Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Nullpunkt | Januar 2013
Gosbeck, unloaded
von Susanne Ruitenberg

Er duckt sich zwischen die Autos. Schritte nähern sich, Absätze klackern über den Asphalt. Ein Piepen ertönt, gelbe Lichter blinken auf. In dem Moment, in dem sie die Fahrertür öffnet, greift er zu. Hält ihr die Hand vor den Mund, damit sie nicht schreit. Der Taser in ihrem Nacken erledigt den Rest. Schnell weg hier, sein Wagen steht gleich dort hinten. Er kann es kaum erwarten, sie in sein kleines Reich mitzunehmen. Er wird mit ihr spielen.
Wenn er mit ihr fertig ist, wird ihre eigene Mutter sie nicht mehr erkennen.


Dr. Bernd Lang beugt sich über den Monitor. »Hohe Werte, nach wie vor. Gab es Bilder?«
Dr. Kate Borg justiert die Helligkeit. »Ja, ein Zugriff. Ich sah den Parkplatz und die Frau mit dem blauen Golf.«
»Das war 2010, das zwölfte Opfer, oder?«
Borg nickt. »Die Lehrerin.«
»Zu viele Details. Morgen bekommt er die nächste Behandlung. Wir sind erst bei drei, Harris benötigte zehn.«
»Die Geräte hatten nicht die heutigen Standards, Lang.«
»Dennoch, er ist hartnäckig. Ich tippe auf acht, bis er clean ist.«
»Kann hinkommen. Ich veranlasse das Nötigste.« Sie ruft die Akte ‚Gosbeck‘ auf und trägt die Ergebnisse von Nacht drei ein. »Du solltest die Bilder übernehmen und mir die Werte überlassen.«
Er ballt die Hände zu Fäusten. »Ich bin noch nicht so weit.«

Als Gosbeck am Morgen wach wird, steht ein Frühstückstablett bereit. Er geht ins Bad, setzt sich anschließend an den Tisch. Am liebsten würde er denen das Tablett in die Fresse hauen, wenn sie nachher kommen. Scheißladen. Warum ist er überhaupt hier? Er muss irgendwas ausgefressen haben. Nur was? Ja, da war das Auto von seinem Scheiß-Stiefvater, aber das ist doch hundert Jahre her und längst verjährt. Was wollen sie von ihm?
Später erscheinen drei bullige Pfleger und fesseln ihn in einen Rollstuhl. Sie karren ihn aus dem Zimmer, in einen hellen Raum. Zwei Leute in weißen Kitteln sitzen an einem Tisch mit Computern. Ein Kerl mit Halbglatze und eine Schnecke, die Haare streng hochgebunden. Nicht sein Typ. Zu spröde. Obwohl, wenn sie ihn noch lange hier einsperren, nimmt er auch das vertrocknete Ding. Sollte er sie zu fassen kriegen. Besser als nichts und ... Als ahne sie seine Gedanken, fixiert sie in mit einem bösen Blick. »Herr Gosbeck, Sie haben interessante Träume.«
»Mach mich los, dann siehst du was viel Interessanteres.« Er fühlt das Grinsen, das sich auf seinem Gesicht ausbreitet. Ein Kribbeln in den Lenden. Kurz blitzt ein Messer vor seinem inneren Auge auf. Es befriedigt ihn auf unerklärliche Weise.
Halbglatze nähert sich. »Sie wissen, warum Sie hier sind?«
»Nein, aber du wirst es mir sicher gleich sagen, Weißkittel-Nerd. Komm näher, wenn du dich traust. Pass aber auf, dass du dich nicht einnässt.« Der Typ erinnert ihn an jemanden. Wässrig grüne Augen, rotblonde Haare.
Die Weißkittel wechseln einen Blick.
»Aggressionslevel unverändert.«
»Gewaltbereitschaft unverändert.«
»Er spricht kaum auf die Behandlung an.«
»Wir müssen die Dosis erhöhen.«
Sie unterhalten sich über ihn, als ob er Luft wäre! Morgen wird er mit dem Tablett in der Hand neben der Tür stehen, wenn die Pflegerbullen kommen. Und wenn er frei ist, wird er sich die Schnecke schnappen und ordentlich durchnageln. Er reißt an seinen Fesseln. Plötzlich sieht er ein Gesicht vor seinem inneren Auge. Das ist doch ...? »He, Nerd, sagt dir der Name Yvonne was?« Der Typ zuckt zusammen, die Augen weit aufgerissen. Schönes Spiel! »Soll ich dir sagen, was ich mit ihr gemacht habe, damals, eine ganze Nacht lang? Und wie sie geschrien hat!«
Nerd wird blass, taumelt zurück, hält sich am Schreibtisch fest.
Gosbeck prustet los.
Ein Stich in seine Halsbeuge.
Schwärze.

