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Nullpunkt | Januar 2013
Steinkamm macht Witze
von Elmar Aweiawa

Der kleine Junge rannte, so schnell ihn die Füße trugen. „Er kommt! Er kommt!“, schmetterte er, und jeder im Dorf wusste, welch wundervolle Nachricht sich dahinter verbarg.

Steinkamm war wieder da!

Mehr als zwölf Monde war er weg gewesen, länger als jemals zuvor. Auf seine Erzählungen freute sich jeder im Dorf, auch wenn sie vielen seiner Heldentaten, von denen er stundenlang berichten konnte, nur wenig Glauben schenkten.
Noch brennender jedoch interessierte die Dorfbewohner, ob er wieder neue Wunder mitgebracht hatte. Die beiden Steine, mit denen man Feuer machen konnte, waren das heiligste und wertvollste Gut, das jeder von ihnen mit seinem Leben zu verteidigen bereit war. Und niemand anders als Steinkamm hatte es ihnen zum Geschenk gemacht.

Das Getöse, mit dem sie ihn empfingen, war ohrenbetäubend. Jeder, der die Hände frei hatte, ergriff zwei Steine und schlug sie gegeneinander. So begrüßten sie ihren Helden, und das Herz mancher Frau schlug höher, als dem jeweiligen Gatten lieb sein konnte.

Die zeremonielle Begrüßung stand dem obersten Jäger zu, und gemessenen Schrittes ging Flinker Hirsch Steinkamm entgegen.
„Bruder, komm an meine Brust!“, hieß er den Weitgereisten willkommen.
„Mein Atem ist deiner, Bruder“, erwiderte Steinkamm den formellen Gruß, und als die beiden sich genügend umarmt und die Pranken mit krachenden Schlägen auf den Rücken des Freundes hatten niedersausen lassen, winkte Steinkamm in die Runde. Wie schön, wieder daheim zu sein. Endlich! Trotz seiner Abenteuerlust, die ihn immer wieder in die Fremde trieb, kehrte er gerne nach Hause zurück. Hier lebte sein Stamm, hier wohnte seine Seele.
„Was hast du uns mitgebracht?“, wagte sich einer der Kleinen vor. Sein Vater verpasste ihm eine Maulschelle, die ihn glatt von den Füßen hob. Eine solche Ungehörigkeit musste bestraft werden. Und doch sprach der kleine Naseweis allen aus dem Herzen. Was hatte der Weltenbummler im Gepäck?
„Kommt mit zum Versammlungsort!“, ging Steinkamm zur Freude aller auf die doch ziemlich unverschämte Frage des Kleinen ein. Niemand blieb zurück, alle kamen mit. Das durfte man sich nicht entgehen lassen.

„Viele Tagesreisen von hier“, begann Steinkamm seine Erzählung, „lebt ein Volk, das eine wunderbare Entdeckung gemacht hat. Ich bin mehr als sechs Monde bei ihnen geblieben, um mich damit vertraut zu machen. Jetzt beherrsche ich sie gut genug, um sie euch beizubringen. Es ist die wichtigste Sache, die ich jemals gesehen und gehört habe. Ihr werdet staunen.“
Das Gedränge um Steinkamm nahm zu und erste heftige Rippenstöße blieben nicht aus.
„Ihr könnt es nicht sehen, aber ihr werdet es spüren. Lachen heißt es, und man muss es üben. Aber die Mühe lohnt sich.“
Steinkamm forderte alle auf, sich im Halbkreis um ihn niederzulassen.

