Ganz schön bissig ...
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Lust(ig) | Februar 2013
Fingerprobe
von Asla Kant

Heute probt Natalja in der Küche. Und zwar nicht das Aufbocken und Andocken bei Turbulenzen, auch keine Landeanflüge auf Fleischberge oder Loopings über Regionen mit dem Namen „Besser-nie-gesehen-nie-gekannt“, sondern Poledance. Die Zeit als Bordsteinschwalbe im Nah- und Fernverkehr ist Geschichte, seitdem die junge Frau eine kleine Familie gegründet hat: Bruder und Schwester.
Anton flitzt derweil mit Pinzette, Schleuder und Luftballons bewaffnet zwischen der schlüpferbestückten Wäscheleine und den Tomatenpflanzen hin und her. Er nimmt den Balkon in Beschlag, während seine Schwester durch die Küche wirbelt, ihre Stangenakrobatik verfeinert und mit dem Ghettoblaster auch die Nachbarschaft beschallt.
Natalja ist nicht bewusst, dass sie beobachtet wird. Der kleine Bruder hingegen hat das längst bemerkt. Für ihn ein Anblick, der ihm besser erspart geblieben wäre.
„Nana, wir bekommen Besuch!“, warnt Anton, doch Natalja hört ihn ebenso wenig wie den Mann von gegenüber, der mit beiden Fäusten an die Tür trommelt. Mehr als fünf Minuten vergehen, bis Natalja feststellt, dass ihre Haustür nicht im Takt ihrer geliebten Orientalo-Beats wummert.
Sie dreht erst die Musik leiser, rückt Mini und Strumpfhalter zurecht, öffnet ihr Dekolleteé und reißt die Tür auf.
„Herr Eberhard, was für eine Freude!“, perlt es über ihre Lippen.
Der Inhalt eines Gefrierbeutels perlt ebenfalls. Braune Kügelchen hüpfen über den Boden.
„Für Sie immer noch Herr Pansen!“, brüllt der Nachbar, der einen kleinen, gefüllten Ballon direkt vor ihrer Nase auf und ab schwingt und eine Nadel zückt.
Diese Nadel samt Schwingballon und die zuckenden Pranken vor ihrem Gesicht bringen die Kasachin in Stimmung. Erst schüttelt sie sich, nur ein bisschen, dann rollt sie ihre Schultern und Hüften, langsam. Dabei schmilzt die harte Pansen-Miene wie Butter zwischen heißen Pellkartoffeln. Natalja nimmt die Nadel aus der zitternden Hand des Mannes und steckt sie in den Kragen ihrer Bluse. Herr Pansen stammelt: „D... das sind Pippiballons, die v... von ihrem B…, äh, Balkon fliegen.“
„Nun mal schön sachte, Herr Eberhard, mit dem Besen hier machen Sie sich schon mal nützlich, das entkrampft, ich bin gleich wieder bei Ihnen.“
Natalja zieht ein Taschentusch aus dem Ausschnitt, drückt es an Pansens Stirn und verschwindet in ihrer Wohnung. Die Tür fällt mit einem Knall ins Schloss.
„Ante, wo bist du?“
Auf dem Balkon findet Natalja ihren Bruder, der sich unter einem Wäscheberg verschanzt hat.
„Ich schieß mit Bomben, wenn du meine Nana anpackst, du Fettgewicht!“, droht Anton aus dem Haufen. Der kleine Junge zeigt stolz seine geladene Schleuder vor.
„Das geht nicht. Du kannst die Leute nicht mit Hundepralinen und Pinkelbomben bewerfen. Warum machst du das?“
„Weil der Pansen dich beobachtet, ganz oft, und immer, wenn du tanzt.“
Anton legt den Kopf auf die Brust seiner Schwester. Er zupft an ihrem Ohr und erzählt, was er gesehen hat:
„Der hat ein Fernglas, viel größer als meins, und einen Pillemann, riesengroß, sag ich dir, und damit macht der komische Sachen. Krieg ich später auch so einen …?“
Der kleine Mund schließt sich. Natalja hält ihren Bruder fest und streichelt über den verschwitzten Rücken.
„Magst du baden, Schatz?“
„Oh ja, ich mach schon mal die Wanne voll.“
Anton zieht sich an Ort und Stelle aus und rennt ins Bad.
Seine Schwester hingegen schäumt vor Wut, als sie die Tür öffnet. Der Nachbar fegt auf allen Vieren auch die letzten Hasenköttel auf. Natalja betrachtet das einladende Hinterteil. Sie zieht die Nadel aus ihrem Revers, holt aus und sticht zu. Anstatt zu schreien, landet Herr Pansen auf dem Bauch und grunzt in sich hinein.
„Wenn du dir noch einmal vor meinem Jungen einen runterholst, dann bearbeite ich deinen Schlabbersack mit meinen Absätzen so lange, bis er abfällt!“
Es dauert seine Zeit, bis der übergewichtige Mann mit Hilfe des Besenstiels aufsteht und den Ausgang erreicht.