Sie liegt vor ihm auf dem Tisch. Ihr schwarzes Haar schimmert im Licht der Strahler. Weiß wie Porzellan ihre Haut, makellos. Er kann sich kaum entscheiden, womit er anfangen soll. Liebevoll streichelt er über sein Werkzeugtablett.
Schließlich wählt er ein Skalpell mittlerer Größe.


»Und?«
Borg schüttelt den Kopf. »Opfer achtzehn. Die schwarzhaarige Studentin.«
»Dabei hatten wir die Dosis deutlich erhöht. Er dürfte nur noch Erinnerungsfetzen haben.«
»Er ist ein besonders hartnäckiger Fall.« Sie zwirbelt einen Bleistift zwischen den Fingern. »Ich bin dafür, statt der Stärke die Dauer zu erhöhen.«
»Es kommt auf einen Versuch an.«

Das Gespräch mit dem Gefangenen verläuft ähnlich unbefriedigend wie gestern. Die Doktores beobachten, wie Gosbeck in die Apparatur geschnallt wird. Der Pfleger stülpt einen Metallhelm mit Drähten über Gosbecks Kopf.
Lang wartet, bis der Pfleger einen Schritt zur Seite geht und drückt auf ‚Enter‘.

Verdammt, wie konnte das passieren? Diese Schlampe ist dabei zu entkommen! Das darf nicht sein, wenn sie seine Hütte hier finden, ist er geliefert. Er hält inne, lauscht. Dort, zwischen den Bäumen. Er sprintet los. Gleich hat er sie eingeholt. Sie kann nicht so schnell rennen, nackt wie sie ist. Mit einem Satz überbrückt er die letzten Meter, packt ihr langes Haar, reißt sie zu Boden und wirft sich auf sie. Ihr Zittern erregt ihn noch mehr. Er legt die Hände um ihren Hals und drückt zu.

Borg haut mit der Faust auf den Tisch. »Scheiße, Opfer vierundzwanzig wäre tatsächlich beinahe entkommen. Das hatten sie damals angenommen, aufgrund der Spurenlage.«
Lang verzieht das Gesicht zu einer Grimasse. »Es sind noch immer zusammenhängende Bilder, oder?«
»Mehr als ich je sehen wollte. Was schlägst du vor?«
»Diesmal erhöhen wir Dosis und Länge. Und probieren ein Imprintbild.« Sie hält einen kleinen runden Gegenstand hoch.

Ein Apfel.
Ein Apfel.
Ein Apfel.
Ein Apfel.
Ein Apfel.

Borg runzelt die Stirn. »Das Imprintbild hat sich sehr stark eingeprägt. Ich bin gespannt, in welches Stadium wir ihn gebracht haben.«
»Solange es vor dem ersten Mord ist, ist es mir egal.«
»Und den hat er mit dreizehn begangen, ich weiß.«

Er öffnet die Augen.
Bett. Weich. Apfel.
Zimmer hell. Apfel.
Hunger Durst Apfel.
Mann kommt. »Apfel?«
»Halts Maul, Gosbeck.«
Erinnerung. Vage. Gosbeck. Er? Apfel!
Augen zu. Apfel.
Apfel wächst. Löscht. Alles. Aus. Apfel.
Will. Anderes. Denken. Apfel.
Sitz. Stuhl. Apfel.
Rollen. Quietschen. Apfel.
Raum. Zwei. Weiß. Mund. Geräusche. »Apfel.«
Augen. Zu. Apfel.
Hand. Schulter. Schütteln. Wort. Ohr. GOSBECK.
Auge auf. Mann. Kopf grün. Stiel. Glänzt. Erkennen, zappeln! »Apfel! Apfel! Apfel! Apfel! Apfel! Apfel! Apfel! Apfel!«
Stich.
Schwarz

©Susanne Ruitenberg
Version 2

Letzte Aktualisierung: 27.01.2013 - 16.40 Uhr
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