Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Unsichtbar | April 2013
Besuch nach Plan
von Susanne Ruitenberg

Am ersten Tag war die Welt noch in Ordnung.
Paul arbeitete seinen sorgfältig ausgearbeiteten und turnusmäßig wechselnden Besuchsplan systematisch ab. Ohne diesen käme er in dieser reich gefüllten Stadt nicht zurecht.
Am Montagvormittag besuchte er die Sainte Chapelle mit ihren beeindruckenden Glasfenstern aus dem 13. Jahrhunder.
Für sein Lunch kaufte er sich anschließend ein Schinkensandwich und eine Flasche Mineralwasser - die hohen Preise in Paris erlaubten ihm nicht, allzu häufig ein Café aufzusuchen - und begab sich zum Jardin du Luxembourg, wo man kostenfrei auf unbequemen Metallstühlen sitzen und den Anblick der gepflegten Blumenrabatten genießen konnte. Während er aß, hakte er den Park auf seiner Liste ab. Für den Nachmittag stand das Musée d’Orsay an, ausschließlich die Sonderausstellung ‚Die Engel des Wunderlichen‘ über die dunkle Seite der Romantik. Das M’O war zwar erst beim übernächsten Parisurlaub an der Reihe, aber für diese Ausstellung erteilte er eine Sondererlaubnis zur Abweichung vom festgelegten Rhythmus.
Für das Abendessen wählte er eine kleine Pizzeria im Quartier Latin. Dieses Viertel wimmelte aufgrund der Sorbonne von Studenten und wies daher nicht nur teure, exquisite Gourmettempel aus. Zudem fühlte er sich hier sicherer als im Montmartre, den allerlei zwielichtiges Volk frequentierte.
Wieder in seinem einfachen Hotel in der Nähe des Gare de l’Est angekommen, protokollierte er sorgfältig seine Aktivitäten im Urlaubstagebuch, putzte sich die Zähne und vertiefte sich in seinen Plan für den nächsten Tag: Bei Schönwetter - Vormittag Eiffelturm, Nachmittag Künstlermarkt im Montmartre, Abendessen Käsefondue im Quartier Latin.
Bei Regen - Louvre, französische Malerei. Dank Metrokarte konnte er beliebig kreuz und quer durch die Stadt fahren.
Voller Vorfreude legte er sich schlafen.

Während er die Treppe an der Metrostation heraufstieg, fragte er sich zum wiederholten Mal, wie man je auf die Idee kommen könnte, den Turm abzureißen; genau das war nach der Weltausstellung 1889 geplant. Die Pariser fanden Gustave Eiffels Bauwerk monströs, hässlich und fürchteten, es würde in die Seine stürzen, nur die Radioantenne hatte den Turm gerettet und später, als er seine Nützlichkeit in beiden Weltkriegen durch das Versenden geheimer Nachrichten unter Beweis stellte, verlieh man ihm sogar die Legion d’Honneur. Ob die Konstruktion aus 8000 Tonnen Stahl sich davon geehrt fühlte, entzog sich jedoch Pauls Kenntnis.
Als er am Quai de Grenelle um die Ecke bog, hob er voller Vorfreude den Blick.
Wunderbar hoben sich die Stahlstreben von dem blauen Himmel ab.
Im nächsten Moment verschwand das bekannteste Wahrzeichen von Paris vor seinen Augen.

