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Nullpunkt | Januar 2013
Ich komm jetzt zu dir, Erna
von Helmut Loinger

Dieser Chefsessel hat schon was. Echtes Leder, weich und gefedert. Da lässt er sich nichts abgehen, der Juniorchef. Wie sonst halt auch nicht. Aber jetzt sitz ich hier. Mal auf der anderen Seite von diesem edlen Mahagoni-Schreibtisch. Mal keine Zurechtweisung, kein ‚Das geht so nicht weiter, Herr Unterhuber!‘. Eigentlich wollt ich nur mal mit dem Juniorchef persönlich über den Brief reden, Erna. Echt. Aber irgendwie ist das dann alles ein bisserl blöd gelaufen. Ich hab ihn sogar extra mitgenommen, den Brief. Soll ich dir mal vorlesen, was sie mir geschrieben haben? Ja? Also gut, hör dir das an:

Sehr geehrter Herr Unterhuber,

Wie Sie sicherlich aus den jüngsten Rundschreiben erfahren haben, hat die Konzernleitung entschieden, den Standort Fucking strategisch neu auszurichten. Im Rahmen dieser Umstrukturierung wird die Produktion in Fucking auf neue Produktlinien umgestellt.

Unser künftiger Fokus wird die Herstellung von Spezialmodulen sein, mit denen sich das Unternehmen eine Stärkung seiner Position in diesem wirtschaftlich so schwierigen Umfeld erwartet. Damit einher geht ein erheblicher Abbau personeller Ressourcen, die aufgrund der Neuausrichtung in Fucking in Zukunft nicht mehr erforderlich sein werden.

Konkret heißt dies, dass die Finanzabteilung ab 2013 in unserer Konzernzentrale in Düsseldorf beheimatet sein wird. Im Zuge dessen wird Ihre Abteilung hier in Fucking komplett aufgelöst.

Wir bedauern sehr, Herr Unterhuber, Ihnen mitteilen zu müssen, dass wir aus diesen Gründen nach Ablauf der gesetzlichen Kündigungsfrist auf Ihre geschätzte Mitarbeit verzichten müssen. Wir bedanken uns recht herzlich für fast dreißig Jahre Mitarbeit in unserem Unternehmen und wünschen Ihnen weiterhin viel Glück und Erfolg.

Mit freundlichen Grüßen,

Dr. Winfried Lump-Leitinger

Das hat er doch nett geschrieben, der Juniorchef. Meinst nicht auch, Erna? Hat sich sogar für die langjährige Zusammenarbeit bei mir bedankt. Persönlich sozusagen. Also nicht so ein Standardgefasel, wie die das sonst immer machen, wenn sie wen rausschmeißen. Hat schon Stil. Muss ich schon sagen. Und dass der Brief genau am 17. Dezember kommt, eine Woche vor Weihnachten, ist ja auch gut organisiert. Stell dir vor, da kriegt einer die Kündigung und der Brief kommt erst zwischen den Feiertagen an. Das versaut einem dann total den Weihnachtsurlaub. Kann man sein Bockbier gar nicht mehr richtig genießen. Aber so, so konnt‘ ich mich schon ein bisserl drauf einstellen. Das Blumengesteck für dein Grab zu Weihnachten, das hab ich bei der Gärtnerei wieder abbestellt. Kostet ja fast immer einen Hunderter. Hoffe, du bist nicht bös deswegen, Erna. Ja und das Bügeleisen, das ich für unsere Maria gekauft hab – ja ich weiß, man schenkt Frauen kein Bügeleisen zu Weihnachten, auch nicht seiner Tochter. Aber weil sie doch immer meine Hemden gebügelt hat, seit du nicht mehr bist. Da hat sie immer so geflucht, dass sie mit dem alten Teil meine Hemden nicht mehr ordentlich glatt kriegt. Aber somit braucht unsere Maria ja kein neues Bügeleisen mehr. Zumindest nicht jetzt gleich. Ich hab das Ding beim Lidl zurückgegeben und mir dafür ein paar Flaschen Scharlachberg mitgenommen. Weil der Cognac wärmt mir mein Herz so schön. Jetzt im Winter, wenn es draußen so kalt ist.

