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Lust(ig) | Februar 2013

Grillfest mit Häppi Aua
von Susanne Ruitenberg

Ich hätte auf das Datum sehen sollen.
Und zwar, bevor ich meine besten Freundinnen für ein gepflegtes After-Work-BBQ am Freitag einlud.
Ich wäre sonst nie auf die Idee gekommen.
Mein ganzes Leben lang hatte ich über Aberglauben gelacht. Die Dreizehn? Geschenkt. Schwarze Katzen? Ich liebe Katzen. Scherben? Kann man sich dran schneiden, ansonsten - was soll‘s.
Seit ich jedoch vor vier Jahren an einem Freitag dem Dreizehnten einen Unfall hatte, passiert jedes Mal etwas, wenn dieses furchtbare Datum auf dem Kalenderblatt steht. Nicht unbedingt etwas Gefährliches, aber genug, dass ich mir normalerweise nichts vornehme, sondern nur zur Arbeit husche, mich möglichst wenig bewege und früh ins Bett gehe, oder mich gleich krankmelde, wenn ich ein ungutes Gefühl beim Aufstehen habe.
Hätte ich das doch nur diese Woche getan!
Aber der Reihe nach.
Als ich im Büro meinen Irrtum bemerkte, überlegte ich einen Moment, die Einladung wieder rückgängig zu machen. Dann dachte ich an die Spötteleien, denen ich ausgesetzt wäre. Nicht gut.
Also machte ich, wie geplant, früher Feierabend, um einzukaufen.
Als Erstes erwischte ich einen Einkaufswagen, der, kaum, dass ich den Supermarkt betreten hatte, vorne links zu quietschen begann und sich nur schwer schieben ließ. Zu faul, einen neuen zu suchen, wuchtete ich ihn durch die Gänge. In der Gemüseabteilung packte ich frische Champignons, Paprika, Zucchini und Auberginen ein für Gemüsespieße. Dazu mein berühmtes Kräuter-Olivenöl-Dip, das man nach dem Grillen über die Spieße träufelt. Das Öl zieht ein, die Kräuter schmelzen auf der Zunge - herrlich.
Ich nahm mehrere Päckchen von diesem griechischen Grillkäse, der sich so schön ledrig zieht, wenn er aus seiner Alufolie gewickelt wird und mit einem Schlag eine Käse-Duftwolke in die Umgebung entlässt. Bio-Garnelen, dazu eine hausgemachte Knoblauch-Chili-Mayo. Bratwürste und kleine Steaks, Bioqualität. Schöne dicke Kartoffeln, die man in die Glut legt, bis sie außen eine schwarze Kruste haben und innen schmelzend zart sind, Saure Sahne für Kräutercreme. Frisches Baguette, gemischte Blattsalate, und als Nachtisch ein paar meiner Lieblings-Rohmilchkäse - vielleicht einen Reblochon, Schafskäse aus Korsika, Ziegenröllchen.
Mir lief schon beim Gedanken daran das Wasser im Mund zusammen, zumal ich die Mittagspause übersprungen hatte, um früher gehen zu können. Träumend schob ich meinen schwergängigen Einkaufswagen um die nächste Gangecke und PENG - direkt in das ausladende Hinterteil einer Kundin, die sich gerade bückte, um die billigen Bodenhaltungseier aus dem untersten Fach zu nehmen. Vor Schreck fiel ihr der Karton aus der Hand.
Mich entschuldigend, half ich ihr, die matschige Pappbox mit dem Rührei unauffällig im Regal zu verstecken und machte, dass ich davonkam.
Ich wählte die Kasse mit der kürzesten Schlange.
Leider übersah ich den mehrmonatigen Vorrat im Einkaufswagen der Familie vor mir.
Zum Glück hatten sie nur fünf Artikel, die nicht im System waren und die Oberaufseherin kam schon nach dem dritten verzweifelten Ruf der Kassiererin. Als ich an der Reihe war, nahm die blöde Maschine meine Visa nicht an. Dabei war sie ganz neu. Zähneknirschend zahlte ich mit der EC und beschloss, erst nach dem nächsten Lohntermin Kontoauszüge zu ziehen.
Auf dem Weg zum Auto schoss auf einmal etwas Wuscheliges von rechts heran - eine ausgebüchste Flohquaste, die Leine noch hinter sich herziehend. Wenn ich den Köter eher gesehen hätte, wäre ich vielleicht nicht über ihn gestolpert.
Ich lag fluchend auf dem Boden und der Caddy rollte langsam weiter, über eine Bodenwelle – just in diesem Moment flog das Lauchblatt, das die ganze Zeit das Vorderrad blockiert hatte, in hohem Bogen weg und der Einkaufswagen beschleunigte seine Fahrt. Natürlich war an dieser Stelle der Parkplatz abschüssig. Ich rappelte mich hoch und hechtete hinterher. Sinnloserweise rief ich »Halt an!«. Ein älterer Herr stand an seinem Wagen und räumte seinen Einkauf in den Kofferraum. Der Caddy hielt direkt auf ihn zu.
