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Unsichtbar | April 2013
Verborgene Türen
von Karin Hübener

"Soll ich nicht doch mit runterkommen?", fragte mich Georg.
Ich schüttelte den Kopf. "Nein, nein. Lotte steht ja nur ein paar Meter weiter. Das geht schon."
Dann gab ich ihm den gewohnten Abschiedskuss und eilte die Treppe hinunter.
Wenn ich jetzt forsch weiterlief ohne anzuhalten, könnte es klappen.
Andererseits war es ein weiter Weg vom zweiten Stock bis ins Erdgeschoss. Eine Menge Zeit, um Angst aufzubauen. Beim Absatz auf der ersten Etage spürte ich, wie Georg oben über das Geländer schaute. Machte er oft. Traute mir die heutige Mission wohl doch nicht zu.
Weiter! Gleich noch um die letzte Kurve und dann straks auf die Hausür zu. Am besten den Blick gegen die Deckenleuchte gerichtet und blind die Klinke heruntergedrückt.

Wumm! Hitze vom Hals ins Gesicht, Herzrasen, feuchte Hände, Ziehen im Bauch und Krämpfe in Oberschenkeln und Po. Gut einen Meter vor mir die Eingangstür. Milchglas im Alurahmen.

In den letzten drei Wochen hatte sie mich durchgelassen. So wie früher. Doch heute drohte sie erneut. Schwieg mich an. Lies mich nicht näher.
Wenn ich nur hindurchschauen könnte, durch dieses Nebelglas, um zu sehen wo Lotte stand. Lächerlich! Tags zuvor war noch alles glatt gelaufen. Und nur wegen der zwanzig Meter ließ mich die Tür jetzt nicht passieren. Wütend unterdrückte ich Tränen. Wie blöd war ich eigentlich?
"Alles in Ordnung?", rief Georg durch das Treppenhaus.
Ich wollte ihn nicht schon wieder um Hilfe bitten.
"Alles ok. Kannst weiter deine Zeitung lesen."
Ich versuchte, ein Bein vorzusetzen. Aber vergeblich. Auch das andere rührte sich nicht. Schien verwurzelt mit der Bodenfliese. Schweiß rann mir über die Stirn. Ärgerlich, wo ich mich doch so sorgfältig geschminkt hatte.

Gerade wollte ich mit einer Entspannungsübung beginnen, als Frau Mertens aus ihrer Wohnung trat. Sie trug ein adrettes Kostüm.
"Guten Morgen, Frau Bäumer", begrüßte sie mich.
"Hallo, Frau Mertens. Schon so früh auf den Beinen?"
Wenn ich es jetzt geschickt anstellte, dann würde sie für mich die Tür öffnen, überlegte ich. Also lachte ich sie an und tat so, als ob ich etwas in meiner Handtasche suchte.
"Muss noch eine Präsentation vorbereiten", erklärte sie und fragte dann, ob ich etwas vergessen hätte. Triumphierend hob ich mein Schlüsselbund hoch.
"Schon gefunden!"
"Na dann."
Dicht hinter ihrem Rücken glitt ich auf den Gehsteig. Sie durftete nach Frühlingsparfüm.

Vor dem Haus war alles wie immer. Morgenkühle und keine Bedrohung. Aber ich vermied ja auch den Blick zum Bretterzaun auf der anderen Straßenseite.
Frau Mertens verabschiedete sich in Richtung Bushaltestelle. Ich schaute nach rechts und erblickte Lotte. Welche Erleichterung. Aber auch Schrecken. Denn sie stand weit entfernt, schon fast beim Supermarkt. Sofort winkte sie mir zu. Ich stellte mich lässig und hob eine Hand.
Eigentlich reichte es ja, wenn ich erst unten an der Kreuzung die Straße überquerte, dachte ich. Doch als ich die ersten Schritte machte, schüttelte Lotte heftig den Kopf.
Ok, ich musste mich an die Absprache halten. Und die hieß: Vor der Haustür die Straße überqueren, direkt auf diesen Scheiß Bretterzaun zugehen, dann auf dem Gehsteig nach rechts wenden und am Zaun entlang in Richtung Lotte laufen.
Anfangs hatte Lotte direkt gegenüber auf mich gewartet. Im Verlauf der Therapie hatten wir in gegenseitiger Absprache die Entfernung regelmäßig vergrößert.

