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Nullpunkt | Januar 2013
Zimthuhn mit Kapodaster
von Sylvia Seelert

„Ey, bisse Musika?“
Die schrille Stimmlage kam gegen das laute Ping-Ping der Scanner und das Piepsen der Kassen im Kaufland mühelos an. Verwirrt drehte ich mich um. Die Stimme kam von hinten. Aus meiner Schlange. Und sie meinte mich. Eindeutig. Denn als ich mich umdrehte, grinste mich ein Mädel mit blondem Pagenkopf an und nickte in Richtung meines Gigbags. Ganz eindeutig. Von Essen schien sie nicht viel zu halten, so dünn wie sie war. Im Gegensatz zu mir. Essen war für mich der höchste sinnliche Genuss. Na ja, neben Sex natürlich. Keine Frage. Als Mann muss ich so denken. Wobei ich mit Essen mehr Erfahrung habe. Aber wenn meine Geschmacksnerven von einer Kombination aus Gewürzen, Fleisch und Gemüse so richtig in Wallung kommen, dann erreiche ich schon fast orgasmusartige Zustände. Küchensex. Sogleich ploppte die Erinnerung an mein gestriges Zimthuhn in meinem Kopf auf. Ich roch wieder, wie das Huhn mit Zimt und Paprika gewürzt sowie einer Paste aus Honig bestrichen in meinem Ofen garte. Dann Zucker in einer Pfanne karamellisiert, Bratensaft und Essig zugegeben und nochmals pikant abgeschmeckt. Das hatte eine nachhaltige Eruption in meinen Geschmacksknospen hinterlassen.
„Bisse stumm?“
Das Hühnchen in ihrem Military-Style blickte mich nun skeptisch mit hochgezogenen Augenbrauen an. So sonnenstudiogebräunt kam sie meinem gestrigen Zimthuhn schon sehr nahe. Ich dagegen war eher ein Kugelfisch.
„Nö!“, sagte ich und ließ offen, ob damit Frage eins oder zwei gemeint war. Damit hielt ich die Sache für geklärt. Schließlich wollte ich ihr nicht erzählen, dass ich gerade erst von meiner dritten Gitarrenstunde kam und sich meine Finger hartnäckig weigerten, zu den geforderten Akkorden auf den Saiten in die richtige Position krümmen zu lassen. Das wurmte meinen 40-jährigen männlichen Stolz. Zumal das Omchen in unserer Anfängergruppe wesentlich mehr Fingerfertigkeit bewies und mich ständig muttchenhaft aufmunternd anlächelte, während meine Gitarre dissonant aufjaulte. Abtörnend. Frustrierend. Das nächste Mal musste ich mich unbedingt außer Blickweite von ihr hinsetzen.
„Ah, dacht schon, wärst wie Stevie Wonder, oder so.“
„Der war blind.“
„Beethoven?“
„Taub!“
„Shit.“
Ich hatte keine Lust auf ihr Ratespielchen und so drehte ich mich um, schob mich in der Warteschlange weiter vor und lud meine Einkäufe auf das Transportband. Heute wollte ich mich mit einem feurigen Chili con Carne verwöhnen. Da quiekte die schrille Stimme hinter mir wieder auf. Eine Tonlage höher, als ob ihre Stimmbänder mit einem Kapodaster verkürzt wären. Schrill as schrill can be. Nur allmählich begriffen meine gemarterten Hörnerven, dass es sich hierbei wohl um Gesang handeln sollte.
„You are the sunshine of my life that's why I'll always be around…”
Sie sang. Einfach so. Inmitten der langen Warteschlange, die sich im Angesicht der anstehenden Weihnachtsfeiertage gebildet hatte. Die konsternierten Gesichtsausdrücke um sie herum scherten sie überhaupt nicht. Kein Stück. Als ein Oppa mit Hut in der Nebenschlange wüst schimpfte, wurde sie noch lauter. Meine Finger zuckten und wollten ihr am liebsten den Mund zuhalten. Ganz fest. Zum Glück ging ihr der Text aus. Und bevor sie den Refrain erneut wiederholte, rief ich:
„Stevie Wonder!“
„Yeah, coole Sau. Kannste den auf deiner Klampfe spielen?“
Sie schnappte sich eine Kaugummipackung aus dem Regal, öffnete diese und schob sich einen Streifen Spearmint in den Mund. Den Rest der Packung warf sie auf das Band. Dazu Cola und eine Tüte Chips.
„So spontan nicht. Müsste mir erst die Riffs besorgen“, bluffte ich und hoffte, sie würde nicht weiterfragen. Das könnte peinlich werden. Ob ich sie mit Seven Nation Army von den White Stripes in Zeitlupe auf der A-Saite gezupft ablenken könnte? Das übte ich gerade mehr oder weniger erfolgreich. Eher weniger.
Mit Blick auf ihre Einkäufe fügte ich spontan hinzu:
„Aber ein ordentliches Essen, das kann ich dir auf alle Fälle besorgen.“
Holy shit. Wieso war das jetzt nur aus meinem Mund gekommen? Das war mega plump. Könnte sie glatt als blöde Anmache verstehen. Dabei wollte ich nur …
„Yeah, why not. Ich sorg für den Nachtisch, guitar man.“
Ihre Zunge schleckte über Lippen, die viel zu knallig rot bepinselt waren. Echt nuttig. Meine Stimmung sank auf den Nullpunkt. Noch peinlicher konnte das hier ja wohl nicht mehr werden.
„Kondome?“, grinste die Kassiererin mich an, während sie meine Einkäufe über den Scanner schob. Zimthühnchen grabschte eine Packung Billy Boys und warf sie zur Kassiererin. Ping.
„15 Euro 84 macht das zusammen.“
Super holy shit. Ich bezahlte anstandslos, wobei mein Kopf zu einer tomatenroten Birne mutiert war, die mit ihrer Leuchtkraft den gesamten Supermarkt in eine puffartige Atmosphäre tauchte. Jetzt ein Stromausfall und keiner würde hier im Dunkeln stehen. Es war eher mein Gehirn, das sich zurzeit in völliger Denkfinsternis befand. Zumindest meine Beine wussten noch, was zu tun war: Ganz schnell abhauen.
„Ey, guitar man, wart doch mal.“
Sie schlängelte sich durch die Bustür, die sich zischend hinter ihr schloss und plumpste neben mir auf den Sitz.
„Ich schieb echt Kohldampf. Und Musika find ich cool. Die hab‘n Rhythmus. Weisse. Und Gefühl. Mein Macka hat keins. Hat nur Zeit für seine Egoshooter im Net. Und meine Alten kümmern sich nur um die nächste Flasche anne Bude und die Lottozahlen am Samstag.“
Ihre Worte plätscherten wie stürmischer Herbstregen auf mich ein. Kriegte einen Totalabriss ihres verkorksten Lebens. My own life war schon bullshit. Da wollte ich mich nicht von ihrem begießen lassen. Und doch war sie irgendwie unbekümmert, als ob sie die Felsen, gegen die sie in ihrem Lebensfluss immer wieder krachte, nicht wirklich aus der Bahn schütteln konnten. Sie paddelte einfach weiter.
„Ich sing so gern. Weisse. Sing mir alles ausse Seele. Klar, treff‘ nich imma die Töne. Abba meine Seele swingt dabei. Verstesse? Und das macht mich glücklich.“
Tatsächlich verstand ich sie. Weil es mir genauso ging. Es war schräg, was ich da auf der Gitarre zupfte. Aber manchmal, wenn der Ton ganz klar durch den Raum schwang, dann drang dieser Schwung bis tief in mich hinein. Und er erzeugte etwas Unbeschreibliches in mir. Eine Energiewelle, die durch meine Haut und darüber hinwegrollte und sich in meinem Herzen brach. Das ging mir ebenso, wenn ich gute Musik hörte. Bei Jeff Buckley, wenn er das Hallelujah auf seiner Gitarre zupfte. Wobei das Original von Leonard Cohen genauso gut war. Überhaupt waren Liedermacher wie Cohen einfach geil. Oder Johnny Cash und Nick Cave.
„Komm“, sagte ich und zog sie an der Hand hinter mir her. „Hier muss ich aussteigen.“
Keine Ahnung, was mich gerade ritt. Aber irgendwie rührte sie mich. Und irgendwas verband uns.

