Ganz schön bissig ...
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Nullpunkt | Januar 2013
Don't shit where you eat!
von Asla Kant

Liebe Leute und Leutinnen, Nullpunkte und Nullpunktinnen, Leser und Leserinnen,

seien Sie unbesorgt, ich werde Sie nicht mit der Tagessuppe des Schmerzes langweilen. Mir steht auch nicht der Sinn danach, Sie in meine Heimat zu entführen, wo wir gemeinsam in einer warmen Stube einem gefrorenen Fünf-Kilo-Milchblock beim Schmelzen zusehen könnten und meinen Kühen Pelz-BH's umschnallen müssten, damit ihre Euter nicht einfrieren.

Dies ist keine Butterfahrt, das garantiere ich.

Ich möchte Sie einladen, nicht bei Null anzufangen und nicht bei Punkt aufzuhören.

Und deshalb heute im Angebot: mein Buchstabeneintopf, den ich mit kleinen Haltepunkten abschmecke, um ein bevorstehendes oder manifestiertes Stimmungstief in eine positive Richtung zu verschieben, kurzum, ich möchte Ihrem Einheitsbrei ein wenig Süße verleihen, Sie und mich in guten und schlechten Zeiten farbenfroh unterhalten.

Diejenigen unter Ihnen, die es deftiger brauchen, bedienen sich bitte vorbehaltlos am Gewürzrondell mit Knallbrause, Psychoakustik, entrückten Gesichtspunkten und präventiv mit Po-Creme. Bitte verstehen Sie das nicht falsch, sondern als konstruktive Abgangshilfe für den Fall, dass es nicht von allein rutscht, Sie neuen Geschmacksrichtungen aufgeschlossen und experimentierfreudig gegenüberstehen, aber nicht daran gewöhnt sind.

Guten Appetit


1. Haltepunkt

Als Vorspeise präsentiere ich Ihnen eine erste Unterrichtsstunde in einem Seniorensportverein:

Turnbereit in der Halle schauen wir uns an, die Uhr und ich. Es ist kurz vor sechs. Ich warte. Um Punkt sechs lege ich eine Mattenbahn aus und warte. Dann laufe ich ein paar Runden, so ungefähr fünfzehn, sehe auf die Uhr, transpiriere und warte auf die Dinge, die vielleicht noch kommen. Dann endlich die erste Omi, die die Hallentür nur einen Spalt öffnet, kurz ihre Nase hineinschiebt, sich direkt wieder zurückzieht und die Tür schließt. Prima. Im Anschluss gleich drei Damen, die eine ganze Weile damit beschäftigt sind, sich gleichzeitig und nebeneinander durch die Tür zu zwängen. Nett.
„Wer sind Sie denn?“, ruft eine rotblonde, haarsprayverstärkte und auffällig geschminkte Endsiebzigerin in einem bodenlangen Kunstpelz, die sich mit schätzungsweise dreißig Gleichgesinnten in den Geräteraum bugsiert und sich wie alle anderen auch in aller Seelenruhe ihrer Kleidung entledigt.
„Wir ziehen uns immer hier um!“, quengelt eine Oma, die ich in der Menge nicht ausmachen kann. Ich quetsche mich in die Mitte, begrüße alle herzlich und stelle mich als Trainerin vor. Als Antwort strecken sich mir ich weiß nicht wie viele Hände entgegen und zu meinem Erstaunen auch ein Fuß, der anscheinend Bekanntschaft mit meinem Ohr machen will.
Wow, geruchsintensiv, aber gelenkig.
Ich entferne dieses Teil aus meinem Gesicht, halte es mit einer Hand fest und setze mich auf den Boden, begleitet von Getuschel aus unterschiedlichen Richtungen …
Hasse den Namen verstanden?
Bisse taub?
Eschra heißt die.
Ne, Mascha!
Hab schon wieder Durchfall.
Mensch, halt doch du die Klappe!
Fragse doch einfach.
Nä, die heißt Asta!
Wo die wohl herkommt?
Spricht komisch, das is keene Deutsche.
Nadia heißt die, wasch dir die Ohren!


