Der himmelblaue Schmengeling
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Selbst gemacht | März 2013
Fahrprüfung
von Christina Stöger

"Wenn du willst, dass etwas richtig gemacht wird, dann mach es selbst!" Diesen Satz habe ich schon so oft gehört, und ich glaube auch, dass er stimmt. Immer wieder musste ich das bis jetzt feststellen. Natürlich bin ich sehr froh, wenn andere Menschen mir helfen. Bei Dingen, die ich einfach nicht kann, oder die sie besser können als ich. Ja, das gibt es ... reusper ... auch. Ich kann zum Beispiel nicht Auto fahren. Nicht, dass es jetzt heißt: "Das können Frauen ohne hin nicht" ... nene. Ich habe zwar einen Führerschein, aber ich bin lange nicht mehr gefahren.

Lange bedeutet in meinem Fall zehn Jahre. Damals habe ich mich einfach von meinen Eltern überreden lassen.
"Kind, du brauchst doch einen Führerschein. Du musst unabhängig sein und dein Leben selbst gestalten." Eigentlich weise Worte und so habe ich mich in der Fahrschule angemeldet und bin auch regelmäßig hin gegangen. Heute ist der Schein unheimlich teuer. Doch auch schon damals war er nicht gerade billig. Ob die ganzen Stunden wirklich notwendig waren, das wusste ich nicht und es war mir auch relativ egal. Mein Vater hatte mir als Kind versprochen, dass er ihn mir irgendwann einmal zahlen würde. Und nun war genau diese Zeit gekommen.

Mein damaliger Mann prophezeite mir, dass ich das eh nicht schaffen würde, weil ich einfach nicht intelligent genug dazu sein. Mittlerweile ist er mein Ex-Mann - und ich weiß ganz genau warum.
"Aber du hast ja andere Reize. Vielleicht schaffst du es dennoch", sagte er mir am Tag der praktischen Prüfung. Die theoretische hatte ich zwei Tage vorher mit null Fehlern bestanden. Das hatte ihn schon sehr gewundert.
"Na ja, auswendig lernen, das kannst du eben", hatte er mich "beglückwünscht".

Ich war nervös. Unheimlich nervös. Schon zwei Stunden vor dem eigentlichen Prüfungstermin hatte ich mich in den Bus gesetzt und war zur Wechselstelle gefahren. Dort war ein kleines Kaffee, in dem die Prüflinge auf ihren Einsatz warteten. Ich bestellte mir einen großen Kaffee - ich war ja noch nicht nervös genug - und harrte der Dinge, die da so kommen sollten.

Als das erste Mädchen - ich kannte es nur vom Sehen - in den Wagen einstieg, wünschte ich ihm noch viel Glück. Sie war eine der Besten gewesen und würde die Prüfung locker bestehen. Ich hatte mich geirrt. Mit Tränen in den Augen kam sie mir nach ihrer Fahrt entgegen und schüttelte den Kopf.
"Was ist passiert?", fragte ich sie erschrocken, doch sie winkte nur ab.
"Der Prüfer hat ganz miese Laune! Der ist echt fies heute!", schluchzte sie und rannte zur Bushaltestelle. Mein Mut, diese Prüfung zu bestehen, sank ins Bodenlose. Was sollte ich nur machen?

"Chrissy, du bist dran", sagte plötzlich mein Fahrlehrer zu mir und grinste mich an.
Er wusste, dass ich unheimlich Angst hatte und dass ich die Prüfung unbedingt bestehen musste. Ich hatte das Geld einfach nicht, mich noch einmal anzumelden.
"Du packst das schon! Ich bin ja auch noch da", sagte er und klopfte mir auf die Schulter. Na, er konnte sie ja nicht für mich machen. Das musste ich schon selber erledigen.

