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Unsichtbar | April 2013
Jimmy verschwindet
von Jochen Ruscheweyh

Ich hab das Gefühl, immer wenn Sabine sich aufregt, dann zittern ihre Augenlider und ihre Nasenlöcher weiten sich auf das Eineinhalbfache.

„Mann, Jimmy, was ist denn mit dir los? Du hättest die ganze Bude abfackeln können! Das ist jetzt schon das vierte Mal!“

Besonders das eine, wo sie - glaub ich - mal den Nasenring drin hatte. Dazu diese hektischen Flecken am Hals. Einmetersechzig, Einmetersechzig, Einmetersechzig, ich hab es mir aufgeschrieben, steht in ihrem Ausweis, den sie immer zusammen mit dem Schlüssel auf die Anrichte im Flur legt. Gute zwanzig Zentimeter weniger als ich. Trotzdem fühl ich mich grad, als wär das Größenverhältnis umgekehrt. Ich glaub, ich bin in Sabine verknallt. Schon lange. Ewig. Sie tut immer so, als weiß sie nichts davon. Für sie bin ich nur Jimmy, einer ihrer Mitbewohner, der gern einkauft und kocht, und, statisch, stafistisch, starfish, also gerechnet, wenn man das so sieht, bin ich konstant, nein, eine Konstante nach drei - oder waren es schon vier - WG-Runderneuerungen.

Ich hab keine Ahnung, was Vanessa macht. Ob sie im Moment da ist. Ganz selten hör ich Geräusche hinter ihrer Tür, ich glaub, ich kann noch nicht mal sagen, welche Haarfarbe sie im Moment hat. Sie legt immer viel Wert auf ihre Haare, meine ich, hat sie doch. Eine Zeitlang hat ihre Therapie aus Stones- und Beatles-LP’s bestanden, die ein Typ namens Ron oder Don oder Tom - doch Don, wie in dieser amerikanischen TV-Show - ich kann mir das nicht merken, regelmäßig vorbeigebracht hat. Vielleicht muss man einfach dran glauben, an dieses Therapie-Ding. I saw her face, now I'm a believer, Monkeys 1966.
Der einzige Beweis, dass sie überhaupt hier gewohnt hat, wohnt, so oft, wie sie weg ist, sind die Zeitungsausschnitte und Zitate, die am Kühlschrank heften, mit ihren Kommentaren wie „Genau so!“ oder „Spricht mir aus der Seele“. Vanessas Zettel sind, meine ich, weniger geworden, als Sabine was mit TESA neben das Siemens-Logo geklebt hat: Meld dich doch bei Geri-Book an! Und halt dich endlich mal an wenigstens eine der Rechtsschreibreformen.
Ich kenn nur Reformhaus.
Dieser Typ, da aus Rom, Tom oder doch Don, hat mal gemeint, das wär normal unter Frauen in einer WG in dieser Zusammenstellung. Immer quatscht der in unsere Angelegenheiten.

Sabine lässt mich stehen und fängt an zu spülen. Weingläser. Zwei Stück. Eins von ihr und eins von Harald. Ich war dagegen, ihn hier einziehen zu lassen. Er ist einfach zu vollkommen. Kann alles, macht alles richtig, vergisst nie was. Trotzdem hab ich – glaube ich – dafür gestimmt, dass er einziehen kann, weil Sabine auch dafür gestimmt hat. Sie sitzen öfter zusammen auf unserer WG Couch. Ich glaub, ich hör Sabine dann herzlicher und lauter lachen, als wenn ich mit ihr, was schon länger her ist, also dass wir gesessen haben.
Da.
Auf.
Wie auch immer.
Vom Flur aus hab ich gesehen, wie sie ihren Kopf in den Nacken wirft, wenn Harald was Geistreiches sagt. Und sich dauernd durch die Haare geht. Obwohl er jünger ist als ich, hat Harald immer Vater-Tipps für mich auf Lager: Hey, Jimmy, du solltest mehr lesen, steigert die Konzentrationsfähigkeit. Oder Ich könnte dir mal ein Sakko leihen. Seit ich die Dinger wieder trage, wenn ich rausgehe, verrenken sich viele Mädels den Nacken, aber du gehst ja nicht mehr so oft raus.
Wenn ich an Harald denk, fallen mir nur nega... schlechte Sachen ein.
Hate is just a four letter word.
Das Gehirn siebt da, hat, glaub ich, auch dieser Ron Moderatoren-Typ gesagt. Oder doch Tom?
Ich hab gesehen, wie Harald sie geküsst hat.
Guten Freunden gibt man ein Küsschen. Oder zwei oder drei.
Der blöde Arsch.

