Honigfalter
Honigfalter
Liebesgeschichten ohne Kitsch? Geht das?
Ja - und wie. Lesen Sie unsere Geschichten-
Sammlung "Honigfalter", das meistverkaufte Buch im Schreiblust-Verlag.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Jochen Ruscheweyh IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Nullpunkt | Januar 2013
Wer hat Angst vorm Neufischhai?
von Jochen Ruscheweyh

Schon mein Vater hatte mich als Kind ermahnt, nicht in der Zinkwanne zu furzen und die Blasen mit der Hand aufzufangen. Seine Warnung, der Neufischhai würde sonst kommen und mich holen, hatte ich bereits damals nicht ernst genommen und irgendwann einfach vergessen.
Natürlich erlangte ich im Laufe meines Lebens von allein die Erkenntnis, dass nicht alles, was mir persönlich Spaß machte, bei meinen Mitmenschen - besonders bei den weiblichen - gut ankam.
Und als Grit und ich uns 1978 unser Heiratsversprechen gaben, legte ich gleichzeitig ein Gelübde vor mir selbst ab, meine Unterwasseraktivitäten auf die Zeiten zu verschieben, in denen ich das Badezimmer für mich allein hatte.
Über die Jahre hatte ein Waschhandschuh die Auffangfunktion meiner Hände übernommen. Mir war klar, dass das, was ich da tat, kindisch wirken musste und unsinnig, aber es bekam ja niemand etwas davon mit, und außerdem sank meine Laune rapide, wenn ich nicht wenigstens einmal in der Woche, wenn Grit beim Yoga war, in die Wanne steigen konnte.

Es gluckerte im Abfluss, just in dem Moment, als ich ausstieg und Grit die Wohnungstür von außen aufschloss. Sie klopfte, blickte kurz zu mir ins Badezimmer und rümpfte die Nase: „Sag mal, was riecht das denn hier so, hast du den Rest Heringssalat im Klo runtergespült?“
Ich scheitelte meine verbliebenen Haare, griff nach dem Fön. „Nein, wieso?“
„Na, weil es nach Fisch stinkt.“
Herausgefordert, ja, so fühlte ich mich, fasste meinen Kamm an den Zinken und stieß mit der spitz zulaufenden Fläche des Griffs in den Siphon des Waschbeckens.
„Alles voller Haare, kein Wunder.“ Ich gab mir Mühe, entrüstet zu klingen, um dann gönnerhaft nachzulegen: „Ich kümmere mich nachher darum.“

Wir saßen gerade auf dem Sofa, Grit trank ein Glas Wein, ich eine Flasche Bier, als das Gluckern im Bad, das ich längst vergessen hatte, plötzlich so laut wurde, dass es bis zu uns ins Wohnzimmer drang.
„Ich glaube, es wäre besser, du reparierst den Abfluss jetzt, schließlich sind es deine Haare, die da alles verstopfen“, bemerkte Grit.
„Meine Haare? Dass ich nicht lache! Das sind deine und deswegen kannst du dir auch gerne den Schrauber nehmen und die zwei Kreuzdinger selber rausdrehen!“
Grits Augen bekamen diesen übermütigen Ausdruck, der im Allgemeinen nichts Gutes bedeutete. Dann knurrte sie mir entgegen: „Dann spielen wir eine Runde Nullpunkt darum, wer geht!“
„In Ordnung!“, fauchte ich zurück, „Aber du kannst genauso gut jetzt sofort gehen, weil du ohnehin verlierst!“
„Was noch zu beweisen wäre!“, stieß Grit hervor, stürzte ihren Wein hinunter, sprang auf und rollte den Perser-Teppich zusammen.
„Ich Osten, du Norden!“, bestimmte ich.
„Ha! Das könnte dir so passen, nein, du Osten, ich Süden!“, rief sie mir entgegen.
Ich stellte die Holzgebäude auf die Markierungen und warf Grit ihr Poseidon und das Sopokal hinüber. „Da! Aber verschluck dich nicht dran!“, schob ich hinterher.
Aus dem Badezimmer drang ein Geräusch wie von einem berstenden Rohr.
„Na, möchte der Herr den Spielbeginn noch etwas rauszögern? Dann können wir nachher die Feuerwehr zum Abpumpen bestellen!“
„Du schreibst mir nicht vor, wann ich meine Position einzunehmen habe. Schau lieber mal hoch!“
Als Grit ihren Blick über die vertäfelte Decke wandern ließ, knallte ich das Startbündel auf Feld 17, griff mein eigenes Poseidon und brüllte: „Du bist geliefert!“

