Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Selbst gemacht | März 2013
Mord im Supermarkt
von Ingo Pietsch

Kommissar Gerhard Otto und sein Kollege Jean Zinklär betraten den Supermarkt.
Otto wollte seinem neuen Mitarbeiter das Revier zeigen.
Zinklär hatte allerdings nicht damit gerechnet, dass das „Revierzeigen“ aus einer Rundfahrt durch die örtliche Schnell-Gastronomie bestand. Inzwischen hatte er schon eine Imbissbude, einen Hähnchengrill und einen Dönerstand kennengelernt.
Gleich im Eingangsbereich des Marktes befand sich der Bäckerladen.
Eine junge Verkäuferin stand vor dem Tresen mit einem Teller Muffins und reichte sie einem Pärchen vor ihnen.
Der Mann griff zu und biss herzhaft hinein. Seine Frau zog ihn schnell weiter.
Die Verkäuferin sah den beiden nach und ging wieder hinter die Theke, ehe Otto sich auch einen Kuchen sichern konnte.
Die Bäckersfrau leerte beiläufig den Teller in einen Mülleimer aus.
Enttäuscht ließ Otto die Schultern hängen und bestellte sich zum Trost drei Plunderteile.
Zinklär schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen.
Otto erwiderte die Geste: „Ich muss auf meine Figur achten!“ Er zog die mit Flecken übersäte Krawatte gerade und tätschelte seinen dicken Bauch. Dann versuchte er sein Jackett zuzuknöpfen, was ihm aber nicht gelang.
„Ist beim Waschen wohl eingelaufen“, kommentierte Otto.
„Ja, das sehe ich!“ Zinklär konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
„Hahaha“, meinte der Kommissar trocken. Er bezahlte und zog Zinklär weiter mit in den Markt.
Sie gingen ohne Umwege zur Wursttheke.
„Ich hole mir noch ein Wiener Würstchen. Die aus der Packung schmecken irgendwie nach nichts.“
Während sie in der Schlange warteten, fragte Otto: „Ist Ihnen eigentlich nicht warm in dieser schwarzen Kluft?“
Zinklär trug eine schwarze Lederjacke und passende Handschuhe, die ihn vor zufälligen Berührungen schützen sollten. Er konnte Gedanken lesen und das war bereits durch bloßen Hautkontakt möglich.
„Man gewöhnt sich dran“, entgegnete er, ohne weiter auf das Thema einzugehen.
Zinklär war als Medium bekannt im Polizeiministerium und wies eine hohe Erfolgsquote auf. Auch Otto schätzte ihn inzwischen sehr. Und das nicht nur, weil Zinklär Ottos verlorengegangene Autoschlüssel wiedergefunden hatte. Scherzhaft nannten ihn alle „Geisterjäger“.
Vor ihnen an der Theke stand wieder das Pärchen. Er hielt ein Schälchen Fleischsalat und aß, während seine Begleiterin Smalltalk mit dem Fleischer hielt.
Plötzlich brach der Mann zusammen. Er röchelte und Schaum lief aus dem Mund.
Obwohl Zinklär und ein Kunde Erste Hilfe leisteten und Otto sofort den Notarzt rief, war es vergebens.

Siegfried Rubens, Ottos Assistent, stand mit seinem Tablet-PC neben dem Kommissar.
„Mensch Otto, der Tod folgt dir auch auf Schritt und Tritt.“
Otto überging die Bemerkung, denn Rubens hatte Recht. In seiner Gegenwart lebte man gefährlich. „Was hast du für mich?“
Rubens räusperte sich: „Gustav Hansen, 43, kerngesund, wohlhabend und verheiratet. Seine Frau ist zehn Jahre jünger. Möglicherweise wurde er vergiftet. Das wird später die toxikologische Untersuchung zeigen.“
Otto verdrückte gerade das letzte Plunderteil und sagte mit vollem Mund: „Jeder ist verdächtig! Zinklär, auf geht’s!“

Die Polizei hatte von allen Kunden, die zur Tatzeit im Laden gewesen waren, die Zeugenaussagen aufgenommen. Nur das Personal und die Witwe waren noch anwesend.
Frau Hansen saß im Aufenthaltsraum und wurde von einem Sanitäter betreut.
Otto und Zinklär, er hatte seine Handschuhe ausgezogen, schüttelten ihr nacheinander die Hand und kondolierten.
Der Kommissar stellte ein paar Fragen über eventuelle Feinde, dann zog er sich mit Zinklär zurück.
„In dem kurzen Moment konnte ich sehen, dass die beiden glücklich verheiratet waren. Ihre Gedanken sind immer noch bei ihrem Mann. Aber da ist noch etwas: Sie denkt ständig an eine junge blonde Frau. Und wenn ich mich nicht irre, ist es die Verkäuferin vom Bäcker vorne.“
Otto rieb sich nachdenklich das Kinn und verschmierte dabei ein paar Sahnereste.

