Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Selbst gemacht | März 2013
Der Obi-Mann
von Gebhard Manntz

Wann ich ihn zum ersten Mal bewusst gesehen habe, weiß ich nicht mehr. Aber als ich vor ein paar Wochen wirklich auf ihn auf¬merksam wurde, kam er mir irgendwie bekannt vor. Er stand vor dem Regal mit Dübeln und wirkte etwas verloren, so ganz anders als die anderen Männer, die man in Baumärkten beobachten kann, wo sie mit kundigem Kopfnicken Werkzeuge oder Maschinen begutachten, sie in der Hand wiegen, ihre Eignung abwägen und sich letztlich unter Umständen doch nicht zum Kauf entschließen können.
Sein Blick schweifte über das Angebot an Plastikdübeln, als nehme er verwundert die Vielseitigkeit des Sortiments wahr, nehme wahr, was es alles gibt und wozu man es vielleicht brauchen kann, als habe er jedoch nicht die Absicht, etwas zu kaufen. Das Angebot schien ihm irgendwie fremd zu sein. Komischer Kauz, dachte ich, bat ihn, etwas zur Seite zu treten, nahm ein Päckchen Ankerdübel aus dem Regal und ging zur Kasse. Draußen empfingen mich ein stürmisch-verregneter Novem¬bernachmittag, ein mit trüben Pfützen übersäter Weg zu meinem Au¬to, und ein Abend voll handwerklicher Aktivität.
Ich wollte ein Loch in die Kellerdecke bohren, in das ich einen Haken für mein Fahrrad eindübeln wollte, um es am Vorderrad platzsparend aufzuhängen. Doch schon bei dem ersten ernsthaften Versuch scheiterte mein Achtmillimeter-Bohrer kläglich. Mit ihm ließ sich bestenfalls noch Käse bohren, nicht jedoch Beton. Und einen geeigneten Haken hatte ich auch nicht gefunden, obwohl ich sicher war, einen in meinem umfangreichen Sortiment gesehen zu haben. Das war so ein schöner großer Haken gewesen, mit Kunststoff ummantelt, der die Felge gegen Kratzer schützt. Ich musste ihn irgendwo anders reingeschraubt haben. Also fuhr ich am nächsten Morgen – einem Samstag – erneut in den Baumarkt.
Und da war er wieder, der Mann. Er kaute auf einem Zahnstocher und sah gelangweilt auf die lange Reihe von Bohrmaschinen, Stich-sägen und Bandschleifmaschinen. Was machte dieser Mensch eigentlich hier, er kaufte doch gar nichts!
Ich wählte einen passenden Bohrer gehobener Qualität und ging dann in die Abteilung der Befestigungselemente. Nach kurzem Suchen hatte ich den richtigen Haken gefunden – mit rotem Plastik beschichtet und stabil – und strebte dem Ausgang zu. Lange Schlangen an den Kassen gaben mir reichlich Gelegenheit, den Ständern mit Sonderangeboten meine Aufmerksamkeit zu schenken – die Quengel¬ware der Hobbybastler – doch zwischendurch suchte mein Blick immer wieder nach dem Mann mit dem Zahnstocher.
Er schlenderte den Hauptgang entlang, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, wie ein Spaziergänger, der sich nach Feierabend im Park ergeht. Im Park allerdings war es gerade kalt und unwirtlich. Ich verließ die Warteschlange und folgte ihm in einigem Abstand. Bald standen wir in der Gartenabteilung, und er bewegte sich auf die Reihe der Aquarien zu, in denen kleine Zierfische auf die nächste Ladung Trockenfutter warteten. Und er? Worauf wartete er?
Ich musterte ihn unauffällig. Er war nicht ungepflegt, aber unauffällig gekleidet, seine Schuhe waren abgenutzt, aber nicht schmutziger als meine. Ich verwarf den Gedanken, er könne ein Stadtstreicher sein, der hier ein paar Stunden Wärme genießt, bevor der Ladenschluss ihn wieder hinaus in die kalte Herbstnacht zwingt. Nein, dieser Mann war kein Penner, er hatte vermutlich ein Zuhause, soviel war klar. Ich wandte mich ab und ging zur Kasse zurück.
Während ich am Abend das Loch bohrte, den Dübel einsetzte, den Haken einschraubte und das Fahrrad aufhängte, musste ich wieder an den Mann mit dem Zahnstocher denken. In meinem Gehirn hatte sich mit der Zeit eine feste Verbindung zwischen ihm und dem Kaufen, ja, sogar dem Hand¬haben von Werkzeugen bis hin zu Baumarktartikeln ganz allgemein gebildet. Vermutlich würde ich nicht einmal mein Fahrrad vom Haken nehmen können, ohne an ihn zu denken.
Ich merkte, wie ich ärgerlich wurde. Wieso musste ich ständig an einen Herumtreiber denken, der im Baumarkt seine Zeit totschlug, weil er offenbar sonst nichts zu tun hatte? Was hatte dieser Kerl in meinem Leben zu suchen? Mit welchem Recht trödelte er darin herum? Ich beschloss, ihn anzusprechen. Ich wusste zwar noch nicht, was ich eigentlich sagen sollte, denn er tat ja nichts Verbotenes, aber irgendetwas würde mir schon einfallen. Jawohl, gleich am Montag Abend würde ich in den Baumarkt gehen und mit ihm reden – denn ich zweifelte keinen Moment daran, dass ich ihn dort antreffen würde.
Und richtig – schon im Eingangsbereich sah ich ihn, dort, wo unzufrie¬dene Kunden ihren Umtausch abwickeln. Offenbar war er nun endlich auch dem Personal aufgefallen, und man hatte ihn gleich am Eingang zur Rede gestellt. Als ich mich näherte, hörte ich ihn leise zu der Frau hinter der Theke sagen: „Ah, das ist der Typ, von dem ich dir erzählt hab. Den beobachte ich hier schon seit Wochen – manch¬mal meine ich, der hat kein Zuhause. Dauernd kauft er hier, immer irgendwelche Kleinigkeiten – aber geklaut hat er jedenfalls noch nichts!“
Die Frau hinter der Theke sah betont unauffällig zu mir herüber und sagte: „Wer weiß, wie ungemütlich das bei dem zu Hause ist – armer Kerl!“
Natürlich habe ich ihn nicht angesprochen, aber denken muss ich immer noch oft an ihn. Zum Beispiel jedes Mal, wenn ich jemanden radfahren sehe.

Letzte Aktualisierung: 25.03.2013 - 20.16 Uhr
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