Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Unsichtbar | April 2013
Für immer dein
von Eva Fischer

„Herr, führe die Verstorbene zum neuen, ewigen Leben, Amen.“

Als ich eine Schaufel füllte und zusah, wie die Erde in der Tiefe verschwand, dachte ich, es wäre für immer ein Schlussstrich zwischen Klara und mir gesetzt.

Dreißig Jahre Ehe hatten uns vereint, wobei ich die meiste Zeit im Flieger verbracht hatte, während Klara unsere Tochter großzog, unser Haus einrichtete und unseren Garten pflegte.
Als die Tochter heiratete und nach Australien zog, galt fortan Klaras Aufmerksamkeit mir. Sie umsorgte mich mit exzellenter Küche, natürlich fettarm und nach den neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen, hielt jeglichen Handwerker-Stress von mir fern, präsentierte mir nur das Ergebnis und die Rechnungen.
Gemeinsam entspannten wir uns im Garten, umgeben von duftenden Rosen, deren Aufzucht ihr besonders am Herzen lag. Während ich die Tageszeitung las, blätterte sie in Zeitschriften, die ihr Tipps gaben, wie sie Heim und Garten verschönern könne.

Exakt mit dem Tag ihres Todes wurde ich Rentner. Gemeinsam hätten wir die Früchte ihrer langjährigen Arbeit genießen können, wenn sie nicht ein bösartiger Krebs befallen hätte, der alle unsere Zukunftspläne für immer zunichte machte.
„Herr, gib ihr die ewige Ruhe! Lass sie ruhen in Frieden!“
Noch immer hallten die Worte des Priesters in meinem Kopf nach. Die Trauergäste, allesamt Klaras Freunde, hatten mir mit vielsagenden Blicken kondoliert.
„Wie soll der Ärmste jetzt ohne Frau klarkommen, die ihm doch bisher alle Last abgenommen hat, damit er beruflich den Rücken frei hat?“
Merkwürdigerweise hatten Klara ähnliche Gedanken umgetrieben.
„Schatz, du brauchst keine Angst zu haben, ich werde auch von oben für dich sorgen“, meinte sie eines Tages.
Ich schrieb diese Worte der Wirkung der Morphiumspritze zu, denn eigentlich hätte sie sich um ihren bevorstehenden Tod mehr Sorgen machen müssen als ich um mein Leben.

Als ich nach der Beerdigung das erste Mal ohne Klara das Haus betrat, spürte ich keine Trauer, sondern eher Neugier. Noch nie, so schien es mir, hatte ich dieses Haus bis in alle Ecken inspiziert. Bisher war ich nur ein flüchtiger Durchreisender gewesen. Das sollte sich ändern. Als erstes entzündete ich eine Zigarette, deren Gestank Klara nie in ihrem Haus akzeptiert hätte, und öffnete eine Flasche Wein, deren Inhalt ich nur glasweise bisher aus ihrer Hand erhalten hatte. „Prost, meine Liebe!“ Wie immer hatte sie für alles gesorgt. Silbern gerahmt lächelte sie mir vom Sideboard zu.

Am nächsten Morgen spazierte ich durch Klaras Garten, bewunderte die Pracht ihrer Schützlinge, die noch nichts von ihrem Ableben bemerkt zu haben schienen. Plötzlich stutzte ich. Ein Rosenstrauch hatte ihr immer Kummer bereitet, weil er trotz hartnäckiger Pflege seine Blütenpracht verweigert hatte. Nun zeigten sich zum ersten Mal dunkelrote Knospen.
Ich ließ die Knospen zu einer üppigen Blüte reifen, bevor ich zur Schere griff. Klara würde sich freuen, wenn ich diese Rose auf ihr Grab stellte. Doch der Stachel bohrte sich böswillig in meinen Finger. Blut tropfte auf die grünen Triebe. Ich fluchte, band mir ein Taschentuch um die Hand, machte mich aber dennoch auf den Weg zum Friedhof.