Dieses Körperteil, das vermutlich ein halbes Jahrhundert in einem Schraubstockschuh steckte, schreit wie seine Besitzerin nach Aufmerksamkeit.
„Gucken'se mal, schlimm ne, kann man da noch was retten?“
Eine Turnschwester rümpft die Nase, während sich zwei weitere Sporttanten einmischen: „Musst du jedem deine Quanten unter die Nase reiben?“ Herrlich.
Ich bewundere die verknöcherten, krummen Zehen, stelle den Fuß sanft, aber endgültig auf dem Boden ab und sage: „Ich bin kein Chirurg, lasst uns anfangen!“

Mit einfühlsamem Karate, Selbstverteidigung, Rückenschule und Zumba haben wir das anfängliche Fremdeln überwunden. Ich liebe meine Omas und jeden Reibungspunkt!

Eine Fortsetzung folgt.


Bei ersten Müdigkeitserscheinungen empfehle ich an dieser Stelle ein Nickerchen oder einen Spaziergang an frischer Luft oder Gummitwist für die Bewegungsfreudigen unter Ihnen. Für Nichtlese-Leute oder/und Menschen, die sich schnell langweilen und zudem gerne spielen, habe ich das Nullpunkt(e)-Rätsel entwickelt. Viel Spaß damit, toben Sie sich aus.

Alle anderen Teilnehmer begeben sich bitte zum nächsten Treffpunkt.


Das Nullpunkt(e)-Rätsel finden Sie hier:
Bitte lassen Sie sich von möglichen, größeren, senkrechten Abständen nicht irritieren.

N000000K0000000000
00000000000000000K
L00000000000000000
00000000000000000U
P00000000000000000
00000000000000000L
N00000000000000000
00000000000000000U
T00000LU0000000000


2. Haltepunkt

Der Hauptgang ist angerichtet. Schön, dass Sie es bis hierhin geschafft haben. Ich serviere Ihnen eine Nulllinie in Südostanatolien:

Um die Kosten so gering wie möglich zu halten, teile ich mir ein Miniapartment mit einer deutschen Dauertouristin namens Birke, während ich beruflich zwischen Kars und Van hin und her pendle. Von einer besten Freundin kann hier nicht die Rede sein, aber zumindest von einer guten, verlässlichen Bekanntschaft. Schön. Nach vier Wochen entführt sie mich in ein mir unbekanntes Restaurant am Vaner Strand. Wir haben uns bis dahin kaum gesehen und wenn, dann morgens, weil Birke es gern ordentlich krachen lässt und glücklicherweise ihre Männerbekanntschaften woanders abspeist. Der Kellner riecht schlecht. Birke auch. Sie redet. Dann bestellt sie. Das Essen kommt verdächtig schnell auf den Tisch. Birke isst mit den Fingern und redet viel, während ich schweige, ein Fladenbrot anstarre und kaum einen Bissen hinunterbekomme. Als Birke nach einem Toilettengang wieder zurück ist, fallen mir Käsereste unter ihren Fingernägeln und Rückstände ihres Lippenstifts am Daumen auf. Hände nicht gewaschen. Ich bezahle und jeder geht seiner Wege. In der Nacht finde ich mich in einer Badewanne wieder. Es riecht entsetzlich. Bewegungsunfähig stelle ich trotzdem fest, was an mir, der Kloschüssel und am Waschbecken klebt, sich unter mir ansammelt, weil zu grobstückig und zähflüssig für den engen Abfluss. Drei Tage später liege ich in einem fremden Bett. Es stinkt. Irgendjemand von den mindestens zwanzig anderen Menschen, die mit mir in einem Raum liegen, erklärt, dass dies ein Krankenhaus ist. Mehr erfahre ich nicht, weil meine Zunge anschwillt, ich nicht mehr atmen, somit auch nicht um Hilfe rufen kann, und erleichtert dem Nichtbewusstsein entgegendümple. Fünf Tage vergehen, bis mich fremde Leute wecken und fragen, ob ich eine Familie habe. Sprechen geht nicht. Mein Gesichtsausdruck reicht aber für eine weitere ausführliche Erklärung. Hier im Dorfhospital werden Patienten von ihren engsten Angehörigen gepflegt und rundum verpflegt.
„Hast du nix Abi, Anne, Baba, Abla, dann mussen du gehen Market kaufen Essen“, singt mir ein alter Kurde auf Krücken ins Ohr. Bisher hat niemand verstanden, dass ich die hiesige Sprache gut verstehe, aber leider noch nicht sprechen kann. Mit einer Ausnahme: ein Arzt, der sich hinzugesellt und aussieht, als ob er soeben gemetzgert hat. Er fügt hinzu: „Salmonella. Die Infusionen genügen nicht. Sie müssen viel trinken, sonst muss ich eine Sonde legen. Werden Sie mit dem Nötigsten versorgt, warum besucht Sie niemand, darf ich Ihre Familie kontaktieren?“ Ich schüttle meinen Kopf.
„Kann jemand diese junge Frau waschen? Sofort!“, brüllt der Doktor und bestimmt eine kräftige, komplett verschleierte Dame, die mich aus dem Bett zerrt, mir ein Laken überwirft, mich in einen Rollstuhl verfrachtet, mich samt Infusionsständer in ein Großraumbad am Ende des Flurs schiebt, mich auszieht und mit einem Schlauch abspritzt. Sehr unangenehm!