Im Gegensatz zu Grit konnte ich den Flurbereich von meiner Position aus einblicken; ein eindeutiger Vorteil, den sie durch die leichtfertige Beanstandung ihrer Ausgangsposition vergeben hatte – genau so, wie von mir geplant. Also sah nur ich, wie der Neufischhai, den ich mir ganz anders vorgestellt hatte, seinen schuppigen Körper im Schneckentempo an der Raufaser entlangzwängte, dass sich die Holzpartikel aus der oberen Schicht lösten und zu Boden rieselten.
„Du tapezierst doch so gerne!“, warf ich ihr einen neuen Köder hin. „Dann such dir schon mal eine neue Erfurt aus!“
Grit fuhr herum. Die beste Gelegenheit für mich, meinen Vorteil auszubauen. Aber ich hatte ihre Geschicklichkeit unterschätzt. Sie schien keineswegs überrascht über den Neufischhai zu sein, beschrieb stattdessen eine 360 Grad Drehung und hieb mit ihrem Poseidon auf mein zentrales Rechengebäude im Migrationsdelta ein. Was für ein bemerkenswerter Schachzug! Hätte ich ihn nicht vorausgesehen und meinerseits mein Sopokal gegen ihre Versorgungseinheit geschleudert. „75 zu 25!“, provozierte ich Grit, während der Neufischhai wie in Zeitlupe nach dem Flurspiegel schnappte und glitzernde Scherben wie Geschosse durch den Flur flogen.
„Du hättest es leichter haben können, wenn du einfach den Abfluss repariert hättest“, zischte Grit mir entgegen, ballte ihre Faust, führte sie zum Mund und küsste sie. Diese Geste war neu und nicht definiert im Kontext unseres Spiels. Während ich noch darüber nachdachte, wie ich dieses Zeichen interpretieren sollte, versetzte Grit der Bandrolle einen Stoß. Ich hatte keine Chance mehr auszuweichen.

Holz splitterte, als der Neufischhai sein poröses, graues Gebiss in den Wohnzimmertürrahmen trieb.
„Willst du zu Ende spielen?“, rief ich Grit vom Boden aus zu.
Ihr Nicken forderte mich heraus, meine letzte Waffe, das Quadralyt, einzusetzen. Ich drückte mich hoch und griff in meine Bademanteltasche, als der Neufischhai plötzlich auf das Doppelte seiner ursprünglichen Größe anwuchs und uns beide verschlang.


„Es ist dunkel hier drin und es stinkt entsetzlich“, sagte Grit.
„Da hast du Recht“, pflichtete ich ihr bei.
„Was machen wir jetzt?“, fragte sie.
„Das ist eine schwierige Frage. Ich muss gestehen, ich hab keinen Notfallplan in der Tasche, weil ich nicht damit gerechnet hätte, jemals gefressen zu werden. Komm her.“ Ich tastete nach Grit und legte den Arm um ihre Schulter.
„Es ist alles meine Schuld, Gerd.“
„Wieso?“
„Nach dem Yoga, wenn ich allein in der Umkleidekabine bin, dann kaue ich an meinen Fußnägeln. Das mache ich schon mein Leben lang. Meine Großmutter hat immer gesagt, ich soll aufpassen, sonst holt mich eines Tages ...“
„Der Neufischhai?“
„Genau, woher weißt du?“
„Na, vielleicht bin ich auch nicht ganz unschuldig an unserer Rotkäppchensituation. Ich furze in der Badewanne und fange die Blasen auf.“
„Ach ...“
„Was hat deine Großmutter denn gesagt, was dann mit einem passiert, wenn einen der Neufischhai gefressen hat?“
Grit hustete, dann sagte sie: „Er verdaut uns und scheidet uns als bessere Menschen wieder aus.“
Ich strich ihr über das Haar, das sich schon etwas tranig anfühlte, von den Verdauungssäften des Neufischhais.
„Du meinst, wir benehmen uns dann so, wie unsere Nachbarn es von uns erwarten?“
„Ja“, bestätigte Grit, „wir wählen die richtige Partei und halten uns an die Verkehrsregeln, all so was eben.“
„Ich trinke mein Bier nur noch aus dem Glas und du übernimmst ein überflüssiges gemeinnütziges Amt?“, spann ich den Faden weiter.
„Genau, wir würden endlich hier in der Siedlung akzeptiert werden. Und vielleicht würde uns jemand fragen, ob wir eine Patenschaft für eine Parkbank übernehmen, wo unsere Namen eingelassen werden.“
Ich strich mir über mein Kinn. „Demnach wäre es ja nicht unbedingt zu unserem Nachteil, gefressen und verdaut zu werden.“
„Absolut.“
„Und woran merken wir, dass wir verdaut sind?“
„Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, Gerd.“
Wir schwiegen eine Weile.
Plötzlich rauschte es und eine Woge schwappte über uns zusammen. Sie schmeckte bitter auf den Lippen und brannte in den Augen.

Als ich das Bewusstsein wiedererlangte, saß ich in der Badewanne. Mir gegenüber meine Frau Grit, die - artistisch anzusehen - an ihren Fußnägeln kaute.
„Ich fürchte, es hat nicht funktioniert“, sagte sie.
„Vielleicht müssen wir uns einfach so akzeptieren, wie wir sind oder uns noch ein paar Mal fressen lassen“, gab ich zu bedenken.
Grit zuckte mit den Schultern: „Was hältst du davon, wenn wir unsere Partie Nullpunkt zu Ende spielen?“
Ich fischte ein Stück Fußnagel aus dem Wasser und betrachtete es. „In Ordnung. Aber sag mal, würdest du dich besser fühlen, wenn ich ... wenn ich jetzt furze, so als Ausgleich?“
„Nein, eigentlich nicht.“


Version 3

Letzte Aktualisierung: 27.01.2013 - 18.50 Uhr
Dieser Text enthält 8053 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2017 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.