Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Unsichtbar | April 2013
Die Wahrheit über die Vertreibung aus dem Paradies
von Elmar Aweiawa

Ohne das Tier in uns sind wir kastrierte Engel.
Herrmann Hesse

Aufgeregt läuft Gott über eine blühende, bunte Wiese. Er bleibt stehen, und ruft laut:
„Ich muss mit dir reden, Alterego.“
Langsam materialisiert sich vor ihm ein Dreieck mit einem Auge darin.
„Hallo, mein Lieber“, artikuliert sich das Dreieck, wobei nicht zu erkennen ist, woher die Stimme kommt, „ein schönes Plätzchen hast du dir ausgesucht. Wo sind wir hier?“
„Auf der Erde, aber das sagt dir natürlich nichts.“
„Stimmt. Aber diese Farben sind grandios. Wieso hast du mich gerufen? Ist etwas passiert? Unsere letzte Unterhaltung war kurz nach dem Urknall, wenn ich mich recht erinnere.“
„Stimmt! Damals war ich in einer richtigen Hochstimmung und wollte meinen Erfolg mit dir feiern. Heute dagegen möchte ich mich mit dir unterhalten, weil irgendetwas anders läuft, als ich es geplant habe.“
„Aber du hast doch eigenhändig die Naturkonstanten so gewählt, dass nicht nur Leben entstehen konnte, sondern auch der Zufall eine Chance bekam. Durch die Unschärferelation hast du erreichen wollen, dass grundsätzlich nicht alles zu berechnen ist, und damit hattest du grandiosen Erfolg. Wieso wundert dich jetzt, dass du nicht alles vorhersehen kannst?“
Gott ergreift einen Löwenzahnstängel und pustet die Samen über die Wiese.
„Du weißt ja gar nicht, was sich inzwischen alles ereignet hat. Leben ist entstanden, auch wenn es lange gedauert hat. Alles entwickelte sich wunderbar, nur Intelligenz wollte und wollte nicht entstehen.“
„Das hat doch Zeit, wozu die Hektik?“
„Ach was! Zur Beschleunigung habe ich ein wenig nachgeholfen. Auf einem winzigen Stückchen Materie - Planeten nenne ich diese Klumpen - habe ich einem der schwächeren Lebewesen einen kaum wahrnehmbaren Bruchteil meines eigenen Wesens eingehaucht. Und siehe da, schon nach wenigen Generationen hat sich ein ganz brauchbares Studienobjekt entwickelt.“
Stolz ist aus der Stimme des Schöpfers herauszuhören, doch das Dreieck wackelt bedenklich hin und her.
„Tz, konntest du der Versuchung nicht widerstehen? Mit ein bisschen mehr Geduld wäre es sicher auch von alleine dazu gekommen. Seit du die Zeit erfunden hast, wirkst du ein wenig gehetzt. Wenn du dein eigenes Experiment so verunreinigst, wundert mich nichts mehr.“
Die Stimme des Dreiecks klingt ein wenig belustigt.
„Nein, damit haben die Probleme, derentwillen ich dich jetzt gerufen habe, nichts zu tun. Diese Studienobjekte, die ich Menschen nenne, haben nicht nur Intelligenz entwickelt, was ja meine Absicht war, sondern zudem noch etwas ganz anderes.“
„Was kann das sein? Sind sie dir zu ähnlich geworden? Haben sie zu viel Allmacht entwickelt und Unfehlbarkeit?“
Diesmal ist die Belustigung deutlich zu spüren und Gott runzelt zornig seine Stirn.
„Natürlich nicht. Nur haben sich die Zufallselemente, die ich mittels der Unschärferelation eingebaut habe, bei den Menschen so ausgewirkt, dass sie einen freien Willen bekommen haben.“
„Wow, das ist allerdings ein Hammer. Aber das macht dein Experiment doch nur noch interessanter, oder nicht?“
