Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Unsichtbar | April 2013
Kleine Helfer
von Ingo Pietsch

Ich tastete nach dem belegten Brot, ohne den Blick vom Computermonitor abzuwenden. Ich war allein und niemand störte mich beim Surfen.
Meine Finger griffen ins Leere. Ich wusste genau, dass auf dem Teller noch die Hälfte meines Frühstücks liegen musste. Oder hatte ich es in ganz in Gedanken vertieft doch schon vertilgt? Ich konnte mich beim besten Willen nicht erinnern.
Bei genauerem Nachdenken waren meine Snacks nicht zum ersten Mal auf unerklärliche Weise verschwunden.
Die Tür knarrte und ich stand auf, um nachzusehen, ob es vielleicht unsere Katze gewesen war, die mein Brot gemopst hatte.
„Mimi?“, fragte ich, aber die Katze meldete sich nicht. Normalerweise kam sie angelaufen, wenn ich ihren Namen rief, weil sie sich ein Leckerli versprach.
Aber Mimi war nicht im Haus, denn als ich auf dem Weg zur Küche war, warf ich einen Blick nach draußen. Ich fasste mir an die Stirn und glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Da rannte Mimi über den Rasen, mit einem Sattel auf den Rücken!
Ich musste die Katze mindestens eine halbe Minute angestarrt haben, bis Mimi am Sandkasten stehenblieb und mich ebenfalls anstarrte.
Ich schüttelte den Kopf und rieb mir die Augen. Und tatsächlich: Der Sattel war tatsächlich verschwunden und Mimi saß dort wie immer und leckte ihre Pfoten.
Jetzt halluzinierte ich schon! Ich sollte weniger Zeit vor dem Computer verbringen!

In der Küche erinnerte mich die halb geöffnete Geschirrspülmaschine an meine Aufgaben, die ich heute noch erledigen musste.
Ich zog die Tür auf und war angenehm überrascht, als ich in die leere Maschine blickte. Ein Zettel mit krakeliger Kinderschrift war an eines der Gitter geklebt: Alles Gute zum Geburtstag!
Draußen klingelte der Bäckerwagen.
Ich rannte in den Flur, schnappte mein Portmonee und lief nach draußen.
Heute gab es Rabatt bei Abnahme mehrerer Plunderteile, was mir sehr gelegen kam. Ich kaufte doppelt so viel, wie ich sonst genommen hätte und wollte gerade bezahlen, als ich stutzte. Im Münzfach lag nur eine 2-Euro Münze. Gestern Abend, als ich kurz einkaufte, waren da aber noch kleinere Münzen drinnen gewesen. Ob es die Kinder oder meine Frau herausgenommen hatten, die sich gelegentlich daran bedienten? Egal, das Geld reichte trotzdem.
Als ich wieder hineingehen wollte, bemerkte ich, dass die Hecke akkurat gestutzt worden war. Wann hatte denn meine Familie gestern Zeit gehabt, Gartenarbeit zu machen?

Ich schüttelte den Kopf und brachte meine Beute in die Küche. Dann führte mich mein Weg in den Keller, wo noch Wäsche zum Aufhängen wartete. Normalerweise hing der ganze Keller voll mit Kleidung, aber ausnahmsweise war schon das Meiste trocken, zusammengelegt und in Körbe sortiert. Mir blieb noch die Unterwäsche. Bei den Socken stellte ich fest, dass die Hälfte verschwunden war. Nur noch Einzelteile hingen an der Wäscheleine. Klar gingen mal welche kaputt oder die Kinder verschluderten welche. Vielleicht waren welche in den Filter der Waschmaschine gerutscht? Irgendwo mussten sie ja geblieben sein. Oder aber, die Waschmaschine hatte sie gefressen.

Doch die Suche nach den verschollenen Socken blieb ergebnislos. Ich schleppte die Körbe nach oben und verteilte die Kleidung in die Schränke.
Erstaunlicherweise waren alle Zimmer aufgeräumt. Und was mir erst jetzt auffiel: Ich konnte sogar nach draußen sehen, weil die Fenster geputzt waren. Mir standen Tränen in den Augen, so glücklich war ich.

Die Kinderzimmer lagen im ersten Stock und als ich fast fertig war, hörte ich ein Trippeln über mir.
Ich bekam ein flaues Gefühl im Magen. Waren da etwa Mäuse auf dem Dachboden? Das hätte mir gerade noch gefehlt.
Ich zog die Dachluke auf und die Leiter herunter. Dann knipste ich das Licht an und stieg nach oben.
Nichts war angeknabbert und es lagen auch keine Köttel herum. Ich würde mich der Sache später annehmen. Ich hoffte, dass sie es sich nicht in der Dämmung bequem gemacht hatten.

Wieder unten schnappte ich mir ein Magazin und setzte mich auf die Terrasse. Es war fast Mittag und angenehm warm.
Auch Mimi räkelte sich in der Sonne. Mit einem scharfen Blick hatte ich mich davon überzeugt, dass sie wirklich keinen Sattel trug.
Dann blätterte ich in meinem Heft und genoss die Ruhe.
Ein paar Vögel zwitscherten und ich vernahm leises Lachen.
Die Kinder konnten es noch nicht sein. Ich stand auf und ging dem Lachen nach.
Es kam von der Vogelvilla, die weiter hinten im Garten stand und die wir erst vor kurzem aufgestellt hatten.
Eine kleine Strickleiter baumelte bis zum Boden, an die ich mich gar nicht erinnern konnte.
Ich sah in das Haus hinein. Dort standen Playmobilmöbel. Liegestühle, Tische, ein Sonnenschirm und eine große Schale mit frischen Erdbeeren und Kirschen.
Jetzt übertrieben die Kinder aber.

Als wir alle zusammen am Mittagstisch saßen, bedankte ich mich, dass mir alle so viel Arbeit abgenommen hatten. Ich wurde allerdings das Gefühl nicht los, dass meine Familie von nichts wusste. Abends zählte ich meiner Frau all die erledigten Dinge auf. Aber meine Frau beteuerte, nichts davon getan zu haben. Ich glaubte ihr aber nicht. Wer sollte es denn sonst getan haben?

Ein paar Tage später kletterte ich bewaffnet mit mehreren Mausefallen und einer Tafel Schokolade auf den Dachboden. Denn Mäuse lieben Schokolade.
Ich räumte ein paar Kisten zur Seite, um noch einmal nachzusehen und trat erstaunt einen Schritt zurück.
Dort standen acht selbstgeschnitzte Betten, so groß wie Schuhe. Auf ihnen lag jeweils eine Socke. Wahrscheinlich wurden sie als Schlafsäcke genutzt. In einer Ecke lag ein ganzer Berg Münzen und angebissene Brote.
Ob das wohl Kobolde oder Heinzelmännchen waren?
Immerhin ließen sie sich ihre Arbeit bezahlen.
Ich legte die Schokoladentafel dazu und räumte die Kisten wieder davor.

Noch oft taten uns die kleinen Helfer einen Gefallen. Aber gesehen habe ich noch keinen von ihnen.

Letzte Aktualisierung: 26.04.2013 - 23.23 Uhr
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