Der Besuch am nächsten Abend wird bereits sehnlichst erwartet. Anton lässt sich aufgeregt an der Turnstange aus. Er soll sich auch in Abwesenheit seiner Schwester, während ihrer Auftritte, wohl und geborgen fühlen. Deshalb sind Nataljas beste Freundin und ihre Tochter nicht nur gern gesehene Wochenendgäste, sondern auch liebevoller Familienzuwachs. Johanna, ein paar Jahre älter als Anton, stellt für ihn eines der größten Rätsel seines bisherigen Lebens dar. Das Mädchen ist stumm. Es hat jedoch mehr zu bieten als jede Sprechblase. Was den neugierigen Jungen zudem fasziniert, sind ihre Finger, die sich in einem Hochgeschwindigkeitsmodus bewegen und unwiderstehlich duften. Anton assimiliert ihre Sprache, ihren Klang, ihre Geräusche. Und mit den Jahren erwächst daraus eine Leidenschaft: Antons Obsession.
Das Einzige, was ihn reizt, sind die Nächte mit Johanna.
Als Anton nach ein paar Jahren die Schule wechselt und in die achte Klasse eines Gymnasiums eingestuft wird, ignoriert er seine Mitschüler. Er strebt gelangweilt so vor sich hin, denn die seligen Geräusche, das Schmatzen und die nassen Finger vermisst er mittlerweile sogar während des Unterrichts.
Mit Taschenlampe kriecht er jedes Wochenende in Johannas Bett.
Sie lutscht ihren Daumen, wenn sie schläft, und genau das liebt Anton. Seine Augen streicheln ihren Mund, der das erste Fingerglied wie ein kleines Pumpenwerk umschließt. Er zählt jedes Speichelbläschen. Betrachtet, wie sie langsam wachsen, kaum hörbar zerplatzen, eintrocknen und einen feinen Rand auf der Haut zurücklassen. Hin und wieder rutscht der Daumen heraus. Dann riecht Anton daran und steckt ihn in seinen Mund. Manchmal muss er Stunden darauf warten, was ihn wütend macht.
Ein besonderer Kick: Anton bohrt seinen Finger zwischen ihre Lippen. Lutschen, um sich lutschen zu lassen, so lange, bis sich sein Verstand verabschiedet. Er schafft es nur noch mit Mühe, seine Erregung zu unterdrücken und bekommt nicht mit, dass Johanna ihn anstarrt. Sie spuckt seinen Daumen aus, zieht sich zurück und gebärdet: „Gibt es noch etwas anderes, was dich anmacht? Das hier vielleicht?“ Sie knöpft ihren Pyjama auf und legt seine Hände auf ihre Brüste. Das „Hast du schon mal gefickt?“ wirkt fast niedlich in ihrer Sprache, trotzdem fühlt sich Anton wie erschlagen.
„Nein danke, kein Bedarf, vielleicht später.“

