Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Lust(ig) | Februar 2013
What a joy to dance
von Anita Cudok

„Freddy hätte oben nicht einziehen dürfen, Herr Kommissar. Dann würde er heute noch leben ….
Darf ich mich setzen?
„…“
Danke.
„…“
Hübsches Büro haben Sie hier, aber ganz anders als es im Fernsehen immer dargestellt wird: viel kleiner und ….
„…“
Wie Sie wollen, Sie sind der Chef. Beginnen wir also mit meinen Angaben zur Person: Name Heinz Huschke, Alter fünfundsechzig, Familienstand ledig, wohnhaft Hauptstraße 104. Haben Sie das? Gut.
„…“
Stimmt genau - ich wohne zusammen mit Hilde, meiner Halbschwester, in unserem Elternhaus: sie oben - ich unten.
„…“
Ah! Sagen Sie nichts. Ihr Gesicht spricht Bände. Sie haben die Nachbarn befragt, stimmt’s? Klar haben die sich über uns das Maul zerrissen. Hilde hat ja auch ständig neue Liebhaber gehabt – es war ein einziges Kommen und Gehen gewesen.
„…“
Was für eine Frage - natürlich war mir das unangenehm.
„…“
Ob ich deswegen oft mit ihr gestritten habe?
Und ob! Das war sozusagen unser Dauerthema. Ich so: ̍Hör mal Hilde, wie lange soll das noch so weitergehen? Die Leute reden schon̍.
Darauf sie: ̍Lass sie reden, Heinz. Irgendwann werde ich den Richtigen finden. Dann wird alles gut̍.
„…“
Ha! Nichts wurde gut – im Gegenteil. Der Richtige war in Hildes Augen Freddy. Aber mit dem begann ja erst der ganze Ärger.
„…“
Hm, mal überlegen …. Wann ist der Kerl oben eingezogen?
Weiß nicht so genau. Wahrscheinlich, als feststand, dass Hilde von ihm schwanger war. Ausgerechnet von dem! Wissen Sie, Herr Kommissar, der Typ besaß nicht viel mehr als die Klamotten, die er anhatte. Legte ja keinen Wert auf sein Äußeres; war mehr der Technikfreak, der Freddy. Und darum steckte er lieber jeden verdammten Cent vom Amt in sein überdimensioniertes Heimkino. Das war sein Baby - Sein Ein und Alles. Sobald er Geld in die Finger bekam, wurde die Anlage erweitert, aufgemotzt. Verrückt, oder?
„…“
Keine Ahnung, was das im Einzelnen war. Ich interessiere mich nicht dafür. Er faselte dauernd was von Stereo-Kraftverstärkern, Dolby Surround und Direktschall und solchen Sachen. Wie gesagt, es hat mich nicht interessiert. Ich weiß nur, dass die Wohnsituation immer unerträglicher wurde.
„…“
Selbstverständlich kann ich das näher erklären. Liebend gern sogar. Sehen Sie, unser Vater und Hildes Mutter, die beiden haben sich krummgelegt für das Fertighaus aus Polen, dabei war es ja nur die Standardausführung ohne Bodenbeläge und Tapeten - dafür allerdings sehr, sehr günstig. Aber hellhörig, wenn Sie wissen, was ich meine!
„…“
Ich soll auf den Punkt kommen. Aber das ist doch der Punkt, Herr Kommissar. Ich kam nicht mehr zur Ruhe, weil immer alle Filmgeräusche zu mir durchdrangen: Schreie, Schüsse, Explosionen und wilde Verfolgungsjagden mit lautem Sirenengeheul. Gangsterstreifen waren nämlich Freddys große Leidenschaft. Wegen dem geilen Sound, wie er immer sagte. So war er, unser Freddy.
„…“
Ja. Ganz richtig. Neue Filme holte er sich aus der Videothek schräg gegenüber von unserem Haus.
„…“
Natürlich habe ich versucht, mit Freddy zu reden!
Nicht nur einmal, Herr Kommissar. Nicht nur einmal!
Aber er hat mich einfach nicht ernst genommen. Meist hat er nur die Tür aufgerissen und gebrüllt:
«Du schon wieder. Mach den Abflug, Nervensäge».
Dann hat er die Tür wieder zugeknallt. Er hat mir - wohlgemerkt in meinem eigenen Haus – die Tür vor der Nase zugeschlagen.
„…“
Nein, hätten Sie sich das etwa gefallen lassen?
Sehen Sie? Ich gehöre auch nicht zu den Menschen, die mit einem Schulterzucken über Demütigungen hinweggehen können.
„…“
Klar, habe ich es Hilde sofort erzählt, als sie vom Einkaufen kam. Das Haus gehört uns schließlich zu gleichen Teilen. Da kann ich durchaus ein bisschen Rücksichtnahme und Entgegenkommen verlangen.
„…“
Ja, lachen Sie nur. Nennen Sie mich einen Phantasten. Hilde hat auch gelacht – und geweint und gezittert, alles gleichzeitig. Und dann schrie sie:
«Das ist ja nicht zum Aushalten mit euch beiden».
Die vollen Einkaufstaschen glitten ihr aus den Händen, sie rannte die Treppe hoch und schaltete wohl den Fernseher aus. Jedenfalls war auf einmal Ruhe. Richtig unheimlich war das. Nicht einmal das Baby habe ich gehört.
„…“
