Das alte Buch Mamsell
Das alte Buch Mamsell
Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Lust(ig) | Februar 2013
Just for fun?
von Eva Fischer

Marisa massierte ihren Busen. Elvira wandte ihren Blick angewidert ab, während David lustvoll jede ihrer Bewegungen verfolgte. Alles war XL an diesem Typen, die Körpergröße, die Füße, die Hände und mit Sicherheit auch der Schniedel, was Marisa garantiert noch herausfinden würde, oder wozu diente diese Erotikeinlage sonst?

„Gibt es schon Brötchen?“, fragte Elvira.
„Finde es heraus!“, antwortete Marisa schnippisch.
Werde ich, dachte Elvira und trat in den Flur vor der geräumigen Küche.
„Perfekter Service!“, rief sie erfreut, griff sich das Paket und schaltete die Kaffeemaschine ein. Dann holte sie das Geschirr aus dem Schrank.
„Lass dich nicht stören“, fügte sie mit einem Seitenblick auf Marisa frostig hinzu, während sie Teller, Tassen und Messer auf dem Tisch verteilte.
Nachdem sie fertig war, bequemten sich die beiden endlich, Platz auf der Eckbank zu nehmen.
„Ach, was kann Urlaub Spaß machen!“
Marisa streckte die Arme zur Decke und berührte wie zufällig die Pranken des Yeti. Einem Bernhardiner gleich, der sabbernd einer läufigen Hündin nachstellt, bellte er:
„Wir wollen Spaß!“
„Am besten lasse ich euch allein.“
„Mensch Elvira, nun sei doch nicht so eine Spaßbremse. Lesen kannst du auch, wenn du wieder zu Hause bist. Was hältst du von einem Spiel?“, schlug Marisa vor.
„Nicht schon wieder Stripp-Poker!“, stöhnte Elvira.
„Wie wäre es mit einer Runde Tischtennis?“
Herr Graf war am Türrahmen aufgetaucht und blinzelte Elvira aufmunternd zu.
„Gute Idee“, sagte sie lächelnd, während sie ihm eine Tasse Kaffee einschenkte.
Noch drei Tage.

*

„Hört ihr wie der Wind draußen heult?“
Elvira starrte auf das dunkle Loch an der Wand, das den Blick zur Außenwelt nicht frei gab.
„Ist doch egal, was für ein Wetter draußen ist. Wir haben es hier sehr gemütlich. Es fehlt uns an nichts.“
„Das sehe ich anders“, entgegnete Elvira.
„Ich bräuchte dringend Luft und Bewegung.“
„Nerv' uns nicht mit deiner schlechten Laune. Unten ist ein Fitnessraum. Da kannst du auf das Laufband gehen, wenn dir danach ist.“
Yep, der Yeti kann ganze Sätze sprechen, dachte Elvira.
Lustlos kaute sie weiter an ihrer Pizza herum. Seit Tagen gab es nichts anderes aus der Tiefkühltruhe, mal Thunfisch, mal Salami, mal Schinken. Was für eine rasante Auswahl! Da war ihnen doch Besseres versprochen worden. Welch ein Betrug! Doch Marisa war nicht so anspruchsvoll. Sie betrachtete dies alles hier als Riesenspaß. Die jammert auch nicht, wenn sie wochenlang in einem Aufzug festsäße, ging es Elvira fast bewundernd durch den Kopf.
„Komm, trink ein Glas Rotwein“, schlug Herr Graf vor.
„Und zum Nachtisch gibt es ein Spiel“, ergänzte er.
„Nicht schon wieder diese Psychokacke“, maulte Marisa.
„Einwände zwecklos, meine Liebe. Jeder ist abwechselnd dran. Heute bin ich am Drücker.“
Herr Graf lächelte süß.
„Das Spiel heißt: Wahrheit oder Lüge.
Jeder darf auf ein Blatt ein Statement über den anderen abgeben und die anderen entscheiden dann, ob es sich dabei um Wahrheit oder Lüge handelt. Dazu erhält jeder eine Karte. Grün für Wahrheit. Rot für Lüge. Der, über den abgestimmt wird, darf natürlich nicht mitmachen. So gibt es immer eine Mehrheit.“
„Komm David, schütte mir noch etwas Wein nach. Das kann ich nur besoffen ertragen“, gluckste Marisa und griff zu Stift und Papier.
„Ich fange an.
Also, Herr Graf verrät uns nicht seinen Vornamen, weil er Adolf heißt, oder Willibald, oder Rasputin, oder Eulenspiegel...“
„Ein Name genügt“, mahnte der Genannte.
„Oh wie schade! Gerade fing es an, Spaß zu machen. Na gut, er sagt uns nicht seinen Vornamen, weil er ein aufgeblasener Schnösel ist. Wahrheit oder Lüge?“
Sie zeigte die grüne Karte. David folgte ihr.
Elvira griff nach der roten.
„Zwei gegen eins. Wir haben recht. Jetzt bist du dran David“.
Marisas Wangen waren vor Begeisterung gerötet.
„Ich wette, dass Elvira noch Jungfrau ist“, kritzelte David auf sein Blatt.
„Das ist die volle Wahrheit.Wer ist noch meiner Meinung?“
Marisa streckte grinsend ihre grüne Karte nach oben.
„Siehste Baby, wir haben schon wieder gewonnen, aber, wenn du willst, kann ich da Abhilfe schaffen“, wandte er sich triumphierend an Elvira. „Brauchst bloß deine wohl trainierten Haxen breit machen.“
„Du bist doch das letzte Stück Dreck!“, heulte Marisa los.
„Keine Sorge, deinen Yeti würde ich im Leben nicht an mich ran lassen. Hast du wirklich geglaubt, hier findest du einen, mit dem du den Bund der Ehe eingehen kannst?
Wie naiv kann man denn nur sein?“
Elviras Worte zeigten keine beruhigende Wirkung. Schluchzend rannte Marisa auf ihr Zimmer.
„Nun walte auch mal deines Amtes, Herr Graf, sitz' nicht so unbeteiligt herum, als würde dich das alles nichts angehen. Rede mal Tacheles mit diesem Holzkopf!“, schnauzte Elvira ihn an und
folgte der in Tränen Aufgelösten. Da musste sie sich schon noch etwas einfallen lassen, um sie zu beruhigen.
Noch zwei Tage.