Heute am Bordstein Herzrasen. Ich versuchte es mit der Wechselatmung von Yoga. War zwar blöd, sich an der Straße abwechselnd das rechte und das linke Nasenloch zuzuhalten, aber es half. Nun konnte ich die Straße überqueren.
Du machst mir keine Angst mehr, sagte ich in Gedanken zu dem Bauzaun während ich an ihm entlangging. Mein Atem passte sich dem Rhythmus dieser Gedanken an.
Die gute Lotte. Freundlich sah sie mir entgegen. Tat so, als ob sie mein Zögern vorm Haus nicht bemerkt hätte.
"Morgen Ulrike!" Sie lächelte aufmunternd. "Na, ging doch prima."
"Ja, alles bestens", anwortete ich.
"Denkst du morgen an die Reflexzonenmassage im Frauenforum?"
Klar, dachte ich noch daran. Hatte meine Arbeitszeit mit den Kolleginnen ja extra so abgestimmt. Georg würde mich bringen. Rührend, diese Frauen von der Gewerkschaft. Stellten viele Fortbildungskurse auf die Beine. Und unterstützten manche Therapie. So wie Lotte bei mir. Ihre Spezialität war es, älteren Frauen zu helfen, die sich plötzlich nicht mehr auf die Straße trauten. Da war ich nicht die Einzige.
Vor dem Personaleingang vom Supermarkt verabschiedeten wir uns.
"Brauchst du frische Brötchen, ein Stück Wurst oder einen Blumenstrauß?", fragte ich.
"Heute nicht."
Wir umarmten uns herzlich.

"Frau Bäumer, die Zentrale will irgendwas wegen Ostern wissen", empfing mich der Neue aus der Fleischabteilung.
"Danke!", rief ich ihm zu und begab mich ins Büro.
Gegen 15 Uhr würde Georg mich abholen.

Am Nachmittag saß ich in dem bequemen Patientensessel. Auch den Raum mochte ich, ein helles Erkerzimmer aus den Gründerjahren. Meine Therapeutin war jung und flott und liebte Kleider in schönen Farben. Eine sympathische, kluge Frau. Ich fühlte mich gut aufgehoben.
Mit den Augen folgte ich dem Stift, den sie dicht vor meinem Gesicht hin und her bewegte wie ein Metronom. Dabei sollte ich an den Zaun denken. An den vom Nachbarn auf meinem alten Schulweg.

Wumm! Hitze vom Hals ins Gesicht, Herzrasen, feuchte Hände, Ziehen im Bauch und Krämpfe in Oberschenkeln und Po. Doch weniger schmerzhaft als sonst. Heute mal keine Muskeln aus Stein. Außerdem fehlte die Angst.

Die Tür im Zaun ging trotzdem auf. Ein Arm zog mich hindurch.
Das heißt, zog er tatsächlich? Wirkte eher unentschlossen. Ich ließ die Handlung zu, weil sie zur Therapie gehörte. Aber genötigt fühlte ich mich diesmal nicht.
Das Männlein hatte mich losgelassen und stand abwartend vor dem Werktisch. Männlein? Nicht Mann? Anscheinend war ich gewachsen. Er versuchte, nach mir zu greifen, wollte mich zum Tisch ziehen. Das uralte Grauen.
Doch heute wehrte ich mich.
Nicht mit der Wut, die meine Panik zu Therapiebeginn abgelöst hatte. Auch nicht mit der Trauer, die Wochen danach gekommen war. Sondern mit einem Gefühl der Ruhe.
"Sie glauben doch nicht wirklich, dass ich Ihnen gehorche, oder?", fragte ich ihn in Gedanken. "Schließlich leite ich einen Supermarkt."
Er antwortete nicht. Schaute mich verblüfft an und wich dann einen Schritt zurück.
Was mache ich jetzt mit ihm, überlegte ich. Er war mir plötzlich völlig gleichgültig.

