Ganz schön bissig ...
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Lust(ig) | Februar 2013
Irrtum der Dämonen
von Karin Hübener

Der Kleine Dämon sitzt auf einem umgedrehten Nachttopf und schmollt. Die Dunkelheit macht ihm nichts aus, denn sie ist sein Element. Aber die Fußfesseln, mit denen er am Topfhenkel angekettet ist, stören ihn sehr.
Was hat er denn falsch gemacht, fragt er sich. Hat Menschen gegeneinander aufgehetzt. Fromme Angstoliken gegen gläubige Furchtestanten. Alltägliches Dämonenhandwerk. Worin besteht der Frevel?
Sein Blick schweift über die Nachtgeschirre der Verstorbenen. Sie sind nach Familien geordnet an den Wänden aufgestapelt. Obwohl das Infrarotauge ihm alle Gegenstände in einem grünen Schimmer präsentiert, erkennt er die rosa Ränder der Töpfe. Rosa, wie es sich für ordentliche Angstoliken gehört. Wäre dies hier die Gruft der Furchtestanten, dann müssten die Topfränder blau sein. Ein Grinsen zieht über sein Knubbelgesicht.
Für Dämonen ist es einfach, in die Hirne und Seelen der Menschen vorzudringen. Ritusknaben sind da besonders leichte Beute. Sie waren sofort begeistert von seiner Idee und haben in Vorfreude auf ihren Streich viel blaue Farbe gebunkert.
Unbewusst beginnt er, mit den krummen Beinen zu schlenkern. Mistkacke! Die Rostkette scheuert gegen seine Knöchel und ihm bleibt nur, mit den Hacken gegen den Topf zu hämmern. Denn etwas Bewegung braucht er immer.

Mit Riesengetöse fliegt die Kellertür auf. Vor Schreck rutscht der Kleine Dämon vom Topf. Die Neonlampe vom Gang blendet nur kurz, dann schiebt sich eine schwefelgelbe Wolke davor. Normalerweise schätzt er den Körpergestank des Großen Dämons. Aber heute nicht. Böse starren ihn drei grüne Augen an.
"Du faulendes Gedärm, was hast du dir dabei gedacht?!" Die Antwort gibt sich der Meister nach Dämonenart gleich selbst. "Hältst dich für überschlau, du ausgehöhlter Schafskopf! Lässt die Familientöpfe der Lebenden entweihen. Hoffst auf einen Konfessionskrieg. Gib's zu! Und kommst mir damit in die Quere. Ach, leck mich doch!"
Rums! Die Tür ist wieder zu. Das Schwefelaroma bleibt noch eine Weile.

Der Kleine Dämon schüttelt sich. Wofür bestraft der Große ihn?
Von der Kellertür ist ein Bild abgefallen. Glassplitter und zerbrochene Rahmenteile liegen verstreut auf dem Boden. Das Pergament mit dem Spruch ist bis vor seine Füße gerutscht.

"Achtet auf eine geregelte Verdauung, so wird Friede in eure Herzen einkehren. - Erste Sultanine, Vers 5"

Er lacht. Die guten Worte des Ritusgründers haben Dämonen über die Jahrhunderte ausgehöhlt. Der Friede in den Herzen ist bei den Gläubigen schon lange vergessen. Dafür drangsalieren jetzt strenge Verdauungsregeln die Gemeinden.
"Wohohoche des Nahachtgeschirrs, Shirrs, Schirrs", singt er und trommelt dabei mit den Fäusten gegen die Schenkel. "Knahaben wahaschen tähäglich Töpfe!"
Der Kleine Dämon furzt vor Vergnügen. Sein Schwanz wedelt über die bauchige Wand des Topfes.
Diesmal gab es kein Quellwasser. Diesmal pinselten Lausejungs einen blauen Streifen über den geweihten, rosa Rand. Feierlich klang die Dudelsackmusik, als die Gemeinde vorhin ihre Nachtgeschirre zurückbekam. Sorgfältig eingepackt in rosa Samtbeutel mit einem Namensschild darauf.

Er riecht die Buttersäure, noch bevor die Tür aus dem Rahmen kracht und auf dem Scherbenhaufen des seligen Spruchs landet. Vier rote Augen bohren ihren Blick in seine Angst. Heute schlägt ihm sein Lieblingsduft auf den Magen.
"Hörst du was im Andachtssaal, du Aasverächter? Hörst du was?", brüllt die Große Stinkbombe.
Nein, natürlich hört er nichts. Der Saal oben ist leer. Nach der Entdeckung der geschändeten Familientöpfe ist die wütende Gemeinde gleich losgezogen, um sich an den vermeintlichen Übeltätern zu rächen. In Kürze würden sie das Haus der Furchtestanten in Stücke hauen.

Ein Schmerz durchfährt ihn. Er hängt plötzlich kopfüber in der Luft. Neben ihm baumelt der Nachttopf, der schwer an seinen Fesseln zieht. Der Große Dämon hält ihn an den Zehen.
"Und warum hören deine mit Hundekot verstopften Ohren nichts? Hä?"
Die Wolke aus Buttersäure lässt ihn fallen. Das Nachtgeschirr klirrt und bricht auseinander. Der Kleine Dämon fühlt an der Stirn eine Beule.
"Ich will es dir verraten, du Ignorantenbrut. Weil ihnen Zweifel gekommen sind und sie sich gerade auf dem Platz der Furchtestanten beraten. Darum, du geplatzte Gallenblase!"
Der Meister versetzt ihm noch einen Tritt gegen das Schienbein, dann stellt er die Tür wieder in den Rahmen und verduftet.

