Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Selbst gemacht | März 2013
Für wenn's mal klemmt
von Robert Pfeffer


Was nützt der schönste Werkzeugkasten, wenn ich ihn nicht öffnen kann? Das verfluchte Ding steht sozusagen neben mir. Und ich bring ihn nicht auf!!! Der Schreibratgeber, all die vielen Artikel aus Foren und Zeitschriften … alles in greifbarer Nähe und doch ist da dieser weiße Bildschirm. Wo, zum Teufel, sind meine Ideen hin?

Kollegen streichen mir per Mail übers Köpfchen, die Geschichtengemeinde beruhigt: 'Ach, mach dir nix draus. Das wird wieder.' Ok, … WANN? Ein Schriftsteller, hab ich mal gehört, ist ein Mensch, der einen großen Teil seines Lebens in Einsamkeit verbringt, um in Gedanken in Gemeinschaft zu sein. Aber wo sind sie heute denn hin, meine Protagonisten und ihre Gegenspieler? Wo sind die bizarren Figuren, an denen sich die geneigte Leserschaft reiben kann? Wo ist die Spannung, die wohlig wärmt?
Zum Teufel … ich leide! Das ist einer jener Augenblicke, die man als Autor so fürchtet wie das Auto den leeren Tank. Das fragt sich dann ja auch: Wann geht es wohl weiter?
Meine Ideen-Karre liegt im Graben, neben dem Geistesblitz-Highway, und wartet auf Starthilfe oder Reservekanister. Das hirnige Kreativzentrum ist wie festgesetzt im Dickicht der Milliarden Gedanken, aus denen eine Geschichte werden könnte. Aber irgendwie fehlt mir die Lunte für eine Zündung. Oder das Streichholz. Oder beides.

Ommmmmmm. Tief durchatmen! Ommmmmmmmmm. Von wegen Schreibblockade! Mit mir nicht!!!

Das Leere ist weiß und schön!

Jawoll! So isses. Das entspannt schon mal. Und wenn ich nur lang genug hingucke, dann tauchen im Weiß auf einmal Blüten auf, die sind unterschiedlich geformt und verschieden groß. Oder Linien, kleine Karos … freundliche Herren, die einen in ärmelloser Jacke abführen, weil man irre geworden ist vor Ideenlosigkeit … oh Mann. Was geht denn jetzt noch?
Meine Freunde aus der Vergangenheit. Liebe Prota- und Antagonisten aus der Historie, vielleicht seid ihr ja eine Hilfe.

Ingemar, der Skischuh zum Beispiel. Der war einer von vielen bei „Aufruhr im Schuhschrank“, die sprechen können, wenn das Licht ausgeht. Wenn ihre Füße ihnen nicht das Maul stopfen. Hey, Ingemar, tritt mal so richtig kräftig gegen meinen Werkzeugkasten! Oder mir in den Hintern. Oder kennst du durch Zufall eine Weisheit von Walter, dem Chefpantoffel, den jahrelanges Fernsehen erstaunlich gebildet hat. Wahlweise schneid ich mir eine Scheibe Gelassenheit von Mahatma ab, der Sandale.

Vielleicht muss bloß der Druck raus. Obwohl so ein „Druckausgleich“ gelegentlich nicht ungefährlich ist. Der Gegenspieler aus der Geschichte kann ein Lied davon singen, weil er bei so was Simplem wie dem Pieseln seinen Na-Sie-wissen-schon per Strahl mit einem Starkstrom-Zaun verband. Eigentlich tragisch, denn auf dem Lokus kommen einem ja bekanntlich die besten Ideen.

Manchmal ist die Situation aber auch zu komplex für einfache Lösungen. Roswitha Kellner hat vor vielen Jahren versucht, in einem rasenden Ritt durch den Bahnhof ihren menschenschindenden Chef zufriedenzustellen. Und was hat die nicht alles auf die Beine gestellt dafür. Die hat sogar einem Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn ein Ticket entlockt! So ne Art Weltrekord. Und anschließend noch das Rätsel gelöst, warum man sechs Entscheidungen treffen muss, um nur einen einzigen Kaffee zu bestellen! Da werd ich doch wohl mal eben ne Schreibblockade aus dem Weg räumen können, oder? Was hat die Frau Kellner seinerzeit gemacht? Am Ende ihrem Boss gekündigt und sich auf sich selbst besonnen. Das könnte die Lösung sein … wenn ich ganz bei mir bleibe, geht der Werkzeugkasten vielleicht mit Intuition auf.

Moment grad, ich versuch's mal ...

Mist! Das Ding hakt immer noch. Funktioniert offenbar nicht. Guck ich also weiter.

Der Siggi Wagner hat es vor gut vier Jahren „Zwischen zwei Pils“ mit Gedankenübertragung probiert und seine Annemie mit Hilfe von Voodoo-Nadeln ins Jenseits befördert. Aber ob damit klemmende Kästen aufgehen? Ma weiß et ja nich … Bin ich auch zu ängstlich zu, glaub ich. In so einem Werkzeugkasten sind schließlich jede Menge Gegenstände drin, die später mal Rache nehmen könnten.

