Bitte lächeln!
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Nullpunkt | Januar 2013
Ende
von Anne Zeisig

Meine Frau Marie saß neben mir.
“Glio Blastom, Grad Vier nach WHO.” Der Halbgott in Weiß zwirbelte an seinem Bart und seine Augen hatten sich regungslos an meinen Blick geheftet. Er rieb sich nervös die Hände.
“Sehe ich aus wie ein Lateiner?”, habe ich gefragt. “Bis vor einem Jahr war ich vor Kohle, da kommt man mit dem ausländischen Gequatsche nicht weit. Unter Tage war es wichtig fürs Überleben, wenn das Team sich einfach und klar verständigte.”
Er, der mein Sohn hätte sein können, rückte seine schwarze, übergroße Hornbrille zurecht und nickte.
“Sie haben einen Hirntumor in Nähe des Sehzentrums. Es ist leider der schwerste Grad”, erklärte der Arzt und redete pausenlos weiter. Operation, Chemo, Lebensverlängerung, Lebensqualität, Palliativversorgung. “Sie müssen kämpfen.”
Seine Stimme drang aus der Ferne zu mir.
Es kam mir unwirklich vor, dass er mich meinen könnte.
Ich schwebte wie ein Astronaut.
Unter mir gab es keinen Boden und über mir keinen Himmel
Eis setzte sich an meinen Zehen fest und gefror bis über meine Knie, um auch noch den Rest meines Körpers erstarren zu lassen. Mir war sooooo kalt. Ich zitterte. Marie legte ihre Strickjacke um meine Schultern.
“Wir sehen uns also übermorgen.” Der Doktor stand auf.
“Und warum sehen wir uns?”
“Übermorgen ist dein OP-Termin”, erklärte Marie und drückte meine Hand. “Alles wird gut.”
“Alles wird gut?”
Ich fasste gerade noch den Zipfel des Kittels, bevor der Arzt durch die Tür gehen konnte. “Stop! Es muss sich hier um eine Verwechslung handeln!”
Er wich zurück.
“Man kennt das doch mit diesen Computerprogrammen. Eine falsche Verknüpfung, ein Vertipper, und schon läuft alles schief.” Ich lachte. Ich lachte schrill? “Irren ist menschlich!”
Der Doc schüttelte den Kopf. “Wir haben mehrere Aufnahmen gemacht. Die Diagnose ist klar. Sie sind bei uns in guten Händen. Erst die Operation und dann die Chemo.”
“Und wenn ‘s nichts nutzt?”
“Dann sehen wir weiter.”
“Wir?”
“Meine Kollegen und ich. Mit Ihnen gemeinsam.”
Ich wollte es genau wissen. “Wie lange können wir weitersehen? Wann werde ich mir die Radieschen von unten ansehen?”
Er nestele an seinem Pieper herum. “Zeitprognosen sind immer schwierig.”
Plötzlich tat mir der junge Mann leid. So wie die Auszubildenden, wenn sie das erste Mal unten im Dreck und Staub vor Kohle waren. Ja, das war was anderes als die Lehrwerkstatt.
Ich klopfte ihm auf die Schulter. “Ist schon gut, danke.”
Meine Frau führte mich hinaus, ich spürte ihre nasskalte Hand in der meinen und gegen den Schüttelfrost konnte ich nicht ankämpfen.
“Wenn ich schon nicht gegen einen harmlosen Schüttelfrost ankämpfen kann, wie soll ich gegen diesen Zellknäuel in meinem Kopf ankämpfen?”
Marie stupste mich in die Seite. “Du warst immer ein Malocher, ein ganzer Kerl, eine Kämpfernatur.”

* * *
Ich putzte den Flur zum zweiten Mal und sortierte die Schubladen zum zehnten Mal und ich wienerte meine Schuhe ungezählte Male hintereinander und ich schrubbte den Balkon blitzeblank und ich saugte die Teppiche kahl und rasierte meinen Kopf ratzekahl und tat das alles, um meine Angst nicht zu spüren.
Ich rauchte heimlich auf dem Balkon eine Zigarette, damit Marie es nicht bemerkte.
“Setz dich doch mal hin und lass uns reden”, hatte sie gefordert, “deine ständige Herumwuselei macht mich verrückt.”
Ich hatte keine Zeit für sinnloses Blablabla.
Im Garten war auch noch so viel zu tun.
Ich mähte den Rasen und zog das Unkraut pingelig einzeln mit der Pinzette heraus, ich säte Kräuter und pflanzte Blumenzwiebeln fürs nächste Frühjahr, ich strich die Laube weiß und die Blendläden grün und die alte Bank zerschlug ich vor Wut mit der Axt.
Da habe ich jede Faser meines Körpers gespürt.
Jawohl! Ich lebte!
Nächstes Frühjahr werde ich mich an den Blüten erfreuen, meine Nase in die Rosen stecken und ihren Duft tief einsaugen.
Die neuen Tapeten fürs Wohnzimmer liegen auch bereit.
Marie lächelte, aber sie ist eine schlechte Schauspielerin. Ich sah, wenn ihr Lächeln gequält wirkte. Ich hörte, wenn sie im Bad heimlich weinte.
Abermals ergriff ich die Axt und schlug auch noch den alten Gartentisch kurz und klein.
“Du wolltest doch immer so gerne im Garten eine moderne Sitzgruppe haben”, verkündete ich meiner Frau, “dann lass uns sofort morgen eine kaufen.”

* * *

Nach achtzehn Monaten bin ich nun austherapiert. Heißt auf Deutsch, dass die Mediziner den Kampf verloren und die wuchernden Zellen gewonnen haben.
Ihr Dasein in meinem Kopf hat ihnen nicht gereicht, sie haben inzwischen auch meine Lunge beschlagnahmt.
Ich sehe alles doppelt und bin kurzatmig.
Nach drei Tagen war ich mit dem Tapezieren fertig. Früher hätte ich das an einem Tag geschafft. Marie hatte mir mit den Möbeln geholfen. Sie ist stark geworden.
Inzwischen habe ich sämtliche Formalien beim Bestatter erledigt und mir ‘ne Urne ausgesucht. Solche Vorkehrungen sollte jeder treffen. Auch ohne den Feind im Körper.
Ich will jetzt noch nicht sterben.
Aber irgendwie gibt es nie den richtigen Zeitpunkt im Leben.
Mein Garten liegt unter einer Schneedecke begraben und das Medikament gegen diese unsäglichen Kopfschmerzen hilf gut.
Ich denke, es wird Zeit, dass ich mich mit dem Tod anfreunde.


© ANNE ZEISIG, VERSION 3

Letzte Aktualisierung: 24.01.2013 - 20.30 Uhr
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