Im zweiten Abiturjahr knistert es zwischen Anton und Eike. Die Sportreferendarin hat einen großen Mund, schöne Hände, einen athletischen Körper und sie tanzt. Eine Herausforderung für Anton, wobei sich eine Annäherung bisher auf einen Pausenkaffee, einen Kinobesuch und Händchenhalten beschränkt.
Direkt, wie er ist, passt er sie auf dem Parkplatz ab und fragt:
„Sollten wir uns nicht mal hinsichtlich Stangenakrobatik austauschen?“
Eike lacht mit einer rauchigen, aber angenehmen Stimme und kontert: „Stangenakrobatik, soso, ein bisschen übermotiviert heute?“
„Würd mir gern ansehen, wie du dich bewegst, oder wir zappeln gemeinsam, ohne Hintergedanken“, setzt er nach.
„Wie selbstlos, du gibst nicht auf. Schon mal darüber nachgedacht, dass ich zweimal so alt bin wie du?“
„Stört mich nicht“, entgegnet er.

Anton bekommt feuchte Augen, als er zwei rundgeschliffene Raumteiler in Eikes Wohnzimmer bewundert. Keine Poledance-Stangen, aber dafür umso stabiler.
„Du solltest etwas wissen“, sagt er.
Anton genießt, wie Eike „Entspann dich“ in ihn hineingurgelt und seinen Nacken anfasst.
„Deine Stimme macht mich mürbe, für mich ist das Neuland, außerdem steh ich auf Probefinger, Saugen, Lutschen und Geräusche“, gesteht er.
„Das klingt super! Zeigst du es mir? Meine Trägerküsse hat übrigens auch noch keiner begutachtet.“
Anton klatscht auf einen rot lackierten Balken.
„Du knutscht diese Teile?“
Eike steigt aus ihrem Rock, während sie Antons Hemd hochschiebt.
„Genau, aber nicht mit meinen Gesichtsmund. Zieh dich aus, dann bewegt es sich leichter.“
„Wo ist dein Bad?“, fragt er.
Eike führt ihn.
„Wehe du kneifst. Also ich brauche satte Beats dabei, und du?“
Anton nickt. Als die Bässe mit Wucht durch die Wohnung hämmern, traut er sich und ruft seine Schwester an.
„Wenn du es dir selbst machst, nimmst du dann einen oder zwei Finger?“, flüstert er.
„Ich glaub, mein Schwein pfeift. Kannst du dir nicht einfach eine Frau suchen und es selbst ausprobieren? Warte, der Hintergrundsound ist geil, du hast eine Freundin, stimmt's?“
„Keine Ahnung, ich will es ihr einfach richtig gut besorgen! Zunge oder Finger?“
„Beides! Du hast übrigens weitere Möglichkeiten, vergiss das nicht, Bruder!“

Zurück im Wohnzimmer bewegt sich Eike in einem unmenschlichen Tempo. Anton steigt sofort mit ein. Er hat Spaß daran, ihren Rhythmus zu verinnerlichen. Eine schweißtreibende Angelegenheit.
„Und jetzt gib mir deinen Probefinger!“, fordert Eike.
Er packt sie, lässt sich mit ihr auf dem Boden nieder, setzt sie auf sein Becken, steckt ihren Mittelfinger in seinen Mund und saugt. Das ist nett, aber nicht überzeugend, auch, weil es unausgewogen ist und das Wichtigste fehlt.
„Die Mucke ...“, nuschelt Anton.
Eike dreht mit dem Fuß leiser, weil sie gern in seinem Gesicht steckt und es auskostet, wie er sie bearbeitet. Jetzt schraubt er zwei Finger in sie hinein. Und Eike lutscht derart fest und laut, dass Anton kommt.
„Unglaublich!“, lobt Eike, „du kickst ohne Mechanik an deinem Getriebe, das schaffe ich nicht!“
„Neidisch? Gleich bist du dran!“, schiebt Anton hinterher, bevor er kurz im Bad verschwindet.
Eike grinst. Sie nutzt die Zeit, befreit sich von ihrem Slip und steigert den Strom in ihrem Körper.
Und als Anton frisch geduscht, nur in Shorts, die Tür öffnet, platzt er trotzdem aus allen Nähten, weil er hört und sieht, wie Eike ihre Träger küsst …

©anahtar.сестраматерибратисын.

Letzte Aktualisierung: 21.02.2013 - 23.27 Uhr
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