Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Selbst gemacht | März 2013
Sie fliegt!
von Dunja Tietge

„Oh, nein!“, flüsterte Timmy. Vorsichtig legte er die Fernbedienung ins Gras und schloss die Augen. Wenn er nicht hinsah, konnte er es vielleicht ungeschehen machen. Leider hatte sich der Anblick schon zu tief in seine Gedanken gebrannt. Er wünschte, unter ihm würde sich ein großes Loch öffnen und ihn weit, weit weg rutschen lassen.
Wenn Papa das sieht, gibt’s ´ne riesige Tracht Prügel!, dachte er und fühlte dabei schon die Hand seines Vaters auf dem Hintern. Das wäre noch der einfachere Teil. Wenn er dazu noch an das Gebrüll und den krebsroten Kopf seines Vaters dachte, wurde ihm richtig übel. Dabei litt Timmy selbst am meisten unter dem Malheur.
„Oh, nee!“, sagte seine Schwester Liane kaugummikauend. „Hoffentlich hast du genügend Taschengeld gespart, um ihm wenigstens das Material nachzukaufen?“
Sie klang so unbeteiligt, dass er sich noch verzweifelter fühlte. Mit fünfzehn Jahren durfte Liane sich praktisch alles erlauben, solange sie nicht rauchte, mit Jungs herumhing oder nach zehn von der Fete heimkam. Groß und Schwester müsste man sein. Timmy seufzte und hob die zerschmetterte Tragfläche der Cessna 172 auf, die bis vor seine Füsse geflogen war. Mit ungläubigem Blick drehte er sie in den Händen.
352 Stunden investierte sein Vater, um das Sperrholz auf die richtigen Maße zu schneiden, zu schleifen, die winzigen Einzelteile des Motors von Hand auf der Drehbank maßstabsgerecht nachzubauen und zum Schluss mit viel Liebe zum Detail den Lack und die Beschriftung „Skyhawk“ anzubringen. Die weiße Farbe glich dem Anstrich des Originals von 1956. Am Heck prangte die Seriennummer XQ-2340, in dem Timmy bei einer Flugshow mit Museumsexponaten sogar schon einmal gesessen hatte. Im Innern des Cockpits funkelten die Minilichter in den Armaturen, und auf dem Pilotensitz erkannte man eine kleine Wachsfigur, deren Haarkranz und abstehende Ohren unter der Mütze erstaunliche Ähnlichkeit mit Timmys Vater aufwiesen. Jeden Abend nach der Arbeit war Timmys Vater im Schuppen verschwunden, kam nur zum Abendessen heraus und blieb bis weit nach Mitternacht bei seinem Modellflugzeug. Timmy wagte es nur selten, ihn bei seiner Arbeit zu stören. Als er seine zwei in Mathe geschrieben hatte, wollte er Vater ganz stolz die Aufgaben zeigen, doch nach einem kurzen Nicken hob sein Vater den Rohbau der Cessna an.
„Guck dir das mal an! Das meistgebaute Privatflugzeug damals!“, hatte Vater stolz erklärt. „Über
44 000 Stück wurden davon gebaut und einige von ihnen fliegen heute noch mit sämtlichen Originalteilen. Das war Qualität, sage ich dir! Schau dir nur mal an, wie elegant die Flügel geschwungen sind! Und der Rumpf! So zierlich und doch stabil! Herrlich, nicht wahr? Fass sie bloss nicht an! Du darfst mal die Fernbedienung halten, wenn ich sie in der Luft habe, okay?“
Timmy hatte gestrahlt und genickt.
Mit vier anderen Modellen war Timmys Vater jeweils Dritter im Wettbewerb geworden. Seine Modelle flogen zwar alle fantastisch, aber die Richter fanden seine Details noch ausbaufähig. Das hatte er sich diesmal zu Herzen genommen. Die Cessna 172, so war er überzeugt, würde ihm den Sieg einbringen. Aus dem Motorraum blubberten die gleichen Geräusche wie beim Original im Stand und beim Flug, jeder Farbstrich, jeder Schwung am Rotor war genau berechnet und der Schwerpunkt war so perfekt ausbalanciert, dass es jedem, selbst dem dämlichsten Grobmotoriker, gelingen sollte, das Modellflugzeug zu landen.
Nun, jedem Grobmotoriker außer Timmy.
Die Art und Weise, mit der er die Cessna in die Kastanie des Nachbarn bugsierte, wies eindeutig Fehler bei der Manövriertechnik auf. Das wimmernde Geräusch des originalgetreuen Motors zwischen den Ästen rief sofort den Nachbarn und Liane auf den Plan, die das Gesicht verzogen, weil sie ahnten, was hier gerade sehr, sehr schief gelaufen war. Für Liane war die Cessna nur ein Haufen Sperrholz mit Farbe dran. Immerhin schenkte sie Timmy ein mitleidiges Grinsen, bevor sie zurück ins Haus lief, um die Katastrophe mit ihrer Freundin zu diskutieren. Timmys Unfälle reichten jedes Mal mindestens für eine Stunde künstliche Aufregung über doofe Brüder und wie sehr sie darauf verzichten konnte.
Timmy drehte die Tragfläche herum. Unter der abgesplitterten Farbe kamen die Bleistiftzeichnungen seines Vaters zum Vorschein, mit denen er die zu schleifenden Stellen markiert hatte. Ein Teil der Strebe, die die Tragfläche mit der Kanzel verband, fiel dabei ins Gras.
Der Nachbar angelte gerade die Überreste der Cessna aus der Kastanie. Er ließ den Rumpf aus drei Meter Höhe zu Boden plumpsen. Das Heckruder brach endgültig ab, das Motorengeräusch verstummte und die Plexiglasscheiben in der Kanzel splitterten. Der Wachspilot hing in seinem Gurt, als müsse er sich durch die Tür übergeben. Das Splittern verursachte Timmy nochmal körperliche Schmerzen. Ein dicker Brocken hinderte ihn am Schlucken.
Der Nachbar stieg von der Leiter, lehnte sie zurück an die Schuppenwand und stellte sich neben Timmy. Er kratzte sich am Kopf.
„Nun, sagen wir mal so: damit belegt er garantiert nicht den 1. Platz!“
„Ich fass es nicht! Der Wind stand doch gut. Wie konnte denn das passieren? Was soll ich denn jetzt nur machen?“, sagte Timmy tonlos. Auf einmal wurde ihm die Kehle eng und die weiteren Worte versanken im Schluchzen. „Der Wettbewerb ist schon am Sonntag! Ich weiß, dass er mir verboten hat, auch nur in die Nähe des Schuppens zu kommen, aber ich dachte, es hat doch ganz gut geklappt, als ich die Fernbedienung mal halten durfte. Ich wollte es nicht kaputt machen! Es tut mir so leid! So furchtbar, furchtbar leid!“
„Na, na!“ Der Nachbar zog Timmy in seine Arme und tätschelte ihm unbeholfen den Rücken.
Timmy konnte nur daran denken, welche Enttäuschung er für seinen Vater bereit hielt. Immer ging ihm etwas kaputt. Mal die Scheibe am Stall, als ihm der Ball vom Fuß abgeglitten war. Dann die Pfanne mit dem Schnitzel, die er fallen ließ, als er in der Küche auf seinen Puschen herumrutschte, statt die Füße anzuheben. Er wusste doch, dass er ein Tollpatsch war. Warum konnte er sich nicht einmal daran erinnern, bevor es zu spät war! Timmy schwor sich, nie, nie wieder irgendetwas anzufassen. Nicht mal seine eigenen Sachen, sofern die nicht auch schon von Mutter kopfschüttelnd in die Mülltüte gesammelt wurden.
„Dein Papa kommt in zwei Stunden von der Arbeit, nicht?“, fragte der Nachbar ruhig. Timmy nickte und verteilte etwas Rotz auf dem Hemd des Nachbarn.
„Na, dann lass uns mal sehen, was wir da machen können, hm?“
Timmy sah auf. Die Augen des Nachbarn lächelten spitzbübisch, als wäre er auch ein kleiner Junge. Dabei war der mindestens vierzig.
„Wir können was machen?“, schniefte Timmy.
Der Nachbar nickte. „Komm mal mit! Wir müssen auch etwas basteln!“

