Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Nullpunkt | Januar 2013
Gefangen
von Karl-Otto Kaminski

Eine laut knallende Tür passt überhaupt nicht in meinen wunderschönen erotischen Traum. Verstört fahre ich hoch. Es ist stockfinster im Raum. Die Rollläden sind automatisch runter gefahren, wie immer nachts. Mein Radiowecker hat sich noch nicht gemeldet. Der sollte mich heute um halb sieben wach machen, damit ich geduscht, gefrühstückt und durch nochmaliges Überlesen meines Manuskripts bestens präpariert, um neun Uhr meinen Vortrag in der Industrie- und Handelskammer halten kann. Wie spät ist es jetzt?
Vergebens suchen meine schlaftrunkenen Augen die roten Leuchtzeichen der Uhr, die mir die aktuelle Zeit an die weiß getünchte Decke des Schlafzimmers zu schreiben hat, funkgesteuert und verlässlich. Wieso stehen da jetzt keine Zahlen? Unbeholfen tasten meine Finger nach der Nachttischlampe. Ich finde den Schalter. Er klickt, bringt aber kein Licht.
Verdammter Mist! Plötzlich bin ich hellwach. Habe ich etwa verschlafen?
Ich taste mich durch den lichtlosen Raum und finde nach längerem Suchen endlich den Schalter für die Rollläden. Der reagiert auch nicht. Also gibt’s wohl irgendwo einen Kurzschluss. Ich brauche jetzt aber unbedingt Licht!
Vor ein paar Monaten hat mir Doris eine Taschenlampe geliehen. Doch wo liegt die?
Ich stoße mit der Schulter gegen einen Türpfosten, zucke erschreckt zurück und fege das Telefon vom Tischchen neben der Garderobe. Endlich kann ich die Korridortür öffnen. Ein wenig trübes Licht sickert durch das Oberlicht im Treppenhaus in meine Wohnung.
So finde ich die Klappe des kleinen Einbaukästchens direkt neben dem Eingang. Die Hebel der Sicherungsautomaten stehen alle vorschriftsmäßig nach oben. Also kein Kurzschluss, sondern Stromausfall. Darum ist es auch so saukalt in der Wohnung. Logisch, wenn die Elektroheizung keine Energie bekommt.
Ich muss unbedingt wissen, wie spät es ist. Auf dem Wohnzimmertisch ertaste ich meine Armbanduhr, stolpere mit ihr zu der minimalen Lichtquelle vor der Wohnungstür, wo ich mühsam die Zeiger erkennen kann.
Um Himmels Willen! Schon viertel nach acht! Und um neun Uhr sitzt, etwa zwanzig Kilometer von hier entfernt, ein ausgesuchtes Auditorium in einem wohltemperierten, bequem möblierten Saal und wartet auf mich. An diesen Vortrag habe ich sehr große Hoffnungen geknüpft.
Die Presse ist vertreten, und ein paar maßgebliche Köpfe von der Uni werden dort sein, vor allem aber zwei Herren aus dem Vorstand eines mächtigen Energielieferanten. Da wartet möglicherweise ein leitender Posten im Bereich Public Relations auf mich.
Vielleicht sollte ich vorsichtshalber bei der IHK anrufen, Bescheid sagen, dass ich gegebenenfalls etwas später komme. Schließlich handelt es sich hier um höhere Gewalt.
Das Telefon gibt keinen Ton mehr von sich. Hat den Sturz nicht überlebt. Und mein Handy ist natürlich auch wieder mal nicht aufgeladen. Verdammte Scheiße!
Um neun soll es losgehen. Aber das schaffe ich doch nie! Ich bin ja nicht einmal in der Lage, mich zu duschen und zu rasieren. Wie soll ich im finsteren Schlafzimmer die richtigen Kleider im Schrank finden? Und was ist mit dem Frühstück? Ohne Strom kann ich doch weder Kaffee oder Tee noch ein Ei kochen. Sicher sind die Lebensmittel im Kühlschrank noch in Ordnung. Aber wie soll ich da drin was finden, ohne Licht?
Es ist so beunruhigend still draußen. Erst eine zufallende oder zugeworfene Tür, die mich weckt und dann nichts mehr. Vermutlich hat es meine Nachbarn genauso erwischt wie mich. Die meisten werden wohl auch verpennen. Wer benutzt denn heute noch einen mechanischen Wecker?