Damals war’s auch so kalt. Weißt noch Erna, im Winter1984? Unser erster gemeinsamer Winter. Da hat mich der Leitinger – Gott hab ihn selig – angerufen. Weil wir haben ja ein paar Jahre vorher zusammen maturiert. Und da hat er mir erzählt, was für tolle Idee er hat. Dass er mich unbedingt dazu braucht und ich ihm helfen soll. Er hat mich mit seiner Begeisterung so angesteckt, dass ich gleich am nächsten Tag bei der RAIKA gekündigt hab. Frage nicht, was mein alter Herr dazu gesagt hat. Ich soll ihm keine Schand machen und wenn ich diese sichere Arbeit bei der Bank aufgeb‘ und zum Leitinger, diesem Hallodri, geh, dann würd er mich enterben und den ganzen Hof meiner Schwester vermachen. Aber was erzähl ich dir? Kennst die alten Geschichten ja schon in- und auswendig.

Doch wilde Zeiten waren das schon! Verrückte Kisten haben wir damals zusammengebastelt in irgendeiner heruntergekommenen Scheune. Nicht zu vergleichen mit den modernen Maschinen, die unsere Fabrik jetzt so ausspuckt. Kann man sich heut gar nicht mehr vorstellen. Da schau. Hier an der Wand hier im Chefbüro hängen ein paar Bilder davon. Aber die Leute haben uns das Zeug aus den Händen gerissen, so dass wir gar nicht nachgekommen sind. Da hat der Juniorchef, der werte Herr Dr. Lump-Leitinger, noch in die Windeln geschissen, wenn ich das mal so sagen darf.

Doch die Zeiten haben sich geändert, und wie. Die Chinesen kopieren ja alles so gut. Machen alles viel billiger als wir hier im Innviertel. Das hat uns ganz schön zu schaffen gemacht. Dennoch haben wir in all den Jahren nicht einmal rote Zahlen geschrieben. Haben immer ein Geld verdient. Weil immer alle an einem Strang gezogen haben und auch mal ein paar Stunden länger gearbeitet haben, wenn’s nötig war.

Dafür hat der Leitinger immer drauf geschaut, dass wir alle ein Auskommen haben. Hat immer nur dann was Neues gebaut oder gekauft, wenn ein Geld da war. Oft hat er mich vorher zur Seite genommen, meist bei einer Runde Bier beim Wirten im Dorf und mich gefragt: ‚Können wir uns das wirklich leisten, Franz?‘ Weil mit dem Geld, da war der Chef nicht ganz so per Du. Eher mehr ein bisserl auf Kriegsfuß. Er war halt mehr der Techniker und Entwickler. Bei den Finanzen hat er sich immer auf mich verlassen, damals.

Aber dann kam der Krebs bei dir. Und du bist einfach gegangen. Nur zwei Monate später. Die Maria war noch so klein, war grade erst mal vier Jahre alt. War schon nicht leicht. Aber der Leitinger hat zu mir gehalten. Hat das schon verstanden, wenn ich nicht immer bei der Arbeit war, wegen dem Verdruss und so.

Der Junior dagegen ist da ganz anders. Kaum war der Leitinger unter der Erde, nach seinem Unfall, hat der andere Seiten aufgezogen. Hat alles umgekrempelt, hat expandiert, Schulden gemacht bei den Banken. Da hat dann plötzlich ein anderer Wind geweht. Wenn ich da mal wieder zu Hause bleiben musste, weil’s mir nicht so gut gegangen ist, dann hat er mich am nächsten Tag gleich reingeholt, hier in sein modernes Büro. Hat mir die Leviten gelesen. Dass ich mich gefälligst am Riemen reißen soll und dass er da nicht mehr lange zuschaut, hat er gemeint.

