Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Lust(ig) | Februar 2013
Die Messlatte
von Robert Pfeffer

Die Unterstützung des Alltags durch Technik hat sich seit Erfindung des Rades als durchaus nützlich erwiesen. Gleichwohl gibt es Momente, in denen sie fragwürdig ist.

***

Die Art und Weise, wie Ben sich an Violas rechter Brust zu schaffen machte, ließ ihre Trägerin nachdenklich werden. Sie überlegte zwar nicht gleich, wie sie die linke in Sicherheit bringen konnte, aber der erotische Unterhaltungswert ihres Gatten war schon mal größer. Irgendwie schien es ihr mechanisch, was er unternahm. Vielleicht lag es auch daran, dass Samstagmorgen-Sex vor dem Einkaufen ohnehin wie ein Tagesordnungspunkt wirkt, der aufgerufen wird. Als Ben die Seite wechselte, klang es ihr im Ohr: 'Ich komme nun zu Punkt vier unserer Tagesordnung: Verwöhnen von Busen links. Gibt es Vorschläge?'
Ben meldete sich.
„Wo bist du denn gerade mit deinen Gedanken? Nicht hier im Bett, oder?“
„Doch, doch, mach nur, es ist sehr schön“, flötete Viola, „so ein Vorspiel sollte man nicht unterbrechen.“
Ben schaute irritiert, begab sich aber wieder abwärts und ließ seine Zunge in ihren Bauchnabel fahren, dann in kleinen Kreisen weiter hinunter auf dem Weg zum Allerheiligsten. Viola schloss erwartungsvoll die Augen.
Tadaaa-Tadaaa … Tadaaa-Tadaaa … die Tatort-Melodie zerschnitt die Spannung des Moments. Unter der Decke herrschte plötzlich wildes Rascheln, zwischen Violas Beinen deutliche Unzufriedenheit: „So ein verdammter Mist!“ Ben schlug das Plumeau zur Seite. Am Fußende des Bettes griff er sein Handy.
„Guten Morgen Berthold … ja, ja, geht schon. … Hat er nicht? Ok, dann schick ich dir in der nächsten Stunde eine Mail mit den Unterlagen. Du musst ja vorbereitet sein. … Dir auch, danke!“
Er blickte noch einen Moment auf das Display, murmelte „Nicht mal Bronze“ und hob den Kopf. Vor ihm lag Viola, breitbeinig und mit einem Gesicht, das eher zum Empfang einer unangenehmen Diagnose beim Frauenarzt passte.
„Sag mal, bist du total bescheuert? Was bitte hat dein verfluchtes Scheiß-Telefon in unserem Bett zu suchen?“
„Tut mir leid, ich hab es gestern Abend hier ans Fußende gelegt und dann wohl da vergessen.“
Er warf das Gerät quer durchs Zimmer auf den Sessel, griff die Decke und wollte gerade wieder abtauchen, als Viola sich zur Seite rollte. Für die Tagesordnungspunkte fünf bis acht war sie nicht mehr in Stimmung. Und so gingen sie einkaufen.