Die folgenden Tage verrannen leicht wie junger Wein. Ich füllte sie mit alltäglichen Verrichtungen wie Einkaufen und Kochen. Nachts sah ich fern und schaute mir an, was und solange ich wollte. Die Putzfrau kam weiterhin einmal die Woche, nur meine dreckige Wäsche wollte ich selber waschen.
Als ich von einem Stadtbummel nach Hause kehrte, fand ich den Keller unter Wasser vor.
Klara hatte die Telefonnummern aller Handwerker notiert. Ich rief an und der Klempner pumpte meinen Keller leer. Die Waschmaschine musste durch eine neue ersetzt werden.
Alles hat seine Zeit, auch Haushaltsgeräte, dachte ich.

Die Nächte wurden länger und die Unbeschwertheit des Sommers löste sich im Herbstnebel auf. Jede Nacht erschien mir Klara ungebeten im Traum, denn mittlerweile hatte ich mich an mein neues Leben gewöhnt, genoss mein Einsiedlertum, ließ dem Unkraut zwischen den Rosenrabatten freien Lauf. Genau das schien mir Klara übel zu nehmen, nicht, dass sie gesprochen hätte, was sie zu ihren Lebzeiten stets gern getan hatte, nein, sie schaute mich schweigend mit vorwurfsvollen Blicken an.
„Gib Ruhe, Klara! Du da oben und ich da unten, wir haben nichts mehr miteinander gemein. Lass mir meinen Frieden! Ich lass dir deinen.“
Aber sie blieb unerbittlich wie früher und so leerte ich eine Flasche Grappa, die einst nur Gästen vorbehalten war, und trank die Traumbilder unscharf.

Der nächste Morgen wollte nicht kommen. Obwohl ich mich ausgeschlafen fühlte, blieb es dunkel. Schließlich machte ich Licht und schaute auf den Wecker. Zwölf Uhr. Morgens oder abends? Ich war verwirrt und öffnete die Haustür. Das Licht überflutete mich wie eine Tsunamiwelle. Die Nachbarn von gegenüber beäugten kritisch mein Outfit im Schlafanzug.
Verdammt! Was stimmte denn jetzt nicht in Klaras Haus? Ich tapste zum Lichtschalter, kochte mir Kaffee, um wieder einen klaren Gedanken zu fassen. Die Rollläden klemmten, ließen sich per Hand nicht öffnen. Ich wählte die Nummer des Monteurs. „Totalversagen der Elektrik“, erläuterte er achselzuckend wenig später. „Ist selten, aber kommt schon mal vor.“

Ich wußte genau, dass Klara ihre Hand im Spiel gehabt hatte. Auch später. Aber die Leute wollten mir nicht glauben.
Kurz vor Weihnachten erschien mir Klara im Traum mit Augen, aus denen Flammen loderten. Ich wurde wach, aber da war es schon zu spät. Der Fernsehsessel brannte. Die Feuerwehr meinte, es hätte an meiner Zigarette gelegen. Das kann nicht sein. Ich kann mich noch genau erinnern, dass ich sie ausdrückte.
Im Grunde habe ich nichts dagegen, dieses Haus zu verlassen. Es war nie meins und ist viel zu groß für mich. Ich könnte dann alle Erinnerungen an Klara hinter mir lassen und in einer kleinen Wohnung neu anfangen.

*

Meine Psychologin hat mich heute gebeten, mein Verhältnis zu dir aufzuschreiben.
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr bin ich der Überzeugung, dass du für mich immer eine Fremde warst. Von meinen zahlreichen Affären während meiner Geschäftsreisen hast du nie etwas mitbekommen.
Warum, bitteschön, kann das nicht so bleiben?
Nur weil du tot bist, müssen wir uns nicht näherkommen!!



2.Fassung

Letzte Aktualisierung: 13.04.2013 - 13.16 Uhr
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