Tja, das hätt’s halt beim Chef nicht gegeben. Leben und leben lassen, hat er immer gesagt. Außer wenn er mal wieder jagen war. Da hat er mich manchmal mitgenommen. Da gab’s kein Erbarmen. Für den Hirsch. Einmal hat er mir danach sein Jagdgewehr geschenkt. Ich glaub, das muss schon fast fünfzehn Jahre her sein. Ist aber ein schönes Gewehr, meinst nicht auch, Erna? Und … es funktioniert! Hab’s ja schließlich regelmäßig auseinander gebaut, geölt und in Schuss gehalten. Hab aber kein einziges Mal damit herumgeballert … bis vorhin.

Irgendwie ist das schon ein komisches Gefühl. Wenn auf einmal alle so spuren. Ganz anders als sonst. Nur weil du so ein Schießeisen in der Hand hältst. Die Veronika vom Empfang hat mir ein bisserl leidgetan. Als sie mich aber nicht zum Juniorchef rein lassen wollte, hab ich ihr halt den Lauf vor die Nase gehalten. Nutzt ja nichts. Da hat sie ganz schön große Augen gekriegt, wie sie da so in das kleine schwarze Loch reingeschaut hat. Das ‚Ist ja schon gut, Herr Unterhuber‘ hat ganz zittrig geklungen. Und dann hat sie geschrien, wie verrückt. Hat gar nicht mehr aufgehört. “Hilfe, Hilfe, Überfall! So macht’s doch was!“. Ich mag dieses Hysterische nicht.

Aber danach hat sie irgendwie ganz entspannt dreingeschaut. Vorne nur das kleine Loch in der Stirn. Ganz schön laut war das hier drin im Büro. Da bin ich selber fast ein wenig erschrocken. Beim zweiten Knall war’s dann aber nicht mehr so schlimm, das Knallen. Außer für den Lump-Leitinger. Der war schon unterwegs zur Tür. Wollt wahrscheinlich nachschauen, was da los ist. Ja und auch der Junior hat ganz schön g’schaut, mit den Augen. Ich hab ihm noch gesagt, dass ich gern mit ihm reden möcht, ihn wegen der Kündigung noch was fragen will. Aber der Depp hat auch nur herumgeschrien. Ich soll nicht so viel saufen und ich soll das Scheißgewehr runternehmen und ich soll doch g’scheit sein. Aber dann hat sie ihn umgehauen. Die Kugel aus dem Jagdgewehr, das einmal seinem Schwiegervater gehört hat. Kein Wunder, dass man damit einen Hirsch erlegen kann. Hab dann gleich das Magazin leer gemacht, bis auf eine letzte. Weil ein bisserl g’jammert hat er noch, der Juniorchef, nach dem ersten Bums. Jetzt ist da halt ziemlich eine Sauerei im Büro. Die Wand mit den teuren Bildern, der Mahagoni-Schreibtisch und der edle Parkett-Boden sind alles voll Blut und so. Hoffe, dass die Unterlagen, auf denen der Junior jetzt liegt, nicht ganz so wichtig sind. Aber was richtig Gescheites hat er ohnehin nie zu Stande gebracht, der Juniorchef.

Gut aber, dass er die Schnapsbar vom Leitinger hier im Chefbüro behalten hat. Brauch jetzt ein Schluckerl auf den Schreck hinauf. Draußen in den Büros ist ziemlich ein Geschrei. Aber hier drin ist es schön ruhig und gemütlich, abgesehen von der ganzen Sauerei halt. Von den anderen traut sich vermutlich keiner hier rein. Ist auch besser so.

Ich glaub, ich hör schon das Martinshorn von den Autos. Ist das die Polizei oder die Rettung? Wobei, Krankenwagen brauchen wir jetzt keinen mehr, glaub ich. Ich komm‘ jetzt zu dir, Erna.


V2

Letzte Aktualisierung: 27.01.2013 - 14.23 Uhr
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