Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Nullpunkt | Januar 2013
Das Wettrennen
von Wolf Awert

Mein Sohn kam in die Küche gewirbelt, schmiss seinen Sportbeutel in die Ecke und strahlte über sein ganzes jungenhaftes Gesicht.
Ich ahnte Übles.
Nach einigen hastigen Atemzügen gelang es ihm endlich, einen verständlichen Satz herauszukeuchen.
„Papa, du glaubst es nicht. Ich habe die Langstrecke gewonnen.“
Die Langstrecke waren 400m. Bei olympischen Spielen eine mörderische Distanz. Bei den Kleinen nicht mehr als eine Ausdauerprüfung. Aber es war das erste Mal, dass Pipo, wie ich ihn liebevoll nannte, etwas gewonnen hatte.
„Komm setz dich“, sagte ich. „Das Essen ist fertig.“
Doch Pipo wollte nicht essen. Er wollte von seinem Lauf erzählen, und meine Pflicht war es, pflichtschuldig zuzuhören.

„Ich bin beim Start richtig gut weggekommen.“
Na klar war er das, aber der Start ist immer einfach. Da ist man noch voller Optimismus, hat noch alles vor sich und besitzt die Überzeugung, dass nichts einen aufhalten kann.

„Und in der ersten Kurve lag ich schon in der Spitzengruppe, ohne dass ich zwischendurch spurten musste. Nicht zu früh an die Spitze hast du mir gesagt.“
Pipos Stolz war unübersehbar. Er beleuchtete das runde Gesicht von innen wie ein heiliger Kerzenschein.
„Und da bin ich dann geblieben.“

Triumphierend schaute er mich an. Ich nickte anerkennend. Die Welt kennt nur Sieger, aber wer zu früh an der Spitze steht, vergeudet anschließend seine Kraft damit, sich all die Hunde vom Hals zu halten, die ihm in die Waden beißen wollen.
„Gut, gut“, sagte ich.

„Und am Anfang der Gegengrade bin ich dann etwas nach außen, weil da einige von hinten kamen. Ich wollte mich nicht einsperren lassen.“

Das kannte ich gut. Wenn du so richtig festsitzt, kannst du dich nur noch mit Gewalt befreien. Aber Ausbrechen kostet immer Kraft und hinterlässt Wunden und Schmerzen. Als es nicht mehr ging, habe ich meine erste Frau einfach verlassen. Knall auf Fall. Die Kinder blieben bei ihr. Was sollte ich mit ihnen. Bis heute hat sie kein Wort mehr mit mir gesprochen.

Pipo hatte mittlerweile mit zwei Gläsern, dem Salzstreuer und zwei gekreuzten Gabeln eine Art Rechteck gesteckt. Und irgendwo an der langen Seite markierten ein paar pappige Reiskörner Jäger und Gejagte. Das Tischtuch würde es verschmerzen können.

„Und hier, hier bin ich dann durch“, zeigte Pipo mir den Weg und zog eine schmierige Schlangenlinie. „Zwischen Finki und Kalle, weil die nicht mehr konnten, und hier, an dieser Stelle, lag ich dann schon hinter Carsten.“
„Geschickt gemacht“, stimmte ich ihm zu.

„Aber das Größte kommt noch.“ Pipo gluckste, als hätte er jemandem einen Schabernack gespielt. „Direkt hinter der Kurve habe ich Carsten überholt. Der hat mich gar nicht gesehen.“

Tja, so ist das. Die Feinde hat man immer im Rücken. Man sieht sie erst, wenn es zu spät ist. Wie bei meiner zweiten Frau. Dass sie einen Liebhaber hatte, war mir entgangen. Dass sie ihn zu sich einlud, in unser gemeinsames Haus, war ihr ein besonderes Vergnügen. Es gefiel ihr, dass die ganze Nachbarschaft davon wusste. Und dann dieser Kitzel, dass ich vielleicht doch einmal früher nach Haus kommen könnte. So war es dann ja auch gekommen. Ich hatte sie erwischt, weil sie sich hatte erwischen lassen wollen.
Es war wahrscheinlich meine Schuld. Ich hatte kein Händchen für Frauen. Nach der ersten Leidenschaft hatten wir nur noch gestritten. Ich war nur froh, dass diese Ehe kinderlos geblieben war.

„Carsten hat gekämpft“, stellte Pipo auf einmal ganz sachlich fest, „aber dieses Mal war ich stärker.“
„Großartig“, belohnte ich seine Leistung und seine Erzählung gleichermaßen und staunte dann, als er plötzlich ein nachdenkliches Gesicht aufsetzte.

„Aber?“, fragte ich, denn irgendetwas konnte wohl nicht stimmen.
„Kein aber“, sagte er. „Aber vielleicht hätte ich ihn noch früher überholen sollen. Ich hatte am Ende noch mindestens zwei Leben.“
„So, so, zwei Leben. Du hast gewonnen was willst du mehr. Das war ein richtiger Wettkampf, kein Computerspiel.“
„Trotzdem, ich hätte gern einen Neustart gehabt. Alles noch einmal von vorn, damit ich es noch besser machen kann. Verstehst du? Und dann nicht knapp gewinnen, sondern haushoch.“
“Nicht gut, Pipo“, sagte ich und räumte Teller und Gläser wieder an ihren alten Platz. „Im richtigen Leben gibt es auch nie einen Neustart. Wenn überhaupt, dann beginnt er in dem Augenblick, in dem du die Ziellinie überquert hast. Und selbst da schleppst du dein letztes Rennen noch mit dir herum.“
Pipo kaute auf seiner Unterlippe. „Manchmal verstehe ich dich nicht, Papa.“
Ich streichelte ihm über die struppigen Haare. Wie sollte er auch. Wie sollte er wissen, dass ich in meiner Tasche einen Brief von seiner Mutter mit mir herumtrug, die für ein paar Tage bei ihren Eltern war. Sie wollte die Scheidung, hatte sie geschrieben. Aber dieses Mal würde ich alles tun, um Pipo zu behalten.


2. VERSION

Letzte Aktualisierung: 16.01.2013 - 20.11 Uhr
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