbittlich Stück um Stück ihren Teil des Körpers, ihren Teil seiner Substanz nahm. Was ihr Teil war, bestimmte sie selbst, nicht verhandelbar. Und ihr Hunger war groß.
Lang, tief und friedlich gingen die Atemzüge des Schlafenden.
Der Besucher stellte die mitgebrachten Flaschen auf den Tisch und nahm Platz.
Wecken wollte er ihn nicht. Er hatte Zeit.

Es war ein gemütlicher kleiner Sessel in einem gemütlich eingerichteten kleinen Zimmer. Persönliche Bilder, persönliche Dekoration. Ein paar Familienfotos, mehrere Christusbilder und etliche Holzarbeiten, die große Leidenschaft der letzten Jahre.
Abwesend betrachtete er das Etikett einer der Saftflaschen.
Ein Verfallsdatum im nächsten Frühjahr.
Sein Blick wanderte wieder zurück zum Bett.
Irgendwie hatte er immer schon gespürt, dass der Mann, der dort lag, ihm unendlich vieles voraus hatte. Lebenserfahrung, Lebenswille, Lebensmut, Ausstrahlung, Hoffnung, Liebe... Und nun gab es doch eine Sache, von der er selbst tatsächlich mehr besaß. Sogar der Birnensaft besaß mehr davon... Zeit.

Immerhin würde niemand versuchen, dem Kranken ein Verfallsdatum aufzudrucken. Diese Aufgabe hätte der gelernte Buchdrucker ohnehin wenn dann schon selbst in die Hand genommen. Auch wenn es seine allerletzte Kraft gekostet hätte.
Stets war er seinen eigenen Weg gegangen. Stets hatte er mit offenen Händen von sich selbst, seinem Herzen und seiner Kraft gegeben. Doch von eben dieser Kraft war nun nicht mehr viel verblieben. Das Nötigste für ein paar letzte Stunden, ein paar letzte Worte und ein paar letzte
Atemzüge. Die Vorräte waren erschöpft. Stets sinnvoll genutzt und dennoch letztlich aufgebraucht. Nun gab es nichts mehr, was er tun musste, keinen Grund mehr sich zu bemühen, keinen Grund zu kämpfen. Er hatte den Waffenrock abgelegt und an den Nagel gehängt, hatte sich zur Ruhe gesetzt, sein Schicksal angenommen und alles Weitere in höhere Hände gegeben... hatte losgelassen.
Äußerlich übriggeblieben war lediglich eine langsam versterbende Hülle. Tief im Innersten jedoch, sicher verwahrt, da war sie noch zu spüren. Die eine Sache, die er niemals aufgegeben hatte, die er niemals loszulassen bereit gewesen war, die er jederzeit fest bei sich behalten hatte... sein unerschütterlicher Glaube.

Der Besucher ließ seinen Blick über die vielen religiösen Bilder und Symbole schweifen, die im gesamten Raum allgegenwärtig schienen.
Er selbst hatte nie wirklich geglaubt. Hatte immer versucht, sich auf das Wissen zu beschränken. Ursprung der Religion war für ihn schlicht der durchaus nachvollziehbare Wunsch nach einer Erklärung, einer Antwort auf das urmenschliche Bedürfnis nach Sicherheit und Halt, nach Orientierung und Ordnung. Religion war der Versuch einer Antwort auf den verzweifelten Wunsch nach einer Konstanten im unberechenbaren Chaos des Lebens.
Aber auch trotz oder gerade wegen ihrer so unterschiedlichen Charaktere und Sichtweisen, war der alte Mann ihm stets ein Vorbild gewesen.
Von Grund auf positiver Herzmensch trifft chronisch melancholischen Kopfmensch.
Herz trifft Verstand.
Glaube trifft Skepsis.
Liebe trifft Logik.
Manchmal war es ihm wie ein Kampf vorgekommen. Ein friedlicher gewaltloser Kampf zwar, aber dennoch ein Kampf. Ein Krieg den keiner wollte und keiner brauchte. Den auch keiner jemals hätte gewinnen können, denn im Krieg gab es immer nur Verlierer.
Doch jetzt gab es nichts mehr zu verlieren. Und nichts mehr zu kämpfen.

Der alte Mann öffnete die Augen. Zunächst erschrak er etwas beim unerwarteten Anblick des Besuchers. Aber der Schreck wich schnell freudiger Überraschung. Er lächelte.
Heute würden sie Frieden schließen.
Den einzig wahren Frieden.
Den Frieden zwischen Herz und Verstand.
Im hierfür perfekten Moment.
Einem kalten klaren Winterabend.

Letzte Aktualisierung: 23.12.2012 - 15.31 Uhr
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