„Tut mir leid, kommt nicht wieder vor. Ehrenwort!“
„Ach, Scheiße!“ Sabine schmeißt das Geschirrtuch gegen die Wand. „Ich will mich nicht mit dir streiten, Jimmy. Los, komm!“
Sie schiebt mich rüber zum Herd und nimmt meine Hand in ihre.
And she is buying a stairway to heaven.
Wir berühren zusammen den rechtlinken Herdknopf: „Du sagst dreimal hintereinander, der Ofen ist aus, dann wechselst du zum nächsten Knopf. Und das machst du jetzt immer, bevor du die Wohnung verlässt ja?“

Wir sprechen im Duo:
„Der Ofen ist aus! Der Ofen ist aus! Der Ofen ist aus! Der Ofen ist aus!“

Tilly, nein, Sabine hat wunderschöne Hände. Sie findet, sie sehen alt aus. Ich find, sie sieht das falsch.



„Mann, Jimmy, wir haben doch keine Strom-Flatrate, das ist nicht in unserer Pauschale drin. Hier war Festbeleuchtung, als ich vorhin nach Hause gekommen bin.“
„Hey, ich hab das Licht ausgemacht.“
„Nur komisch, dass du meist als Letzter von uns aus dem Haus gehst“, unterbricht Sabine mich. „Wenn du überhaupt mal gehst.“
Harald lehnt an der Wärme, Warmmach, Heizung und schwenkt seinen dämlichen Rotwein.
„Ja, und wenn Vanessa jetzt das Licht ...?“
„Du weißt, wo Vanessa ist.“ Sabines Flatter-Flügel-Nase betont das scharfe Doppel-S im Namen unserer Mitbewohnerin. Swing.
Ich weiß nicht, wo Vanessa ist, aber ich werd einen Dreck tun, das hier vor Harald einzugestehen.
„Seine Sachen geregelt zu bekommen ist ein Zeichen von Alltags-Kompetenz“, kommentiert Harald.
Es ist leichter, dem gerahmten Johnny Cash, der so alt ist wie ich bin, mich fühle, Johnny Carson hinter Sabine an der Wand in die Augen zu gucken als ihr, während ich sag: „Too old to rock’n roll, to young to die!“
„Ich kann das langsam nicht mehr aushalten“, murmelt sie leise, aber nicht leise genug. Ich hör zwar immens schlecht - zuviel Rockmusik, zu laut früher - aber ich hab feine Empfangsdinger da, Antennen, Antennen für Stimmung entwickelt. Und hier kippt die Stimmung grad.
Ich weiß nichts, das ich antworten könnte.
Also geh ich durch den Flur, in mein Zimmer, geh wieder raus und kontrollier, ob ich das Licht im Flur ausgemacht hab, geh wieder in mein Zimmer und komm mir geduldet vor.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Licht wirklich ausgemacht hab. Geh nochmal raus.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das Licht wirklich ausgemacht hab. Also geh ich nochmal raus.

Hab ich das Licht wirklich ausgemacht? Ich geh raus und seh Harald am anderen Ende des Flurs stehen. „Mann, ich hab das Licht grad ausgemacht“, ruf ich rüber, „warum machst du es wieder an? Hast du nicht alle auf'm Zaun, oder was?“



Ich lieg auf meinem Bett, guck meine Gibson EDS-1275 Doppelhals Reissue des 1962 Modells an, die sich mit Gichtfingern nicht spielen lässt, und denk an Sabine. Ich beschließ, zu Kochen, nur für sie und mich, weil wegen vorhin und dem was passiert ist, von dem ich nicht mehr genau weiß, ob es wirklich wichtig gewesen ist, mir zu merken.