»Achtung!«, schrie ich.
Der Alte zuckte zusammen, drehte sich um und fing das blöde Ding auf, bevor es ihn rammen konnte. Ich bedankte mich gebührend, während er missbilligend meine drei Rotweinflaschen musterte.
Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich mich sputen musste.
Daheim angekommen, setzte ich als erstes die Kartoffeln auf und heizte den Grill an. Schon beim dritten Versuch hatte ich eine Flamme.
Im Haus zischte es. Mist, die Kartoffeln. Ich stellte die Flamme kleiner, wischte den Herd, putzte den Salat, steckte die Spießchen.
Grillkontrolle - das Ding war aus.
Also auf ein Neues.
Dips anrühren, Salatsauce anrühren, Fleisch würzen, Brot rösten. Ein herrlicher Knoblauch-Olivenöl-Duft füllte meine Küche.
Grillkontrolle: Ein winziges, kaum sichtbares Glutnestchen. So eine verdammte K...
Verbotenerweise spritzte ich Grillanzünder über die Kohlen und sprang zurück, als eine meterhohe Stichflamme emporschoss. Leider erwischte sie einen herunterhängenden Weidenzweig. Nachdem ich das beginnende Baumfeuer gelöscht hatte - inzwischen glühte endlich die Kohle zu meiner Zufriedenheit - ging ich in die Küche.
Und setzte neue Kartoffeln auf.
Aus den völlig verkochten könnte ich morgen sicher noch ein leckeres Püree zaubern. Allerdings lief mir langsam die Zeit davon und ich wollte auf keinen Fall meinen Ruf als perfekte Köchin und Gastgeberin riskieren. Nicht wegen dieses blöden Datums!
Die nächsten Arbeitsschritte vollführte ich daher mit der allergrößtmöglichen Sorgfalt. Tisch decken. Getränke bereitstellen. Der Himmel verdunkelte sich. Gewitter im Anzug – darauf hatte ich nur gewartet. Wie zur Bestätigung fegte eine Windbö durch den Garten. Aber ausnahmsweise hatte ich Glück, nur ein einziges Rotweinglas kippte dabei um und zersprang. Warum sind die Dinger auch so dünnwandig? Brotkorb. Salat mischen. Grillgut anrichten.
Es klingelte. Pünktlich wie die Maurer trafen Sabine und Anita ein. Anita hatte einen leckeren Cabernet Sauvignon dabei und Sabine eine neue Azalee für meine Sammlung.
Nach der Begrüßung und dem Verteilen der Aperos - Campari-O heute - legte ich das Fleisch, die Garnelen und die Gemüsespieße auf. Wider Erwarten brannte nichts an, nichts kam halbgar vom Rost - alles perfekt. Sollte ich den Fluch des Datums überwunden haben? Ich fühlte eine tiefe Erleichterung.
Wir setzten uns und ich zeigte den ersten Wein, den ich vorgesehen hatte. Einen schönen trockenen Merlot aus dem Rheingau. Feierlich nahm ich mein Kellnermesser, schnitt die Kapsel ab, drehte die Spirale in den Korken, hob ihn sacht, um nicht die Flasche anzukratzen.
»Das ist ein besonders leckerer, der hat auch einen Preis gewonnen.« Ich schnupperte am Korken, drehte ihn aus dem Kellnermesser heraus, reichte ihn an Anita weiter, die ihn ebenfalls beschnupperte.
Feierlich hob ich die Preisgekrönte hoch - und der Flaschenboden blieb auf dem Tisch stehen. Ohne Flaschenboden hatte der Wein jedoch ein Inkontinenzproblem und ein wahrer Rotwein-Tsunami ergoss sich über die Decke, tränkte den Brotkorb, die Servietten, schwemmte zwei Salatschälchen weg und tropfte in Sabines Schoß. Natürlich hatte sie ihre schneeweiße Jeans an.
In dem Moment flackerte etwas am Horizont, es krachte, und die ersten Tropfen fielen.
Wir trugen, so schnell wir konnten, alles ins Haus. Nur das Brot wurde nass. Das Essen war trotzdem lecker. Und bis wir auseinandergingen, hatten wir alle drei ordentlich die Raddaddel. Dafür war dieser unsägliche Freitag der Dreizehnte vorbei. Als ich mir mit dem letzten Rest von Rotwein Nummer drei, einem argentinischen Malbec, zuprostete, schwor ich mir feierlich, nie mehr eine Einladung auszusprechen, ohne mich des genauen Datums zu vergewissern!



©Susanne Ruitenberg
Version 2

Letzte Aktualisierung: 24.02.2013 - 13.24 Uhr
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