Futter für die Bestie
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Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Nullpunkt | Januar 2013
Die Flucht durch das Tal
von Karin Hübener

Aus seinem Versteck heraus beobachtete Robert schon eine ganze Weile das Geschehen am Grenzübergang. Er war auf der Suche nach einem sicheren Weg in die britische Besatzungszone. Und dieser Ort hier machte ihm Hoffnung.
Die Uniformen der beiden Russen auf der Brücke waren zwar in einem erbärmlichen Zustand, aber die Männer wirkten trotzdem entspannt und gut gelaunt. Jedenfalls lachten sie viel. Das kannte er von den verbissenen Amerikanern nicht, unter denen er als Kriegsgefangener in Garmisch gelitten hatte. Andererseits konnte die Stimmung bei Russen schnell kippen. Auch das wusste er aus Erfahrung.
Wenn sich Flüchtlinge näherten, unterbrachen die Grenzposten ihre Unterhaltung nur für Sekunden. Die meisten der ausgemergelten Gestalten wurden von den Wächtern zurück in die sowjetische Besatzungszone geschickt. Aber einige wenige durften passieren. Robert entging nicht, dass in diesen Fällen kleine Gaben die Besitzer wechselten. Er schob den Ärmel seiner wattierten Jacke zurück. Ob die Schweizer Präzisionsuhr zur Bestechung reichte? Gold und Edelsteine gab es an ihr nicht.
"Hier", hatte Vater beim Abschied im Rheinland gesagt. "Vielleicht ist sie dir bei deinem Himmelfahrtskommando von Nutzen."
In der Ferne knallten Schüsse. Die beiden Russen unterbrachen ihr Gespräch und schauten konzentriert das Tal hinunter. Drei weitere Soldaten kamen aus einem nahen Fachwerkhaus gelaufen. Sie gestikulierten wild mit ihren Genossen auf der Brücke. Zuletzt ging die Debatte in allgemeines Gelächter über und die drei Hinzugeeilten zogen sich wieder in ihre Wachstation zurück.
Robert fühlte Schweiß auf der Stirn. Ob es die Beschossenen über die Grenze geschafft hatten? Er wünschte es ihnen.
Für einen kriegserprobten Mann war es kein Problem, im Schutz von Wald und Heide an den Grenzpatrouillen vorbei in den Westen zu gelangen. Schließlich war Robert auf diesem Wege auch unbemerkt in die Ostzone hineingekommen. Aber nun befand er sich auf dem Rückweg und hatte Frau, Baby und Schwiegermutter dabei. Da kam nur eine offizielle Grenzüberschreitung infrage. Also wollte er es wagen.
Sie hockten gegen die Bretterwand eines Schuppens gelehnt auf dem Boden und schliefen. Zumindest hielten sie die Augen geschlossen. Er betrachtete ihre mageren Gestalten wie ein Trainer, der die Chancen seiner Schützlinge für den nächsten Wettkampf abwägt. Unmöglich, dachte er, unmöglich. Aber es war ebenso unmöglich gewesen, mit ihnen von Greifswald an der Ostsee bis nach Eltrich in den Südharz zu gelangen. In überfüllten, planlosen, letzten Zügen, durstig und ausgehungert, mit einem Baby, für das die Brust der Mutter keine Milch mehr bot. Ohne Kinderwagen und Wäsche. Zwischen den zusammengepferchten Menschen hatte es dafür im Zug keinen Platz gegeben. Und trotzdem waren sie jetzt hier. Andere Flüchtlinge waren in ihrer Verzweiflung auf die Wagendächer geklettert. Von den Eisenbahnbrücken aus hatten russische Soldaten sie abgeknallt. Ihre Schreie würde er niemals vergessen. Wie so vieles aus diesem Krieg.
Seine Schwiegermutter hob müde die Lider. "Ist es soweit?"
"Wir wollen es versuchen."