Wie es weitergeht, erfahren Sie in einer Fortsetzung.


Und wer sich jetzt frisch machen möchte, sucht das eigene Pausenzentrum auf. Die anderen folgen mir bitte. Vielen Dank.


3. Haltepunkt

Meine Idee zum Dessert ist am gefühlten Nullpunkt entstanden und durch Anmerkungen, Fragen, Denkanstöße und Seltsamkeiten in einem persönlichen Bereich gewachsen. Und nun verrate ich Ihnen zum Nachtisch das Rezept meiner Schneetorte, das Sie angesichts dieser Witterung gerne praktisch umsetzen dürfen. Ansonsten besteht zu jeder Zeit die Möglichkeit der Imagination. Das bedeutet, Sie können dieses Schmankerl überall genießen:

Sie benötigen ein funktionsfähiges Gehirn, eine schneebedeckte Fläche, ein bis zwei Finger, zwei Hände (ein Schneidwerkzeug, wenn Sie die Torte mitnehmen wollen) und eine Wurst, wenn möglich aus eigener Herstellung, also frisch und warm (dunkle Nuancen bieten einen hervorragenden Kontrast), sonst fragen Sie Ihren Hund, oder sprechen Ihre Mitmenschen oder Fremdhunde an.

Bitte drücken Sie Ihren Finger in die weiße Pracht. Zeichnen Sie eine Null und unten rechts daneben einen Punkt. Hierbei dürfen Sie Größe, Breite und Tiefe Ihrer Ein-bis-Zwei-Fingertechnik berücksichtigen. Nun beginnen Sie damit, den Inhalt Ihres oder sonstiger Körper in die Furche Ihrer 0.-Schablone einzuarbeiten. Besonders beeindruckend ist eine Spitze auf dem dekorierenden Interieur, die an eine festliche Sahnehaube erinnert, wobei direkt nach Eintrag einer warmen Wurst der Schmelzvorgang beginnt. Anschließend geben Sie der bewursteten Tortenmitte eine äußere Gestalt. Ob in Kreis-, Stern- oder Kastenform, entscheiden Sie. Dann entfernen Sie mit Ihren Händen den Schnee außerhalb der Form. Fertig! Sie haben es geschafft. Nun können Sie sehen, wie der gefüllte Nullpunkt dampft und immer tiefer eindringt.
Und wie gesagt, wenn Sie das Prachtstück mitnehmen, werfen oder verschenken möchten, einfach mit einem Schneidwerkzeug ausstechen und herausheben. Vergessen Sie nicht, je höher die Schneeschicht, desto mühsamer das Freischaufeln und Mitnehmen.


Dank Ihnen ist aus dem Buchstabeneintopf doch noch ein passables Dreigangmenü entstanden und ich hoffe, Sie sind auch beim nächsten Mal dabei, wenn es heißt, mit Verlaub:
Fressen Sie nicht da, wo Sie hinscheißen!


Mit den besten Wünschen verabschiedet sich
Ihre
Gefrierpunktgeneration

©anahtar.абсолютныйнуль

Letzte Aktualisierung: 27.01.2013 - 14.25 Uhr
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