Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
âSeit acht Monaten, zwei Wochen und zwanzig Stunden Single und ohne Kerl im Bett.â Bianca fuhr sich durch ihre feuerrote MĂ€hne und stöhnte. âIch habe schlieĂlich sexuelle GrundbedĂŒrfnisse. An eine einfĂŒhlsame Beziehung glaube ich lĂ€ngst nicht mehr.â Sie blickte ihre Freundin mit groĂen Augen an. âNicht mehr mit vierzig.â
Die zuckte mit ihren Schultern.
Bianca zĂŒndete sich eine Zigarette an und lamentierte. âKein One-Night-Stand! Nichts!â Sie jammerte mit einer KleinmĂ€dchenstimme weiter. âIch brauche âne geballte Ladung Testosteron, sonst sterbe ich elendig am Ăstrogenstau.â
âKommt es dir nur auf Sex an?â, fragte Anna, ihre Freundin.
Bianca nickte und hustete. âAls lebensrettende SofortmaĂnahme wĂ€re das dringendst angesagt.â Sie drĂŒckte die Zigarette aus.
âDann miete dir doch einen Mann. Bin neulich im Netz ĂŒber eine Agentur gestolpert. âRent a Loverâ. â
Bianca riss ihre groĂen Augen noch weiter auf. âIch soll einen Mann fĂŒr âs Bumsen bezahlen?â
Anna goss beiden Prosecco ein und erhob ihr Glas. âWenn du nur ab und zu ein GlĂ€schen genieĂen willst, halst du dir doch auch nicht die gesamte Arbeit einer Sektkellerei auf.â
Bianca winkte ab. âVor Jahren brauchte ich nicht einmal den Champus selbst zu bezahlen.â
Anna stupste sie mit dem Glas an. âBenötigst du kurzfristig einen versierten Liebhaber oder nicht?â
âDoch! Ja!â Sie wiegte ihren Oberkörper hin und her. â Und wenn mich so ein Professioneller zu einem multiplen Orgasmus bringt, dann soll mir das ein paar Euros wert sein.â
Bianca klappte ihren Labtop auf. âWie heiĂt diese MĂ€nner-Vermietung?â
* * *
Die französische Spitze des Tangas rieb unangenehm in ihrer GesĂ€Ăfalte. Der BH kratzte an ihren Brustwarzen, war zwei Cups zu klein und sie hatte bei der geringsten Bewegung die BefĂŒrchtung, dass ihr Busen aus dem Ausschnitt hĂŒpfen könnte. An der rechten Ferse hatte sich wegen der engen Stöckelschuhe eine brennende, pochende Blase gebildet und links ein stechendes HĂŒhnerauge am kleinen Zeh.
GequÀlt lieà Bianca sich in den Sessel der Hotel-Lobby fallen, zog unter dem Tisch die Folterschuhe aus und legte als Erkennungszeichen einen Baumarkt-Prospekt neben ihre Handtasche.
In der Taille zwickte der enge Bund des Minirocks. Bianca wagte nicht zu atmen, weil die Naht hÀtte platzen können.
Sie blickte auf ihre Armbanduhr. Sehr lange mĂŒsste sie nicht mehr in der MaltrĂ€tier-Kleidung ausharren, dann wĂŒrden endlich die HĂŒllen fallen.
Bianca rief den Kellner herbei und bestellte sofort zwei GlĂ€ser Prosecco, welche sie in einem Zug leerte. Ihr wurde sehr warm, die Hard-Core-Dessousspitze um einiges ertrĂ€glicher und sie zog die Schuhe wieder an. âBitte noch ein Glas!â
Sie setzte das Glas an die Lippen und verschluckte sich an den ersten Tropfen, denn das, was nun durch die Lobby schlenderte und sich leger auf einen Barhocker schwang, ĂŒbertraf ihre kĂŒhnsten TrĂ€ume.
ER war groĂ, stattlich und sein MaĂanzug aus feinstem Zwirn lieĂ einen gestĂ€hlten Körper erahnen. Seine Oberschenkel zeichneten sich fest unter der Tuchhose ab. Der Braungebrannte fuhr sich durchs lockige Haar und sah sich um.