Obwohl, manchmal guckt man eh nicht hinter die Fassade. Mir fällt gerade der Alessandro Miracolo ein. Wie der ausgesehen hat … wie ein Zuhälter. War allerdings in Wirklichkeit ne Handy-Fee und hat für die Schnuller-Kollegin ausgeholfen, die wegen Burn-Out in Kur weilte. Der hat nur gesagt: „Gib Gummi, Paul!“, und kurz drauf hatte er dem den Nucki abgeluchst. Ok, zugegeben, ganz so einfach war es nicht, aber der ist schon ein Ausgebuffter, der Alessandro. Da hat er bestimmt auch einen Trick für meinen Kasten. Oder er kennt einen Kollegen, der weiß, wie das Ding sich öffnen lässt.

Den ruf ich grad an ...

Hm, er geht nicht dran. Blöd jetzt. Wen haben wir denn da noch? Ah, Harry Hummel, der hatte „Neulich auf Wiese vier“ rausgekriegt, wo die fehlenden Beine vom eitlen Tony Tausendfuß abgeblieben waren. Mit seinem kriminalistischen Spürsinn sollte der doch auch so eine dämliche Werkzeugkiste …

Oder ich klingel mal die Gitta Wollenhaupt an. Die hat seinerzeit sogar einer Riege älterer Damen erklären können, was Abseits ist. Und das mit Gummibärchen! Die hat garantiert Ahnung ...

Och Manno, die sind alle irgendwie beschäftigt heute. Da ist besetzt!

Meinen Blutsbruder Faberius brauch ich gar nicht erst fragen. Der ist schon happy, wenn er den Alltag heil übersteht. Auch Gerwin ist wahrscheinlich nicht der Richtige. Der ist zwar perfekt, um „Das blaue Kreuzchen“ auf irgendwelche Fahrkarten zu pinseln, doch im echten Leben ist er nicht gerade erfahren. Und den Valentin Kornbrenner kann ich ebenso vergessen. Der wollte glatt im Laden eine Portion Freude kaufen und hatte dann in Sachen Verpackung ganz überrascht gefragt: „Warum nicht aus der Tube?“ Was ne Type ... die Leute kommen ja manchmal auf Ideen ...

So, jetzt muss es aber langsam werden. Jetzt muss mir einer einfallen, der die Kiste aufkriegt, sonst gibt das mit dem Schreiben nix mehr. Mal sehen, wer steht denn noch auf dem Flur der Erinnerung so rum und hat grad nix zu tun? Ich schau mal raus.

Au backe, da schleicht der Winfried Kern rum, für den ja immer alles ausgewogen sein musste. Der geglaubt hat, „Das Waagnis“ oder auch das Leben sei wie ein Bierdeckel, der halt zum Schluss bezahlt sein muss, wenn es auf die andere Seite des schwarzen Vorhangs geht. Das ist mir jetzt aber dann doch ein wenig zu tiefgehend. Ich brauch nicht irgend so einen Spinner, einen Praktiker brauch ich, der greifbare Lösungen anbietet. Was weht denn da hinten am Fenster rum? Och nee, der Aribert von Quellstein, dieses windige Bettlaken. Der dachte damals, er könnte einfach ein paar Fahrgäste auf der Geisterbahn mit seiner Sense so erschrecken, dass man ihn ziehen lässt. Nein, nein, mein Lieber, ich hab es dir ja vor Ort bereits gesagt: So simpel ist es nicht! Es wird nicht klappen nach der Devise „Einsch, tzschwei, … jetzsch!“

Hach, ich glaub fast, die Lösung liegt woanders. Die ganzen Freunde aus der Vergangenheit helfen nix. Die sind ja schon geboren, als Ideen. Und eigentlich müsste ich es eh besser wissen. Wie hieß das noch bei „Wir sind unfassbar!“? Die Gedanken machen eh, was sie wollen! Die denken sich ihren Teil und schießen kreuz und quer. Und deshalb hab ich jetzt auch beschlossen: Loslassen. Wie beim Golfen. Einfach alles entspannt fließen lassen. Ball angucken, Kiefer lockern, sich was Schönes vors geistige Auge holen, und wusch …

Oh, siehste? Gerade ist es passiert! Ich hab es gespürt. Plötzlich läuft's … es sprudelt förmlich. Die Szene löst sich aus dem Weiß, Figuren übernehmen das Geschehen, machen es, wie die Gedanken, machen, was SIE wollen, nicht, was ich will. Und das Beste ist der Schluss. Da setz ich meinen Namen drunter, wahlweise drüber, streichel mir zufrieden über mein literarisches Bäuchlein und kann behaupten: Alles selbst gemacht!

Jaaaa, so muss es sein … ein grandioses Gefühl!
(Version 1)

Letzte Aktualisierung: 16.03.2013 - 09.16 Uhr
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