Ein wenig größer scheint Gott zu werden, und sein Gesicht strahlt Freude aus.
„Da hast du recht, es hat mir lange Zeit einen Heidenspaß gemacht zu beobachten, wie sich die Menschen ein Paradies geschaffen haben, den Planeten zu einem Garten Eden werden ließen. Sie leben in Freundschaft mit den Tieren, nutzen ihren freien Willen, um für alle Lebewesen das größtmögliche Maß an Glück zu erreichen.“
Der Stolz des Kreators ist deutlich herauszuhören. Ihm gefällt offensichtlich die Entwicklung seines Experiments.
„Das ist doch wunderbar. Ich denke, das ist ein viel größerer Erfolg als der Urknall. Wieso also bist du unzufrieden?“
„Ja, das habe ich mich zuerst auch gefragt. Wieso bin ich unzufrieden? Mit welchem Vergnügen habe ich nicht anfangs zugesehen, wie der Mensch seine Intelligenz in den Dienst der Allgemeinheit stellte, selbst das Leben eines Wurms respektierte und lieber selbst litt, als Leiden zuzufügen. Und erst der Umgang der Menschen miteinander. So viel Höflichkeit und gegenseitiger Respekt, Männlein und Weiblein ein Herz und eine Seele, und die Kinder so sehr darauf bedacht, ihren Eltern ein Wohlgefallen zu sein.“
„Wie schön, du kannst stolz sein, mein Lieber.“
Kein Spott diesmal, sondern ehrliche Bewunderung ist herauszuhören.
„Stell dir nur vor, sie haben sogar die Liebe für sich entdeckt. Eine meiner wesentlichen Formen also. Eigentlich müsste ich wirklich zufrieden mit meinem Experiment sein. Doch jetzt kommt der Haken.“
„Wo soll denn da ein Haken sein? Es klingt doch alles perfekt.“
„Hast du denn eine Ahnung, seit wie vielen Äonen ich jetzt schon darauf warte, dass sich irgendetwas Erwähnenswertes auf dieser vermaledeiten Erde ereignet, was sich zu beobachten lohnt? Es gibt keine Weiterentwicklung, nur Stillstand auf der ganzen Linie. Wenn sich da nicht bald etwas ändert, verliere ich die Lust daran, stampfe es ein und fange wieder etwas Neues an.“
Wieder bilden sich Zornesfalten auf Gottes Stirn.
„Ach komm, das kannst du nicht tun. Du hast dir so viel Mühe damit gegeben. Ich habe einen Vorschlag. Da du schon einmal eingegriffen hast, kannst du das auch noch ein weiteres Mal tun. Wenn dich dieser andauernde langweilige Friede stört, kannst du doch ein bisschen für Streit sorgen. Wie wär's mit einer Prise Aggressivität?“
Einen Augenblick herrscht Stille, Gott scheint zu überlegen.
„Hm, so schlecht ist diese Idee nicht, mein lieber Alterego. Eine kleine Menge davon, gepaart mit dem freien Willen, sollte das Experiment wieder auf Trab bringen. Und damit die Menschen sich nicht gleich selbst vernichten, verteile ich die Aggressivität ungleichmäßig auf die Geschlechter. Was meinst du, wem soll ich mehr davon geben, den Männchen oder den Weibchen?“
„Das ist eigentlich egal. Oder nein, lass die Mütter weniger aggressiv sein, sonst sterben sie am Ende doch noch vorzeitig aus.“
Gottes Augen strahlen.
„Eine gute Idee, so soll es sein. Mal sehen, was daraus wird. In ein paar tausend Jahren werden wir uns das Ergebnis noch einmal ansehen. Aggressivität ist auch in winzigen Dosen ein starkes Stimulans. Es wird sicher höchst interessant. Also, bis dann.“