Meine Therapeutin legte den Stift zur Seite. Pausen waren mir bisher immer willkommen gewesen. Schon allein wegen der Angst. Damit hatte sie mich nie allein gelassen. Hatte mir Tricks beigebracht, mit denen ich mir jederzeit aus der Klemme helfen konnte. Doch heute benötigte ich die Unterbrechung nicht so dringend.

"Nun, wie geht es Ihnen?" Ihre Stimme klang warm.
"Ganz komisch. Ich hatte nicht mal Wut auf ihn."
"Was fühlten Sie stattdessen?"
Ich lachte. Konnte es eigentlich gar nicht glauben und antwortete dann:
"Überlegenheit. Aus ihm ist ein Würstchen geworden. Das verstehe ich nicht."
"Woran könnte das liegen? Was meinen Sie?"
"Bin wohl inzwischen erwachsen geworden. Nicht mehr das Kind."
"Glaub ich auch. Und was möchten Sie jetzt am liebsten mit ihm machen?"
"Ihm sagen, dass er ein Arschloch ist und ihn dann in die Wüste schicken."
"Gut, dann tun Sie das. Wenn Sie möchten, dann dürfen Sie laut schimpfen. Auf mich brauchen Sie dabei keine Rücksicht zu nehmen. Das ist schließlich mein Job."

Diesmal führten mich zarte Schenkelklopfer zurück in die Vergangenheit. Rechts, links, rechts, links.
Ich hielt mich gar nicht erst mit dem Zaun auf, sondern drang gleich in seinen Schuppen ein. Mit hängenden Schultern erwartete er mich.
"Du Vollidiot", sagte ich zu ihm. Aber das tat ich lieber in Gedanken, denn mit lauten Worten hätte ich mich nicht so austoben können.
"Du mieses Schwein!"
Er zog den Kopf ein und verlor an Kontur.
"Zu Tode schämen sollst du dich! Vergehst dich an kleinen Mädchen und fühlst dich noch groß dabei! Hanswurst! Ein Leben lang hab ich gerätselt, was mit mir los ist, woher diese Sprachstörung kam und die Magersucht. Du hundsgemeiner Mistkerl! Hast du je daran gedacht, was du angerichtet hast mit deinem Scheiß? Dass du damit mein Leben geknickt hast?"
"Es tut mir leid."
Das klang verzagt. Zerknirscht. Und auch ehrlich.
"Dann hau jetzt ab!", schrie ich. "Verpiss dich und lass dich nie wieder blicken!"
Seine Gestalt wurde zu einem Schatten, einem vagen Umriss und löste sich schließlich auf wie Morgennebel im Wind.

Die rhythmischen Berührungen hörten auf.
"Das kann nicht wahr sein", sagte ich.
"Was?"
"Er ist weg! Einfach so weg."
Die Frau in den schönen Farben lächelte.
"Meinen Glückwunsch. Dafür haben Sie tapfer gekämpft. Erinnerungen werden zwar bleiben wie Narben, aber nun müssen Sie Ihre Energie nicht länger damit verschwenden, das Trauma in Schach zu halten."
Ich nickte. Ja, damit hatte ich schon viel Lebenskraft vergeudet. Allergien, Atemnot und Regelstörungen gingen auf dieses Konto.
"Warum konnte ich mich so lange nicht erinnern?"
"Danken Sie Ihrem Körper. Ohne eine Abspaltung des Bewusstseins hätte das Kind nicht überleben können."
"Aber jetzt bin ich erwachsen."
"Ja, jetzt sind Sie stark."

"Willst du noch mal runter?", fragte mich Georg an der Wohnungstür.
Ich drückte ihm Mantel und Tasche in die Hand.
"Ja. Setz doch bitte schon mal Teewasser auf. Bin gleich wieder da."
Leichten Herzens schritt ich die Treppe hinab.
Keine Angst mehr vor Milchglas im Alurahmen.
"Na, du machst ja Sachen", sagte ich zu der Tür und weinte und lachte ein bisschen. Dann schniefte ich durch die Nase, ergriff die Klinke und drückte sie herunter.

Draußen empfing mich Abendluft. Schöne, klare Abendluft.

Letzte Aktualisierung: 28.04.2013 - 01.51 Uhr
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