Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Unsichtbar | April 2013
F√ľr immer dein
von Eva Fischer

‚ÄěHerr, f√ľhre die Verstorbene zum neuen, ewigen Leben, Amen.‚Äú

Als ich eine Schaufel f√ľllte und zusah, wie die Erde in der Tiefe verschwand, dachte ich, es w√§re f√ľr immer ein Schlussstrich zwischen Klara und mir gesetzt.

Dreißig Jahre Ehe hatten uns vereint, wobei ich die meiste Zeit im Flieger verbracht hatte, während Klara unsere Tochter großzog, unser Haus einrichtete und unseren Garten pflegte.
Als die Tochter heiratete und nach Australien zog, galt fortan Klaras Aufmerksamkeit mir. Sie umsorgte mich mit exzellenter K√ľche, nat√ľrlich fettarm und nach den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen, hielt jeglichen Handwerker-Stress von mir fern, pr√§sentierte mir nur das Ergebnis und die Rechnungen.
Gemeinsam entspannten wir uns im Garten, umgeben von duftenden Rosen, deren Aufzucht ihr besonders am Herzen lag. Während ich die Tageszeitung las, blätterte sie in Zeitschriften, die ihr Tipps gaben, wie sie Heim und Garten verschönern könne.

Exakt mit dem Tag ihres Todes wurde ich Rentner. Gemeinsam h√§tten wir die Fr√ľchte ihrer langj√§hrigen Arbeit genie√üen k√∂nnen, wenn sie nicht ein b√∂sartiger Krebs befallen h√§tte, der alle unsere Zukunftspl√§ne f√ľr immer zunichte machte.
‚ÄěHerr, gib ihr die ewige Ruhe! Lass sie ruhen in Frieden!‚Äú
Noch immer hallten die Worte des Priesters in meinem Kopf nach. Die Trauergäste, allesamt Klaras Freunde, hatten mir mit vielsagenden Blicken kondoliert.
‚ÄěWie soll der √Ąrmste jetzt ohne Frau klarkommen, die ihm doch bisher alle Last abgenommen hat, damit er beruflich den R√ľcken frei hat?‚Äú
Merkw√ľrdigerweise hatten Klara √§hnliche Gedanken umgetrieben.
‚ÄěSchatz, du brauchst keine Angst zu haben, ich werde auch von oben f√ľr dich sorgen‚Äú, meinte sie eines Tages.
Ich schrieb diese Worte der Wirkung der Morphiumspritze zu, denn eigentlich h√§tte sie sich um ihren bevorstehenden Tod mehr Sorgen machen m√ľssen als ich um mein Leben.

Als ich nach der Beerdigung das erste Mal ohne Klara das Haus betrat, sp√ľrte ich keine Trauer, sondern eher Neugier. Noch nie, so schien es mir, hatte ich dieses Haus bis in alle Ecken inspiziert. Bisher war ich nur ein fl√ľchtiger Durchreisender gewesen. Das sollte sich √§ndern. Als erstes entz√ľndete ich eine Zigarette, deren Gestank Klara nie in ihrem Haus akzeptiert h√§tte, und √∂ffnete eine Flasche Wein, deren Inhalt ich nur glasweise bisher aus ihrer Hand erhalten hatte. ‚ÄěProst, meine Liebe!‚Äú Wie immer hatte sie f√ľr alles gesorgt. Silbern gerahmt l√§chelte sie mir vom Sideboard zu.

Am n√§chsten Morgen spazierte ich durch Klaras Garten, bewunderte die Pracht ihrer Sch√ľtzlinge, die noch nichts von ihrem Ableben bemerkt zu haben schienen. Pl√∂tzlich stutzte ich. Ein Rosenstrauch hatte ihr immer Kummer bereitet, weil er trotz hartn√§ckiger Pflege seine Bl√ľtenpracht verweigert hatte. Nun zeigten sich zum ersten Mal dunkelrote Knospen.
Ich lie√ü die Knospen zu einer √ľppigen Bl√ľte reifen, bevor ich zur Schere griff. Klara w√ľrde sich freuen, wenn ich diese Rose auf ihr Grab stellte. Doch der Stachel bohrte sich b√∂swillig in meinen Finger. Blut tropfte auf die gr√ľnen Triebe. Ich fluchte, band mir ein Taschentuch um die Hand, machte mich aber dennoch auf den Weg zum Friedhof.