"Du meine Fresse", klagt der Kleine Dämon laut. "Jezz is aber gut." Wieder schüttelt er sich. Was will der Meister ihm sagen? Hölle! Dass er ihm in die Quere gekommen ist. Also hat auch der Große sich einen Streich für den Hochsonntag ausgedacht. Und dabei stören die blau übermalten Topfränder der Angstoliken. Also?
Der Kleine Dämon schlägt sich mit der flachen Klaue gegen die Stirn und bereut es wegen der Beule sofort. Klar, überlegt er. Der Meister ließ die blauen Furchtestantentöpfe rosa übermalen. Ein doppelter Farbfrevel aber weckt natürlich Zweifel. Statt der erhofften Randale gibt es eine Beratung. Welch Fiasko! Die Bestrafung der Ritusknaben ist nur ein geringer Trost für den Kleinen Dämon. Wut, Hass und Krieg, das sind seine eigentlichen Ziele. Allmählich versteht er den Zorn des Meisters.
Da erlauschen seine Antennenohren Schritte. Die Gläubigen kehren zurück. Noch sind sie weit entfernt. Es sind viele. Zu viele. Etwa beide Gemeinden? Vereint in Frieden?

Ein Jaulen vor der Kellertür lenkt ihn ab. Ach du großer Satan! Jetzt kommt ihm der Meister auf die weinerliche Tour. Widerlich. Allerdings kann man in dieser Stimmung eher mit ihm reden. Sein süßlicher Aasgeruch passt wunderbar zu dem Gejammer.
"Sie wollten ihren Vorbeter um Rat fragen." Der Große Dämon schluchzt. "Du weißt schon. Wollten wissen, ob auch sein Nachtgeschirr falsch eingefärbt ist."
Dem Kleinen Dämon stockt das Herz. Um Hölles Willen.
"Und da haben sie?", fragt er.
Der Große Dämon schließt kurz sein blassgelbes Auge. "Ja, da haben sie entdeckt, dass seine Familie in Töpfe mit Goldrändern kackt."
Das ist schlimm. Denn nun zweifelt die Gemeinde ernsthaft. Zum Beispiel, ob der Vorbeter in Ritusfragen glaubwürdig ist. Oder ob die Farben der Konfessionen wirklich von Bedeutung sind.

Stimmen nahen. Gleich werden die Gläubigen den Saal über der Gruft betreten. Schnell werden sie entdecken, dass auch der angstolische Vorbeter scheinheilig ist. Sein Nachtgeschirr ist in einen Sessel eingelassen. Deshalb muss er sich nicht mühsam bücken wie die rheumatischen Alten und all die anderen. Das wird Ärger geben.
Über ihren Köpfen die ersten Schritte. Dann mehr. Ganze Horden scheinen in den Saal zu dringen. In ihre Gespräche mischt sich Lachen. Das darf nun wirklich nicht sein, das Lachen. Der Kleine Dämon spürt, wie die Aaswolke ihm die Kehle zuschnürt.
Laute Schreie, Flüche und böse Worte. Zuletzt wieder Gelächter. Dudelsackmusik setzt ein. Aber sie klingt nicht nach frommen Chorälen. Sie klingt nach Tanzmusik. Und wirklich, die Kellerdecke rumst und vibriert durch Gehopse.

Der Große Dämon löst seine Umklammerung. Drei Augen glimmen gefährlich grün und Schwefeldüfte überlagern den Aasgeruch.
"In Zukunft werden sie über die Woche des Nachtgeschirrs höhnisch lachen." Die Worte des Meisters klingen wie fernes Donnergrollen. Noch kann man es aufhalten.

"Nein!", schreit der Kleine Dämon. "Das Lachen wird ihnen vergehen. Für immer."
Er schlurft zu den aufgestapelten Familientöpfen hinüber. Seine Fußketten rasseln über den Boden. Nun stülpt er sich einen Topf über den Kopf. Asche rieselt aus dem Gefäß.
"Wir werden sie dazu bringen, sich in der Woche des Nachtgeschirrs Masken über das Gesicht zu stülpen. Dann können sie nicht mehr erkennen, ob sie lachen oder weinen." Die Stimme des Kleinen Dämons hallt dumpf unter dem Topf hervor.
"Aber sie können es hören." Der Meister ist noch nicht überzeugt.
"Wir werden sie lehren, sich voll Reue und Scham unter abartigen Gewändern zu verbergen, ihr eigenes Ich zu verleugnen, Tiergestalt anzunehmen, Fratzen zu schneiden, die Haare zu färben, hart zu fasten und Asche auf ihr Haupt zu streuen. Sie werden die Woche des heulenden Elends zelebrieren. Es wird die traurigste Zeit im Ritusjahr werden, das garantiere ich Euch!"
Der Kleine Dämon hat sich aus Verzweiflung in Rage geredet. Das freut den Großen Dämon. Er bleckt die Zähne.
"Eine finstere Woche ohne Fleischeslüste. Bestialische Idee. Der Ritus braucht noch einen Namen."
Vorsichtig lüftet der Kleine Dämon seine Topfmaske. "Fleisch Ade vielleicht?"
Der Meister schüttelt sein Schwefelhaupt. "Es sollte wissenschaftlich klingen. Da bietet sich Latein an. Nennen wir ihn einfach die Woche des 'Carne Vale'."

Der Kleine Dämon spürt, wie sich die Fußfesseln lösen. Er weiß, was der Große Dämon nun von ihm erwartet. "Carne Vale!", ruft er und beginnt in der Gruft umherzuwirbeln. "Carne Vale! Die Menschen werden dem Trübsinn verfallen. Dämonial, großer Meister!"

Im Saal über ihnen erschallt Gelächter.

Letzte Aktualisierung: 24.02.2013 - 19.12 Uhr
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