*****

Einige Jährchen später …

„Ich muss mit dir reden, mein Freund.“
Wie aus dem Nichts taucht ein junger Mann auf, mit langen schwarzen Haaren und einem gepflegten Bart.
„Setz dich zu mir“, empfängt ihn sein Gastgeber, ein alter Mann mit weißen Haaren, „dann können wir uns in aller Ruhe unterhalten.“
„Wie siehst du denn aus? Und in welch interessanter Verpackung hast du mich heute erscheinen lassen?“
Ungläubig betrachtet sich der Ankömmling selbst, befühlt seine Arme und Beine und schüttelt den Kopf.
Der alte Mann bricht in Lachen aus und erklärt:
„Unglaublich, nicht wahr, aber genau so stellt sich ein beträchtlicher Teil der Menschheit den lieben Gott vor. Fehlt nur noch eine Taube, dann sind wir komplett. Eine Trinität aus Vater Sohn und heiligem Geist.“
„Ich muss schon sagen, Fantasie haben deine Versuchsobjekte. Sind immerhin drauf gekommen, dass es mehr als einen Gott gibt. Aber wieso rufst du mich schon so bald wieder? Gibt es denn etwas Neues?“ fragt der junge Mann den alten mit beinahe perfektem neugierigen Gesichtsausdruck. Ganz hat er sich noch nicht an die Inkarnation gewöhnt.
„Ja, das gibt es. Durch die Prise Aggressivität hat sich die menschliche Evolution ganz enorm beschleunigt, kein Vergleich zu vorher.“
„Und, wie sind die Ergebnisse?“
„Positiv und negativ.“
Immer besser finden die beiden sich in ihren Körper hinein und benutzen die menschliche Gestik wie eine Klaviatur.
„Zuerst die negativen Resultate bitte, das Beste hebe ich mir gerne für den Schluss auf. Du weißt, ich bin ein Genießer.“
Der junge Mann leckt sich mit der Zunge die Lippen, dass sie glänzen. Augenblicklich verdüstert sich Gottes Antlitz.
„Weißt du, was Krieg ist?“
Der fragende Gesichtsausdruck des Jüngeren wird richtig interpretiert.
„Noch nicht, das dachte ich mir. Zwietracht herrscht unter den Menschen, Neid und Missgunst. Sie haben sich in Rassen und Völker gespalten. Sie glauben, dass es einen Unterschied macht, ob man Frau ist oder Mann, schwarz oder weiß, intelligent oder nicht.“
„Oh, die Dummheit hat also exponentiell zugenommen.“
„Genau so ist es. Und die armen Tiere, sie werden ausgebeutet und wie Dinge behandelt.“
Mit einem Kopfschütteln kommentiert der Jüngere: „Sie haben also die Ehrfurcht vor dem Leben verloren. Schätzen das höchste Gut auf ihrer Welt nicht mehr. Das ist schlimm.“
„Und zu allem Überfluss haben sie vergessen, dass sie nur eine Erde haben, dass sie pfleglich mit ihr umgehen müssen, wenn ihre Kinder auf ihr noch ein lebenswertes Leben führen sollen.“
Bekümmert und mit betrübtem Gesicht antwortet der Jüngling: „Vielleicht solltest du das Experiment hier abbrechen. Sie haben versagt, deine Menschen. Fang wieder ganz neu an und probier eine andere Mischung.“
„Aber, aber, wolltest du nicht noch die positive Seite kennen lernen?“
„Huch, das hätte ich fast vergessen.“
Mit gespielter Entrüstung schilt ihn der Weißhaarige:
„Und du willst ich sein? Ich vergesse nie etwas!
Hier, schau dir doch mal an, was sonst noch herausgekommen ist. Die Wissenschaft, die Philosophie und die Kunst in all ihren Facetten. Die Musik, die Malerei und Bildhauerei, die Literatur. Dort gibt es Werke von ätherischer Schönheit. Ohne diese kleine Prise Aggressivität und damit Dynamik wären sie niemals entstanden. Schau dir Bach und Praxiteles an, Planck und Schweitzer. Sind sie es nicht wirklich wert, dass die Welt weiter besteht und die Menschen eine Chance bekommen?“
Vollkommen echt wirkt inzwischen die belustigte Miene des jungen Mannes, als er kommentiert:
„Du hast natürlich recht, und ich habe dich nur provozieren wollen. Lass die Welt sich weiter drehen, und wenn die Menschen es schaffen, weder sich selbst noch die Erde zu vernichten, werden wir sicher in einigen Jährchen etwas Beachtliches zu sehen bekommen.“
„Amen, wie die Menschen so nett sagen. Also, bis dann.“

© by aweiawa, 2013

Version 1

Letzte Aktualisierung: 02.04.2013 - 21.39 Uhr
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