Der Vater tobte und schrie. Er stampfte mit großen Schritten vom Schuppen zum Haus, rannte suchend im Haus umher und stampfte zurück. Sein Kopf war hochrot, seine Stimme kurz vorm Überschlag. In der rechten Hand schwenkte er sein Handy, mit der linken ballte er eine Faust.
„Wie kann das angehen? Diese verdammte Sch ... e! Ich fass es nicht! So ein Schlamassel! Übermorgen! 352 Stunden! Diese Arbeit! Meine Cessna 172! Mein schönes Flugzeug! Das wär der erste Platz gewesen! Dieser Henry wird sich scheckiglachen! Diese verfluchte Sch ... e!“
So ging es noch eine ganze Weile in gleicher Tonlage weiter. Timmy saß am Abendbrottisch mit Schwester und Mutter, die ihn beide mit blassen Gesichtern ansahen. Keiner rührte den Hawaitoast an, den der Vater so liebte, und den Mutter extra seinetwegen zubereitet hatte. Als Friedensangebot, sozusagen.
„Wie hast du das gemacht?“, flüsterte Liane. „Wie hast du es geschafft, dass du aus der Nummer raus bist?“
Timmy schluckte.
„Die Dübel am Regal. Weißt du noch, wie er mal sagte, die taugen nichts? Verdammte Ostprodukte, und so? Die Cessna stand direkt unter dem Regal mit den Brettern. Irgendwie waren sie wohl zu schwer für die Winkeleisen und haben die Dübel aus der Wand gerissen.“
Liane hob eine Augenbraue und nickte. „Nicht schlecht!“
Mutter schüttelte den Kopf. „Er soll beim Modellbau bleiben. Vom Anschrauben von Regalen versteht er nichts!“


von Dunja Tietge
Version 3

Letzte Aktualisierung: 09.03.2013 - 12.01 Uhr
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