"Zieh dir einen kurzen Rock an. Ist schließlich Sommer. Und deine Figur ist ja auch ganz nett. Das sollte doch klappen", hatte mein damaliger Mann noch zu mir gesagt, bevor ich das Haus verlassen hatte. und ich hatte auf ihn gehört. Nun stand ich also in meinem kurzen Röckchen da und fuhr mir mit zittrigen Fingern durch die Haare.

"Ich hol mir noch eben einen Kaffee", hörte ich den Prüfer sagen. "Sie können ja schon mal Platz nehmen und den Sitz einstellen. Dann dauert das nachher nicht so lang." Ich schluckte nervös, setzte mich ins Auto und tat wie mir geheißen. Das Radio spielte leise die neuesten Hits. Damals hatte ich Madonna - Like a Prayer als Lieblingslied - und genau das lief, kurz nachdem ich eingestiegen war. Ich vergas alles um mich herum, drehte das Radio auf - ich hatte ja noch ein bisschen Schonfrist - und sang lauthals mit.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und der Prüfer stieg ein.
"Na, Sie haben aber gute Laune. Das freut mich. Endlich mal ein Prüfling ohne Angst. Ich fresse schließlich keinen". Durch den Rückspiegel konnte ich sein Grinsen sehen. Dann ging es los. Die Strecke war ich schon oft gefahren und kannte auch alle Tücken. Das Einparken klappte auch erstaunlich gut und meine Nervosität fiel langsam von mir ab. Kurz bevor wir wieder auf dem Wendeplatz waren lotste er mich in eine Straße, in der ich noch nie war.

"Jetzt fahren Sie da lang und parken dort hinten. Sie waren heute mein letzter Prüfling", sagte er zu mir und ich schluckte. Das war es also schon gewesen. Dann sah ich das Schild für die Einbahnstraße und wusste, dass ich mich links halten musste. Doch was war das? Die Verkehrsinsel? Wie fuhr ich nun ... und ... ich sah nur noch Striche auf dem Boden und kannte mich auf einmal nicht mehr aus. Schweiß rann an meinem Rücken hinunter und da der Prüfer ungeduldig zu werden begann, fuhr ich einfach los - gegen die Einbahnstraße, links an der Insel vorbei. Ich bemerkte meinen Fehler schon in der ersten Sekunde und stöhnte auf.

"Na, wenigstens haben Sie es gleich erkannt. Nun fahren Sie weiter und parken dort. Die Prüfung ist zu Ende." Tränen standen mir in den Augen als ich den Motor abschaltete.
"So! Was mache ich jetzt mit Ihnen? Sie wissen, dass ich Sie hätte durchfallen lassen müssen, oder? Na ja, sonst war die Fahrt ja nicht schlecht ... aber ... ", er schaute mich immer noch durch den Rückspiegel an. Dann reichte er mir meinen Führerschein mit der Bemerkung:
"Ich glaube, Sie werden nie wieder falsch um eine Verkehrsinsel herum fahren, oder?" Ich nickte dankbar, nahm den Schein in Empfang und konnte es immer noch nicht glauben. Ich hatte bestanden.

"Und nun gehen Sie etwas Essen. So dürr wie Sie sind, täte Ihnen das bestimmt gut. An einer Frau muss doch was dran sein. Dass ihr Mädchen immer meint, wir fallen auf kurze Röcke herein. Sie haben den Schein trotz ihres Outfits bekommen - und nicht deswegen. Aber ich mag ihre gute Laune. Verlieren Sie sie nicht. Und nun viel Spaß beim Feiern. Aber nicht trinken und fahren! Verstanden?" Ich nickte ihm wieder dankbar zu, stieg auf der Beifahrer Seite ein und ließ mich von meinem Fahrlehrer - der jetzt auch Feierabend hatte - nach Hause fahren.
Seit diesem Tag habe ich nie wieder eine Verkehrsinsel falsch umfahren - ich fuhr ja auch nicht.

Letzte Aktualisierung: 01.03.2013 - 20.00 Uhr
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