Futter für die Bestie
Futter für die Bestie
Gruselig geht's in unserer Horror-Geschichten-
Anthologie zu. Auf Gewalt- und Blutorgien haben wir allerdings verzichtet. Manche Geschichten sind sogar witzig.
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Lust(ig) | Februar 2013
25 Punkte – gewonnen!
von Ingo Pietsch

Montag ist immer unser Familienabend. Da sitzen wir alle zusammen, besprechen wichtige Dinge, sehen uns einen Film an oder spielen ein Brettspiel.
Inzwischen sind die Kinder größer und lassen sich nicht mehr so schnell für etwas begeistern. Sie ziehen sich lieber in ihre Zimmer zurück und verbringen die Zeit alleine.
Das hat sich aber seit dem letzten Familienabend ein klein wenig geändert:

Wir spielten Scrabble und schwiegen uns an. Die Versuche, unsere Kinder in Gespräche zu verwickeln, scheiterten kläglich. Selbst unsere W-Fragen wurden, je länger das Spiel andauerte, nur noch mit Ja und Nein beantwortet.
Während ich so überlegte, wie denn der Abend noch zu retten war, sortierte ich in Gedanken die vor mir liegenden Buchstaben. Auf dem Brett gab es schon das Wort SCHLITTEN. Meine Steine reichten für eine FAHRT. Aber nicht nur Buchstaben wirbelten vor meinem geistigen Auge umher, nein, sogar eine Erinnerung dazu. Ich grinste in die Runde und legte die SCHLITTENFAHRT. Mit den Doppelpunkten ergab das zusammen 25 Augen auf mein Konto. Ich war alle Spielsteine los und hatte insgesamt die höchste Punktzahl!
Ich riss die Arme hoch und schrie laut: „Jaah!“
Alle starrten mich an. So viel Begeisterung hatte meine Familie schon lange nicht mehr von mir erlebt. Und da ich immer noch grinsend dasaß, erzählte ich die Geschichte, die mit dem Wort zusammenhing.

Es hatte am Vortag geschneit. Die Straßen waren noch nicht vollends geräumt und so lag noch genügend Schnee, um die Kinder mit dem Schlitten zur Schule und zum Kindergarten zu bringen.
Die Reise endete am Schultor, denn der Hausmeister war leider sehr fleißig gewesen.
Die Kinder wollten auch auf den geräumten Wegen nicht absteigen und so war es ein echter Kampf für mich, den Schlitten so weit wie möglich über die Steine zu ziehen.
Wo andere sich einen Tennisarm holen, hatte ich jetzt einen Schlittenarm.
Der Rückweg nach Hause war naturgemäß leichter. Der Schlitten glitt federleicht über das neugefallene Weiß.
Es war knackig kalt und ich blies meinen Atem vor mich her. Die Luft war so klar und erfrischend und zog auch den letzten Rest Müdigkeit aus meinem Kopf.
Erst ging es ein Stück nach oben und anschließend bis zu unserem Haus wieder runter.
Ich grüßte ein paar Nachbarn, die sich mit ihren Schneeschaufeln abmühten, und marschierte weiter.
Oben angekommen sah ich die fünfzig Meter Straße entlang. Keine parkenden Autos, keine Schneehaufen, eine ebene Fläche.
Plötzlich fühlte ich mich wieder wie der kleine Junge, der mit seinem Großvater Schlitten gefahren war.
Und da standen wir gemeinsam: Ich und der Schlitten.
Ich schob ihn vor mich und holte tief Luft.
Ein bisschen mulmig war mir schon, da ich eigentlich nicht so spontan handelte.
Ich ging einen Schritt zurück und sprang.
Es war ein Rausch der Gefühle. Der Wind fuhr durch mein Gesicht und meine Augen tränten. Die kalte Luft rauschte an meinen Ohren vorbei. Der Schlitten raste so schnell den Hügel hinunter, wie ich es nicht für möglich gehalten hätte.
Es war herrlich, unbeschreiblich. Ein Gefühl von Freiheit durchflutete mich.
Ich riss die Arme hoch, als ich an unserem Haus vorbeifuhr.
Ich bremste mit den Füßen und ließ mich rücklings vom Schlitten fallen.
Dort lag ich eine Weile, bis der Schmerz in meinen Beinen langsam abgeklungen war.
Jener Schmerz, dass ich wieder in der Realität gelandet war.
Der Schlitten stand immer noch neben mir oben auf dem Hügel.
Mein kühner Sprung hatte mich in eine Phantasiewelt katapultiert. Ich war hart mit den Knien und Schienbeinen auf den Schlitten aufgeschlagen, der sich nicht ein Stück bewegt hatte.
Meine erste Vermutung war, dass der Schnee einfach zu weich gewesen war. Aber vielmehr waren es das Zusatzgewicht, das ich mir im Laufe der Jahre angefuttert hatte und die daraus resultierende Anti-Aerodynamik.
Ich stand auf, stellte den Schlitten vor mich hin und sagte: „Böser Schlitten!“
Mir war flau im Magen und ich hoffte, dass mich niemand beobachtet hatte.
Ich trottete aufgebracht nach Hause, stellte den Schlitten in eine Ecke und warf ihm einen feindseligen Blick zu.
Als meine Frau mich fragte, warum ich so aufgebracht sei, erzählte ich ihr mein Erlebnis. Und je mehr ich zum Ende kam, verflog meine Wut und ich musste lachen über die alberne Geschichte.

Wir lachten alle zusammen und hatten einfach Spaß. Seit diesem Abend freuen wir uns wieder über den Familienabend. Immer, wenn wir jetzt Scrabble spielen, darf jeder zu seinem gelegten Wort seine ganz persönliche, peinliche oder lustige Geschichte erzählen.

Letzte Aktualisierung: 25.02.2013 - 19.28 Uhr
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