Verzweifelt krame ich im Abstellkämmerchen herum, in das ein Hauch von Licht durch die offene Korridortür fällt. Keine Spur von der Taschenlampe. Dann muss es eben ohne gehen. Ich muss diesen verdammt wichtigen Termin wahrnehmen, im Notfall unrasiert und ungefrühstückt. Aber anziehen muss ich mir natürlich was.
Im Schlafzimmerschrank, zu dem ich mich vorsichtig hingetastet habe, fummle ich mir ein Oberhemd heraus. Die zwei gebügelten hängen immer ganz links. Über dem Stuhl neben dem Bett liegen meine Jeans und die Socken, die ich gestern anhatte. Ist doch völlig Wurst, wie angezogen ich da auftrete. Befinde mich ja schließlich im Notstand. Da ist es doch gleich, ob ich Joggingschuhe oder Lacktreter anhabe. Kann hinter dem Rednerpult ja kaum jemand sehen.
Meine ausgelatschten Waldläufer stehen gleich neben der Korridortür. Der Schlamm vom Jogginglauf gestern Abend ist über Nacht getrocknet und bröckelt weitgehend ab. Aber mein Outfit ist völlig egal. Wichtig ist nur, dass ich einigermaßen pünktlich in den großen Saal der IHK komme. Dann zählt allein das Wort.
Es ist so eigenartig still draußen. Das Quietschen der S-Bahn fehlt. Das sonore Grundgeräusch von der B1 ist fast noch leiser als am Sonntag. Rasch greife ich mir meinen Aktenkoffer mit den Unterlagen für den Vortrag. Zum Glück habe ich ihn direkt unter den Garderobenspiegel in der Diele gestellt.
Halb neun! Jetzt aber rasch! Die Knöpfe an der Fahrstuhltür sind tot. Natürlich! Also muss ich die Treppe runtergaloppieren in die Tiefgarage. Mein Himmel, wie abhängig wir doch von der Elektrizität sind! Der Rest Benzin wird sicher noch reichen, denke ich, zumindest für die Hinfahrt. Zum nachtanken fehlt die Zeit. Außerdem werden die Pumpen an der Tanke ja auch mit Strom betrieben. Haben die keinen, gibt’s auch keinen Sprit.
Das gedämpfte Morgenlicht quält sich nur mühsam durch die Drahtglasscheiben der Haustür, als ich die Treppe vom Erdgeschoss nach unten hetzen will. Da trifft mich ein Erkenntnisblitz.
Erschrocken bleibe ich stehen.
Hat ja überhaupt keinen Sinn, dass ich da jetzt runter renne in die Finsternis! Nicht nur, dass ich dort unten Schwierigkeiten hätte, meinen Wagen ohne Licht zu finden. Das verdammte Rolltor, das die Tiefgarage nach außen hin absperrt, arbeitet ja auch elektrisch. Das heißt: Es funktioniert jetzt nicht! Ich käme mit meinem Auto gar nicht raus.
Jetzt ist alles aus! Ich kann den Vortrag nicht halten. Verflucht und zugenäht! Ein paar Dutzend interessierte Leute, einige davon für meine Zukunft höchst wichtig, warten vergeblich auf den jungen Redner, der ihre bereits bestehende Meinung mit knallharten Fakten und Daten untermauern will: An dem Gerede und Geschreibsel über die angeblich drohende Energieknappheit und ihre fürchterlichen Folgen ist nichts dran. Damit wollen weltfremde Ökofreaks und irregeleitete Journalisten ihren Mitmenschen nur Angst machen. Energie ist uns für Jahrhunderte sicher, ihre Verteilung in unserem Land kein wirkliches Problem bei unserer technischen und wirtschaftlichen Stärke. Damit ist uns auch in Zukunft uneingeschränkte Mobilität garantiert.
Das wäre die Quintessenz meines Vortrags gewesen, gestützt auf beruhigende, nicht so leicht widerlegbare Zahlen. Mit Statistik lässt sich ja so vieles beweisen. Und nun macht mich ein simpler Energieausfall zum Gefangenen. Ausgerechnet heute! Nicht einmal ein Taxi kann ich rufen ohne funktionierendes Telefon.
Verzweifelt setze ich mich auf die kalten Treppenstufen. Ohnmächtige Wut dröhnt durch mein Hirn. Meine Karriereträume sind ausgeträumt. Das Honorar für den Vortrag ist natürlich auch futsch. Jetzt kann ich nur noch hoffen, dass es sich um einen überregionalen Stromausfall handelt, am besten bundesweit.

Letzte Aktualisierung: 02.01.2013 - 19.47 Uhr
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