„Magste Chili con Carne?“
„Abba scharf musset sein!“
„Geht klar“, grinste ich und schnippelte eine Peperoni mehr als sonst hinein.
„Boah, rattenscharf“, sagte sie und wischte sich den Schweiß mit ihrem Ärmel von der Stirn. Das Chili explodierte förmlich in unserem Mund. Das ging porentief.
„Jetzt spiel ma auf deiner Klampfe.“
„Humpf“, murmelte ich und kam nun mehr als durch das Chili ins Schwitzen. Aber die männliche Ehre gebot mir, jetzt nicht zu kneifen. So holte ich wie selbstverständlich die Gitarre hervor und schrammelte abwechselnd die drei Akkorde, die wir bereits gelernt hatten, über die Saiten. Nicht schön, aber selten. Und manchmal sogar richtig.
Und sie fing an zu singen. Schrill as ever. Aber irgendwie süß. Es war sogar ein Text von Cohen. „I’m your man.“ Was sie einfach mal in „I’m your woman“ umtextete. Weder meine Akkorde noch ihre Töne passten zusammen. Und doch jammten wir auf einer ganz anderen Ebene zusammen.
„Voll fett“, lachte sie. Dann zog sie ihre Jacke an. „Danke für das geile Essen. Und für die Mukke.“
In der Tür drehte sie sich noch mal um.
„Nächsten Donnerstag wieda?“ Sie zwinkerte mich an.
„Klaro“, antwortete ich. „Nach dem Gitarrenunterricht! Ich koch uns was.“
Gitarre lernen war so cool! “I‘m your man!“

Letzte Aktualisierung: 26.01.2013 - 18.54 Uhr
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