Spontan applaudierten die Menschenmassen, Paul schloss sich an. Wie hatten die Verantwortlichen diesen Effekt erzielt? Das übertraf sogar die abendlichen Lichtshows - bei jedem dritten Parisbesuch gehörte ein nächtlicher Ausflug auf den Arc de Triomph ins Programm, von wo aus man den besten Blick hatte - aber den Turm unsichtbar zu machen - unvorstellbar!
Arbeiteten sie mit Spiegeln oder gigantischen Bildschirmen, die eine künstliche Ansicht der Umgebung, wie sie ohne Turm aussähe, projizierten?
Es dauerte fünf Minuten, bis die Applaudierenden, und mit ihnen Paul, der sich in der Zeit weiter auf den nördlichen Turmfuß zubewegte, registrierten, dass etwas nicht stimmte.
Der Eiffelturm war nicht unsichtbar.
Er war weg.
Alle 8000 Tonnen davon.
Als Erstes bemerkten es diejenigen, die dem Eingang am nächsten standen. Hinter dem Tickethäuschen und der Eingangskontrolle befand sich - nichts.
Auf einmal begann die Luft zu flimmern. In Eiffelturmform. Es verstärkte sich, wurde zu einem silbernen Glitzern, das schließlich langsam zu Boden sank, wie Konfetti oder Staniolschnipsel bei den großen Finales der Samstagabend-Fernsehshows seiner Kindheit.
Schreiend stoben die Menschen auseinander, als der Glitzerstaub über ihren Köpfen niederging. Einige bückten sich und fassten danach. Angewidert schüttelten sie ihre Hände. Ein kleiner Junge rannte kreischend an Paul vorbei, sein ganzer Arm von silbernen Partikeln bedeckt. »Mama, das brennt, mach das weg«, schrie er in ohrenbetäubender Lautstärke.
Dann ging alles sehr schnell.
Mehrere Mannschaftswagen CRS, der französische Zivilschutz, rasten auf den Platz und spien ihre schwer bewaffneten Insassen aus, die sogleich ausschwärmten und die Menschenmenge mit grimmigen Minen anstarrten, als verdächtigten sie die Touristen des kollektiven Eiffelturmdiebstals.
Paul entschied sich, das Ganze aus sicherer Entfernung zu beobachten und zog sich zurück. Er war nicht der einzige. Aus den Wortfetzen um ihn herum schnappte er auf, dass die meisten an ein Attentat irgendwelcher Islamisten glaubten, denen man ohnehin alles zutraute. Unvermittelt hielt jemand sein Mobiltelefon hoch. »C’est pas seulement la tour, c’est pas seulement la tour!«, rief er. Was war nicht nur der Turm? Kopfschüttelnd begab sich Paul zur Metrostation. Wohin? Er entschloss sich, in die Innenstadt zu fahren. Spontan verspürte er den innigen Wunsch, für seine Lieblingsstadt zu beten. Am besten in der Kathedrale.
Als er jedoch an die Treppen zum Boulevard Saint Germain erklomm, sah er in der Ferne nur noch das silberne Glitzern. In Notre-Dame-Form.
Neben ihm wedelte ein Franzose mit seinem iPad herum. Andere standen aufgeregt diskutierend daneben. Paul hörte eine Weile zu, fühlte unvermittelt seine Beine nachgeben und musste sich am Laternenpfahl festhalten, um nicht aufs Trottoir zu stürzen.
ALLE Monumente von Paris waren in einem silbernen Funkenregen verschwunden.
Erst jetzt fiel ihm auf, dass ständig Sirenen und Martinshörner - oder das französische Äquivalent davon - zur allgemeinen Geräuschkulisse beitrugen. Ins Hotel, er musste ins Hotel, von der Straße weg, bevor es zu Tumulten kam. Er rannte zur Metro zurück, sprang in den soeben eingefahrenen Zug, stieg am Gare D‘’Austerlitz in die Linie 6 und sprintete zu seinem Ziel.
Im Zimmer angekommen, warf er sich aufs Bett und schaltete den Fernseher ein. Vielleicht wussten die Autoritäten etwas über die Vorfälle. Oder benannten Gegenmaßnahmen. Oder IRGENDWAS.
Er zappte durch die Kanäle, bis er auf eine Nachrichtensendung stieß.
Was er hörte, ließ ihn erstarren.
Nicht nur in Paris waren Monumente verschwunden.
Nein, auf der ganzen Welt.
Der Reichstag in Berlin.
Die Golden Gate Bridge in San Francisco.
Der Kölner Dom.
Die Pyramiden.
Die Kathedrale von Canterbury.
Buckingham Palace in London.
Wie eine Totenliste verlas der Nachrichtensprecher die Namen.
Was mit den Personen war, die sich zum Zeitpunkt des Verschwindens in, um oder auf den Bauwerken aufgehalten hatten, wusste niemand.
Fassungslos verfolgte Paul die Sendung. Sein geliebtes Paris! Die ganze Welt! Eine Träne rann ihm die Wange hinab.
Plötzlich wurde der Bildschirm schwarz, flackerte, es erschien ein grauer Kopf. Kahl, unnatürlich breit oben, zum Kinn schmal zulaufend, große ovale Augen starrten Paul entgegen. Das fremde Wesen öffnete den Mund und sagte etwas in einer Sprache, die Paul nicht verstand.
Leuchtende Buchstaben am unteren Rand des Bildschirms fassten das Gesagte zusammen.
Man komme von einem Planet in einem weit entfernten Sonnensystem. Aufgrund widriger Umstände seien diesem in mehreren Bürgerkriegen sämtliche Kulturschätze abhandengekommen. Man habe sich umgesehen auf den bewohnten Welten und nur hier, auf Terra, brauchbares Material gefunden. Dieses habe man sich entschlossen, zu atomisieren und auf den Heimatplaneten zu verbringen. Wie, das tue nichts zur Sache, die Bewohner von Terra seien ohnehin noch nicht in der Lage, die Technik zu verstehen.
Für die entstandenen Unannehmlichkeiten entschuldige man sich, die in den Gebäuden und Konstruktionen aufgefundenen Terraner plane man, morgen wieder auszusetzen und man wünsche der Menschheit viel Kreativität beim Erschaffen neuer Monumente.
Paul starrte auf seinen Besuchsplan. Nahm einen Stift zur Hand. Strich Zeile um Zeile durch. Zerknüllte den Plan und ließ ihn fallen. Langsam stand er auf, ging zum Fenster, öffnete es, sah nach unten. Sieben Etagen.
Er kletterte auf den Sims und sprang.


©Susanne Ruitenberg
Version 2

Letzte Aktualisierung: 27.04.2013 - 18.21 Uhr
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