**

Vielleicht wäre es besser, die letzten Tage auf ihrem Zimmer zu verbringen. Elvira konnte sich auf nichts mehr konzentrieren, weder auf irgendwelche körperliche Ertüchtigungen im Fitnessraum, noch auf eine Lektüre. Außerdem bangte sie, dass der Konflikt unter den beiden doch noch eskalierte. Wie ein tapferer Löwe hatte sich Herr Graf gerade nicht benommen, sondern war feige in seinem Zimmer verschwunden, während David die Flasche leerte und sich in der Pose des Sünders gefiel.
Was, wenn man sie hier vergaß und der Albtraum kein Ende fand?
Es nütze ihr nichts, dass sie Psychologiestudentin im zweiten Semester war.
Warum hatte sie sich nur auf den Quatsch hier eingelassen? Damit Herr Graf seine Doktorarbeit schreiben konnte? Wie ein Wink des Himmels war ihr das Blatt am schwarzen Brett erschienen, das eine Ausschreibung für einen Feldversuch enthielt. Eine Woche Auszeit von Daniel erschien ihr nach dem letzten Streit sinnvoll und jetzt sehnte sie sich mit jeder Faser ihres Herzen nach ihm.

***

„Ich will endlich wissen, wer ihr seid!“, schrie Marisa.
„Eine Woche musste ich jetzt mit euch unter einem Dach verbringen, sieben, verfickte, lange Tage. Ich dachte, es könnte mir Spaß machen. Freie Kost und Logis, ein paar Kröten auf die Hand. Das klingt sehr verlockend, wenn man mal gerade nicht liquide ist.
Sie, Herr Graf, glauben sich auf die Kunst des Vermittelns zu verstehen. 'Selig die Zahmen, sie werden als erste in der Hölle schmoren.' Verzeihen Sie, wenn ich die Bibel nicht exakt zitiere, ich bin nämlich keine Theologiestudentin.
Und du David, was machst du in deinem richtigen Leben außer Frauen anbaggern?“
„Ich bin Medizinstudent, wenn du es wissen willst. Ich dachte, andere Dinge hätten dich in dieser Woche mehr interessiert.“
„Ach ja? Was sollte denn bei dir von Interesse gewesen sein, du Knochensäger?“
„Jeder kann hier bezeugen, dass du ständig mit deinen Möpsen hin und her gewackelt hast.“
„Hättest ja nicht hingucken müssen.“
„Was machst du in deinem richtigen Leben, Marisa? Bist du Nutte?“,blaffte er sie an.
„Im Gegensatz zu euch Hirnis habe ich einen anständigen Beruf“, konterte sie.
„Marisa, du verstößt gegen die Abmachung“, mischte sich plötzlich Herr Graf streng ein.
„Gegen die Abmachung“, ahmte sie ihn spöttisch nach.“Kloppen dürfen wir uns hier, aber unsere Identität muss das große Geheimnis bleiben. Was ist das für ein Bullshit!“

Plötzlich stand Elvira vor ihnen. Mit ihrem langen, weißen Nachthemd erinnerte sie an eine griechische Kampfesgöttin, zu der die Waffe allerdings nicht recht passen wollte.

„Wo hast du diese Säge her? Komm gib sie mir!“ Herr Graf war offensichtlich um Contenance bemüht.
„Ach haben Sie Angst, dass ich Sie töten werde.“
Sie lachte hysterisch.
„Da bringen Sie mich auf eine Idee. Aber keine Sorge Ulf Graf, Doktor in spe, ich brauche die Säge für Wichtigeres.“

Zur Überraschung aller begann sie mit fester Stimme Verse zu deklamieren:

„Schiller hat diese Zeilen nie geschrieben,
doch als Kämpfer für Freiheit würd' er sie lieben.
Türen darf man niemals verschließen
und auch kein Öl ins Feuer gießen.
Denn der Mensch wird erbärmlich und klein,
sperrt man ihn in einen Käfig ein.
Drum Freunde schreitet endlich zur Tat,
bevor noch passiert hier eine Moritat!“

Sie reichte David feierlich die Säge und zeigte auf das dunkle Loch in der Wand.
„Komm Yeti, gib Gas! Hinter diesem Loch befindet sich das Fenster zur Freiheit. Oder willst du noch eine Minute länger in diesem Gefängnis verbringen?“

Der Protest von Herrn Graf wurde durch Elviras Schal erstickt, während Marisa den ihren vom Hals nahm, um ihm die Hände zu fesseln.
„Ade, Herr Graf! Ich würde sagen Ihr Experiment ist gescheitert.“, flötete sie ihm ins Ohr.
Beide lächelten sich zu wie zwei Verbündete, wie gute Freundinnen.

Beethovens Neunte hätte nicht schöner klingen können als das Ritsch-Ratsch der Säge.

Letzte Aktualisierung: 07.02.2013 - 21.58 Uhr
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