Die folgenden Tage verrannen leicht wie junger Wein. Ich f√ľllte sie mit allt√§glichen Verrichtungen wie Einkaufen und Kochen. Nachts sah ich fern und schaute mir an, was und solange ich wollte. Die Putzfrau kam weiterhin einmal die Woche, nur meine dreckige W√§sche wollte ich selber waschen.
Als ich von einem Stadtbummel nach Hause kehrte, fand ich den Keller unter Wasser vor.
Klara hatte die Telefonnummern aller Handwerker notiert. Ich rief an und der Klempner pumpte meinen Keller leer. Die Waschmaschine musste durch eine neue ersetzt werden.
Alles hat seine Zeit, auch Haushaltsgeräte, dachte ich.

Die N√§chte wurden l√§nger und die Unbeschwertheit des Sommers l√∂ste sich im Herbstnebel auf. Jede Nacht erschien mir Klara ungebeten im Traum, denn mittlerweile hatte ich mich an mein neues Leben gew√∂hnt, genoss mein Einsiedlertum, lie√ü dem Unkraut zwischen den Rosenrabatten freien Lauf. Genau das schien mir Klara √ľbel zu nehmen, nicht, dass sie gesprochen h√§tte, was sie zu ihren Lebzeiten stets gern getan hatte, nein, sie schaute mich schweigend mit vorwurfsvollen Blicken an.
‚ÄěGib Ruhe, Klara! Du da oben und ich da unten, wir haben nichts mehr miteinander gemein. Lass mir meinen Frieden! Ich lass dir deinen.‚Äú
Aber sie blieb unerbittlich wie fr√ľher und so leerte ich eine Flasche Grappa, die einst nur G√§sten vorbehalten war, und trank die Traumbilder unscharf.

Der n√§chste Morgen wollte nicht kommen. Obwohl ich mich ausgeschlafen f√ľhlte, blieb es dunkel. Schlie√ülich machte ich Licht und schaute auf den Wecker. Zw√∂lf Uhr. Morgens oder abends? Ich war verwirrt und √∂ffnete die Haust√ľr. Das Licht √ľberflutete mich wie eine Tsunamiwelle. Die Nachbarn von gegen√ľber be√§ugten kritisch mein Outfit im Schlafanzug.
Verdammt! Was stimmte denn jetzt nicht in Klaras Haus? Ich tapste zum Lichtschalter, kochte mir Kaffee, um wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Die Rolll√§den klemmten, lie√üen sich per Hand nicht √∂ffnen. Ich w√§hlte die Nummer des Monteurs. ‚ÄěTotalversagen der Elektrik‚Äú, erl√§uterte er achselzuckend wenig sp√§ter. ‚ÄěIst selten, aber kommt schon mal vor.‚Äú

Ich wußte genau, dass Klara ihre Hand im Spiel gehabt hatte. Auch später. Aber die Leute wollten mir nicht glauben.
Kurz vor Weihnachten erschien mir Klara im Traum mit Augen, aus denen Flammen loderten. Ich wurde wach, aber da war es schon zu sp√§t. Der Fernsehsessel brannte. Die Feuerwehr meinte, es h√§tte an meiner Zigarette gelegen. Das kann nicht sein. Ich kann mich noch genau erinnern, dass ich sie ausdr√ľckte.
Im Grunde habe ich nichts dagegen, dieses Haus zu verlassen. Es war nie meins und ist viel zu gro√ü f√ľr mich. Ich k√∂nnte dann alle Erinnerungen an Klara hinter mir lassen und in einer kleinen Wohnung neu anfangen.

*

Meine Psychologin hat mich heute gebeten, mein Verhältnis zu dir aufzuschreiben.
Je l√§nger ich dar√ľber nachdenke, desto mehr bin ich der √úberzeugung, dass du f√ľr mich immer eine Fremde warst. Von meinen zahlreichen Aff√§ren w√§hrend meiner Gesch√§ftsreisen hast du nie etwas mitbekommen.
Warum, bitteschön, kann das nicht so bleiben?
Nur weil du tot bist, m√ľssen wir uns nicht n√§herkommen!!



2.Fassung

Letzte Aktualisierung: 13.04.2013 - 13.16 Uhr
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