Honigfalter
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Unsichtbar | April 2013
Alles klar
von Ann Nissuth

Schon von Weitem hörte sie das Gehämmere. Unerbittlich brach der Techno in ihren schmerzenden Schädel ein, als sie die Haustür aufschloss. Verfolgte sie die ganzen verfluchten siebenundvierzig Stufen hoch. Empfing sie höhnisch dröhnend an der Wohnungstür. Sie seufzte. Wäre gern davongelaufen. Alle siebenundvierzig Stufen wieder hinunter und dann ganz weit weg. Irgendwohin, wo es warm war - und ruhig. Den ganzen Tag hatte sie mit geballter Freundlichkeit fremde Leute zum Kauf nicht zu toppender Überflüssigkeiten begeistert. Versucht, das Geld für die Reparatur ihres Autos hereinzureden. Sie hatte doch jetzt ein Recht auf ein bisschen Ruhe, verdammt noch mal!

„Mach das leiser!“ Sie war sich nicht sicher, ob ihre Stimme überhaupt zu ihrem Sohn durchdringen konnte. Seine Reaktion war jedenfalls gleich Null. Hatte sie etwas anderes erwartet?

Das Essen war auch nicht gewärmt. Wofür hatte sie am Vorabend Bohneneintopf mit extra viel Fleisch für ihn gekocht? Aber sie hatte selbst keinen Hunger. Ein Kopf wie ein Bahnhof. Warum also aufregen?

Sie fuhr den Laptop hoch. „Was machst du gerade?“, fragte FB.
Sie hätte sich besser hingelegt.
I love my job, las sie als erstes.
Ach nee, Micha, tust du das?
Angie hingegen träumte von Urlaub. Bald würden Fotos aus der Karibik hier stehen.
Lisa nannte sich jetzt Norma Jean.
Mit der Familie beim Mäcces, schrieb Kalle.
Oh, der machte immer noch auf heile Welt. Bei Fast Food.
Ihr kam es hoch.
Was waren die doch alle so toll.
Ihr Sohn hatte sieben neue Freunde.
Und sie fühlte sich noch einsamer als sonst.
„Alle, die grade furchtbar einsam sind, sollen aufstehn und rausgehn“, spann ihr strapaziertes Hirn.
Bots. Wie lange war das her? Gab’s die auf youtube? Tatsache. Sie teilte das Lied.
Was unterschied sie von den anderen? Sie klickte sich aus.
Wusste, dass sie war wie sie.
Hören konnte sie eh nichts.
Die Technoattacke lief unverändert grausam weiter.
Das musste sie sich nicht gefallen lassen.

„Lass mich rein!“
Er schien sie nicht wahrzunehmen.
„Du sollst mich rein lassen!“
Schluchzte da jemand?
Quatsch, durch den Lärm konnte man gar nichts hören.
Der wollte sicher nur seine Ruhe. Mal wieder Stress mit den Kumpels. Oder der Freundin. Sie würde es nie erfahren.
Doch in ihrem Bauch brodelte urplötzlich dumpf Panik hoch.
Sie simste: Hey, soll ich die Tür aufbrechen? Setzte einen Smiley dahinter. Die Pause, die folgte, war lang. Zu lang.
Dann: ich leb ja noch.
Wie bitte?!?
Ich möchte zu dir rein. Bitte. ,simste sie weiter.
mom, kam es eine Pause später zurück.
Das Wummern stoppte abrupt. Dröhnende Stille. Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Sie war in diesem Moment auf alles gefasst.
War sie nicht.
Nicht auf die zerrissenen Bücher. die zerschnittenen Bayerntrikots, die vielen Scherben, das Blut.
Und in der Mitte des Chaos er. Leichenblass.
Rot klafften die Schnitte an seinen Beinen. Auf dem Boden lag ein verschmiertes Skalpell.
Sie musste mit ihm in die Klinik.
„Nein, nicht ins Krankenhaus“, flüsterte er, das Gesicht schmerzverzerrt. Er hatte ihre Gedanken gesehen.
Sie schleifte ihn ins Bad, kramte Mullbinden und Pflaster hervor. Ausgerechnet sie und Erste Hilfe. Aber irgendwann hatte sie es tatsächlich geschafft, ihn zu verbinden.

Er legte seinen Kopf an ihre Brust. Sie glaubte zu fallen.
„Ich werd nicht verrecken.“ Er lächelte ein bisschen. „Ist ja nicht das erste Mal.“
„Zeig“, brachte sie mühsam hervor.
Wie zur Entschuldigung zuckte er mit den Schultern und krempelte die Ärmel seines Hemdes hoch.

(1)

Letzte Aktualisierung: 14.04.2013 - 10.23 Uhr
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