Da saßen sie also, Familie Siebenbrech mit neugierigen und dreckigen Gesichtern, Familie Vogelschlaf in den Bärenfellen, Familie Bienenstich und all die anderen. Die Kinder wuselten herum, doch als Steinkamm weiterredete, fanden auch sie ihren Platz. Es war so still, dass man den Fall eines Faustkeils ins weiche Gras hätte hören können.
„Ich möchte euch einen Witz erzählen. Ihr wisst nicht, was das ist, also lasst euch überraschen.“
„Überraschungen sind gut!“, bestätigte Vater Siebenbrech.
„Da war dieser Jäger, der hatte eine neugierige Frau. Unbedingt wollte sie wissen, wie es auf der Mammutjagd zugeht.
’Nimm mich mit’, flehte sie ihn wieder und wieder an.
‚Das geht nicht!’, war seine ständige Antwort.
Wie sollte er so etwas Unerhörtes seinen Freunden erklären? Nein, das ging wirklich nicht.
Doch sie blieb stur und drohte damit, nicht mehr die Beine für ihn breit zu machen. Und irgendwann war es der Jäger leid.
‚Morgen kommst du mit. Wir gehen lange vor Sonnenaufgang los, damit uns niemand sieht’, gab er endlich nach.
So geschah es, und als sie sich an ein Mammut heranschlichen, ließ seine Frau vor Aufregung leise einen zischen.
’Komisch’, wandte sich der Jäger an seine Frau, ‚hier riecht es wie in unserer Höhle.’“
Steinkamm verstummte und wartete gespannt auf ein Echo. Auch die Zuhörer verhielten sich ruhig. Bis der alte Vogelschlaf sich zu einer Frage aufraffte.
„Wer hat dir denn diesen Mist erzählt? Keiner nimmt seine Frau mit zur Jagd, das ist ausgemachter Blödsinn.“
„Das hat mir niemand erzählt, und es ist auch gar nicht wirklich passiert. Wichtig ist doch nur, dass der Jäger das mit der Höhle sagt.“
„Bist du närrisch geworden? Wenn es nicht passiert ist, kann doch auch niemand das mit der Höhle gesagt haben!“
„Aber er hätte es sagen können.“
„Willst du uns unsere Zeit stehlen? Ist das deine neue Errungenschaft?“
„Hat denn niemand von euch verstanden, was da passiert ist?“
„Ich muss noch ein Bärenfell abschaben“, wollte sich Vater Bienenstich aus dem Staub machen, doch Steinkamm hielt ihn zurück.
„Warte, ich habe noch etwas zu erzählen.“
„Noch so ein ... wie heißt das gleich?“
„Ein Witz, ja, aber den werdet ihr toll finden, und er ist auch kurz.
Ein Mammutjäger schleicht sich von hinten an ein altes Mammut heran. Als er nur noch ein paar Schritte entfernt ist, furzt das Mammut plötzlich und dem Jäger stehen die Haare zu Berge.
‚Komisch’, denkt er, ‚es hat gedonnert, aber ich sehe keinen Blitz. Und woher kommt nur dieser stinkende Wind?’“

Wieder wartete Steinkamm gespannt auf die erste Äußerung. Mit steinernen Gesichtern saßen die Zuhörer um ihn herum.
„Hat er das Mammut nun erlegt oder nicht?“, wollte einer wissen.
„Wenn das Mammut zu alt war, hat er Pech gehabt, dann ist das Fleisch so zäh, dass man sich die Zähne daran ausbeißt“, war die nächste Anmerkung.
„Erzähl doch weiter!“, forderte ihn Mutter Bienenstich auf.
„Das war es schon, versteht ihr denn nicht?“
„Also, wenn das alles war ... ich glaube, du spinnst.“
„Donner ohne Blitz“, wiederholte Steinkamm verzweifelt, „er denkt, dass es ein Sturm war. Das ist doch lustig!“
„Noch so ein Wort, das niemand kennt. Mein Bärenfell wartet“, schnaufte Vater Bienenstich.
„Halt, vertraut mir. Ich probier es jetzt mal ohne Witz.“
„Ist auch besser so!“
„Schaut her, ich werde euch etwas zeigen.“
Er ergriff einen herumliegenden Stock und spazierte mit zittrigen Knien vor seiner Sippe auf und ab. Gekonnt verstellte er sich als alten Jäger, der vor Altersschwäche kaum noch laufen kann. Plötzlich knickte sein linker Fuß um, und in einer bewundernswerten Drehung, langsam wie ein Faultier, stürzte Steinkamm auf den Rücken. Dabei stieß er Laute aus, die eine Mischung aus Nachtigallengezirp und Ochsenfroschgequake darstellten. Wie ein Käfer lag er da, die Arme und Beine nach oben gereckt, und während er sie langsam sinken ließ, stöhnte er, dass man ihn für einen uralten, im Wind ächzenden Baum hätte halten können.
Endlich lag er still.