Die HĂ€rchen auf ihren Unterarmen stellten sich auf wie Antennen, sie witterten Testosteron.
Das musste der Kerl aus der Agentur sein! Exakt so einen hatte sie auf dem Bestellformular angekreuzt. Die Tippse hatte noch gefragt, ob ihr niveauvolle, intensive GesprĂ€che wichtig seien. âIch bin notgeil und nicht redesĂŒchtigâ, hatte sie geantwortet.
Biancas Magen schlug zweifache Salti und schlieĂlich folgten dreifache Rittberger. `Der ist eine Nummer zu groĂ fĂŒr mich.ÂŽ Flugs lieĂ sie den Prospekt in ihrer Handtasche verschwinden.
`Jetzt âne Zigarette, aber hier ist das auch nicht mehr erlaubtÂŽ, dachte Bianca und Ă€rgerte sich, weil sie so feige war. `Multifunktional-Orgasmus adeÂŽ
WĂŒtend warf sie ihre Handtasche auf den Tisch. Sie hatte es sich bereits ausgemalt, dass er ihr gierig die Lingerie vom Leib reiĂen wĂŒrde. Sie wĂŒrde taumelnd auf dem Boden landen, er wĂŒrde sie mit obszönen Worten aufheizen und brutal in sie eindringen. Purer, ehrlicher Sex ohne Schnick-Schnack und GefĂŒhlsduselei. Von Null auf Hundert zum Mehrfachorgasmus. SchlieĂlich konnte sie von einem Fachmann mehr erwarten als von einem Laiendarsteller.
âĂrgert es Sie auch, dass Raucher wie AussĂ€tzige behandelt werden?â
Ehe sie begriff, dass der TestosteronhĂŒne zu ihr sprach, hatte er seine stilvoll gekleideten Multi-Packs in den Sessel gegenĂŒber platziert und schlug lĂ€ssig ein Bein ĂŒber das andere. Der blankpolierte Schuh seines rechten FuĂes glĂ€nzte Bianca an. Das Hosenbein war hochgerutscht und lieĂ zwischen Saum und Sockenbund einen Blick auf sein Schienbein zu.
Er schob dezent seinen JackettĂ€rmel hoch, blickte kurz auf seine Uhr, richtete seinen Blick in die Runde und rief den Kellner herbei. Er zeigte auf ihr leeres Glas. âChampagner?â
Sie atmete tief durch und lehnte sich zurĂŒck.
âStört es Sie, dass ich mich zu Ihnen gesetzt habe?â
Bianca lĂ€chelte. âChampus in netter Gesellschaft, wie könnte ich da Nein sagenâ, hörte sie ihre belegte Stimme und beobachtete einen schmĂ€chtigen MittfĂŒnfziger, der hastig Bar und Lobby inspizierte.
`Das könnte eher der Typ aus der Agentur seinÂŽ, ĂŒberlegte sie und war froh, unerkannt zu sein, denn unscheinbare Typen mit Halbglatze fand sie nicht sexy. Die Agentur wollte offenbar mit einem LadenhĂŒter ihre Notsituation ausnutzen. SchlieĂlich lieĂ er sich an der Bar nieder und blickte kurz zu ihnen herĂŒber.
âErwarten Sie jemanden?â, fragte ihr GegenĂŒber und blickte ebenfalls zum Eingangsportal.
Sie schĂŒttelte ihre MĂ€hne. âIch bin nur auf einen Tagestrip in der Stadt und habe mich hier fĂŒr eine Nacht einquartiertâ, log sie.
Der Kellner brachte die GetrÀnke.
âIch bin auch nur heute Abend hier und habe leider noch kein Dach ĂŒber dem Kopf.â Abermals sah er rasch auf seine Uhr, zwinkerte ihr zu und zog einen Schmollmund. âBin sozusagen obdachlos.â
`BiancaŽ, dachte sie, `ran an die mÀnnlichen Hormone. So was wie den kriegst du so schnell nicht wieder in die NÀhe einer Bettkante.Ž
âNun glauben Sie bestimmt, ich sei ein weiblicher Martin und teile Mantel und Herberge mit Ihnen?â, flötete sie und vermutete, dass er mindestens fĂŒnf Jahre jĂŒnger sei als sie.