Hm …. Wie lange mag das gedauert haben?
Keine Ahnung. Ich habe nicht auf die Uhr gesehen. Jedenfalls kam Hilde irgendwann die Treppe wieder herunter – mit dem Baby und einer großen Reisetasche.
„…“
Was dann passiert ist?
Als sie auf die Straße trat, wartete unten bereits ein Taxi. Im selben Augenblick hat Freddy über mir das Fenster aufgerissen und hinuntergebrüllt: „Dann lerne ich eben Tanzen, verdammt noch mal!“
„…“
Nein. Hilde hat das nicht im Geringsten beeindruckt. Sie antwortete, dass er das nie lernen würde, weil er nämlich gar keine Lust dazu habe und im Übrigen hätte sie selbst auch keine Lust mehr auf falsche Versprechungen. Dann gab sie dem Taxifahrer ihre Reisetasche und setzte sich mit dem Kind auf die Rückbank. Das war’s. Weg war sie.
Ich schwöre Ihnen, Herr Kommissar. Hätte ich geahnt, was passieren wird, ich wäre ihr sofort mit dem nächsten Taxi hinterhergefahren.
„…“
Okay, der Reihe nach.
Keine Viertelstunde später verließ Freddy das Haus.
Er ging hinüber in die Videothek und kam mit einer DVD in der Hand wieder raus.
„…“
Wie immer!
„…“
Nein. Ich habe mir nichts dabei gedacht. Er kam ja ständig mit neuen DVDs nach Hause. Ungewöhnlich wurde es erst, als ich hörte, dass oben schwere Möbelstücke verschoben wurden und statt der üblichen Filmgeräusche eine Frauenstimme aus den Boxen dröhnte:
„Willkommen bei Tanzen lernen leicht gemacht. Starten Sie nun unsere neue Lern-DVD What a joy to dance mit dem jederzeit erweiterbaren Standard-Tanzprogramm. Wir wünschen viel Vergnügen.“
„…“
Und dann?
Dann nahm das Unglück seinen Lauf, Herr Kommissar.
Alles begann mit dem Walzerschritt: Links rück, rechts seit, links ran. Rechts vor, links seit, rechts ran. 1,2, 3 … 1, 2, 3 …
Es folgten unzählige Wiederholungen. Freddy ist ja nicht der Hellste.
„…“
Sagen Sie das nicht, Herr Kommissar.
Ich wette, Ihnen würde es auch nicht gefallen, wenn Sie den Schneewalzer stun-den-lang; ach, was sage ich? Tagelang hören müssten: 1,2, 3 … 1, 2, 3 ….
In meinem Hirn trat schon bald ein bedenklicher Erschöpfungszustand ein. Ich bekam offene Walzerbeulen an den Beinen und übel riechender Walzertran tropfte mir aus den Ohren.
„…“
Wieso ich nicht etwas mehr Verständnis aufbringen dafür konnte?
Gute Frage. Ich habe mir zuerst wirklich Mühe gegeben, Freddys Einsatz anzuerkennen. Aber die Dauerbeschallung war einfach nicht auszuhalten. Es fiel mir von Stunde zu Stunde schwerer, die Fahne der Toleranz weiter hochzuhalten. Wissen Sie, nachdem er den einfachen Walzer kapiert hatte, kamen Foxtrott und sämtliche anderen Tänze an die Reihe: langsamer Walzer, Slowfox, Quickstep und Tango. Ich sage nur: unendlich erweiterbares Tanzprogramm.
„…“
Richtig, so kann man es ausdrücken, Herr Kommissar.
Die Perfektion des Tanzes wurde zu seiner Obsession!
Es war zum Haare raufen. Tatsächlich war ich irgendwann nicht mehr ich selbst. Hätte ich einen niedrigeren Bildungsstand gehabt, eine andere Sozialisation und nehmen wir an, ich wäre tabletten- oder drogensüchtig gewesen … Also, es hätte nicht viel gefehlt und ich wäre mit einer Walther, neun Millimeter, in Hildes Wohnung gestürmt und hätte Freddy erschossen.
„…“
Woran ich mich erinnern kann?
An die feine Haarrisse im Putz an der Decke. Bei jedem Paso Doble breiteten sie sich weiter aus. Sie verästelten sich wie das Straßen-und Schienennetz der Stadt Bautzen. Ich weiß auch noch, dass ich die Wohnung verließ, als die ersten Bröckchen von der Zimmerdecke herunterfielen.
Aber ich schwöre Ihnen, Herr Kommissar, ich habe keine Ahnung, was danach passiert ist. Mein Anwalt sagt, ich hätte auf Freddys Brustkorb gehockt und wie von Sinnen auf seinen Kopf eingeschlagen, immer im Dreivierteltakt:
1, 2, 3 … 1, 2, 3 …
„…“
Was sagen Sie?
Ich kann jetzt zurück in meine Zelle?
Nein! Auf gar keinen Fall. Ich gehe nicht zurück, Herr Kommissar. Bitte, Sie müssen mir helfen. Der Mann, der die Zelle mit mir teilt, hat eine Bank überfallen.
„…“
Aber … Das darf Ihnen nicht egal sein.
„…“
Warum?
Weil der Mann mit dem gestohlenen Geld eine Tanzschule eröffnen wollte. Er ist Tanzlehrer und trainiert andauernd: 1, 2, 3 … 1, 2, 3 …“

Version 3, © Anita Cudok

Letzte Aktualisierung: 16.02.2013 - 13.10 Uhr
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