Nach einer angemessenen Wartezeit hob er neugierig den Kopf.

Hier und da zeigten sich Ansätze von Grimassen in den Gesichtern. Am besten könnte man es beschreiben, als wenn von einem Bergmassiv einzelne Felsen abbröckeln und ins Tal stürzen. Die steinernen Gesichtszüge verzerrten sich, doch außer einem keuchenden Ächzen war nichts zu hören. Nur eines der Kinder ließ Laute vernehmen, die entfernt an ein Lachen erinnerten. Doch als alle herumfuhren und es anstarrten, zog es den Kopf ein und verstummte erschreckt.
„Was seid ihr für verdammte Idioten“, schrie Steinkamm die Mitglieder seiner Sippe angesichts seines erneuten Versagens an. „Ihr seid schlimmer als eine Herde schlafender Mammuts. An euch werde ich meine Neuigkeiten nicht weiter verschwenden. Dann bleibt doch einfach die grantigen, missmutigen, unausstehlichen Mistkerle, die ihr schon immer gewesen seid!“
Das war der absolute Tiefpunkt seiner Laufbahn als Weltenbummler.

Wütend wie ein Säbelzahntiger nach vergeblicher Jagd, sprang er auf und stürzte davon. Weit kam er nicht, denn der Stock, der eben noch seiner Vorführung gedient hatte, kam ihm zwischen die Beine und brachte ihn zu Fall. Mit aller Geschicklichkeit, die ihm als erfahrenem Jäger zur Verfügung stand, versuchte er, einen Sturz zu vermeiden. Es gelang ihm fast, die Beine wieder unter den Schwerpunkt seines Körpers zu bringen. Er schaffte es, noch einige Meter aufrecht zu bleiben, und scheiterte in letzter Sekunde doch. Der Länge nach schlug er hin und landete ... mit dem Gesicht in einem noch recht frischen, durchaus geschmeidigen, stattlichen Haufen Mammutscheiße.
Etwas benommen hob er den Kopf und rappelte sich auf wackligen Füßen hoch. Entsetzen lag auf seinem Gesicht, als er sich langsam umdrehte ...

Die starren Mienen seiner Stammesmitglieder bekamen Risse. Erst einzelne Steine, dann dickere Brocken und zuletzt riesige Felsmassen stürzten herab und machten Platz für Falten, die diesen Gesichtern bisher fremd gewesen waren. Japsende Laute waren zu hören, als bekämen die Umherstehenden keine Luft mehr und müssten daher mit aller Kraft versuchen, ihre Lunge zu füllen. Die spitzen Schreie der Frauen übertönten das Bassgebrumm der Männer, und die Kinder ließen unerhört helle Töne erklingen.
Der Missklang der Laute nahm zu, als Steinkamm trotz seines besudelten Gesichts zu grinsen begann, seine Hände an die Ohren legte, sie so ins Lächerliche vergrößerte, und mit den vorgetäuschten Riesenlauschern wackelte. Als er dann herumhopste wie ein Vogel in der Schlingenfalle, gab es kein Halten mehr. Nicht enden wollendes Gelächter schallte durchs Tal, das erschrocken zusammenzuckte, denn so etwas Unerhörtes hatte sich noch nie in ihm ereignet.

© by aweiawa, 2013
Version 3

Letzte Aktualisierung: 26.01.2013 - 18.55 Uhr
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