Ruhe in unserer Küche am Nachmittag, kaum Verkehr auf der Straße. Musik wär nicht schlecht beim Kochen. Wie auf der Arbeit. Die sie mir weggenommen haben.
Ich komm mit dem Ding nicht klar und drück irgendwelche Tasten, bis etwas Brauchbares rauskommt. Dieser Typ da, Australien, Johnnie, Johnnie Cave, nein Cage, genau, Nick Cage. Der auch schauspielert. Sabine mag ihn, glaube ich, deswegen ist er hier auf dem Cassetten-Ding, nein, Radio, nee, ja, Teil eben drauf. Und deswegen ist es gut, ihn auch zu mögen.
Falls es den überhaupt noch gibt.
Man kommt ja gar nicht mehr nach mit den ganzen Promis, die in letzter Zeit den Löffel abgeben.
Ich sing mit, automatisch. Der Text fliegt mir einfach so zu: „She screams out Jack the Ripper ...“
Die Zwiebel färbt sich rot unter meinen Schnitten, vor und zurück.

Die Schneidigen von Zwilling, Zwilling doppelt gut.

Sabine ist gleichzeitig wütend und besorgt.
Ich find die Uhrzeit perfekt zum Kochen, ich bin sicher Sabines Uhr geht einfach falsch.
„Ich bring dir welche von meinen Kompressen! Verdammt, Jimmy, jetzt bleib endlich mal ruhig sitzen, du blutest.“
„Welche Kompressen?“, frag ich.
„Die ich für mein offenes Bein nehme.“
„Ach ja, die“, sag ich, obwohl mir das irgendwie neu ist mit dem offenen Bein, passt gar nicht zu ihr mit dreiundsechzig.
Sechsundreißig.
Einmetersechzig
Wann soll ich denn sonst kochen? Nachts vielleicht?



Wir sitzen am Tisch. Alle zusammen. Sabine, Harald, ich und ... Romtomtom. Jetzt heiße Tasse, die Unox-Klasse, keine andere schmeckt wie sie. Vanessa ist auch dabei. Sie wirkt irgendwie stoned, als wenn sie einen durchgezogen hätte. Wann hab ich mir eigentlich das letzte Mal ein Pfeifchen gegönnt? Hab ich im Moment eigentlich jemanden, der Gras besorgen kann?
Vanessas Stuhl hat Flammen drauf und ist leicht nach hinten gestellt, daher sieht es so aus, als würd sie an die Decke gucken. Ihre Haare sind fettig, fettig und durcheinander. Sie könnte auf einem Festival abgerockt haben. Ich sag: „Vanni Panni“ und will meine Hand auf ihren Oberschenkel legen, Sabine hält mich ab.
Der Typ, Ron Don Silver, erzählt. Ich hör nicht zu. Frag mich, was an Vanessa anders ist außer den Haaren.
Richtig, sie spricht nicht. Ich versteh immer weniger.
Dafür Don Tom umso mehr. In meine Richtung.
„Jimmy, es geht nicht mehr. Wir können das, was hier passiert, nicht unsichtbar machen. Wir wollen mit dir und Vanessa darüber reden.“
„Warum?“, frag ich, weil mir nichts anderes einfällt, das ich fragen könnte.
„Weil wir das für fair halten. Sieh mal diese WG ist wie ... wie ein Küchenteam.“
„Erzähl mir nichts von Küchen. Ich arbeite lange genug in welchen“, sage ich.
„Vergangenheit, Jimmy, du hast!“
„Halt’s Maul, Harald!“, brüll ich.
„Cool, Jimmy, cool. Pass auf, ein Küchenteam ist nur so lange ein Team, wie Mitglieder die Defizite anderer Mitglieder kompensieren können. Vanessa und du, eure Multimorbidität, eure kognitiven Fähigkeiten ...“
„Sprich deutsch!“, fahr ich Tomdon an. Es rauscht irgendwie in meinem Kopf.
„Sabine und Harald sind selbst alt, und am Limit. Ihr beide müsst woanders untergebracht werden.“
„Wer ist der Penner eigentlich?“, platzt es aus mir raus.
„Vanessa und du ihr braucht Pflege, richtige Pflege. Aber nicht hier. Es tut mir leid, aber so steht es auch im Mietvertrag.“
Er schiebt mir eine Karte zu:

Thomas Sobotta
Sozialarbeiter / Altentherapeut / Alten-WG-Begleiter
Projekt Alternative Wohnformen im Alter gGmbH Dortmund


V2

Letzte Aktualisierung: 28.04.2013 - 10.30 Uhr
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