Honigfalter
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Unsichtbar | April 2013
Wo sind denn alle
von Helga Rougui

@h: danke f√ľr die idee zum 1. teil

Kuno sa√ü bequem auf seinem Canap√© als auch and√§chtig vor einem gigantischen Paket, das - eben vom Posth√∂rnchen zugestellt ‚Äď die bet√§ubenden Wohlger√ľche ganz Frankreichs und der Welt verstr√∂mte.
Soll heißen, es roch nach Käse.

Er sog die appetitlichen Schwaden tief in seine Lunge, schnipste das rote Band durch, das das Einwickelpapier zusammenhielt, und in einer gelben Schachtel fand er er unzählige kleine und größere Päckchen, 72, wie er feststellte, als er sie nebeneinander auf dem Couchtisch aufgereiht hatte.
Er wickelte eins aus, ein St√ľck Gorgonzola lachte ihn einladend an, und es war weder garniert mit eifers√ľchtigen Ehem√§nnern noch mit rachs√ľchtigen Katzen.
Kuno gr√ľbelte. Wer schenkte ihm denn so was? Und warum?

*

zimtrolle:
he! ich hörs rascheln
er is am auspacken

vampir:
(feixend)
jau und er frißt sich voll
di√§t im popo w√ľrd ich sagen

muskatklops:
(weinerlich)
ich seh euch nich
wo seid ihr denn?

vampir:
wir sitzen in den säckchen neben dir du depp

muskatklops:
schrei mich nicht an!
ich bin ganz benommen von den k√§seger√ľchen
menno wieviel sorten sind das denn

zimtrolle:
67 nat√ľrlich
in 67 päckchen ist käse
und in den restlichen f√ľnf sitzen wir
und orla und das huhn

orla:
(schnarcht)

huhn:
(schnarcht nicht)
wann d√ľrfen wir raus?
ich hasse käse

zimtrolle:
wir m√ľssen warten bis er uns auspackt

*

Inzwischen war Kuno eifrig dabei, die P√§ckchen auszuwickeln und die Br√∂ckchen aus geronnener Kuh-, Schaf- und Ziegenmilch auf einer riesigen Platte gef√§llig anzurichten, nicht ohne einen herzhaften Bi√ü in diese oder jede Probe zu tun. Er verdrehte die Augen. K√∂stlich! Und dabei hatte er doch dem K√§se abgeschworen. Meinte es der Absender nun gut oder schlecht mit ihm? Als sich das Seidenpapier knisternd um ihn h√§ufte, bemerkte er, da√ü sich die K√§sest√ľcke ‚Äď mal abgesehen von denen, von denen er gekostet hatte - wie ein Puzzle ineinanderf√ľgten, und schlie√ülich strahlte ihn eine √ľberdimensionale Torte aus allen K√§sen dieser Welt an, lecker und verf√ľhrerisch.
Da fiel bei Kuno der Groschen.
Heute war sein Geburtstag!
Hatte er ganz vergessen.
Und es war ein ganz besonderer Ehrentag, denn bekanntlich werden Waldm√§use mit 6 Jahren vollj√§hrig und k√∂nnen endlich selbst √ľber ihr Leben bestimmen.
Kuno lispelte:
"Danke, edler Spender, f√ľr die wunderbare K√§segabe, deren 67 H√§ppchen meinen Weg in die Freiheit und Unabh√§ngigkeit pflastern werden. Wirklich sehr gro√üz√ľgig. Nur - was ist mit den √ľberz√§hligen f√ľnf Puzzleteilen? Die passen doch gar nirgendwo hinein ‚Äď "

Da drang Vampirs Tomatensaftstimme aus einem der ungeöffneten Päckchen:
"Mööönsch, wie wärs, wenn du uns einfach mal auspackst?"
Aus einem anderen ertönte Orlas Geknarze:
"Uaaahh ‚Äď was hab ich gut geschlafen, ich glaub, schon seit Siri87xcUs. Sind wir da? Wo ist mein GalaXXoPhone? Ich mu√ü 27000 Mails checken, sofort."
Muskatklops, subtil wie stets:
"Ich hab Hunger."
Zimtrolle, ungeduldig:
"Klar, was sonst. Wann packt er uns denn nun aus?"
Und das Huhn:
(sagt nix, denkt)
'Ich mag die Orla nicht.'

*

Eine halbe Stunde sp√§ter, nach herzlichen Begr√ľ√üungen und freudigen Wiedersehensbekundungen, sa√üen alle um den K√ľchentisch und schnabulierten von der Geburtstagsk√§setorte. F√ľr das Huhn hatte man bei www.lieferservice.de eine gemischte K√∂rnerplatte mit frischem Regenwurmhack bestellt. Orla checkte endlich ihre Mails. Zimtrolle, Vampir und Muska -.