***

Es war Sonntagmorgen. Ben stand vor dem Bett. Er mochte das, wenn ihm die Worte fehlten und Viola gerade nicht sprechen konnte. Mit beiden Händen hielt sie seine Backen fest im Griff. Dann ließ sie sich nach hinten fallen und empfing ihn mit allem, was er so von sich streckte. Das war Sex nach ihrem Geschmack, fern jeglicher Tagesordnungspunkte. Sie grub ihre Finger in seinen Rücken, während er …
„Moment mal, Ben!“
„Was ist denn?“, keuchte er.
„Da ist irgendwas. Es drückt. An meiner Hüfte.“
„Wenn hier was drückt, dann bin ich das. Komm, lass uns noch mal wechseln. Was hältst du von ...“
„Nein, jetzt wart doch mal. Hier stimmt was nicht.“
Sie schlug die Decke zur Seite … und da lag es. Eingeklemmt zwischen Pobacke und Matratze.
„Ich glaub, es geht los! Schon wieder dieses Mist-Ding!“
„Was denn? Es hat nicht mal geklingelt. Ich hab extra den Ton ausgestellt.“
„Soll das heißen, es liegt mit Absicht hier drin?“
Er nahm das Telefon und warf einen Blick auf das Display, drehte es zu ihr, damit sie es sehen konnte.
„Siehste, immerhin Silber. Und ohne dass einer von uns gekommen ist.“
Viola fühlte mit der Hand Bens Stirn.
„Dass du total abhängig bist von dem Teil, das hab ich ja schon befürchtet, aber was grad abgeht, das ist krank!“ Sie setzte sich auf die Bettkante.
„Nein, warte doch mal. Das ist eine Love App! Die misst, wie gut wir im Bett sind.“
„Eine was?“
„Ja! Man legt einfach das Handy ins Bett und die App sagt dir anschließend, wie gut die Liebe war. Es gibt Bronze, Silber, Gold, Platin und Ultra Lover. Gestern, als Berthold uns unterbrochen hat, das war natürlich nicht repräsentativ, aber jetzt waren wir schon bei Silber. Und wenn du nicht alles kaputt gemacht hättest, wär mindestens Gold drin gewesen.“
Viola zog sich ein T-Shirt über und fuhr in ihren Slip.
„So so, ich hab alles kaputt gemacht. Mein armes Hasibärchen. Kann gar keine Goldmedaille mehr gewinnen an diesem Sonntag.“
„Dir fehlt ein wenig Aufgeschlossenheit für moderne Technik.“
„Was bitte ist daran modern? Als du vor dem Bett standest, was hat das Ding da wohl gemessen? Die Temperatur unter der Decke, während wir beide draußen waren? Ich wusste ja, dass dir heiß war, aber dein Telefon hatte davon in dem Moment null Ahnung. Nein, nein, mein Lieber. Da passt was nicht. Wo ist denn die Bedienungsanleitung zu dieser App?“
„Kann man sicher irgendwo runterladen. Was willst du damit?“ Er schüttelte verständnislos den Kopf.
„Zum Beispiel mal nachlesen, wie das Vorspiel mit in die Wertung einfließt. Gibt es einen Bonus, wenn man es im Stehen macht? Und wohin dann mit dem Handy? Soll ich mir das zwischen die Backen klemmen? Bringt von hinten Abzüge in der B-Note? Wie findet die supertolle App es, wenn nur einer kommt? Und wie wird überhaupt ein Orgasmus gemessen?“
"Ist das wichtig?"
"Gegenfrage: Wie geht Mann eigentlich damit um, wenn er bei der Zigarette danach auf das Display guckt und da steht sowas wie 'Habt ihr schon angefangen?' Da möcht' ich dich aber mal sehen."
„Ach, du bist viel zu kritisch!“
„Nix da“, motzte Viola, „du bist komplett unkritisch! Merkst du nicht, dass dich die Erfinder von so etwas nur verarschen? Glaubst du wirklich daran, die Qualität von Sex mit einem Handy messen zu können? Wenn es nur drum geht, auf Platin zu kommen, weil man ausreichend im Bett herumgehoppelt ist, dann gib mir das Ding mal gerade. Wir legen es hier auf die Decke und ich hau so lang mit der flachen Hand daneben, bis du deine gewünschte Medaille sehen kannst.“
„Aber irgendeine Messlatte muss es doch geben, meinst du nicht?“, fragte Ben.
„Guter Gedanke. Ich kenn da eine.“ Sie lächelte. „Die klingelt nicht, ist trotzdem zuverlässig und hat mir auch noch nie was vorgegaukelt.“

***

Montagmorgen im Büro.
„Moin Bertold!“
„Moin Ben!“
„Wie isses gelaufen am Samstag bei Kaiser?“
„Ziemlich gut. Wir haben den Vertrag! Und bei dir?
„Nach deinem Anruf war Sense und Sonntag hatte Viola blöderweise das Handy unterm Hintern.“
„Ist mir zum Glück mit Caro nie passiert.“
„Weiß die, dass du misst?“
„Geh ich von aus. Oder ihr isses egal.“
„Du Glückspilz.“
„Ultra Lover, bitte!“
Ben verzog spöttisch das Gesicht.
„Und wie willst du jemals wenigstens Platin schaffen?“, fragte Berthold.
„Wie es aussieht … erst mal gar nicht. Unser Vorspiel besteht ab sofort daraus, das Telefon im Bad einzuschließen.“

***

Kurz vor Büroschluss hielt Ben ihm das Telefon vor die Nase.
„Sag mal, hast du gewusst, dass es bei ‚Ultra Lover‘ sogar noch ein Sternchen gibt?“
Berthold schüttelte den Kopf. „Wie? Du durftest noch mal ran?“
„Hab halt heimlich gemessen.“
„Du Fuchs!“
„Tja, kannste mal sehen. Lass mich wissen, wenn du das mit dem Sternchen auch geschafft hast. Grüß Caro und ein schönes Wochenende dann ...“
Grinsend ließ er Berthold zurück.

Am nächsten Vormittag kam Viola gerade noch rechtzeitig ins Bad. Wenige Sekunden später wäre Bens Telefon von der wild rotierenden Waschmaschine gewandert. Sie fing es geschickt auf.
Entnervt sah sie auf das Display. Es zeigte im Hintergrund zwei Sternchen und davor ein Dialogfeld: ‚Neuer Highscore!!!‘ Und darunter ‚Veröffentlichen?‘ mit den Optionen ‚Ja‘, ‚Nein‘ und ‚Später‘.
Sie ging ins Schlafzimmer und steckte es unter Bens Bettdecke.
„Hier, pass mal besser auf das Ding auf! Sonst holt sich mein Greatest Lover on Earth am Ende noch ein Schleudertrauma!“


(Version 3)

Letzte Aktualisierung: 22.02.2013 - 08.33 Uhr
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