Der Tod aus der Teekiste
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Nullpunkt | Januar 2013
Nie wieder
von Angie Pfeiffer

Die Zeit vergeht plötzlich langsamer, wie in einer Zeitlupe. Alles erscheint ihr unwirklich, als würde sie die Szene aus der Distanz beobachten. Dabei fühlt sie doch seine Schläge.
’Das ist also das Ende unserer Ehe’, denkt sie, wundert sich über sich selbst, weil sie noch in der Lage ist, so realistisch zu denken, überhaupt zu denken. Während er weiter auf sie einprügelt, sie dabei beschimpft.
Er tut ihr leid, denn er ist so erbärmlich. Jetzt fühlt er sich stark, doch in Wirklichkeit ist er schwach, hat so viel verloren: Seine Würde und Selbstachtung und die Achtung der Kinder. Die beiden Jungen stehen aneinander geklammert in einer Zimmerecke. Beide fast so groß wie der Vater und trotzdem hilflos, wieder ganz klein.
Sie geht unter seinen Schlägen in die Knie, jetzt wenigstens den Kopf mit den Armen schützend, denn er ist dazu über gegangen, auf sie einzutreten. Wobei er weitere Unflätigkeiten brüllt, seinen Frust herausbrüllt, an ihr auslässt.
Ihre Achtung hat er schon lange verloren. Sie hatte zuerst nicht sehen wollen, was offensichtlich war. Dass er nur für sich selbst lebt, sie als Publikum braucht. Die Kinder hinnimmt, als notwendiges Übel betrachtet, um sie, seine Frau, gefügig zu machen.

Sie nahm seine schlechte Laune, seine Grobheiten lange Zeit in Kauf. Aus Liebe? Aus Gewohnheit? Oder weil sie sich ein Leben in Eigenverantwortung nicht vorstellen konnte?
Dann kam der Einschnitt: Eine Operation, ein Herzstillstand, sie bekam das Leben noch einmal geschenkt. Ein neues Leben, ein paar geschenkte Jahre. Sie kam ins Grübeln, dachte öfter an sich. Wollte nicht mehr nur Publikum sein, sondern selbst agieren. Das Leben endlich wieder spüren. Er merkte schnell, dass sie sich veränderte. Versuchte diese neue, selbstbewusste, ihn verwirrende Frau verschwinden zu lassen. Zunächst durch Ignoranz, später durch Drohungen. Schließlich, als er merkte, dass er sie verloren hatte, machte er sich klein, bat und flehte. Aber da konnte sie schon nicht mehr zurück. Legte keinen Wert auf Sicherheit und auf ihn, wollte einfach nur noch weg, egal wohin!

Heute hatte sie ihm klar gemacht, dass sie ausziehen würde, bereits eine andere Bleibe hatte. Er blieb einfach ruhig sitzen, die Hände zwischen den Knien. Hörte sie scheinbar unbeteiligt an. Sein Schnapsglas schien ihn mehr zu interessieren als sie. So ließ sie ihn einfach sitzen, ging in ihr Zimmer, zog entschlossen die Tür hinter sich zu. Später hörte sie ihn vor sich hin murmeln. Doch da schien er schon volltrunken zu sein.
Mitten in der Nacht schreckte sie auf. Er stand schwankend vor ihrem Bett und griff nach ihr. Sie wich entsetzt zurück, doch er war für seinen Trunkenheitsgrad erstaunlich schnell.

Er hat aufgehört auf sie einzuprügeln. Scheinbar ist er von der ungewohnten körperlichen Aktivität erschöpft. Er tritt ihr ein letztes Mal in die Rippen und wendet sich, Unverständliches lallend, ab.
Sie bleibt ganz ruhig liegen, wartet, bis er ins Schlafzimmer gewankt ist. Die Kinder helfen ihr auf und sie drückt beide fest an sich.
Seltsam, sie fühlt nichts. Der Schmerz wird später kommen, das weiß sie. Gleichzeitig ist sie erleichtert. Er hat es ihr so leicht gemacht!
Sie ist frei, und niemand wird ihr jemals wieder so weh tun können!

Letzte Aktualisierung: 10.01.2013 - 07.26 Uhr
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