Er antwortete lachend, einen Mantel besitze er selber und bot ihr das Du an.
Aus dem Augenwinkel heraus nahm sie wahr, dass der SchmĂ€chtige an der Bar wieder auf seine Uhr stierte, sein blasser Teint krebsrot anlief und er eilig die Eingangshalle verlieĂ.
Inzwischen hatte ihr GegenĂŒber einen leichten Kuss auf ihren HandrĂŒcken gehaucht. âIch bin David-Thomas. Und wie heiĂt so eine attraktive Frau wie du?â
âThomas-David, ich heiĂe Bianca.â
âDavid-Thomasâ, berichtigte er. â Erst kommt die Löwengrube und dann der UnglĂ€ubige.â
Bianca hatte inzwischen das sechste Glas geleert.
âFreut michâ, kicherte sie angeheitert, âich gewĂ€hre dir gerne in meiner Löwengrube Unterschlupf.â
* * *
Bianca kĂŒsste ihn fordernd, zerrte ihm wild die Kleidung vom Leib, er kam ins Straucheln, sie fielen auf das breite Bett und mit einem Rums knackte es zu Boden. Der war keine Mogelpackung, sein mĂ€nnliches Attribut hatte sich vielversprechend aufgerichtet und lechzte ungeduldig nach BetĂ€tigung.
ZĂ€rtlich bedeckte er sie von oben bis unten mit sanften KĂŒssen und flĂŒsterte lyrische Komplimente. Als er an ihrem OhrlĂ€ppchen knabberte, vibrierte ihr Körper. âThomas-Davidâ, flĂŒsterte sie, âich will dich in mir spĂŒren.â Irgend etwas Hartes bohrte sich schmerzhaft in ihren RĂŒcken.
Er nuschelte âDavid-Thomasâ und beglĂŒckte ihre Vulva mit seiner Zungenfertigkeit.
Der hatte es wirklich drauf.
Sie krallte sich in seiner Lockenpracht fest. âHoffentlich werde ich nicht vorm Orgasmus besinnungslos.â âThomas-David, ich will - â
Unvermittelt lieĂ er von ihr ab und setzte sich auf. âIch heiĂe David-Thomas!â, stand auf, zĂŒndete sich eine Zigarette an und ging im Zimmer auf und ab.
âIst das so wichtig?â, fragte sie benommen und hangelte unter ihrem RĂŒcken eine zerbrochene Leiste vom Lattenrost hervor.
Er blies den Rauch in die Luft und sah ihm hinterher. âEs ist nicht in Ordnung, wenn dir egal ist, wie ich heiĂe.â
Sie stand auf, nahm ihm die Zigarette aus der Hand und zog daran. âWenn ich erregt bin, ĂŒberlege ich nicht, was ich sage.â Sie gelobte Besserung und presste sich an ihn. âKomm. Es wĂ€re doch schade, wenn der kleine Thomas-David so ungenutzt -â
Er wehrte sie ab, verlor das Gleichgewicht und stĂŒrzte der LĂ€nge nach hin.
Erschreckt kroch Bianca unter die Bettdecke.
Fluchend rappelte er sich hoch und zog seine Hose an. âIch bin keine schnelle Nummer! Namenlos Ex und Hopp! Nicht mit mir!â
âAber du warst doch auch scharf auf eine heiĂe Nacht.â
Er band die SchnĂŒrsenkel zu. âTrotzdem hĂ€tte ich erwartet, dass du dir meinen Namen in der richtigen Reihenfolge merkst.â Er warf sich das Sakko schwungvoll ĂŒber. Sein Handy flog im hohen Bogen aus der Jackentasche heraus.
âTut mir leid.â Sie versuchte zu lĂ€cheln. âMit Doppelnamen ist das so eine Sache. Könnte ich nicht einfach Thomas zu dir sagen?â
Er knallte die TĂŒr hinter sich ins Schloss.
Bianca schlug mit ihren FĂ€usten aufs Kopfkissen ein. âSo ein Sensibelchen.â