Da klopfte es.

Jeder kaute weiter mit vollen Backen, aber alle Blicke richteten sich auf die T√ľr.
Herein trat Pauli, sehr kompakt, null durchgeistigt, das Fell na√ü√ľbergl√§nzt vom feinen Fr√ľhlingsnieselregen.

"Och nö," maulte Kuno, "das ist jetzt echt fies!"

"Aha, merkste was," meinte Pauli, "alles ist nicht halb so nett, wie du denkst. Unsere Erfinderin ist ein altes, √ľbellauniges Weib, das unsichtbar √ľber uns thront und uns schuriegelt. Sie ist dick und manisch-depressiv und Plattf√ľ√üe hat sie auch. Und von wegen Freiheit! Sie l√§√üt uns nicht aus ihren Klauen. Sie hat uns zum Totdr√ľcken lieb. Nur mich wohl nicht ..."
Pauli schluckte und f√ľgte betreten hinzu:
" ... denn ich muß ja immer der Böse sein."
Zimtrolle hatte inzwischen leergekaut und fuhr ihn an:
"Na klar mag sie dich. Dein Selbstmitleid kannste dir schenken. Sie mag uns alle gleicherma√üen. Also ‚Äď Freiheit hin oder her ‚Äď"
"Freiheit ist das höchste Gut!" sagte Kuno wichtig.
"Ja, das stimmt, Kuno, Freiheit ist unverzichtbar, aber ohne Liebe geht gar nichts."
"Ach ja," seufzte Orla, "und es gibt so viele, die ‚Äď √§h - so vieles, das man lieben kann ‚Äď"
"Zum Beispiel sich selbst", r√ľlpste Muskatklops selbstgef√§llig.
"Nun", meinte Vampir, "der Klops hat zwar keine Beine und kann sich auch anderweitig nicht benehmen, aber wo er recht hat, hat er recht. Komm, Pauli, setz dich und i√ü mit uns ‚Äď nicht uns, sondern mit uns wohlgemerkt ..."

*

Und sonst?
Ach ja, die Geschichte f√ľr April.
Hier ist sie.


*

Wo sind denn alle

Sie schl√§ft. Die Nase im Kopfkissen h√∂rt sie den Wecker klingeln. Sie steht auf. W√§hrend sie ins Bad geht, zieht sie sich das Nachthemd √ľber den Kopf. Sie setzt sich aufs Klo, sie nimmt eine Dusche, sie sucht sich ihre Unterw√§sche, ihre Socken, ihre Kleidung zusammen. Sie zieht sich an, sie b√ľrstet ihre Haare und schminkt sich Augen und Lippen.
Die Kaffeemaschine brodelt, sie trinkt die erste Tasse Kaffee. Sie i√üt eine Scheibe Brot mit Butter und Erdbeermarmelade und eine zweite mit Salami und schneidet eine Tomate dazu. Sie checkt ihre Mails, Werbung, Annika ist schwanger, Udo geht nach Amerika, Werbung. Der Kater streicht schon eine Weile um sie herum. Sie √∂ffnet eine Dose Katzenfutter, r√ľmpft die Nase und f√ľllt den Fre√ünapf.

Sie verl√§√üt die Wohnung. Am Auto angekommen kramt sie in ihrem Rucksack nach dem Autoschl√ľssel, schlie√üt die Fahrert√ľr auf, steigt ein und biegt nach rechts in die Hauptstra√üe ab. Eine Ampel springt auf Rot. Sie g√§hnt. Es ist noch fr√ľh. Die Ampel springt auf Gr√ľn. An der Tiefgarage des B√ľrogeb√§udes angekommen steckt sie ihre Chipkarte. Die Einla√üschranke hebt sich. Sie findet direkt im vorderen Bereich einen f√ľr Frauen reservierten Parkplatz.

Sie begibt sich an ihren Arbeitsplatz. Der Aufzug bringt sie in die sechste Etage. Dort hat die Firma ihren Sitz. Sie √∂ffnet die T√ľr zu ihrem B√ľro, legt ihre Sachen ab und setzt die Kaffeemaschine in Gang. Sie schaltet ihren Rechner ein. Ordner, Dateien, Dossiers, Formulare. Um halb zehn Uhr i√üt sie ein Knoppers das Fr√ľhst√ľckchen. Genehmigungen, Verpflichtungserkl√§rungen, Unterlagen zur Weiterleitung.
Mittags in der Kantine nimmt sie ein Tablett und geht zur Essensausgabe. Sie wählt einen Teller mit paniertem Schnitzel und Pommes, keinen Salat. Sie setzt sich in eine Ecke an einen freien Tisch und ißt.
Nach einer halben Stunde geht sie wieder in ihr B√ľro. Sie schaut auf den Bildschirm. Kostenaufstellungen, Erstattungsantr√§ge, Statistiken, Tabellen. Papiere, Papiere, Papiere. Sie sieht auf die Uhr. Sie macht Feierabend.