Der Soldat schaute ihnen neugierig entgegen. Robert zeigte ihm die Uhr. Der Wachposten schüttelte den Kopf und lachte. Robert versuchte zu handeln. "Gute schweizer Uhr. Wertarbeit. Sehr gut und teuer." Da schob der Russe langsam den linken Ärmel seiner geflickten Uniformjacke hoch. Vom Handgelenk bis zum Ellenbogen reihte sich eine goldene Armbanduhr an die andere. "Uhri, Uhri, Uhri", lachte er. Dann schob er den rechten Ärmel hoch und wiederholte kichernd: "Uhri, Uhri, Uhri". Roberts Hoffnung erstarb. Bei so viel Edelmetall konnte er nicht mitbieten. Wenigstens ließ der Posten ihnen die Papiere.
"Jetzt bleibt uns nur noch der Weg durch das Tal", sagte er. "Gleich auf der anderen Seite sitzen die Briten. Es ist nicht weit." Die Frauen nickten stumm. Aber an ihren Blicken erkannte er, dass sie seine Aufmunterung durchschauten. Es gab nichts zu beschönigen an diesem Unternehmen.

Ein Stück flache Heide. Gut einsehbar. Erst drüben am Hang wieder dichteres Buschwerk. Im Laufen presste Robert das Baby unter seiner Jacke an sich. Seine Schwiegermutter war die Kräftigere von den Frauen. Sie trug den Rucksack. Entfernte Stimmen schreckten ihn auf.
"Zwei!", flüsterte er. Sie warfen sich lang in das Heidekraut und drückten sich fest gegen den Boden. Vor Beginn ihrer Flucht hatte Robert mit den Frauen mehrere geheime Kommandos geübt. 'Zwei' bedeutete hinwerfen.
Große Sorge hatte ihnen von Anfang an das Baby bereitet. Nicht auszudenken, wenn es im falschen Augenblick zu schreien begann. Das würde ihr Ende bedeuten. Und nun hatte er sich im Fallen mit voller Wucht auf das Kind geworfen. Um Himmels Willen! Doch das befürchtete Geschrei blieb aus. Ob es noch lebte? Nachschauen ging nicht. Jede Bewegung konnte sie verraten.
In der Nähe ein Lachen. Dann erkannte er das Wort 'nasatt'. Aha, die Patrouille hatte sie nicht entdeckt und wollte umkehren. Erst jetzt spürte er, wie sehr sein Herz raste. Die Stimmen entfernten sich. Nur nicht vorschnell handeln. Noch eine Weile liegen bleiben. Vorsichtig nach dem Kind sehen. Große Augen schauten aus dem schmalen Gesichtchen zu ihm auf. Gott sei Dank, es lebte. Blickte so weise, als ob es alles verstünde. Ein Kuss auf die Stirn, dann wieder ab unter die Jacke.
Die Luft schien rein. "Eins!", kommandierte er. Sie rappelten sich auf und liefen weiter. Vorwärts. Einen Fuß vor den anderen. Schnell, schnell! Bald wäre es geschafft. Nur noch ein kleines Stück Heide und dann den Hang hinauf in das rettende Unterholz.
"Stoj! Budu streljatj!" Jagdlust in den Stimmen.
"Vier!", schrie Robert. Sofort begannen die Frauen, wie die Hasen im Zickzack zu laufen. Da peitschten auch schon die ersten Schüsse an ihnen vorbei. Ungeahnte Kraftreserven brachten sie bis an den Fuß des Hanges und noch ein Stück weit hinauf. Dann hörte Robert hinter sich einen Schrei. Er drehte sich zu seiner Frau um. Sie war auf dem feuchten Untergrund abgerutscht und lag nun wieder fast unten. Hoffentlich nicht getroffen, lieber Gott, flehte er in Gedanken.