Die Verkäuferin, saß im Vorbereitungsraum der Bäckerei und weinte.
Otto war es zu sehr gespielt und sein Instinkt täuschte ihn selten.
„Herr Hansen war immer so nett gewesen, wenn er hier einkaufte. Ich kann das gar nicht begreifen“, schluchzte sie.
Zinklär trat kurz hinter sie und berührte beiläufig ihre Schulter. Sie zuckte nervös zusammen.
Mit vom Make-up verwischten Augen sah sie zu ihm hoch.
„tschuldigung“, sagte er und ging zum Kommissar zurück.
„Was ist denn alles in diesen Muffins drin?“, wollte Otto wissen. Er hielt einen eingetüteten Muffin hoch, den die Spurensicherung aus dem Mülleimer geholt hatte.
„Die habe ich selbst gebacken.“ Mit einem kurzen Nicken in Richtung Tresen sagte sie: „In dem Ordner da vorne ist die Rezeptur. Ich hoffe, Herr Hansen war nicht auf irgendetwas allergisch.“

Otto nahm Zinklär beiseite.
„Der Kontakt war nur sehr kurz.“
Der Kommissar sah ihn mit großen Augen fragend an.
„Es war merkwürdig, aber sie dachte die ganze Zeit über an Fleischsalat.“

Zinklär begrüßte den Fleischer mit Handschlag und stellte sich vor. Otto tat es ihm gleich. Der Fleischer war Mitte Zwanzig und gut durchtrainiert.
Nervös wanderte sein Blick hin und her. Schweiß tropfte ihm von der Stirn: „Noch nie ist jemand von meinen frisch gemachten Fleischsalat schlecht geworden. Ich kann mir das gar nicht erklären.“

„Und?“ Otto trommelte sich abwechselnd mit den Händen auf den Bauch.
„Er sah einen Haufen Geld vor sich und die Bäckerin. Haben sie gemeinsame Sache gemacht?“
„Sehr gut kombiniert, Geisterjäger! Los, lösen wir den Fall!“

Zusammen mit Rubens kehrten sie zur Bäckerin zurück.
„Ich verhafte Sie wegen Mordes!“, sagte Otto geradeheraus.
Zinklär und Rubens zuckten mit den Schultern, während der Kommissar ihr die Rechte vorlas.
„Und den Fleischer nehmen wir auch gleich mit.“
Die Bäckersfrau blickte ihn erst ungläubig, dann wütend an.
„Sie brauchen ohne Ihren Anwalt nichts weiter zu sagen.“ Otto biss von einem Wiener Würstchen ab, dass er irgendwo stibitzt hatte.
„Verrätst du uns trotzdem deinen Verdacht?“, fragte Rubens.
Otto schluckte kurz und antwortete: „Den Tod von Gustav Hansen planten beide gemeinsam, wobei Sie“, er zeigte mit dem Würstchen auf die Bäckersfrau, „die treibende Kraft hinter dem Ganzen sind.“
Ihre Augenlider verengten sich leicht, sie sagte aber nichts.
„Die beiden sind ein Paar und sind auf das ganz große Geld aus.“
„An was für Geld sollten sie herankommen? Was haben die beiden mit den Hansens zu tun?“, versuchte Rubens herauszufinden.
„An das Vermögen der Hansens. Die Bäckersfrau und Frau Hansen sind miteinander befreundet.“
Otto beugte sich zu der jungen Frau hinunter und sah ihr tief in die Augen, als könne er die Wahrheit darin erkennen.
Ihre Pupillen weiteten sich.
„Oder ist es mehr als Freundschaft? Sie brauchen nicht zu antworten. Wäre ich mit meinem Kollegen nicht hier gewesen, hätten Sie Frau Hansen wohl nach dem Tode ihres Mannes getröstet. Als Freundin? Als Geliebte? Irgendwann hätten Sie sich eine Menge Geld erschlichen und wären dann untergetaucht. Vielleicht sogar ohne den Fleischer.“
„Und wie, bitteschön, sollen wir das angestellt haben?“, es waren ihre ersten Worte seit Ottos Anklage.
„In dem Muffin und dem Fleischsalat sind irgendwelche Stoffe, die nur zusammen agieren und sich dann möglicherweise wieder auflösen. Das wird der toxikologische Test noch zeigen.“
Aufgebracht schoss die junge Frau von ihrem Stuhl hoch: „Sie können mir gar nichts beweisen!“, schrie sie.
„Ich denke, dass ihr ängstlicher Freund alles gestehen wird“, sagte Otto überzeugt.
Zwei Polizisten ergriffen sie und legten ihr Handschellen an.

Auf dem Weg nach draußen verputzte der Kommissar den Rest des Wiener Würstchens.
Als er fertig war, klatschte er in die Hände, rieb sie aneinander und sagte zu seinen Kollegen: „So, wieder ein Fall gelöst, das muss gefeiert werden! Wer kommt mit zum Italiener?“
Rubens und Zinklär schüttelten synchron die Köpfe.

Letzte Aktualisierung: 27.03.2013 - 07.08 Uhr
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