Sie geht zum Arzt. Sie betritt die Praxis. Sie kann sich direkt ins Wartezimmer setzen. Sie betrachtet abwechselnd den Gummibaum und ein √ľberdimensionales abstraktes Gem√§lde. In der Kinderspielecke stehen zwei kleine Holzst√ľhle und ein Tischchen. Darauf liegen Baukl√∂tze und Bilderb√ľcher mit Abbildungen von Zootieren und Planeten. Sie geht in den Untersuchungsraum, macht den Oberk√∂rper frei, legt sich auf die Liege. Sie schlie√üt die Augen. Sie f√ľhlt die Saugn√§pfe des Me√üger√§ts und h√∂rt, wie der Ausdruck mit der Herzkurve aus dem Ausgabeschlitz des Apparats rattert. Sie zieht sich wieder an und verl√§√üt die Praxis.

Sie geht einkaufen. Mit einem Einkaufswagen betritt sie den Supermarkt. Ihr Blick streift √ľber die Waren in den Regalen. Zuerst steuert sie die SB-Fleischtheke an. Blut, Fasern, Knochen, Fett. Sie legt ein in Zellophan verpacktes Steak und ein P√§ckchen Lungenhachee f√ľr den Kater in ihren Wagen.Sie geht an der Brottheke vorbei. In der Obst- und Gem√ľseabteilung sieht sie Rot, Gr√ľn, Blau, Gelb. √Ąpfel, Zucchini, Weintrauben, Bananen. Sie geht zur Kasse, legt die Waren auf das Band, das Band ruckt an und l√§uft. Der Scanner piept piept piept piept piept piept. Sie holt ihr Portemonnaie heraus und √∂ffnet es. Sie schiebt ihre Amexkarte in den Schlitz des Leseger√§ts und tippt ihre Geheimzahl in die Tastatur. Sie packt das Fleisch, das Obst und das Gem√ľse in eine Plastikt√ľte und tr√§gt die T√ľte zum Auto. Sie √∂ffnet den Kofferraum und stellt die T√ľte hinein.

Sie geht schwimmen. Sie betritt das Schwimmbad und entwertet ein Feld ihrer Zehnerkarte am automatischen Einlaß. In der Umkleide zieht sie ihren Badeanzug an, geht dann in den Duschraum und sucht sich eine Einzelkabine. Sie geht in die Schwimmhalle und steigt die Treppe zum Becken hinunter. Sie verzieht das Gesicht, es ist Warmbadetag. Sie schwimmt. Wasser Beckenrand Wasser Beckenrand Wasser Beckenrand. Sie schwimmt zwanzig Bahnen. Dann verläßt sie das Becken und geht wieder in die Umkleide. Der Föhn funktioniert Es gibt keinen Spiegel. Sie geht zum Ausgang und verläßt das Schwimmbad.

Sie f√§hrt nach Hause, r√§umt die Lebensmittel in den K√ľhlschrank und sieht nach dem Kater.

Sie geht ins Kino. Sie betritt den Vorraum, geht zur Kasse. Sie legt einen 50 Euro-Schein auf die Theke, z√§hlt das Wechselgeld und nimmt ihr Ticket. Sie will sich eine XXL T√ľte Popcorn und einen Maxibecher Cola holen, aber das Erfrischungsbuffet ist geschlossen. Ein vergilbtes Plakat wirbt f√ľr "Die W√ľste lebt". Der Film l√§uft schon lange nicht mehr.
Sie sieht den Eingang zum Kinosaal. Dann sieht sie nichts in der Dunkelheit der Eingangsschleuse. Die Reihe mit ihrem Platz ist unbesetzt. Sie nimmt ihren Platz ein. Die Werbung ist vorbei. Es wird dunkel. Die Leinwand wird hell. Sie sieht die Leinwand. Sie sieht auf die Leinwand.
Mike Leigh, Another Year. Vorspann. Der Film beginnt.

da sind sie ja
und ich dachte schon alle wären unsichtbar


Sie sieht den Film. Sie sieht den Abspann. Es wird hell. Sie sieht leere Becher, leere T√ľten von der Nachmittagsvorstellung unter den Sitzen. Sie verl√§√üt das Kino.

Draußen. Frische, feuchte Luft.
Ein Regengu√ü k√ľndigt sich an.
Sie schöpft Hoffnung.
Es ist höchste Zeit.

Letzte Aktualisierung: 20.04.2013 - 06.52 Uhr
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