"Scheiße!!!", schrie sie mit einer Wut, die er der entkräfteten Frau nicht mehr zugetraut hätte. Und dieser Kraftausdruck schien sie den Hang wieder hinaufzukatapultieren. Er griff nach ihrer Hand und zog sie an sich. Erneut peitschten Schüsse auf. Keuchend rannten sie der älteren Frau hinterher, die es bereits in die Deckung der Gehölze geschafft hatte.
Endlich erreichten sie die Kuppe des Hanges. Er tippte den Frauen leicht gegen die Schultern. Wir haben es geschafft, hieß das. Zum Sprechen fehlte ihm noch der Atem. Die beiden wollten sich jetzt einfach auf die Erde werfen, um auszuruhen. Aber Robert ließ das nicht zu. Jeder weitere Meter bedeutete mehr Sicherheit.

Und dann trauten sie ihren Augen nicht.
Vor der roten Abendsonne zeichneten sich zwei Gestalten mit flügelartigen Hauben ab. Sie kamen ihnen mit Blechkannen auf dem Feldweg entgegen.
"Wir haben Schüsse gehört", sagten die beiden Nonnen. Wie selbstverständlich gossen sie Milch in die Deckel der Kannen. Mit zitternden Händen nahm die Familie die Kostbarkeit entgegen. Robert wähnte sich im Paradies.
Mit letzten Kräften folgten sie den Nonnen zu einem Bauern. Der wollte sie abweisen.
"Ihr Flüchtlinge klaut doch wie die Raben." Aber dann erlag er den Fürbitten der Schwestern und Mariechens großen Babyaugen. Stumm öffnete er seine Scheune.
Es war noch Nacht, als Robert erwachte. Im Dunkeln erkannte er die Gestalten seiner Lieben nur schwach. Sie lagen so regungslos im Stroh wie Puppen. Er konnte kaum glauben, dass sie noch lebten. Bei ihrem Wiedersehen nach anderthalb Jahren hatte er seine Frau zuerst nicht erkannt, so elend sah sie aus. Aber auch er bot inzwischen einen erschreckenden Anblick. Ohne List und Strategie hätte er die Gefangenschaft bei den Amis nicht überlebt.
Erstes Morgengrau schob sich durch die Ritzen der Scheune und legte sich tröstend auf sein Gemüt. Da begann er, von der Zukunft zu träumen. Im Rheinland erwartete sie ein warmer und trockener Kellerraum. Gut, dass sein Vater aus dem Ruhestand geholt worden war, um dort eine Fabrik zu leiten. Nun hatten sie eine Adresse, die sie unterwegs bei den Militärkontrollen vorweisen konnten. Gleich nach der Ankunft würde er mit den Hamsterfahrten beginnen. Eine andere Möglichkeit, die Familie vor dem Hungertod zu bewahren, gab es im Augenblick nicht. Tauschen und klauen, der Bauer hatte natürlich recht gehabt.
Danach wollte er sich so schnell wie möglich ein Geschäft aufbauen. Mikrofone und Lautsprecher besaß er zwar nicht, doch er konnte sie konstruieren. Aus Materialien der Fabrik, aber auch aus brauchbaren Teilen von liegen gebliebenen Panzern. Er würde die Briten zum Ausschlachten um Erlaubnis bitten. Für den Transport brauchte er noch einen Handkarren. Den konnte er anschließend auch für die Einsätze seiner Übertragungsanlage nutzen.
Neben ihm bewegte sich das Stroh. Bärbel öffnete die Augen und schaute ihn an. Dann lächelte sie. Großer Gott, dachte er, sie lächelt. "Du bist wach?", fragte sie. Er spürte, wie seine Augen feucht wurden. "Ich geh mal zum Bauern, die Uhr gegen ein Frühstück tauschen", sagte er schnell. Oma Thea setzte sich auf. "Nimm Klein-Mariechen mit", riet sie. "Vielleicht kann sie sein Herz noch einmal erweichen."

Letzte Aktualisierung: 24.01.2013 - 20.27 Uhr
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